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Veröffentlicht am 19.09.2019

Black Car

Einer wird sterben
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Seit sechs Jahren lebt Stella Johannsen unter einem Damoklesschwert. Sie fürchtet, es könnte etwas über den Unfall herauskommen. Und nun steht seit Tagen ein fremdes Auto in ihrer ruhigen Wohnstraße. Zwei ...

Seit sechs Jahren lebt Stella Johannsen unter einem Damoklesschwert. Sie fürchtet, es könnte etwas über den Unfall herauskommen. Und nun steht seit Tagen ein fremdes Auto in ihrer ruhigen Wohnstraße. Zwei Menschen sitzen eher reglos darin. Und nicht nur Stella, fragt sich, was Sinn und Zweck der Aktion ist. Versuche, diese Leute einfach zu fragen, führen nicht zu der gewünschten Antwort. Und Stellas Mann, ein Pilot, ist wie fast immer unterwegs. Er kann nicht so einfach seinen Flugplan ändern. Stellas Gedanken kreisen um die beiden im Auto, vielleicht sind sie tatsächlich ihretwegen hier.

Wieder und wieder scheitern Stellas Versuche, ihren Mann zu kontaktieren. In ihrer Not geht sie selbst daran, sich zu helfen. Zum einen spricht sie mit einem befreundeten Therapeuten, der ihr durchaus hilfreiche Ratschläge erteilt. Zum andern versucht sie die Nachbarn auszuhorchen. Vielleicht hat ja einer der anderen auch etwas zu befürchten. Seltsamerweise kommt sie den Nachbarn dabei näher als jemals in den letzten Jahren. Auch die Erinnerung an den Unfall vor sechs Jahren plagt sie. Sie hat doch gebüßt, wieso soll es denn noch nicht vorbei sein.

Dieses Buch lässt einen etwas zwiegespalten zurück. Natürlich bietet es eine spannende Lektüre. Schwierig wird es allerdings, dass außer dem älteren Nachbarn kaum eine der handelnden Personen große Sympathie weckt. Die sich an ihren Mann klammernde Stella nervt. Ihr Ehemann, der ihre Wünsche häufig kühl abwiegelt, kommt einem nicht gerade wie ein Traummann vor. Es fehlt der Moment, in dem man sagt, gut so. Dennoch fesselt dieser Thriller, man kann sich einer gewissen Neugier nicht erwehren. Was hat es mit den Nachbarn auf sich? Streitet da einer mit dem andern? Oder helfen sie sich? Bewundernswert ist es mit welchem detektivischen Geschick Stella daran geht, die Geheimnisse aufzudecken. Schließlich braucht sie ihren Mann kaum noch und doch bleibt er ihr ein und alles. Wenn man diese Art von Roman mag, bei dem man sich nicht mit den Protagonisten identifizieren möchte, und eine spannende interessant verwickelte Lektüre genießen kann, wird man hier die letzte Seite zufrieden umblättern.

Veröffentlicht am 18.09.2019

Schattentiger

Levi
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Levi will überhaupt nicht, dass seine Mutter tot ist. Das macht sie aber auch nicht wieder lebendig. Levi will weder zur Beerdigung, noch will er die Sachen anziehen, die sein Vater ihm bereitgelegt hat, ...

Levi will überhaupt nicht, dass seine Mutter tot ist. Das macht sie aber auch nicht wieder lebendig. Levi will weder zur Beerdigung, noch will er die Sachen anziehen, die sein Vater ihm bereitgelegt hat, Levi will nich, dass seine Mutter beerdigt wird. Levi klaut die Urne und haut ab. So hat seine Mutter zumindest eine ungewöhnliche Trauerfeier. Der 11jährige Levi muss es ertragen, seine Mutter verloren zu haben. Sein häufig abwesender Vater ist keine große Hilfe. Mehr Hoffnung setzt der Junge da auf Vincent, der im selben Haus wohnt oder Kolja, der einen Kiosk betreibt und eigentlich Fotograph ist.

Mit diesem Debüt ist die Autorin für den Aspekte Literaturpreis nominiert und das wohl zurecht. Mit großem Einfühlungsvermögen versetzt sie sich in Levis Welt, die in Trümmern liegt. Ebenso unerträglich wie es für Eltern ist, ihre Kinder zu verlieren, so unerträglich ist es auch für kleine Kinder und Jugendliche ihre Eltern zu verlieren. Aus den Erinnerungen Levis, seinen Gesprächen mit Vincent und Kolja und seinem Misstrauen dem Vater gegenüber entspinnt sich eine Geschichte, die einem die Haare zu Berge stehen lässt. Jeder hat seine eigenen Probleme und Levi hat es besonders arg getroffen. Niemand ist da, an den er sich lehnen kann. Die sehr indirekte Entwicklung des Geschehens verleiht der Story tatsächlich einen besonderen Reiz. Als Leser fühlt man sich in seinem Innersten angesprochen von diesem Jungen, der Unerträgliches ertragen musste. Levi ist mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die für ihn kaum zu fassen ist, die er aber nicht ändern kann. In diesem tollen Roman wird ein Junge viel zu früh in die Welt der Erwachsenen gestoßen. Mit beinahe detektivischen Geschick versucht er, sich selbst die Fragen zu beantworten, die sich nach diesem großen Verlust stellen.

