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Veröffentlicht am 29.11.2019

Fünf rockt

Freaks
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Mit über 70 sollte Opal die ideale Babysitterin sein. Ob das die Eltern von Ember sagen würden, wenn sie wüßten, was die alte Dame und das kleine Mädchen so unternehmen, muss man mal dahingestellt sein ...

Mit über 70 sollte Opal die ideale Babysitterin sein. Ob das die Eltern von Ember sagen würden, wenn sie wüßten, was die alte Dame und das kleine Mädchen so unternehmen, muss man mal dahingestellt sein lassen. Luster führt gern Selbstgespräche und hasst seinen Job schon seit zehn Jahren. Ray kam aus dem Irak, um den Man um Verzeihung zu bitten, den er im Krieg angeschossen hat. Aurora, die nuttige Schönheit, fährt mit ihrem Rollstuhl durch die Gegend. Gemeinsam machen sie Musik und gehen gelegentlich in den örtlichen Hähnchengrill-Imbiss.

Fünf schräge Typen und Typinnen, die überall anecken und die vielleicht gerade deshalb zusammengefunden haben. Sie sind laut und schrill und irgendwie lieb. Alle haben sie ihre Probleme. Ihre Nichten wollen Opal ins Pflegeheim stecken. Aurora hadert mit ihrer Herkunft als Pfarrerstochter. Ember ist so anstrengend, dass ihre Eltern lieber in Urlaub fahren als sich um sie zu kümmern. Luster ist ein Mittlerer unter zwölf Brüdern, wobei die anderen alle mit Drogen zu tun haben. Und Rays Frau ist alles andere als einverstanden, in diesem komischen amerikanischen Land zu sein. Doch gemeinsam halten sie es aus und suchen im amerikanischen Middle of Nowhere nach einem Probenraum für ihre Musik.

Zu Beginn fragt man sich, wie man solch schräge Typen leiden können soll. Und bevor man zu Ende gedacht hat, tut man es schon. Die Fünf sind einfach herzzerreißend schräg. Sie wecken Mitgefühl, aber nicht allzu sehr. Schließlich packen sie es an, wenn die anderen nicht zu ihnen halten, halten sie eben zueinander. Sie rocken ihre Welt und haben es nicht leicht. Und wenn sich der Polizist die Welt so zurechtbiegt, wie sie in sein Weltbild passt, dann ist es einfach tragisch und komisch und bitter. Dieses Buch nimmt Anlauf und schwupp hat man seine Protagonisten im Herzen und möchte sie nicht mehr loslassen. Unbedingt lesen!

Veröffentlicht am 27.11.2019

Bandenkrieg

Shootout
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Mit seinem grünen Daumen sorgt Grey Stevens für regelmäßigen Drogennachschub in Whistler, einem Ort in Kanada, der eigentlich mehr für seine Skigebiete bekannt ist. Es handelt sich um eine friedliche Koexistenz, ...

Mit seinem grünen Daumen sorgt Grey Stevens für regelmäßigen Drogennachschub in Whistler, einem Ort in Kanada, der eigentlich mehr für seine Skigebiete bekannt ist. Es handelt sich um eine friedliche Koexistenz, mit der alle zufrieden sind. Doch Nick Boscoes Vater ist scharf auf das Gebiet und er schickt seinen Sohn, um die Verhältnisse zu klären. Ähnliche Wünsche hegt eine indische Gang. Bei einer Begegnung mit Nick rettet Stevens die junge Dara aus den Klauen, des Gangsters. Die junge Frau sollte eigentlich für den Drogendealer arbeiten und noch mehr. Allerdings war sie mit den Zusatzleistungen, die sie bringen sollte nicht einverstanden und damit heilfroh bei Grey zu landen.

Drogengeschäfte laufen wahrscheinlich überall, auch wenn man es sich in so einem Urlaubsziel kaum vorstellen kann. Der Bandenkrieg, der hier bald ausbricht, ist brutal und mit viel Gewalt verbunden. Da kann schon mal ein Raketenwerfer losgehen. Kein Wunden, dass es zu etlichen Todesfällen kommt. Spätestens jetzt ist auch die Polizei am Start, die ihr Revier unter Kontrolle haben will. Zunächst etwas lustlos ermitteln die Beamten, von denen sich einer für besser hält als den anderen. Im Grunde streben sie nur eine Beförderung am liebsten verbunden mit einer Versetzung an.

