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Veröffentlicht am 19.04.2019

Entropia

Cat & Cole 2: Ein grausames Spiel
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Lachlan, eine Art Vater für Cat, ist derjenige, dem das Handwerk gelegt werden muss. Obwohl erschöpft und ihre Verletzungen noch kaum ausgeheilt, begibt sich Cat mit ihren Gefährten auf die Suche. Lachlan ...

Lachlan, eine Art Vater für Cat, ist derjenige, dem das Handwerk gelegt werden muss. Obwohl erschöpft und ihre Verletzungen noch kaum ausgeheilt, begibt sich Cat mit ihren Gefährten auf die Suche. Lachlan muss unbedingt gefunden werden, bevor er die Menschheit umprogrammieren kann. Die Spur führt nach Entropia, der Stadt der Genhacker, in der viel der ursprünglichen Gentechnik entwickelt wurde. Eigentlich ein logisches Versteck, denn Labore sind vorhanden. Doch wird Regina, eine Mitbegründerin der Ansiedlung, Cat und ihre Freunde einfach so willkommen heißen? Schon auf dem Weg nach Entropie werden Anzeichen einer neuen Gefahr ersichtlich.

Die Seuche scheint besiegt, ein Impfstoff wurde entwickelt und verteilt. Die Menschen kommen aus ihren Zufluchtsorten und eigentlich sollte es eine Zeit der Freude sein. Doch schon wieder beginnen Menschen Zeichen von Krankheiten zu zeigen. Wie konnte das geschehen? Droht hier eine neue Gefahr? Unverdrossen machen sich Cat und Cole auf, um Lachlan zu suchen und seine Pläne zu durchkreuzen. Dabei ist Cat nicht nur den äußeren Gefahren ausgesetzt, auch aus ihrem Inneren mehren sich Zeichen, dass von dort weiteres Ungemach kommen kann. Cat kämpft dagegen an, die Rettung der Menschheit ist schließlich wichtiger als ihre unbedeutenden Wehwehchen. Doch möglicherweise hängt alles zusammen. Cat weiß nicht, ob es sich bei dem, was in ihrer Seele verborgen ist, um Freund oder Feind handelt.

Mit ihren Erfindungen Cat und Cole weiß Emily Suvada wahrlich zu überzeugen. Mindestes ebenso spannend wie der erste Band bietet auch dieser zweite Teil der Reihe packende Unterhaltung. Wobei man diese nervenaufreibende Tour de Force beinahe nicht einfach Unterhaltung nennen kann. So manches Mal denkt man, das kann sie doch nicht machen, um nur kurze Seiten später zu erfahren, dass sich doch alles logisch ins Bild fügt. Mit ihren unkonventionellen Gedanken und Lösungen fesselt die Autorin außerordentlich. Ebenso wie ihre Heldin ist sie eine, die dem Problem entgegentritt und eine Antwort fordert. Eine Antwort, die die Autorin natürlich in erster Linie selbst finden muss und das ist zur Freude der Leserin sehr gelungen.


Veröffentlicht am 14.04.2019

Herzensbrief

Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall
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Ende der 1960er Jahr im Süden Italien lebt ein Postbote eigener Art. Er ist seinen Mitmenschen gegenüber eher zurückhaltend. An den Briefen, die durch seine Hände gehen, hat er doch ein gewisses Interesse. ...

Ende der 1960er Jahr im Süden Italien lebt ein Postbote eigener Art. Er ist seinen Mitmenschen gegenüber eher zurückhaltend. An den Briefen, die durch seine Hände gehen, hat er doch ein gewisses Interesse. Briefe, die besonders aussehen, die besonders riechen, die einen besonderen Adressaten haben, diese Briefe erhalten eine besondere Behandlung. Vor der Zustellung prüft der Postbote erstmal, ob sie in der geschriebenen Form übermittelt werden können. Mit außerordentlichem Geschick gelingt es dem Postboten Schriftbilder nachzuahmen, so dass er eine Entdeckung kaum zu fürchten hat, wenn er den Inhalt den allzu harten oder schmerzlichen Inhalt eines Briefes in gefälligere Worte kleidet.

Etwas eigenartig ist die Arbeitsauffassung des Postboten des kleinen Ortes Girifalco schon. Doch in dem kleinen Dorf kennt jeder jeden und so sind die Briefempfänger auch dem Briefträger nicht fremd. Wenn er dann mit ungezügelter Neugier einige Briefe öffnet und schwer erträgliche Nachrichten glättet, kann man ihn durchaus verstehen. Vielleicht wird sein Berufsstand grundsätzlich eher unterschätzt, an diesem Postboten ist jedoch ein Philosoph verloren gegangen. Über alles und jedes kann er sich Gedanken machen und jeder Zufall ist eine Betrachtung wert. Seine Einsamkeit rührt jedoch nicht von ungefähr, musste er doch auf seine große Liebe verzichten.