Ein toller Debütroman, der einen etwas überrollt und in weiten Teilen sehr berührt. Die Stimmung des Buches ist ausgesprochen gut eingefangen durch die Leserin des Hörbuchs Jasna Fritzi Bauer.

Veröffentlicht am 17.09.2019

Der Aufrechte

Die geheime Mission des Kardinals
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Im Jahr 2010 leben Christen und Muslime relativ friedlich nebeneinander in Damaskus. Kommissar Zakaria Barudi blickt nach über 40 Dienstjahren seiner Pensionierung entgegen. Noch einen Fall möchte er aufklären. ...

Im Jahr 2010 leben Christen und Muslime relativ friedlich nebeneinander in Damaskus. Kommissar Zakaria Barudi blickt nach über 40 Dienstjahren seiner Pensionierung entgegen. Noch einen Fall möchte er aufklären. Es geht um den Tod eines Kardinals, der in einem Ölfass an die italienische Botschaft geliefert wurde. Warum war der Kirchenvertreter im Land und weshalb wurde er ermordet? Zunächst gibt es wenige Anhaltspunkte und der Kommissar stößt bei seinen Nachforschungen auf Widerstand.

Obwohl man meinen könnte, es handelte sich bei diesem Handlungsrahmen um eine kriminalistische Geschichte, greift diese Beschreibung wohl zu kurz. Am Ende seines Arbeitslebens angelangt, zieht Kommissar Barudi Bilanz. Der Enthusiasmus zu Beginn seiner Laufbahn ist der harten Realität gewichen. Dem Regime ist nicht immer an einer ordentlichen Aufklärung gelegen. Etwas, was der Kommissar nicht vermissen wird. Seine allzu früh verstorbene Frau vermisst er dagegen immer noch schmerzlich. Doch ist mit dem Eintritt ins Pensionärsdasein nicht auch eine Zäsur des Lebens verbunden? Könnte er nicht einen Neubeginn wagen? Erstmal jedoch muss er herausfinden, von wem der Kardinal getötet wurde. Hilfe findet er bei dem italienischen Kommissar Mancini.

Über die reine Krimihandlung hinaus wird ein Bild der Gesellschaft in Damaskus gezeichnet. Kommissar Barudi, der mit Religion nicht mehr viel am Hut hat, ist abgeklärt und desillusioniert. Seine Arbeit war ihm zwar immer wichtig und er hat sie gewissenhaft ausgeführt, aber den Anforderungen des Regimes mochte er nie genügen. Nun freut er sich schon auf die kommende Pensionierung. Sein Kollege aus Italien ist ein echter Lichtblick, wobei die beiden durchaus Parallelen in der Organisation ihrer Behörden feststellen können. Noch ist alles relativ friedlich, doch der kommende Bürgerkrieg wirft erste Schatten voraus. Die eindringliche, schonungslose und ausführliche Schilderung der Verhältnisse bietet einen interessanten Überblick über das Leben in Damaskus. Gekonnt wird dieses Hörbuch vorgetragen von Udo Schenk und Jürgen Tarrach. Ist man mit arabisch-stämmigen Autoren nicht so vertraut bietet das Hörbuch eine sehr gute Alternative zum Buch.

Veröffentlicht am 15.09.2019

Neuanfang

Vernichtung
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Von Lisbet hat Mikael Blomkvist schon länger nichts gehört und er muss feststellen, dass ihre Wohnung jemand anderem gehört. Fast eine willkommene Ablenkung ist da ein Anruf aus der Gerichtsmedizin. Ein ...

Von Lisbet hat Mikael Blomkvist schon länger nichts gehört und er muss feststellen, dass ihre Wohnung jemand anderem gehört. Fast eine willkommene Ablenkung ist da ein Anruf aus der Gerichtsmedizin. Ein Obdachloser wurde tot aufgefunden, der im Besitz von Mikaels Telefonnummer war. Nach einigen Überlegungen kann sich Blomkvist sogar an den Mann erinnern, der offensichtlich verwirrt war, allem Anschein nach aber doch eine Art Mission hatte. Lisbet Salander hält sich recht weit entfernt von Schweden auf, mal wieder ist sie auf der Jagd nach den losen Enden ihrer eigenen Vergangenheit.

