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Veröffentlicht am 11.09.2024

Vertrauen

Treue
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In den 1920er Jahren ist Benjamin Rask wohl einer der gewieftesten Finanzmagnaten in New York. Doch sein Leben wird erst ganz als er seine Frau Helen kennenlernt. Dass diese ihren geliebten Vater an eine ...

In den 1920er Jahren ist Benjamin Rask wohl einer der gewieftesten Finanzmagnaten in New York. Doch sein Leben wird erst ganz als er seine Frau Helen kennenlernt. Dass diese ihren geliebten Vater an eine geistige Erkrankung verloren hat, wirkt fast wie ein grausames Omen. Dennoch sind die Eheleute in der ersten Zeit glücklich. Mit seinen genialen Händchen schafft es Rask sogar dem Börsencrash des Jahres 1929 zu entgehen und aus einer Situation, die wohl viele in den Ruin getrieben hat, noch Gewinn zu schlagen. Doch nicht immer ist alles so wie es scheint.

Aus vier Perspektiven wird die Geschichte eines genialen Finanziers erzählt. Auf den ersten Blick scheint es sich um sehr unterschiedliche Geschichten zu handeln. Erst beim Lesen begreift man, dass es doch um das gleiche Thema geht. Ein Mensch hat so viel Vorausschau, dass er dem großen Crash zuvorkommt. Doch nicht umsonst werden unterschiedliche Sichtweisen gewählt, um die Story zu erzählen. Nach und nach ergeben sich immer mehr Feinheiten, die die Geschichte in einem völlig anderen Licht dastehen lassen.

Trust lässt sich soweit bekannt unter anderen mit Finanztrust, Investmentgesellschaft oder auch mit Vertrauen übersetzen. Wie der Roman zu seinem deutschen Titel „Treue“ gekommen ist, erschließt sich nicht so ganz. Zumindest in der englischsprachigen Ausgabe wird Treue nicht in nennenswerten Umfang erwähnt, wenn überhaupt.

Der Autor hat mit seinem Roman den Pulitzer Preis 2023 gewonnen und manchmal stechen Preisbücher wirklich hervor und manchmal sind sie einfach nur schwierig zu lesen. Und so war man vielleicht etwas skeptisch. Als sich nun jedoch die Gelegenheit ergab, das Buch im Original zerwerfen, war die Neugier doch vorhanden. Und siehe da, das Buch sticht durchaus heraus. Zum einen ist da die Form der unterschiedlichen Perspektiven und zum anderen der Inhalt an sich. Dieser handelt von einem Finanzmagnaten und seiner Frau und wie die berufliche Tätigkeit und die Ehe sich aus verschiedenen Blickwinkeln darstellt. Da wird aus einer konventionellen Geschichte eine erstaunliche. Um Sympathie geht es allerdings weniger, was vielleicht etwas fehlt. Dies tritt aber hinter den Entdeckungen, die das Buch bietet, zurück.

Veröffentlicht am 11.09.2024

Serienmörder

In Zeiten des Todes
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Anfang der 1990er wird in Bozen die Leiche einer jungen Prostituierten gefunden. Der relativ neu eingesetzte Kommissar Luther Krupp übernimmt den Fall. Er ist in eine eingeschworene Gemeinschaft hineinversetzt ...

Anfang der 1990er wird in Bozen die Leiche einer jungen Prostituierten gefunden. Der relativ neu eingesetzte Kommissar Luther Krupp übernimmt den Fall. Er ist in eine eingeschworene Gemeinschaft hineinversetzt worden, die ihm die Ermittlungen nicht leicht macht. Deshalb fordert er eine der wenigen Frauen an, die bei der Polizei arbeiten. Eigentlich ist der Einsatz vonFrauen bei der Mordkommission noch nicht erlaubt, aber Krupp setzt durch, dass Ariana Lici in die Nachforschungen eingebunden wird. Die akribischen Ermittlungen ergeben zunächst nicht viel. Krupp empfindet den Umfang mit der Familie des Opfers als sehr belastend. Durch die Erzählung der Eltern wird das Opfer von der Prostituierten zum Menschen.

Der neue Kommissar Luther Krupp will einen frischen Wind in die Truppe bringen. Schnell muss er feststellen, dass das nicht so einfach ist. Für viele seiner Kollegen ist die Verstorbene nur eine Nutte, drogensüchtig, und der Mord wahrscheinlich im Milieu zu verrotten. Also ein Fall, dem kaum weitere Bedeutung zuzumessen ist. Zu Fällen, die Ähnlichkeiten aufweisen, seien keine Zusammenhänge zu sehen. Krupp sieht das anders. Er vermutet, dass ein Serienmörder seine Stadt Bozen heimsucht. Sein Chef meint, was sei schon eine Tote gegen die vielen Drogentoten. Dem mag Krupp nicht folgen, er will den Mörder finden.