Den Ort Girifalco gibt es wie Google Maps verrät im Übrigen tatsächlich. Hätte man diese Feststellung vor der Lektüre getroffen, hätten sich einige Wege des Postboten möglicherweise anhand der Karte nachvollziehen lassen. Dieser echte Bezug lädt zudem dazu ein, ein paar Momente auf den möglichen Echtheitsgehalt des Romans zu verwenden. Gut vorstellbar, dass so ein Postbote trotz der eher unerlaubten Handlungen als gute Seele des Ortes seine Bahnen zieht. Doch vernachlässigt er, indem er anderen zu schönen Briefen verhilft, nicht sein eigenes Leben? Wenn es gälte zu handeln, hält er sich zurück. Schon hat er sich die Szenerie visualisiert, durchdacht und das Ergebnis vorausgeahnt. Und so sicher ist er sich, dass er die eigentlich vorausgesetzte Frage nicht erst stellt. Je länger man den Postboten beim Austragen seiner Briefe begleitet, desto mehr wünscht man sich, er würde nicht nur die fremden Leben leben, sondern sich auf sich selbst besinnen.

Ein melancholischer und doch humorvoller Roman mit einem sympathisch knorrigen Helden, der die alten Gassen eines echten Ortes durchwandert.

Veröffentlicht am 12.04.2019

Augenstern

Krokodilwächter
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Eigentlich will der alte Gregers nur den Müll runterbringen, doch am Treppenabsatz gerät er ins Straucheln und bemerkt, dass die Tür zur Nachbarwohnung nicht richtig geschlossen ist. Noch im Fallen merkt ...

Eigentlich will der alte Gregers nur den Müll runterbringen, doch am Treppenabsatz gerät er ins Straucheln und bemerkt, dass die Tür zur Nachbarwohnung nicht richtig geschlossen ist. Noch im Fallen merkt er, dass hier etwas überhaupt nicht stimmt. Er kommt auf einem weichfesten Ding zu liegen. Entsetzt sieht er, dass es sich um die Leiche seiner jungen Nachbarin Julie handelt. Gregers verliert die Besinnung. Die Hauseigentümerin Esther muss schließlich alles regeln, Gregers kommt ins Krankenhaus, Julie in die Rechtsmedizin und die Polizei hat eine Menge Fragen. Unvorstellbar, dass jemand etwas gegen die junge Frau gehabt haben könnte.

Im ersten Band um die Polizisten Jeppe Kørner und Anette Werner bekommen die Beiden es mit einem üblen Mord zu tun, den keiner so schnell entschlüsseln kann. Die junge Frau schien keiner Seele etwas zuleide getan zu haben. Wer also sollte überhaupt einen Groll gegen sie gehegt haben und dann noch einen tödlichen. Oder hat die Nachbarin Esther mit der Sache zu tun? Sie schreibt an einem Roman, in dem ein verblüffend ähnlicher Mord geschildert wird. Jeppe, der noch sehr an der Trennung von seiner Frau zu knacken hat, und Anette, die eine glückliche Ehe zu führen scheint, machen sich gemeinsam auf die Suche nach dem Täter und dem Hintergrund der Tat.

Wie einen das Leben doch prägt. Viele der Beteiligten schleppen in ihrem Rucksack mehr mit sich herum als man zunächst so meint. Sogar das Mordopfer hat ein Geheimnis. Durch ihren Tot kommen sich Menschen näher, die vorher aneinander vorbei gelebt haben. Und auch die Ermittler machen eine Entwicklung durch. Besonders Jeppe, dem allmählich klarwird, dass es Zeit wird, die Trennung hinter sich zu lassen. Detailreich beschreibt die Autorin den Weg zum Kern des Falles, dem Augenstern, als den der Mörder auch Julie bezeichnet hat. Ein Wort, das er wohlmöglich ganz anders benutzt hat als sie gedeutet hat. Sehr geschickt sind kleine Andeutungen versteckt, die schließlich eine Tat beleuchten, die einen mit Trauer erfüllt. Allerdings lässt sich für bestimmte Beteiligte kein Mitleid finden, zu sehr sind diese auf ihr eigenes Ego und ihren eigenen Vorteil bedacht.

Dieser Kriminalroman überzeugt mit seinem gut konstruierten aufrüttelnden Fall und den sympathischen Ermittlern.

Veröffentlicht am 11.04.2019

Spieglein

Winterkind
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Sehnsüchtig wartet Blanka von Rapp darauf, dass ihre kleine Tochter Johanna, ihr Mann und das Kindermädchen Sophie zurückkehren. Seit langem schon kann Blanka das Haus nicht mehr verlassen und so konnte ...

Sehnsüchtig wartet Blanka von Rapp darauf, dass ihre kleine Tochter Johanna, ihr Mann und das Kindermädchen Sophie zurückkehren. Seit langem schon kann Blanka das Haus nicht mehr verlassen und so konnte sie nicht einmal der Bestattung ihrer Mutter beiwohnen. Es ist kalt, es ist Winter. Endlich kommen sie und sie bringen das einzige Erbe, einen Spiegel. Obwohl Blanka erfreut ist, dass ihre Familie endlich um sie vereint ist, herrscht doch eine gedrückte Stimmung. Und bald schon muss ihr Mann wieder fort. Der Zahltag für die Arbeiter der Glashütte naht und noch steht das Geld nicht parat.