Wie kommt ein obdachloser Mensch, der nach ersten Untersuchungen aus Asien zu stammen scheint, in eine Fußgängerzone in Stockholm. Offensichtlich war der Mann in körperlich und auch psychisch sehr schlechtem Zustand. Doch die die Gerichtsmedizinerin feststellt, ist der bedauernswerte Kranke nicht einfach so gestorben. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten, entweder der Mann hat sich selbst getötet oder jemand hat nachgeholfen. Und so ist es die Rechtsmedizinerin Fredrika Nyman, die Mikael Blomkvist kontaktiert. Schnell stellt sich heraus, dass der Tote ein Geheimnis in sich trug und dass es Leute gibt, denen nicht daran gelegen ist, dieses an die Öffentlichkeit zu bringen.

Sehr spannend ist das Geschehen um den unbekannten Toten. Wie und weshalb kam er nach Stockholm? Nicht zu viel soll verraten werden, es macht einfach Spaß gewisse Sachen beim Lesen selbst zu entdecken. Vor diesem packenden Teil der Handlung wirkt Lisbets Part fast etwas nebensächlich. Zwar sind sie und Mikael freundschaftlich verbunden, aber doch sehr entfernt. Kaum einmal kommt es zu einer Zusammenarbeit. Lisbet macht ihren Weg, wenn auch unter Schwierigkeiten, die es in sich haben und in die letztlich auch Mikael hineingezogen wird. Dieser Roman um Mikael Blomkvist und ein wenig Lisbet Salander ist nie langweilig, wobei besonders die Aufklärung der Hintergründe um den toten Obdachlosen hervorgehoben werden können. Diese Geschichte rockt. Und wenn Lisbet Salander neu anfangen will, dann sei ihr alles Gute beschieden.

Veröffentlicht am 14.09.2019

Im Überschwang

Cherubino
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Die Opernsängerin Iris Schiffer ist glücklich. Sie hat ein Engagement an der New Yorker Met und die Salzburger Festspiele winken. Ihre etwas unerwartete Schwangerschaft soll da kein Hindernis sein. Iris ...

Die Opernsängerin Iris Schiffer ist glücklich. Sie hat ein Engagement an der New Yorker Met und die Salzburger Festspiele winken. Ihre etwas unerwartete Schwangerschaft soll da kein Hindernis sein. Iris ist selbstständig und da gibt es keinen Mutterschutz, aber sie hat gehört, dass Schwangere keine Aufträge mehr bekommen. Was also tun? Am besten Nichts. Zunächst mal lebt Iris so weiter als habe sich nichts verändert. Weder ihren Auftraggebern noch den beiden möglichen Vätern oder der Familie sagt Iris etwas. Sie macht das mit ihrer Schwangerschaft erstmal mit sich selbst ab. Ewig wird sich ihr Zustand zwangsläufig nicht verbergen lassen.

Nicht so einfach, für neue Rollen zu lernen und gleichzeitig an das werdende Kind zu denken. Sind die vielen Reisen etwa nicht gut für den kleinen Wurm? Wird sie überhaupt weiter singen können? Momentan ist die Stimme der 39jährigen so gut wie noch nie, sie kann nicht sicher sein, dass das so bleibt. Und wird sie Schwangerschaftsbeschwerden haben und was wird die Familie sagen? Und immer wieder die Inszenierungen, an denen Iris unbedingt teilnehmen will. Angebote sind halt auch Chancen, die nicht verpasst werden dürfen, Chancen, die man nur einmal bekommt.

Viel erfährt man über das Innenleben der singenden Schwangeren oder der schwangeren Sängerin. Der Wille, die Karriere nicht zu kurz kommen zu lassen. Die Sorge, mit dem Kind könnte etwas sein. Der Wunsch nach einem sorgenden Vater. Die Begründung für die Geheimhaltung. Man taucht ein in das Seelenleben der Iris Schiffer, es mäandert zwischen den Polen der Karriere und der voranschreitenden Schwangerschaft. Die Idee der Autorin, dies einfach mal zu thematisieren, ist ausgesprochen ansprechend. Sie ist eine moderne Frau, die selbst entscheidet. Und vieles, was sie sich vorgenommen hat, schafft sie auch. Obwohl sie sich auf ihre Männer stützt, wenn es möglich ist oder sie es für nötig hält, bleiben diese doch eher blass. Es ist Iris, die Sängerin, die sich in ihre Rollen hineinsingt und summt, die ebenso Eindruck hinterlässt wie Iris, die Schwangere, die ihr werdendes Kind umsorgt. Ein ungewöhnliches Thema, dass gelungen aufbereitet und gefühlvoll serviert wird.