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Veröffentlicht am 19.10.2025

Sommer im Tessin

Was wir scheinen
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Im Sommer 1975 reist die Publizistin Hannah Arendt in die Schweiz. Sie hat vor einiger Zeit einen Herzinfarkt überstanden und will nun einen mehrwöchigen Urlaub an einem ihrer Lieblingsorte verbringen. ...

Im Sommer 1975 reist die Publizistin Hannah Arendt in die Schweiz. Sie hat vor einiger Zeit einen Herzinfarkt überstanden und will nun einen mehrwöchigen Urlaub an einem ihrer Lieblingsorte verbringen. Sie freut sich über die Ruhe. Ihren Mann Heinrich, der vor einigen Jahren verstorben ist, vermisst sie immer noch. Doch sie blickt auch zuversichtlich in die Zukunft. Natürlich ist sie schon Ende Sechzig, doch das muss ja nichts heißen. Während des Aufenthaltes lässt sie die Erinnerungen in sich aufsteigen. Die erste Zeit in Amerika, zum Glück sind sie den Nazis entkommen. Ihr Austausch mit Personen, die ihr teure waren. Der Eichmann-Report und die Reaktionen darauf.

Eine beeindruckende Persönlichkeit reflektiert hier zu ihrem Leben, das in der Rückschau als wirklich außergewöhnlich bezeichnet werden kann. Eine Frau, der das Denken wichtig ist, eine Frau, die Denken kann. Sie konnte studieren und promovieren. Mit ihrem Doktorvater hielt sie Kontakt. Sie führte eine glückliche Ehe. Sie veröffentliche ihre Gedanken und Gedichte, Werke, die noch immer Beachtung finden. Ihr Bericht zu dem Eichmann-Prozess, der ein kontroverses Echo auslöste, auch von Seiten, von denen sie es nicht so erwartet hätte. Und immer wieder die entspannende Urlaubsatmosphäre an einem Ort, an den sie immer wieder zurückgekehrt ist.

Wenn man immer schon mal mehr über diese außerordentliche Persönlichkeit wissen wollte, sich aber noch nicht an ihre Werken herantraut, dann könnte dieser Roman, der Teile ihres Lebens ein toller Einstieg sein. Leben und Werk werden auf ansprechende Art und Weise dargestellt. Die Person Hannah Arendt wird einem nahegebracht. Ihre Verhaftetheit im Denken, das genaue Durchdenken der Fragen, die sich ihr Stellen, aber auch ihr persönliches Leben in ihrer Ehe oder auch im Austausch mit Freunden und Weggefährten. Sie ging der Kontroverse nicht aus dem Weg und suchte doch ihre Gedanken zu erklären. Dieser Roman bietet eine beeindruckenden Überblick in das Leben von Hannah Arendt.

Veröffentlicht am 18.10.2025

Frau mit Willen

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
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Ende der 1980er Jahr in Wien arbeitet die junge Angelika Moser im Grand Hotel Frohner als Buchhalterin. Um der Langeweile wenigstens für ein paar Stunden zu entgehen, flaniert sie am Wochenende mit ihrer ...

Ende der 1980er Jahr in Wien arbeitet die junge Angelika Moser im Grand Hotel Frohner als Buchhalterin. Um der Langeweile wenigstens für ein paar Stunden zu entgehen, flaniert sie am Wochenende mit ihrer besten Freundin Ingi durch das Nachtleben. Doch nicht nur das Partyleben hat es ihr angetan. Sie will Abteilungsleiterin der Buchhaltung im Frohner werden. Angelika ist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Ihre Mutter hat sie alleine groß gezogen und Angelika will ein anderes Leben. Das erste Mal lernt sie, die Zahlen phantasievoll zu gestalten, als der Direktor des Hotels sie darum bittet, um den Anwälten etwas vorzugaukeln.

An eine wahre Geschichte angelehnt spinnt die Autorin eine Geschichte über eine zunächst junge Frau, die es mit Geschick und Dreistigkeit schafft, ihren Arbeitgeber über Jahre hinweg um bemerkenswerte Summen zu erleichtern. Voller Enthusiasmus und Fleiß beginnt Angelika ihr Arbeitsleben. Durch die Machenschaften des Direktors wird doch ernüchtert, weiß aber auch, die man die Zahlen nach einem gewünschten Bild zurechtstricken kann. Als sie dann selbst ungewollt allein erziehend ist, sieht sie keine andere Wahl als sich den ein oder anderen geheimen Kredit bei ihrem Arbeitgeber zu gewähren. Alles genau dokumentiert, schließlich wird sie alles zurückzahlen, bis auf das Verbrauchsmaterial jedenfalls.