Es ist schon eine Tortur, die Kommissar Krupp durchmacht und die damit auch dem Leser zugemutet wird. Sein Enthusiasmus zu Beginn, die Intrigen der Kollegen, die Zusammenarbeit (oder auch nicht) mit der Presse, die Veränderung, die er im Laufe der Zeit durchmacht. Dazu die Schicksale der Opfer, das ist nicht leicht zu ertragen. Hinzu kommt, dass der Fall einem echten Fall nachempfunden ist. Bei dem Gedanken an die düstere Handlung zieht es einen eh schon runter, die Information das dem ein echter Fall zugrunde liegt führt zum Rumrätseleien, wie nah der Autor der Wirklichkeit gekommen ist oder wo er hineininterpretiert hat. Wie viel Unheil kann einer kleinen Großstadt wie Bozen innewohnen. Wenn man von den anderen Bücher des Autors zumindest einige kennt, kann es sein, dass man mit etwas unglücklichen Erwartungen an die Lektüre herangehen. Dennoch ist der Roman spannend und durch die strukturierte Erzählweise gut zu lesen.

Veröffentlicht am 10.09.2024

Ein toller Esel

Das Glück ist grau
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Der Journalist Christopher McDougall erwirbt mit seiner Frau eine Farm im am Rande eines Amisch County. Es dauert nicht lange und die Beiden beherbergen einige Tiere. Bald kommt ein kleiner Esel hinzu. ...

Der Journalist Christopher McDougall erwirbt mit seiner Frau eine Farm im am Rande eines Amisch County. Es dauert nicht lange und die Beiden beherbergen einige Tiere. Bald kommt ein kleiner Esel hinzu. Er wurde aus einer schlechten Haltung gerettet und Christopher konnte Sherman einfach nicht seinem Schicksal überlassen. Zunächst kümmert er sich um die gesundheitlichen Probleme des Esels. Doch wie soll er die Seele des Tieres wieder aufrichten? Sherman scheint allen Mut und das Vertrauen verloren zu haben. Als Christopher von den Esel Rennen erfährt, hat er eine Idee. Er, selbst ein Läufer, versucht, Sherman zu trainieren und erfährt erstmal, was man dabei alles falsch machen kann.

Wenn man weder etwas vom Laufen versteht noch etwas über die Haltung von Eseln weiß, bietet dieses Buch einige Überraschungen. Der Autor selbst wird von seinem Wunsch zu helfen angetrieben. Er will Shermans Leben wieder lebenswert machen und er stellt fest, dass Sherman sehr wohl merkt, wer ihm Gutes tut. Das heißt nicht, dass immer alles glatt geht, aber die beiden grooven sich ein. Das große Ziel, von dem Sherman nichts weiß, ist ein Esel-Rennen. Auf dem Weg dahin gibt es einige Hindernisse zu überwinden. Manchmal schient das Ziel in unerreichbare Ferne zu rücken.

Halb dokumentarisch ist dieses Buch, beinahe romanhaft geschrieben. Man kann Shermans Geschichte im Internet finden und sich freuen, mit welcher Energie er durch die Gegend trabt. Man merkt, dass der Autor Läufer ist und sich für viele Arten des Laufens begeistert. Er begeistert sich auch für Menschen. So hat er liebenswerte Worte und Geschichten über viele Menschen aus seiner Umgebung. Manchmal wird schweift er dabei etwas ab, so dass es für Leser, denen die Expertise an gewissen Themen fehlt, etwas langatmig werden kann. Auch ist zu finden, dass der Autor inzwischen auf Hawaii lebt. Bleibt also zu hoffen, dass Sherman entweder mitkommen konnte oder er ein anderes liebevolles zuhause gefunden hat. Shermans Rettung und wie er wieder aufgepäppelt wird ergibt eine berührende Erzählung, die eine ansprechende Erweiterung des Lesekanons darstellt.

Veröffentlicht am 08.09.2024

Eine alte Dame erzählt

Das Philosophenschiff
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Die hundertjährige Architektin Anouk Perleman-Jacob hat vor einiger Zeit mit dem Rauchen begonnen. Sie will es dem Tod, der sicher bald kommt, etwas leichter machen. Weil der Schriftsteller dafür bekannt, ...

Die hundertjährige Architektin Anouk Perleman-Jacob hat vor einiger Zeit mit dem Rauchen begonnen. Sie will es dem Tod, der sicher bald kommt, etwas leichter machen. Weil der Schriftsteller dafür bekannt, nicht immer ganz bei der Wahrheit zu bleiben, ist genau der Richtige, um einen Teil ihrer Lebensgeschichte zu erzählen. Und tatsächlich nimmt der Autor sich der Aufgabe an. Manchmal ist es leichter sich unter Fremden zu unterhalten und seine Geschichte zu erzählen. Als junges Mädchen wurde sie gemeinsam mit ihren Eltern im Jahr 1922 aus Petersburg verbannt. Auf einem Passagierschiff müssen sie Russland mit unbekanntem Ziel verlassen.

