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Veröffentlicht am 26.09.2020

Poldi heiratet

Tante Poldi und der Gesang der Sirenen
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Man mag es kaum glauben, etwa über ein Jahr, nachdem die Tante Poldi nach Sizilien gereist ist und sich dort ein Haus gekauft hat, um sich zu Tode zu saufen, steht der Hochzeitstermin mit dem Kommissar ...

Man mag es kaum glauben, etwa über ein Jahr, nachdem die Tante Poldi nach Sizilien gereist ist und sich dort ein Haus gekauft hat, um sich zu Tode zu saufen, steht der Hochzeitstermin mit dem Kommissar Montana. Und ihr Neffe, der Chronist, ist etwas unleidlich, weil er nicht so richtig beteiligt wird. Er gehört doch wohl dazu, oder? Doch bevor die Party steigen kann, muss noch das Verschwinden des Unternehmers Aldo Favorotta geklärt werden. Von diesem hatte die Poldi gehofft, einen Laden für ein Café mieten zu können, hat jedoch schnell festgestellt, dass Favorotta nicht an ehrlichen Geschäften interessiert war.

Inzwischen hat Tante Poldi Sizilien im Blut. Der Leser hat einiges von ihr und ihrer Vergangenheit erfahren. Die Einladungen zu Poldis Hochzeit sind heiß begehrt. Doch Tante Poldi kann es nicht lassen. Wenn sich ihr quasi ein Rätsel in den Weg stellt, dann will sie es auch lösen. Zumal nach dem Verschwinden des Unternehmers auch noch eine Tote am Strand angespült wird. Doch auch die Hochzeitsvorbereitungen wollen bewältigt werden. Poldi oder Montana, da wird doch wohl keiner kalte Füße kriegen.

Wieder mit leichter Hand geschrieben und vom Vorleser Christian Baumann gekonnt vorgetragen bietet dieser fünfte Teil um Tante Poldi und ihre sizilianischen Abenteuer eine kurzweilige Unterhaltung. Es macht Spaß zuzuhören und sich Poldis Sizilien vorzustellen. Südländisches Temperament gepaart mit dem Phlegma des Neffen, der leider auf einen Namen verzichten muss. Doch der Chronist schwimmt sich frei und auch die Poldi und Montana wagen einen Schritt in eine neue Zukunft. So bleibt etwas ungewiss, was der Autor mit seinen liebenswerten Protagonisten vorhat. Auch der Fall tritt etwas hinter Poldi, Montana, Neffen und Hochzeit zurück. Dennoch bereiten die lieb gewonnenen Protagonisten Freude und verkürzen so manche Autofahrt.

Veröffentlicht am 25.09.2020

Exkursion

Bewahren Sie Ruhe
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Nachdem Noras Mutter verstorben ist, wollte Liv der Cousine etwas Gutes tun. Sie schlägt vor, die beiden Familien sollten doch eine Kreuzfahrt unternehmen, damit Nora auf andere Gedanken kommen kann und ...

Nachdem Noras Mutter verstorben ist, wollte Liv der Cousine etwas Gutes tun. Sie schlägt vor, die beiden Familien sollten doch eine Kreuzfahrt unternehmen, damit Nora auf andere Gedanken kommen kann und ihre Familie trotzdem bei sich hat. Es scheint eine tolle Idee zu sein. Sie genießen die Tage an Bord. Irgendwann wollen sie doch etwas von Land und Leuten sehen. Die Männer wollen golfen, die Frauen und Kinder entscheiden sich für eine Zip-Line Tour. Doch leider hat das Fahrzeug des Tourguides eine Panne und die Gruppe legt eine Pause am Fluss ein, um auf ein Ersatzfahrzeug zu warten. In diesem entspannten Moment passen die Mütter einen Moment nicht auf und die Kinder sind verschwunden.

Welche Katastrophe, sechs Kinder und Jugendliche verschwinden in einem touristisch nicht erschlossenen Land, dass möglicherweise eher für Drogenschmuggel und Entführungen bekannt ist. Die Eltern machen sich große Vorwürfe, besonders die Frauen untereinander. Doch auch der Tourguide hätte aufmerksamer sein müssen, wenigstens hätte er aufklären müssen, dass die Flut den Fluss ins Landesinnere drückt. Doch was geschieht unterdessen mit den Kindern? Sie sind es, die sich in großer Gefahr befinden. Allein in einer unbekannten Umgebung, sich der Gefahren wahrscheinlich zunächst nicht bewusst.