Ist man an Bandenkriegen mit Teilnehmern verschiedenster Gruppen interessiert, wird man den Hergang dieses Romans bestimmt gespannt verfolgen. Ist es allerdings mit dem Interesse nicht ganz so weit her, beginnen die Schwierigkeiten schon mit dem Auseinanderhalten der unterschiedlichen Namen und Spitznamen. Hat man sich nach einer Weile einigermaßen reingefuchst, bietet dieser Thriller durchaus fesselnde Momente. Gerade auch die Geschichte zwischen Dara und Grey trägt mit ihrer Geradlinigkeit und den humorgespickten Wendungen dazu bei, dass man dem Roman doch so einiges abgewinnen kann. Ein hardboiled Thriller am besten geeignet für einen hardboiled Leser.

Veröffentlicht am 24.11.2019

Moderner Schauerroman

Grandhotel Angst
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Die Hochzeitsreise geht nach Italien. Im März 1899 kommt das junge Paar Nell und Oliver Dickinson im Grandhotel Angst an der italienischen Riviera an. Die ersten Frühlingstage sind ein Traum von Ausflügen ...

Die Hochzeitsreise geht nach Italien. Im März 1899 kommt das junge Paar Nell und Oliver Dickinson im Grandhotel Angst an der italienischen Riviera an. Die ersten Frühlingstage sind ein Traum von Ausflügen in die Gegend. Doch bald fällt ein Schatten über das junge Paar. Angeblich wurde das Hotel buchstäblich auf dem Grab der ehemaligen Landbesitzerin erbaut. Und diese geht anscheinend als Geist um. Ausgerechnet Nell soll der vor Jahren Verstorbenen sehr ähnlich sehen. Bald schon gerät Nell in den Bann der Geschichte und glaubt, die Tote könne tatsächlich Einfluss auf die junge Ehefrau nehmen.

Das echte Schicksal des Grandhotel Angst bildet die Grundidee zu diesem Roman. Das Hotel bot hauptsächlich britischen Gästen eine Heimat, denen bei dem Namen ein Schauer über den Rücken lief, die ansonsten aber den außerordentlichen Luxus der Zimmer genossen. Inzwischen ist das einst große Haus verfallen, jedoch haben sich Investoren gefunden, die ihm wohl neues Leben einhauchen möchten. Die Handlung des Romans ist allerdings zur Blütezeit des Hauses angesiedelt. Bram Stokers Dracula hat schon manchen Lesern eine Gänsehaut gebracht und die junge Nell ist empfänglich für unheimliche Geschichten. Ihr Mann Olivier, der zunächst so zuvorkommend schien, erweist sich bald als kühler Geschäftsmann, der seine jüngere zweite Frau manchmal doch sehr von oben herab behandelt.

Eine schöne Idee, die sich mit der richtigen düsteren Musik unterlegt sicher gut verfilmen ließe. Als Buch allerdings wirken die handelnden Personen etwas blass. Man nimmt Nell, die für die Zeit, in der sie lebt, eigentlich recht tough erscheint, ihre Furcht nicht so recht ab. Und bei dem janusköpfigen Oliver fällt es schwer, ihm die eine oder andere Seite abzunehmen. Manchmal wirkt es so als sollte mit diesem Roman ein Gothic Novel des ausgehenden 19. Jahrhunderts nachempfunden werden. Allerdings ist es der Autorin nicht vollständig gelungen die Atmosphäre der damaligen Zeit einzufangen. Nichtsdestotrotz ist der Roman spannend und besonders Nell in ihrer positiven Entwicklung so liebenswert beschrieben, dass diese leichte Lektüre doch sehr gut unterhält.

Veröffentlicht am 23.11.2019

Das Omili

Scharnow
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Als erster stirbt der Literaturblogger Horst Wassmann. Die Rezensionsexemplare stapelten sich derart, dass die Polizei zu dem Schluss kommt, es kann nur Selbstmord gewesen sein. Aber könnte es nicht auch ...

Als erster stirbt der Literaturblogger Horst Wassmann. Die Rezensionsexemplare stapelten sich derart, dass die Polizei zu dem Schluss kommt, es kann nur Selbstmord gewesen sein. Aber könnte es nicht auch mit dem seltsamen Buch zu tun haben, das so lange auftaucht, bis es quasi verräuchert ist. Am Tag X geschehen in Scharnow weitere seltsame Dinge. Dieser Ort im Norden Berlins könnte glatt in einem Western auftauchen, wenn er nicht im Osten läge. Plattenbauten, ein vereinzeltes Hochhaus und ein einziger Supermarkt zieren den Ort, der eigentlich schon vergessen ist. Die Langeweile ist kaum zu überbieten, bis einer auf die Idee kommt, man könne doch den Supermarkt überfallen.