Anouk Perleman-Jacob hat ihren Weg gemacht. Über Deutschland und Amerika hat sie ihr Weg nach Österreich geführt. Doch von ihrer Karriere, ihrem Privatleben will sie nur am Rande erzählen. Nein, ihr geht es um die Ausweisung von ihrer eigenen Regierung aus ihrem Heimatland, aus ihrer Heimatstadt. Was hat ihrer Meinung nach dazu geführt? Und wieso verliert das Schiff plötzlich an Fahrt? Geht es ihnen nun allen an den Kragen? Offensichtlich nicht, denn dann wäre Anouk nicht mehr da, um zu berichten. Ein anderes Boot geht längsseits und ein geheimnisvoller Reisender wird an Bord gebracht.

Wenn ein Roman zum Nachforschen animiert, was Fiktion ist und was Wahrheit, dann ist der Ansatz gelungen. Wie auch in den Informationen zu lesen, handelt es sich tatsächlich teilweise um geschichtlich belegte Ereignisse. Anouk und ihre Lebensgeschichte in diesen Kontext hineinzuschreiben hat etwas Besonderes. Man fragt sich selbst, wie wäre es, wenn das Land einen als unliebsam abstempelt und einen ausweist. Keine schöne Vorstellung. Das macht etwas mit einem, das Weltbild wird verrückt. Vielleicht wird man auch selbst verrückt. Anouks Resilienz ist spektakulär und auch wie pfiffig sie mit dem Autor spielt. Da muss der Autor fast schon kriminalistische entwickeln, um zu kontern. Einzig der Sinn mancher Nebensätze erschließt sich nicht immer. Anouks Geschichte dagegen berührt, der geheimnisvolle Fremde gibt Rätsel auf und die Nominierung dieses Romans sowohl für den deutschen als auch für den österreichischen Buchpreis erscheint mehr als gerechtfertigt.

Das Titelbild mit dem in der Ferne sichtbaren Dampfschiff in der ein wenig diesig und trostlos wirkenden Küstenlandschaft passt gut zu der Stimmung, die einen wohl überfällt, wenn man vom eigenen Land den Stuhl vor die Tür gestellt bekommt.

Veröffentlicht am 06.09.2024

Eine Bewältigung

Knife
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Der Schriftsteller Salman Rushdie fällt während einer Lesung im Amphitheater in Chautauqua im August 2022 beinahe einem Messerattentat zum Opfer. Mit vielfachen Stichwunden kommt er schwerstverletzt ins ...

Der Schriftsteller Salman Rushdie fällt während einer Lesung im Amphitheater in Chautauqua im August 2022 beinahe einem Messerattentat zum Opfer. Mit vielfachen Stichwunden kommt er schwerstverletzt ins Krankenhaus. Seine Frau Eliza reist an sein Krankenlager. Ihr wurde gesagt, Es wäre nicht sicher, dass Salman es schafft. Doch nach der Notoperation ist Salman Rushdie noch da. Es folgt eine lange Zeit der Rekonvaleszenz, in der es bergauf geht, allerdings nicht immer stetig. Zum Glück hat er die Unterstützung seiner Familie. Nach und nach beginnt er, sich mit dem Attentat auseinanderzusetzen. Als es ihm möglich ist, fängt er an, die Erlebnisse und Gedanken in diesem Buch niederzuschreiben.

Leider kommt man heutzutage schneller an Messerattentate heran als in früheren Zeiten. Das muss leidvoll auch der Autor Salman Rushdie erfahren. Sei vielen Jahren lebt er wegen seines Romans „Die satanischen Verse“ unter einer Todesdrohung. Wegen eben dieser langen Zeit, in der nichts geschah, ist der Gedanke an einen Angriff nicht völlig aus dem Kopf, aber natürlich war mit einem Mordversuch auf offener Bühne nicht zu rechnen. Und dann passiert das Unsägliche. Mit viel Glück, eisernem Willen und hervorragender medizinischer Versorgung überlebt der Schriftsteller den Anschlag. Mit diesem Buch verarbeitet er die schockierenden Erlebnisse.

Natürlich kann man sich an die schrecklichen Bilder und Meldungen aus dem August 2022 und wie froh man war, dass der Autor sich nicht unterkriegen ließ. Mit diesem Buch legt er seine sehr persönlichen Gedanken und Gefühle zu dem Attentat vor. Das ist sehr beeindruckend zu lesen. Man fühlt mit, erlebt sein Unverständnis, seine Auseinandersetzung mit dem Attentäter und mit welcher Energie er sich sein Leben zurückerobert. Da möchte und muss man sich verneigen. Auch seine Einstellung zur Religion ist bemerkenswert, Sätze, die aus der Seele sprechen. Diese Gedanken nach einem Mordversuch fordern und regen zum Nachdenken an. Eine Lektüre, die gerne weiter empfohlen wird.