Leichtsinnige oder auch unbedarfte Eltern und Kinder, die von einer makaberen Situation in die nächste geraten, die Szenen wechseln zwischen diesen beiden Polen hin und her. Das ist leicht zu lesen und spannend. Allerdings fragt man sich schon, wie so etwas passieren kann. Besonders wenn man selbst schon organisierte Fahrten mitgemacht hat und somit weiß, dass die meisten Tourguides gut geschult und verantwortungsbewusst sind. Gut nachvollziehbar ist, wie die Eltern langsam beginnen, sich zu zerfleischen. Es ist so ziemlich das Schlimmste, was einer Familie passieren kann, die Kinder in Gefahr zu wissen. Da ist es zwar nicht schön aber menschlich, wenn die Schuld bei den anderen gesucht wird. Gut auch zu lesen, dass es im vermeintlichen Urwald auch hilfsbereite Menschen gibt, denen es am Herzen liegt, dass den Vermissten kein größeres Leid zugefügt wird.

Der Situationen in dem Roman wirken teilweise etwas schöngeredet, doch grundsätzlich kommt gut heraus, wie aus geplant wunderbaren Ferien eine große Katastrophe werden kann.

Veröffentlicht am 20.09.2020

Berlin-Paris

Oberkampf
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Nach der Trennung von seiner Freundin will Jonas Becker gleich sein ganzes bisheriges Leben hinter sich lassen. Er hat sich darum bemüht, ein Buch über den bekannten, aber nicht so erfolgreichen Autoren ...

Nach der Trennung von seiner Freundin will Jonas Becker gleich sein ganzes bisheriges Leben hinter sich lassen. Er hat sich darum bemüht, ein Buch über den bekannten, aber nicht so erfolgreichen Autoren Richard Stein schreiben zu dürfen. Dafür will er zunächst für ein Jahr in Paris leben, wo Stein sein Domizil hat. Beckers Ankunft in Paris gestaltet sich nicht so einfach, da er erst einmal nicht in sein Apartment kommt. Zur Ablenkung flaniert er durch die Straßen des Viertel Oberkampf, wo er in einem Bistro zufällig auf die jüngere Christine trifft, die schon bald seine Freundin wird. In diesem Moment kann Becker nicht ahnen, dass nur Stunden später durch den Anschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo Paris eine andere Stadt sein wird.

Die Anschläge in Paris überschatten alles, den Alltag von Jonas Becker allerdings überraschend wenig. Natürlich gibt es umfangreiche Presseäußerungen und Polizeipräsenz in den Straßen, aber man gewinnt den Eindruck, hätte Becker die Ereignisse verschlafen, hätte er gänzlich unberührt bleiben können. Da war es aus der Ferne möglicherweise sogar bestimmender. Jonas Becker nimmt bald nach seiner Ankunft Kontakt mit seinem Interviewpartner Stein auf. Dieser wirkt herrisch, manchmal abweisend und doch auch mitteilsam und umgänglich. Allerdings gewinnt Becker bald den Eindruck, Stein wolle sein Projekt für sich vereinnahmen.

Der Autor dieses Buches, Hilmar Klute, hat selbst eine Zeit lang in Paris gelebt. Diese persönliche Kenntnis merkt man seinen Beschreibungen auch an, diese sind sehr authentisch und decken sich zum großen Teil mit dem, was einem selbst erinnerlich ist. Die Stadt pulsiert, dagegen wirken die Protagonisten mitunter etwas phlegmatisch. Jonas Becker ist mittendrin und gleichzeitig ein Fremder. Und man bekommt den Eindruck, nachdem er in Berlin alle Brücken abgebrochen hat, stolpert er gleich ins nächste Leben, dass nicht so selbstbestimmt ist wie er es gerne hätte. Der Roman beschreibt einen Ausschnitt der Mitte von Paris des schicksalhaften Jahres 2015. Herausragend beschrieben ist dieser Zwiespalt zwischen der Katastrophe und der Normalität. Dieser Roman kommt leise daher und rüttelt einen im Verlauf ganz schön durch.

Veröffentlicht am 19.09.2020

Platten-Jäger

Murder Swing
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Er besitzt eine kleine Wohnstätte in London, die er Bungalow nennt, in einem Zweifamilienhaus. In der unmittelbaren Umgebung ist das Kloster, in dem sich die Reichen und Schönen sich verwöhnen lassen. ...

Er besitzt eine kleine Wohnstätte in London, die er Bungalow nennt, in einem Zweifamilienhaus. In der unmittelbaren Umgebung ist das Kloster, in dem sich die Reichen und Schönen sich verwöhnen lassen. Und er kämpft mit der Reparatur des Warmwasserspeichers. Viel lieber würde er sich mit seinen Platten beschäftigen. Auf seinen Streifzügen durch die Secondhandläden findet er eine Platte, die er online gut verkaufen kann. Damit sind erstmal die wichtigsten Kosten gedeckt. Als jedoch eine geheimnisvolle Schöne bei ihm anfragt, ob er eine bestimmte Platte finden könnte, sagt er sofort zu. Den Lohn kann er gut gebrauchen.