In seinem ersten Roman bietet Bela B Felsenheimer, als Bandmitglied der Ärzte bestens bekannt, ein wahres Kaleidoskop an kruden Ideen. Vielleicht hilft sein Name als Verkaufsargument, doch wenn sein Roman nicht einen gewissen Charme aufwiese, würde das nicht lange überzeugen. Zum Glück handelt es sich bei Scharnow um ein gelungenes Stück Unterhaltung. Es kann zwar nicht gewollt sein, dass der Leser alles versteht und entschlüsselt, doch bietet der Roman genug Handlungsmasse, um zu fesseln und den Leser zum Schmunzeln zu bringen. Letzteres kann einem aber manchmal schnell vergehen, wenn ein unschuldiges Tier zu Tode kommt oder Leichen zerstückelt auf ihre Entsorgung warten. Insgesamt sprüht dieses Werk vor Ideen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Ein wenig muss man sich auf diese Lektüre einlassen, die etwas wirr ins Leere führt. Auf dem Weg dahin entwickelt die Handlung allerdings einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann oder auch nur entziehen möchte. Scharnow steht für eine Tristesse, die von der Wende geprägt, irgendwie für den Osten steht, aber sicher auch in Gegenden des Westens zu finden ist. Dabei zeigen sich die Personen wesentlich vielschichtiger als man auf den ersten Blick erkennen kann. Es lohnt sich, ihnen eine Chance zu geben. Da werden sogar Supermarkt-Räuber zu relativ netten Nachbarn.

Veröffentlicht am 22.11.2019

Im Geheimen

Unter Wölfen
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Isaak Rubinstein war einmal mit Herz und Seele Buchantiquar in Nürnberg. Vor Jahren schon haben ihm und seiner Familie alles genommen. Und im März 1942 haben sie den Befehl bekommen, sich zur Deportation ...

Isaak Rubinstein war einmal mit Herz und Seele Buchantiquar in Nürnberg. Vor Jahren schon haben ihm und seiner Familie alles genommen. Und im März 1942 haben sie den Befehl bekommen, sich zur Deportation einzufinden. Isaak befürchtet, es könnte eine Reise ohne Wiederkehr werden. Deshalb bittet er seine ehemalige Freundin Clara Pflüger, ihm und seiner Familie beim Untertauchen zu helfen. Clara, die Verbindungen zum Widerstand hat, findet tatsächlich eine Möglichkeit, die Familie Rubinstein vor den Nazischergen zu schützen. Allerdings muss Isaak Rubinstein einen hohen Preis bezahlen. Er muss in die Rolle des Sonderermittlers Adolf Weissmann schlüpfen und die Gestapo unterwandern.

Mit einem eigentlich unmöglichen Mord beginnt diese spannende Geschichte. Eine bekannte Schauspielerin ist in der Wohnung ihres Geliebten umgebracht worden. Vom Zeitablauf her kommt nur er als Täter in Betracht. Bei diesem handelt es sich allerdings um den stellvertretenden Gestapo-Chef Fritz Nosske. Und nach der Meinung der herrschenden Klasse, kann er als hohes Tier nicht der Mörder sein. In diese Szenerie stolpert Rubinstein alias Weissmann und soll als Sonderermittler den allseits gefälligen Mörder präsentieren. Immer unter der Anspannung stehend, seinen geheimen Auftrag zu erfüllen und in der Angst vor Entlarvung, muss Isaak Rubinstein seinen schlauen Verstand einsetzen.

Vor dem Hintergrund der damaligen politischen Lage entfaltet sich nicht nur ein spannender Kriminalfall, sondern auch ein prägnantes Bild der Naziherrschaft im zweiten Weltkrieg und davor. Wie perfide die Herrschenden ihre Macht ausspielten und Schwächere und Minderheiten ausgrenzten, bestahlen, quälten und vielen letztlich das Leben nahmen. Isaak Rubinstein ist einer, der sich wehrt. Zwar spät und nicht ganz freiwillig begibt er sich in die Höhle der Löwen. In jeder Minute ist die Gefahr der Entdeckung zu spüren und sein Entsetzen über die unsäglichen Taten der Machthaber. Man fühlt sich beim Lesen in diese grausame und unmenschliche Zeit hineinversetzt. Ob es möglich gewesen wäre, den Nazis zu entkommen, so wie es Rubinstein mehrmals gelingt und ohne jede Vorkenntnis als Ermittler tätig zu werden, kann dahingestellt bleiben. Die eindringlichen Schilderungen des unsäglichen Verhaltens der Nazis machen diesen Roman zu einer herausragenden Lektüre gegen das Vergessen.