Die Presseveröffentlichungen geben der Story einen Rahmen vor, in dem sich die Autorin sicher einige Freiheiten erlauben konnte. Dadurch entsteht eine Erzählung um eine junge Frau, die zunächst noch Träume hatte, die aber auch vor ihrer eigenen Courage zurückschreckte und das Vertraute wählte. So saß sie dann da mit einem nicht ungewolltem Kind, dass eine bessere Mutter haben sollte als ihre eigene gewesen war. Leider verläuft sie Sache nicht so glatt wie gewünscht und der Filius entwickelt sich zumindest bemerkenswert. Angelika sieht sich gezwungen, immer mehr Geld zu leihen. Leider werden einem Angelika und ihr Umfeld nicht so wirklich sympathisch, man bringt zwar Verständnis auf, aber in einigen Momenten wirkt ihr Verhalten doch übertrieben. Man kommt an den Rand des Genervtseins. Auch der witzige Wiener Schmäh kann das nicht gänzlich übertönen. Wohl viel würde die Mutter für ihr Kind tun, aber muss nicht auch mal Schluss sein? Immerhin bleibt einiges der Phantasie überlassen, so das man sich noch eine andere Angelika denken kann.

Wohin der Leuchter auf dem Titelbild gehören könnte, ist nicht genau zu sagen. Wohl passte er in ein Hotel, aber auch in einen bürgerlichen Altbau.

Veröffentlicht am 16.10.2025

Bis zum ersten Biss

Darkthorn Archives 1: Bite the Bride
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Im Jahr 1925 war es für Katherine Campbell alles andere als leicht einen Platz an der ehrwürdigen Darkthorn Universität zu bekommen. Noch schwieriger war es für sie als nicht-magische als Reporterin bei ...

Im Jahr 1925 war es für Katherine Campbell alles andere als leicht einen Platz an der ehrwürdigen Darkthorn Universität zu bekommen. Noch schwieriger war es für sie als nicht-magische als Reporterin bei der Uni-Zeitung zugelassen zu werden. Für ihren Einbruch in der Uni-Bibliothek, mit dem sie einiges aufs Spiel setzt, hat sie aber einen guten Grund. Nur leider geht die Sache schief und Kat hat sich einen Teil eines Fluches eingehandelt. Um diesen in Schach zu halten, bleibt ihr nichts anderes übrig als den Chef-Bibliothekar und Vampir Ethan Hawthorn zu heiraten und sich jeden Abend von ihm beißen zu lassen.

Bei diesem Roman handelt es sich um den ersten Band einer Dark-Academia Reihe, die bisher aus zwei Bänden besteht. Das Setting im Schottland der 1920er Jahre umfasst das Universitätsleben, aber auch Parties und die sich langsam ändernde Stellung der Frauen. Katherine Campbell will die Möglichkeiten, die sich bieten, wahrnehmen. Aus einem einfachen Elternhaus kommend und als nicht-magische hat sich es dabei nicht leicht. Und Vampire, die augenscheinlich alles haben, kann sie nun wirklich nicht leiden. Und dennoch ist Kat überzeugt, dass sie es schaffen wird. Wenn ihr da nur nicht dieser Vampir in die Quere kommen würde.

Die Geschichte einer forschen jungen Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, ist sehr ansprechend und könnte auch gut in die heutige Zeit passen, wäre da nicht ein Vampir, den man derzeit wohl eher seltener antreffen wird. Man steht ganz auf Kats Seite bei ihrem Kampf um Gleichberechtigung. Nach und nach versteht man, wieso sie das Risiko dieses Einbruchs auf sich nimmt. Auch Ethans Sichtweise wird klargemacht. Sein Innenleben ist reicher als man bei einem kühlen Vampir annehmen könnte. Wie es schließlich kommt, dürfte nur wenige überraschen. Das Ganze ist aber so fesselnd und herzerwärmend verpackt, dass man gespannt und berührt immer weiterlesen oder hören will.

Das Hörbuch wird sehr stimmungsvoll vorgetragen von Yesim Meisheit und Vincent Fallow.

Veröffentlicht am 14.10.2025

Anfänge

Wenn ein Reisender in einer Winternacht
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Ein Leser möchte den neuen Roman von Italo Calvino kaufen. Im Buchladen umschifft er alle Hindernisse, nämlich die anderen Bücher, die sein Interesse wecken. Endlich hält er das ersehnte Werk mit dem Titel ...