Ein Winterroman, den man lieber in der helleren Jahreszeit liest. Zu düster ist die Stimmung, die verbreitet wird. Es steht nicht gut um die Familie von Rapp, sowohl was das zwischenmenschliche angeht als auch, was die finanzielle Seite anbetrifft. Der von Rapp war einmal ihr Traummann, für ihn ist sie andere Wege gegangen. Doch was ist geblieben, nach den Ehejahren. Nur ihr liebstes und einziges Kind. Als Johanna nach der Fahrt durch die Winterluft schwer erkrankt, ist ihre Mutter untröstlich. Gemeinsam mit Sophie versucht sie alles, um dem Kind zu helfen. Nicht immer allerdings ist gut gemeint auch gut gemacht. So bringt Blanka ihre Tochter in noch größere Gefahr.

Erinnert an das Märchen vom Schneewittchen wird man bei der Lektüre dieses Buches. Doch die Vorstellung von einem happily ever after sollte man beim Lesen dieses Romans nochmal überdenken. Man muss damit rechnen, aus seinen romantischen Vorstellungen gerissen zu werden. Nach dem Happy End geht das Leben erst los. Und nicht immer schwebt man auf rosa Wolken. Blanka jedenfalls ist in ihrer Vergangenheit gefangen und sie kann sich nur mit ihrer Fowlerschen Lösung aufrecht halten. Doch Blanka kämpft gegen die Dunkelheit in ihrem Inneren und für ihre Tochter. Und damit nährt sich auch der Glaube, dass es wieder aufwärts geht, wenn ein Tal durchwandert ist.

Ein spannender, düsterer Roman, der in einer alten Zeit spielt, in welcher schon der Umbruch in die Moderne zu spüren ist.

Veröffentlicht am 07.04.2019

Nach Süden

Rückwärtswalzer
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Man müsste Lorenz als Loser bezeichnen. Sein Vater hat ihn dermaßen verwöhnt, dass er so fest daran glaubt, er ist toll, dass er nicht merkt, wie andere über ihn denken. Ein wenig aufgerüttelt wird er ...

Man müsste Lorenz als Loser bezeichnen. Sein Vater hat ihn dermaßen verwöhnt, dass er so fest daran glaubt, er ist toll, dass er nicht merkt, wie andere über ihn denken. Ein wenig aufgerüttelt wird er als seine Freundin ihn verlässt. Immer noch meint Lorenz allerdings, er müsse nichts ändern. Lieber fragt er seine angeheirateten Onkel nach Geld. Glücklicherweise halten diese das Geld, welches sie haben oder nicht, zusammen. Lorenz vermietet seine Wohnung und zieht zu seinen Tanten. Ihre Welt ist skurril und doch auch heimelig. Doch dann wacht Onkel Willi eines morgens einfach nicht mehr auf. Und sein Wunsch war es, in seiner Heimat Montenegro beerdigt zu werden.

Da Tante Hedi immer gedacht hat, ihr Wille werde sie überleben, wo er doch jünger war, hat sie das Beerdigungsgeld ihrer gemeinsamen Tochter gegeben. Wie sollen sie nun ihr heiligstes Versprechen einhalten. Im kleinen Panda machen sie sich zu fünft auf den Weg, Lorenz am Steuer, Onkel Willi auf dem Beifahrersitz und Tante Hedi, Tante Mirl und Tante Wetti hinten. Ein letzter Wunsch, der einfach erfüllt werden muss. Wie eine bewegte Totenwache könnte diese Fahrt über Autobahnen, Straßen und Wege gesehen werden. Da kommen Erinnerungen auf, an die Kindheit der Prischingers, die einmal fünf waren und dann nur noch vier. Wie die Schwestern zu Tanten wurden und schließlich alle in Wien gelandet sind. Wie sie nur ohne Willi klarkommen sollen. Willi, der immer beweglich war und für jeden ein gutes Wort hatte. Und wie sie ihr Versprechen halten, ahnend, dass er noch nicht ganz fort ist, dass er nur am Ziel wirklich seine Ruhe findet.

Vielleicht hat man Ähnliches, naja, anders schon, aber doch ähnlich, selbst einmal mitgemacht. Ein Versprechen über den Tod hinaus gehalten. Und so kann man verstehen, wie wichtig es ist, dass Willi an seinen Sehnsuchtsort kommt, wo auch er ein Versprechen einzuhalten hat. Doch nicht nur dann wird man sie mögen, die chaotische und doch lebensechte Familie Prischinger. Mit ihren Toten lernt man auch sie kennen und ihre Geschichte. Leicht hatten sie es nicht, doch sie hatten sich. Und sie halten zusammen, für Willi und auch für Lorenz, der auf diesem außergewöhnlichen Roadtrip eine ganze Menge über sein Leben und das Leben überhaupt lernt.
Die Prischingers wird man gerne in Erinnerung behalten und auch ihre Toten und auch die eigenen Toten. Und wenn man die Autorin während einer Lesung kennenlernen durfte, wird ihre Stimme durch die Lektüre hallen, die dem Roman eine besondere Lebendigkeit verleiht.