Profilbild von uli123

uli123

Lesejury Star
offline

uli123 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit uli123 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.08.2024

Klasse Roman mit einer neurotischen, sympathischen Hauptfigur

Sobald wir angekommen sind
0

Es handelt sich um einen sarkastisch geschriebenen Roman mit einem tragikomischen Protagonisten. Dieser ist dermaßen von Ängsten getrieben, die er auf seine jüdische Herkunft zurückführt, dass er angesichts ...

Es handelt sich um einen sarkastisch geschriebenen Roman mit einem tragikomischen Protagonisten. Dieser ist dermaßen von Ängsten getrieben, die er auf seine jüdische Herkunft zurückführt, dass er angesichts eines vermeintlich bevorstehenden Atomkriegs in Europa die aberwitzige Flucht aus der Schweiz ins sichere Brasilien antritt, zusammen mit seiner Ex-Frau und den gemeinsamen Kindern und ganz in der Tradition des jüdischen Volkes, das sich vor drohenden Gefahren stets durch Flucht gerettet hat. Der Aufenthalt in Recife gestaltet sich zugleich als Exil, Arbeitsaufenthalt und Wandeln auf den Spuren seines Autorenkollegen Stefan Zweig. Aus der Sicht der Hauptfigur Ben erzählt, erfahren wir als Leser immer mehr über seine Neurosen, Paranoia, fehlende Entscheidungsfreude, seinem Bedürfnis nach Anerkennung, seine selbst auferlegte Opferrolle, sein ewiges Selbstmitleid. Alles mutet oft komisch an. Lehrreich sind die Passagen über das Judentum und Stefan Zweig.
Das Lesen dieses Romans hat mir viel Freude bereitet.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.08.2024

Mathematik verbindet

Pi mal Daumen
0

Die im Buchtitel aufgenommene Redewendung „Pi mal Daumen“, die eine grobe Einschätzung ausdrückt, kennt wohl jeder, ohne dass er große mathematische Kenntnisse haben muss. In der Geschichte selbst wimmelt ...

Die im Buchtitel aufgenommene Redewendung „Pi mal Daumen“, die eine grobe Einschätzung ausdrückt, kennt wohl jeder, ohne dass er große mathematische Kenntnisse haben muss. In der Geschichte selbst wimmelt es dann nur so von weiteren Begriffen und Formeln aus der Mathematik, von der mancher Leser sicherlich vage schon gehört hat. Denn die beiden ungleichen Protagonisten sind Mathestudenten im ersten Semester – Moni eine Mittfünfzigerin aus schlichtem sozialem Umfeld, Oscar ein 16jähriger Überflieger mit autistischen Zügen. Aus einer ersten Begegnung im Hörsaal entwickelt sich eine Art Freundschaft. Moni nimmt Oscar unter ihre mütterlichen Fittiche, Oscar vermittelt Moni das notwendige prüfungsrelevante Wissen. Besonders Oscar macht es sich zur Aufgabe zu ermitteln, wer Moni eigentlich ist. Und hier nimmt die Geschichte eine Wende mit m.E. zu irrealen Zügen, weshalb der Roman mir auch nicht so gefallen hat wie die bisherigen von Alina Bronsky („Baba Dunjas letzte Liebe“, „Der Zopf meiner Großmutter“, „Barbara stirbt nicht“), wenngleich er ebenso warmherzig und humorvoll geschrieben ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.07.2024

Schwerfällig zu lesende Familiengeschichte

Genau so, wie es immer war
0

Nach der Inhaltsbeschreibung im Bucheinband und den positiven, auf dem Buchrücken wiedergegebenen Bewertungen im Observer und von Frau Christine Westermann auf dem rückseitigen Umschlag habe ich mir eine ...

Nach der Inhaltsbeschreibung im Bucheinband und den positiven, auf dem Buchrücken wiedergegebenen Bewertungen im Observer und von Frau Christine Westermann auf dem rückseitigen Umschlag habe ich mir eine interessante Geschichte über eine ganz normale amerikanische Familie erwartet. Je weiter ich dann in der Lektüre des immerhin 713 Seiten umfassenden Buchs vorankam, desto enttäuschter wurde ich. Alles drehte sich um die Befindlichkeiten der Endfünfzigerin Julia, die anlässlich der anstehenden Hochzeit ihres Sohnes und dem Auszug der Tochter aufs College ihr nach ihrer Ansicht von Kindheit an völlig verkorkstes Leben Revue passieren lässt. Sie schiebt alles auf ihre allein erziehende Mutter, die ihr nach ihrer Ansicht nie mütterliche Gefühle entgegengebracht hat, so dass sie selbst Partnerschaft und Mutterschaft erst mühsam erlernen musste. Zu wenig dargestellt wird m.E. aber, dass Julia ein gehöriges Quäntchen Eigenverantwortung an der Entwicklung der Dinge trägt. Eine sympathische Figur ist sie nicht gerade. Mir erscheint die ganze Auseinandersetzung um Kindheit, Ehe, Mutterschaft und Tochtersein zu oberflächlich. Noch dazu ist alles ein wenig typisch amerikanisch – so nimmt etwa das Thema College wie in so vielen Romanen amerikanischer Schriftsteller einen sehr großen Raum ein. Als etwas realitätsfern finde ich es, dass Julia kurze Zeit mit einer älteren Frau befreundet war, sie mit dieser dann zwanzig Jahre nichts mehr zu tun hatte und diese nie die Bedeutung in ihrem Leben verlor. Nicht einmal leicht lesen lässt sich die Geschichte; alle Romanfiguren reihen unvollendete und wieder neu begonnene Sätze in ihren wörtlichen Reden aneinander, was den Lesefluss unterbricht.
Fans von Familiengeschichten sollten sich aber ein eigenes Bild von dem Buch machen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.07.2024