Ein Leser möchte den neuen Roman von Italo Calvino kaufen. Im Buchladen umschifft er alle Hindernisse, nämlich die anderen Bücher, die sein Interesse wecken. Endlich hält er das ersehnte Werk mit dem Titel „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ in den Händen. Schon nach kurzer, fesselnder Lektüre muss er feststellen, dass der Roman falsch gebunden ist und nach einigen Seiten wieder von vorne beginnt. Der Leser macht sich auf in die Buchhandlung und stellt fest, er ist nicht der einzige, der so ein fehlerhaftes Exemplar erhalten hat. Die reizende Ludmilla möchte ebenfalls weiterlesen. Der Leser erhält ein weiteres Buch, von dem sich allerdings herausstellt, dass es sich um einen völlig anderen Roman handelt.

Auf der Jagd nach der Fortsetzung dieses packenden Romans kommen dem Leser immer neue Romananfänge unter. Und die aparte Ludmilla. Von dem Roman möchte er mehr wissen, aber auch von der jungen Dame. Mit jedem weitern Romanfragment scheint sich eine weitere Spur aufzutun. Wer sind die Menschen, die als Autoren genannt werden? Welches Spiel spielen die möglichen Übersetzer? Gibt es etwa eine heimliche Fehde? Und welche Rolle spielt Ludmilla, die fleißige Leserin? Sie liest in Ruhe um des Lesens willen. Das jedenfalls meint der andere Leser.

Ein Roman für einen Leser oder eine Leserin, in dem es um einen Roman geht und noch einen und noch einen. Der Leser wird charakterisiert und bei manchen der Schilderungen sieht man sich selbst lesen oder durch die Buchhandlung wandern auf der Suche nach neuem Stoff. Das hat der Autor wirklich getroffen. Auch der Wunsch nach dem Wissen wie es weitergeht. Ja, das kennt man gut. Eingerahmt werden die Anfänge vom Kennenlernen des Lesers und Ludmilla, zwischen ihnen entspinnt sich eine Geschichte, wie man sie erwarten könnte oder auch nicht. Der Autor versteht es bestens, Überraschungen zu bereiten. Der Schluss kommt dann etwas plötzlich. Und manchmal fragt man sich, ob man jedem Anfang folgen kann, aber anderseits strotzt der Roman nur so von Ideen und treffenden Beschreibungen über das Lesen und das Schreiben.

Veröffentlicht am 13.10.2025

Könnte so schön sein

Wot Se Fack, Deutschland?
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Was wenn ein Kabarettist, der nebenbei auch Wissenschaftler ist, mit seinen Witzen die Realität kaum noch toppen kann? Darüber macht sich Vince Ebert Gedanken. Und er geht es eher wissenschaftlich an. ...

Was wenn ein Kabarettist, der nebenbei auch Wissenschaftler ist, mit seinen Witzen die Realität kaum noch toppen kann? Darüber macht sich Vince Ebert Gedanken. Und er geht es eher wissenschaftlich an. Wann hat die Entwicklung angefangen? Wodurch wurde sie ausgelöst? Das Zeitalter der Aufklärung scheint vorbei zu sein. Und was kommt jetzt? Das, was die Ablösung sein sollte, könnte wie ein Schuss wirken, der nach hinten losgeht. Was zu mehr Toleranz und Freiheit hinleiten sollte, endet in Beschränkungen und Intoleranz gerade für die oder bei denen, die doch das Beste wollten.

Wenn man den Titel dieses Buches liest, denkt man in eine etwas andere Richtung. Man hofft, dass sich der Autor auf witzige uns spitze Art mit Beispielen der eigenartigen Auswüchse annimmt, die die Bürokratie inzwischen hat. Ein Feuerwerk von aberwitzigen Begebenheiten, das einen zum Lachen bringt, welches einem bei näherem Hinschauen dann im Halse stecken bleibt.
Nun, der Autor geht es ernsthafter und wie gesagt wissenschaftlicher an und auch nicht auf Deutschland beschränkt an. Das Lachen fällt so ein wenig aus, es bleibt gleich im Halse stecken. Ein paar Schmunzeleinheiten gibt es zwar, aber die präzise Recherche, die kluge Betrachtung der Lage lässt sich einfach nicht in leicht verdauliche Worte kleiden. Man wünscht sich das Zeitalter der Aufklärung zurück, die wissenschaftliche, empirische Aufbereitung der Themen und das Anwenden der logischen Ansätze.

Was einem bleibt ist der Gedanke, der sich in letzter Zeit eh schon gebildet hat, man ist selbst verantwortlich und man kann nur selbst etwas tun. Dem Staat die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist keine Lösung und bringt auch nichts. Selbst ist das Volk.