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Veröffentlicht am 06.08.2022

Selbstfindung

Achtsam morden am Rande der Welt
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Dem selbstständigen Anwalt Björn Diemel geht es eigentlich gut. Seine größte Freude ist seine kleine Tochter. Es stört in nicht so sehr, dass seine Ex-Frau einen neuen Freund hat. Nur die Feier zu seinem ...

Dem selbstständigen Anwalt Björn Diemel geht es eigentlich gut. Seine größte Freude ist seine kleine Tochter. Es stört in nicht so sehr, dass seine Ex-Frau einen neuen Freund hat. Nur die Feier zu seinem 45sten Geburtstag war ein ziemliches Fiasko. Also sucht Diemal mal wieder seinen Achtsamkeitsberater Joschka Breitner auf. Der rät ihm, in der Mitte des Lebens mal über dasselbige nachzudenken. Auch solle er überdenken, was er vom Leben möchte. Eine gute Möglichkeit böte eine Pilgerfahrt. Björn, der davon keine Ahnung hat, lässt sich auf das Abenteuer ein. Er will den Jakobsweg durchwandern und zu sich selbst finden.

Ob noch mehr Tote auf sein Konto gehen werden, dass ist nicht die Frage, die sich Björn Diemel bei seinem dritten Auftritt stellt. Dieses Mal ist es nicht seine Ex-Frau, die ihn zu seinem Therapeuten schickt. Er geht von alleine hin und er macht sich auf zum Jakobsweg. Die Pilgerreise ist eine ganz neue Erfahrung, zu deren Beginn er einen freundlichen älteren Herrn, mit dem er sich sofort gut versteht. Das Pilgern erweist sich als nicht so einsam, wie es sich Björn vorgestellt hat. Dennoch schafft es Diemel, seinen Gedanken nachzuspüren und einigen unerwarteten Ereignissen auszuweichen.

Dass Björn Diemes diesmal nicht nur die gewohnten Gedankenpfade, sondern tatsächlich auch das Land verlässt, gibt dem Roman eine neue Frische bei einem wiederum ähnlichen Muster. Vielleicht sollte man selbst auch mal die Lösung auf sich zukommen lassen. Wie sich Diemel hier wieder aus eigentlich unmöglichen Situationen herauswindet, ist schon stark. Dass dabei der Sinn des Lebens und die Nachschau in der Mitte des eigenen Daseins nicht zu kurz kommen, gibt ein zusätzliches Plus. Vielleicht ist der Gedanke an einen Pilgerweg nicht so abwegig, man muss ja keine Toten an den Hacken haben, um mal über das Leben nachzudenken. Was ist Diemel erschließt, ist manchmal schon erstaunlich und am Ende gänzlich unerwartet.

Veröffentlicht am 05.08.2022

Höhere Töchter

Die stumme Tänzerin
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Im Jahr 1928 ändert sich die Welt, allerdings nicht so schnell wie Paula Haydorn es gerne hätte. Obwohl die als Fabrikantentochter eher zu den Privilegierten gehört, will sie doch einen Beruf ausüben und ...

Im Jahr 1928 ändert sich die Welt, allerdings nicht so schnell wie Paula Haydorn es gerne hätte. Obwohl die als Fabrikantentochter eher zu den Privilegierten gehört, will sie doch einen Beruf ausüben und unabhängig sein. Dafür hat sie eine Ausbildung zur Stenotypistin absolviert. Als sie eines Abends ausgeht, verläuft der Abend anders als erwartet. Paula gerät in eine Razzia und wird festgenommen. Schlimmer könnte ihre Lage kaum sein, doch beinahe unglaublich schafft Paula es, sich in diesem Moment bei der weiblichen Polizei in Hamburg vorzustellen und eine Stelle zu ergattern. Wegen ihres Zeichentalents darf sie dann auch gleich an einer Mordermittlung teilnehmen. Sch

Der erste Fall für Paula Haydorn und ihre neuen Kollegen und Kolleginnen. In dieser Zeit sind die Vorgesetzten meistens Männer und sie suchen allerlei Begründungen wieso, die Frauen sich nicht für die Polizeiarbeit eignen. Wie gut, dass es einige wenige gibt, die das anders sehen. Dabei wird Paula förmlich ins kalte Wasser gestoßen, denn eine Prostituierte ist brutal ermordet worden. Paula merkt sofort, dass es ihr liegt, dieses Spuren suchen, zusammenfügen, protokollieren. Hm, gut, eigentlich ist sie nur fürs Protokoll zuständig, aber das hindert ja nicht, mal links und rechts zu schauen. Am wenigsten begeistert von dem Jobwechsel sind jedoch Paulas Eltern.

Auch im Hamburg des Jahres 1928 sind die Auswirkungen des drohenden Nationalsozialismus bereits zu spüren. Zum Glück noch nicht im alltäglichen Leben. Es zeichnet sich der Fortschritt ab. Immer häufiger gehen Frauen einem Beruf nach und immer mehr Berufe öffnen sich ihnen. Möglicherweise tun sich die älteren Generationen etwas schwer mit ihren aufmüpfigen Töchtern. Doch irgendwann musste eine Entwicklung einfach ihren Anfang nehmen, durch die uns heute so vieles selbstverständlich geworden ist. Eingebettet in einen spannenden Fall mit einem überraschenden Ende zeichnet die Autorin diese Entwicklung sehr lesenswert nach. Vielleicht kommen Paula mitunter einige Zufälle mehr zupass als man für möglich halten möchte, dafür ist sehr schön geschildert, wie sich Paula zwischen ihren neuen Kollegen und Kolleginnen einlebt und sie zu einem Team zusammenwachsen. In diesem ersten Band einer Reihe empfindet man viel Sympathie für die jungen Ermittler und die neu eingesetzten Mitarbeiterinnen der Polizei.