Es ist der erste Fall für den Katzenliebhaber und Schallplatten-Jäger. Und nachdem er von der attraktiven N. Warren engagiert wird, macht er sich mit Feuereifer auf die Suche. Hinter dem gesuchten Objekt scheint mehr zu stecken, es gilt nicht nur eine seltene Schallplatte zu entdecken, sondern auch die Geschichte, die mit der Originalaufnahme im Zusammenhang steht. Doch zunächst hat Ms Warren etwas zu lernen, nämlich dass es unter den gebrauchten Dingen durchaus tolle Stücke zu entdecken gibt, die auch in ihrem ausgewählten Kleiderschrank gut machen. Ordentlichen Kaffee muss sie auch noch kennenlernen, nur die Katzen mag sie schon. Eigentlich will er es nicht gleich wahrhaben, aber sie ist die ideale Partnerin für einen wie ihn.

Es ist nicht immer ganz optimal, wenn man ein anderes, aber doch ähnliches Thema vor kurzem schon erlesen hat. Da fehlt dann ein wenig die Neuigkeit, auch wenn man sich keine Gedanken gemacht hat, welches Buch zuerst da war. Hier geht es ums zuerst gelesen. Und so hat der Vinyl-Detektiv einen erschwerten Start. Dagegen macht er sich aber ganz gut. Er und seine Mitstreiter müssen sich zunächst mal finden, sind aber durchweg sympathisch auch mit ihren Schrullen. Die Suche nach der Platte ist alles andere als einfach und wird sogar gefährlich. Je weiter sich die Geschichte entfaltet, desto spannender wird es. Auch wenn das Angebot an Detektiven schier unerschöpflich und auch schwer überschaubar ist, dieser Platten-Jäger hat sich für weitere Lektüre empfohlen.

Veröffentlicht am 18.09.2020

Dunkle Straßen

Dunkelsommer
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Vor drei Jahren verschwand die 17jährige Lina. Ihr Vater hatte sie zum Bus gebracht und nicht gewartet bis der Bus kam. Der Busfahrer sagte aus, Lina sei nicht an der Haltestelle gewesen. Lennart, genannt ...

Vor drei Jahren verschwand die 17jährige Lina. Ihr Vater hatte sie zum Bus gebracht und nicht gewartet bis der Bus kam. Der Busfahrer sagte aus, Lina sei nicht an der Haltestelle gewesen. Lennart, genannt Lelle, macht sich große Vorwürfe und obwohl die Polizei die Ermittlung nach der langen Zeit zwar nicht aufgegeben, aber doch runtergefahren hat, ist es Lelle, der jede Nacht durch die Umgebung fährt und immer weitersucht. Leider war Lelle bisher kein Erfolg beschieden. An Linas Stelle ist ein großes Loch in seinem Leben und auch seine Ehe ist nach dem Verschwinden seiner Tochter in die Brüche gegangen.

Eine Tochter verschwindet und ein Vater kann ihren Verlust nicht verwinden, während die Mutter versucht in ihrer Verzweiflung und Trauer nach vorne zu blicken. Aber hin und wieder findet Lelle einen Hinweis, der sich wenigstens neu anfühlt, auch wenn sich dann herausstellt, dass die Polizei dem doch schon nachgegangen ist. Der Polizist Hassan hilft Lelle hin und wieder, doch meist eher zu Lelles Beruhigung als mit handfesten Taten. Jeden Abend zieht Lelle los und überlegt, welche Straßen er noch nicht abgesucht hat. Er hält Augen und Ohren offen und manchmal trifft er auf seltsame Eigenbrötler.

Vielleicht hat man vor Kurzem ein Buch mit einem ähnlichen Ansatz gelesen und fragt sich, ob eine weitere Lektüre zu dem Thema neue Impulse bringen kann. Doch die Autorin hat einen spannenden Roman geschaffen. In dem sie dem Vater doch kleine Stücke Hoffnung gibt, macht sie die Suche doch irgendwie erfolgversprechend. Und als Leser wird man, nachdem man sich mit der Unangepasstheit des Vaters abgefunden hat, immer mehr gepackt. Gerade auch wenn die vermeintliche Nebenhandlung an größerer Bedeutung gewinnt. Zusätzlich bekommt man einen gefühlvollen Einblick in die tragische Situation einer Familie, die ihr einziges Kind verloren hat.