„Fiktiver historischer Roman rund um Kaiser Karl V.“

Reise nach Laredo
0

Dieser Roman ist so ganz anders als die Bücher, die ich bisher von Arno Geiger gelesen habe („Das glückliche Geheimnis“, „Selbstportrait mit Flusspferd“). Als ich zu ihm gegriffen habe, war mir nicht bekannt, ...

Dieser Roman ist so ganz anders als die Bücher, die ich bisher von Arno Geiger gelesen habe („Das glückliche Geheimnis“, „Selbstportrait mit Flusspferd“). Als ich zu ihm gegriffen habe, war mir nicht bekannt, dass Geiger in ihm die letzten Lebensmonate des tatsächlich existent gewesenen Kaisers Karl V. von Spanien fiktiv, aber durchaus unter Verarbeitung von Fakten thematisiert. 58jährig dankte er ab und zog sich in ein spartanisches Kloster in Yuste zurück. In der Realität begab er sich von seinem Herrschersitz in Laredo auf seine letzte Reise in dieses Kloster; der Roman schildert rückwärts eine Reise vom Kloster nach Laredo, in Begleitung seines illegitimen elfjährigen Sohnes. Nachdem ich mich über diesen Herrscher ein wenig kundig gemacht habe, ist mir aufgefallen, wie viele tatsächliche Besonderheiten den Weg in die Geschichte gefunden haben – seine Vorliebe für schwarze Kleidung, seine Fettleibigkeit, seine Krankheiten, sein Wunsch nach Ruhe und seine Suche nach dem Sinn des Lebens im Alter. Interessant ist auch die Beschreibung typischer zeitgenössischer Besonderheiten wie etwa die Sonderstellung der diskriminierten Cagots in Spanien. Historisches Interesse sollte also schon bei der Lektüre vorhanden sein. Die Geschichte fesselt durch die Abenteuer, die der ehemalige Monarch auf seiner Reise erlebt, die einem modernen Road-Movie ähnelt. Die Sprache der Erzählung ist sehr bildhaft und schwermütig, regt dadurch den Leser an, sich mit eben den Fragen zu beschäftigen, auf die auch Karl eine Antwort sucht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.07.2024

Eine vom Ehemann verlassene Ehefrau

Ex-Wife
0

Dieser Roman ist der Debütroman der Autorin, der bereits 1929 erstmalig veröffentlicht wurde. Nunmehr wurde er neu aufgelegt. Seinerzeit galt er als Skandalroman, weshalb die Autorin ihn wohl auch nur ...

Dieser Roman ist der Debütroman der Autorin, der bereits 1929 erstmalig veröffentlicht wurde. Nunmehr wurde er neu aufgelegt. Seinerzeit galt er als Skandalroman, weshalb die Autorin ihn wohl auch nur anonym publizieren ließ. Und skandalös ist er für mein Empfinden auch heute noch nach fast 100 Jahren. Das liegt nicht daran, dass Protagonistin eine junge Frau ist, die nach gerade einmal vier Ehejahren vom Mann verlassen und einige Jahre später von ihm geschieden wurde. Meiner Beurteilung liegt vielmehr zugrunde, wie diese Frau ihr Leben nach der Trennung gestaltet. Allein beruflich bringt sie es als Werbetexterin zu einem gewissen Erfolg, was meine Hochachtung erhält, während privat für sie das tägliche Ausgehen in Clubs, Kneipen und Bars, die Vergnügungssucht, die modische und luxuriöse Bekleidung, das sehr ausufernde Trinken und die kurzen amourösen Bekanntschaften mit einer langen Reihe von Männern im Vordergrund stehen. Allein hierum und um das Nicht-Loslassen-Können vom Ehemann dreht sich die ganze Geschichte, so dass sie mir ziemlich oberflächlich erscheint. Als ganz schlimm sehe ich es, dass die Protagonistin um ihr verstorbenes Baby nicht trauert und nicht einmal den Todestag von ihm benennen kann. Ich kann mir kaum vorstellen, dass der Roman das Leben in der Metropole New York in den goldenen 20ern realistisch abbildet.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere