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Veröffentlicht am 30.08.2022

Katyas Geschichte

Denk ich an Kiew
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Nachdem Cassies Mann vor einiger Zeit bei einem Unfall starb, hört die Trauer für Cassie und ihre kleine Tochter Cassie nicht auf. Um ihr zu helfen, wieder ins Leben zurückzufinden, holt Cassies Mutter ...

Nachdem Cassies Mann vor einiger Zeit bei einem Unfall starb, hört die Trauer für Cassie und ihre kleine Tochter Cassie nicht auf. Um ihr zu helfen, wieder ins Leben zurückzufinden, holt Cassies Mutter Tochter und Enkelin zurück nach Illinois. Dort ziehen sie zu Cassies Großmutter, die sich nach einem kleinen Unfall erholen soll. Katya hat nie viel von ihrer ukrainischen Heimat erzählt, doch nun scheint es so als würden ihre Gedanken mehr und mehr in die Vergangenheit gezogen. Gerne möchte Cassie ihrer Großmutter helfen. Weil diese jedoch immer so verschlossen ist, kann sie sie nicht direkt fragen. Dann findet Cassie ein Tagebuch, dem Bobby ihre innersten Gedanken und Gefühle anvertraut hat.

Zwischen Gegenwart und Vergangenheit erfährt man von Katya, ihrem Erleben der 1930er in der Ukraine und von ihrem Lebensabend im Jahr 2004 in Amerika. Schon einmal hat Russland, welches damals noch Sowjetunion hieß, großes Leid über die Ukraine gebracht. Die Vergemeinschaftung des Besitzes der ukrainischen Bauern löste eine menschengemachte Hungersnot aus. Katya, eigentlich wohlbehütet aufgewachsen und glücklich verheiratet, erfährt mehr Leid als ein Mensch ertragen kann. Ihre Lieben werden deportiert, umgebracht, hungern nicht nur, verhungern. Cassie kann nicht fassen, was sie erfährt. Welche Kraft hatte ihre Großmutter, um doch noch ein erfülltes Leben zu finden. Und wird Cassie ihren Verlust jemals überwinden können?

Offensichtlich noch vor dem gerade über die Ukraine hereingebrochenen Krieg geschrieben, weist die hier erzählte anrührende Geschichte tatsächlich einige Parallelen zu den jetzigen Verbreitungen der Besatzer auf. Der Hunger wurde als Mittel des Krieges genutzt, nicht nur mutwillig, sondern absichtlich wurden Menschen in den Hungertot getrieben. Einfach, um den Widerstand zu brechen und die Menschen gefügig zu machen. Unter anderen Umständen wäre es kaum zu glauben, aber die Schlechtigkeit der Menschen findet hier einen besonders perfiden Ausdruck. Obwohl von großem Leide und Trauer getragen, ist diese Erzählung doch auch eine Geschichte der Hoffnung und der Heilung. Dadurch ergibt sich die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart zwischen Katya und Cassie. Vielleicht fragt man sich beim Lesen der Beschreibung, ob man das Buch lesen möchte. Nach der Lektüre kann man nur sagen: Unbedingt lesen!

Veröffentlicht am 24.08.2022

Drei Hüter

Die Geschichte der Bienen
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Dies ist nicht nur die Geschichte der Bienen, sondern auch die Geschichte von William, George und Tao. William wäre gerne Forscher geworden. Doch durch seine frühe Heirat und reiche Kinderschar ist der ...

Dies ist nicht nur die Geschichte der Bienen, sondern auch die Geschichte von William, George und Tao. William wäre gerne Forscher geworden. Doch durch seine frühe Heirat und reiche Kinderschar ist der dazu verurteilt einfacher Saathändler zu sein. Über hundert Jahre später arbeitet George als professioneller Imker. Seine Bienenkästen baut er selbst und die Bienen haben immer für sein Auskommen gesorgt. Allerdings zweifelt er so langsam daran, dass sein Sohn den Betrieb übernehmen wird. Weitere über hundert Jahre später in China ist Tao als Blütenbestäuberin tätig, denn es gibt keine Bienen mehr. Ihre Freude ist ihr kleiner Sohn.

Die Erzählungen von drei Menschen angesiedelt in unterschiedlichen Epochen und ihre Beziehungen in den Familien und zu den Bienen. William als gescheiterter Forscher hadert mit dem, was er nicht erreicht hat. Seine Tochter Charlotte ist seine Stütze, doch auch sie kann nicht verhindern, dass William immer sein Versagen sieht. George würde in sich ruhen, wenn nur sein Sohn Tom Interesse an dem Hof hätte, der die Familie seit Generationen ernährt. Tao hat ihre schwere Arbeit angenommen, ob wohl sie lieber studiert hätte. Doch so hat sie ein relativ gesichertes Leben und das Wichtigste ihren Sohn und ihren Mann.

Eine Weile dauert es schon bis die Autorin einen Zusammenhang zwischen den Lebenswegen der drei Protagonisten offenbart, dennoch weckt sie Interesse an der Geschichte der Bienen, deren Verschwinden dringlichst verhindert werden sollte. Melancholie liegt über der Handlung. Man fragt sich, ob man nichts tun kann. Insbesondere William wirkt sehr phlegmatisch, wohingegen der Eindruck entsteht, dass George irgendwie die Sprache fehlt. Tao wirkt schon fast zu energisch und glücklich scheinen alle drei nicht. Dennoch fesselt der Roman nicht so sehr mit den Menschen, sondern mehr mit den Bienen. Diese kleinen fleißigen Wesen - man sollte es sich zur Aufgabe machen, ihren Bestand zu sichern, wo und wie immer es möglich ist. Und trotz aller Melancholie liegt über dieser packenden Story auch ein hoffnungsfroher Silberstreif.

Veröffentlicht am 23.08.2022

Lomberg

Das neunte Gemälde
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Im Frühjahr 2016 lebt der Kunstexperte Lennard Lomberg im Beschaulichen Bonn. Davor war er lange Zeit in Groß Britannien tätig. . Überrascht wird Lomberg durch die Kontaktaufnahme eines Franzosen, dem ...

Im Frühjahr 2016 lebt der Kunstexperte Lennard Lomberg im Beschaulichen Bonn. Davor war er lange Zeit in Groß Britannien tätig. . Überrascht wird Lomberg durch die Kontaktaufnahme eines Franzosen, dem es darum geht, den rechtmäßigen Besitzer ein bestimmtes Bild wieder zukommen zu lassen. Falls Lomberg diesen Auftrag ablehne, müsse er damit rechnen, dass gewisse Informationen über seine Familie ans Licht kommen. Wen soll es da wundern, dass Lennard Lomberg nicht gerade scharf auf die Dache ist. Als jedoch die Polizei vor der Tür steht, weil der Franzose tot aufgefunden wurde, will und muss Lomberg doch herausfinden, was hinter der mysteriösen Geschichte steckt.

In seiner ersten Untersuchung ist Lennard Lomberg gleich sehr persönlich betroffen. Zum einen besteht ein vager Verdacht, dass er etwas mit dem Tod des Franzosen zu tun haben könnte. Zum anderen geht es aber auch um die Vergangenheit seines Vaters, eines trockenen Juristen, dem dem er sich überworfen hat, als er selbst die Juristerei zugunsten der Kunstgeschichte aufgegeben hat. Am meisten schien seinen Vater das Thema der Abschlussarbeit aufzuregen, in der es um Beutekunst ging. Je tiefer Lomberg in der Vergangenheit gräbt, desto mehr beginnt er zu verstehen, wieso sein Vater lieber als beamteter Jurist tätig war. Warum aber sollte jemand wegen der Galten Geschichte in der Gegenwart umgebracht werden?

Die Zeit des zweiten Weltkrieges ist häufig in den Familien totgeschwiegen worden. Lieber wollte man neu anfangen, das Wirtschaftswunder gestalten und den ersten Urlaub genießen. Zwar wird es eher selten so spannende oder schockierende Lebensläufe zu entdecken geben, wie hier beim alten Lomberg, aber sofern Zeitzeugen noch befragt werden können, haben sie bestimmt etwas zu erzählen. Auch wenn der Roman etwas behäbig beginnt, ist man bald gefesselt und irgendwann erstaunt, dass es schon vorbei ist. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Personen und zu Vergangenheit sind klug zusammengefügt. Dass und wie Kriegserlebnisse über Generationen nachwirken, wird packend geschildert. Man fragt sich zwar unter diesem Eindruck, wie Lomberga n eine weitere Ermittlung kommen soll, ist aber gerade deswegen gespannt auf den angekündigten zweiten Band.

Das Cover entfaltet seine Wirkung erst mit Kenntnis der Handlung, dann aber richtig.

Veröffentlicht am 20.08.2022

Winter auf Jagd

Das letzte Grab
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Carla Winter ist Anwältin und sie arbeitet hauptsächlich als Strafverteidigerin tätig. Sie würde sagen, sie ist tough. Als sie jedoch die Nachricht erhält, ihr Exmann sei bei einem Autounfall umgekommen, ...

Carla Winter ist Anwältin und sie arbeitet hauptsächlich als Strafverteidigerin tätig. Sie würde sagen, sie ist tough. Als sie jedoch die Nachricht erhält, ihr Exmann sei bei einem Autounfall umgekommen, ist sie doch schockiert und traurig. Und dann findet sie auch noch ihren One-Night-Stand tot im Schrank. Carlas Nervenkostüm gerät ein wenig ins Flattern. Dennoch will sie wissen, wer in ihre Wohnung eingebrochen ist, skrupellos einen Mord begangen hat und offensichtlich nach etwas gesucht hat. Eine erste Spur ergibt sich, als ein Freund ihres Mannes sie kontaktiert und offenbart, dass es um den Schmuggel antiker Kunst geht.

Auch wenn man mitten im Leben steht, rechnet man nicht damit, dass das plötzlich bedeutet, dass man sich im Zentrum eines Kriminalfalls befindet. Carla Winter, die ihrem Mann nur eine ordentliche Beerdigung geben wollte, sieht sich durch Deutschland und Europa reisen. Manchmal kann sie nicht genau sagen, ob sie auf der Suche oder eher auf der Flucht ist. Doch Carla nimmt die Sache in die Hand, eine andere Chance sieht sie nicht. Wenn sie nicht herausfindet, wo das Artefakt geblieben ist, nach dem alle suchen, wird sie immer auf der Flucht sein. Und so langsam wird sie auch sauer auf ihren Ex.

Carla Winter, Anfang vierzig, hat eine starke Persönlichkeit, mit der sie überzeugt. Sie packt es an. Nach der Scheidung hat sie sich noch nicht wirklich von ihrem Mann gelöst. Doch nun erfährt sie Dinge von ihm, die sie eigentlich nie wissen wollte. Wird ihr das helfen einen Schlussstrich zu ziehen? Fesselnd liest sich wie Carla Winter sich auf die Suche nach des Rätsels Lösung macht. Dabei ist sie emphatisch und kümmert sich um die Menschen, die ihr geholfen haben. Interessant sind auch die Erläuterungen zu Raub und Schmuggel antiker Kunstgegenstände. Kunst als Anlageobjekt und damit auch Objekt der Begierde für zwielichtige Gestalten. Ein runder Roman mit einem ansprechenden Thema und rasanten Thrillerelementen.

Veröffentlicht am 19.08.2022

Darling

Das Kind der Lügen
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Nun ist Paula Haydorn schon ein Jahr bei der Polizei. Man schreibt den August 1929. Um ihren Kollegen Martin Broder zu unterstützen, nimmt sie als Zeugin an einer Hinrichtung teil. Kein schönes Erlebnis. ...

Nun ist Paula Haydorn schon ein Jahr bei der Polizei. Man schreibt den August 1929. Um ihren Kollegen Martin Broder zu unterstützen, nimmt sie als Zeugin an einer Hinrichtung teil. Kein schönes Erlebnis. Nur wenig später taucht eine aufgelöste Dame an der Polizeiwache auf, ihre kleine Tochter ist verschwunden. Das Kindermädchen wollte mit Dorle nur spazieren gehen und nun sind immer noch nicht wieder da. Doch Signe von Arnsberg ist schon bekannt und die Kollegen glauben, sie müssten ihre Klage nicht für voll nehmen. Paula ist da anderer Meinung, schließlich geht es um ein kleines Mädchen.

Bis zu ihrem zweiten größeren Fall hat Paula Haydorn die Kollegen überzeugt. Sie ist eine wertvolle Kollegin, die Ermittlungen gut voranbringen kann. Ihr Kollege Martin Broder wirkt in letzter Zeit etwas reserviert und Paulas Verhältnis zu ihren Eltern ist immer noch getrübt. Dennoch widmet sie sich dem neuen Fall mit ganzer Kraft. Paula kann und will nicht glauben, dass die Mutter des Kindes lügt, auch wenn das Benehmen der Frau einige Rätsel aufgibt. Doch bald nehmen die Ermittlungen Fahrt auf und die Ermittler erfahren mehr über Signe von Arnsberg und ihre ungewöhnliche Kindheit und Jugend.

Es tut sich was für die Frauen. Sie können einen Beruf ergreifen und sind nicht mehr nur ein Anhängsel für einen Mann. Doch noch ist es eher eine Aufbruchstimmung, durch die es erst langsam zu Veränderungen kommt. Zwar sieht man schon Anzeichen, wie die Politischen künftig behandelt werden, doch noch sind es eben Anzeichen, die nicht jeder ernst nimmt. Signe von Arnsberg wirkt etwas überkandidelt, so dass es kein Wunder ist, dass sie nicht für voll genommen wird. In diesem Fall muss Paula einiges durchleiden. Zum einen ihre Unsicherheit Martin gegenüber, zum anderen das kühle Verhältnis zu ihren Eltern und es belastet sie auch, wenn sie mit den Toten konfrontiert wird. Es entwickelt sich langsam ein Fall, der Paulas ganzes Können fordert und sie auch über Hamburg hinausführt. Obwohl die Erzählweise bei diesem zweiten Fall fast ein wenig zu ruhig ist, so ist die Geschichte von Signe und ihrer Tochter umso fesselnder. Was da nach und nach ans Licht kommt ist erstaunlich und manchmal aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen. Wie damals Menschen behandelt wurden, da ist man froh, das man heute lebt.

Diese ansprechende Reihe vor historischem Hintergrund, wird gerne empfohlen.