Veröffentlicht am 31.07.2022

Der Schöne

Die Knochenleser
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Auf den ersten Blick könnte er als gescheitert gelten. Michael „Digger“ Digson war ein hervorragender Schüler, dessen Großmutter das Geld für eine weiterführende Schulbildung fehlte. Nun lungert er in ...

Auf den ersten Blick könnte er als gescheitert gelten. Michael „Digger“ Digson war ein hervorragender Schüler, dessen Großmutter das Geld für eine weiterführende Schulbildung fehlte. Nun lungert er in der Stadt rum, wo er vom örtlichen Polizeichef aufgelesen wird. Erstaunlicherweise steht dieser in nicht hinter Gitter, sondern überredet ihn sanft, aber energisch, in den Polizeidienst einzutreten. Digger erweist sich als schlauer Ermittler, der allerdings auch unter den Kollegen mal aneckt. Als dann auch noch K. Stanislaus an der Dienststelle auftaucht, um ihre Arbeit aufzunehmen, kommt einiges ins Rollen. Besonders im Fall des Verschwindens des jungen Nathan, der dem alten Chief Chilman immer sehr am Herzen lag.

Ein Insel der Kleinen Antillen als Ort der Handlung ist aus europäischer Sicht doch mal etwas ganz anderes. Auch wenn die Landschaft für die Handlung nur von untergeordneter Bedeutung ist. Dreh- und Angelpunkte sind Digger, der eine forensische Ausbildung in Groß Britannien erhalten hat, und seine Kollegin Stanislaus, die mehr in der Inselkultur verwurzelt ist. Als Team ergänzen sie sich bestens, beide gleichsam intuitiv, offen für Neues, aber mit unterschiedlichen Denkansätzen. Auch für Michael gibt es einen Fall, der ihn nicht loslässt, das Verschwinden, ihr zu vermutender Tod in den Unruhen des Jahres 1999. Doch in diesem ersten Fall begibt er sich daran, den ungelösten Fall seines Mentors zu lösen.

Das Setting auf einer von hier aus weit entfernten Insel regt erstmal die Phantasie an und den Wunsch, etwas nachzulesen über die Antillen und auf der Karte zu schauen, wo das ungefähr sein könnte. Die Bilder, auf die man dabei stößt, laden wirklich dazu ein, der Weltlage zu entfliehen, wenigstens Gedanklich. Was man sich schon fragt, wieso hat Chilman das Rätsel um Nathans Verschwinden nicht gelöst. Sicher gehen Digger und Stanislaus mit frischen Überlegungen ans Werk, aber so wie Chilman geschildert wird, hätte man ihm das auch zutrauen können. Oder wollte er einfach einen oder zwei geeignete Nachfolger installieren? Sei es drum, der Fall ist unterhaltsam. Man bekommt einen kleinen Einblick in die Mentalität der Inselbewohner und für einen ersten Band einer Reihe, in der die handelnden Personen vorgestellt werden und ihr Rahmen umrissen wird, erscheint dieser Kriminalroman sehr gelungen.

Veröffentlicht am 30.07.2022

Mordtherapie

Das Kind in mir will achtsam morden
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Der nunmehr freiberuflich tätige Anwalt Björn Diemel hat endlich mal die Muße, mit seiner von ihm getrennt lebenden Frau und ihrer gemeinsamen Tochter ein Paar Tage Urlaub zu machen. Er hat sich schon ...

Der nunmehr freiberuflich tätige Anwalt Björn Diemel hat endlich mal die Muße, mit seiner von ihm getrennt lebenden Frau und ihrer gemeinsamen Tochter ein Paar Tage Urlaub zu machen. Er hat sich schon alles ganz genau ausgemalt. Doch ein arbeitsscheuer Kellner macht aus dem schönen Plan ein gefühltes Fiasko. Wie bereits ein halbes Jahr zuvor, schickt Katharina ihn zu seinem Therapeuten. Diemel soll das mit dem überzogenen Ausrasten besser in den Griff kriegen. Und wieder steht Björn Diemel vor Joschka Breitners Tür und wartet nach dem Klingeln geduldig. Bei seinem Therapeuten hört er dann zum ersten Mal von seinem inneren Kind.

Eigentlich sollte es mit dem Morden vorbei sein, nachdem Björn Diemel vor einem halben Jahr gemeinsam mit Sascha alles geregelt hat. Sascha hat die Leitung des Kindergartens übernommen und Björn seine eigene Kanzlei im gleichen Haus. Die Gang leitet er weiterhin im Auftrag von Dragan, der sich auf den Grund des Sees zurückgezogen hat. Doch die Sache mit dem Kellner war wirklich unglücklich und nun ist auch noch Boris verschwunden, der eigentlich seit einem halben Jahr im Keller sitzt. Da ist Björn wirklich heilfroh, dass sein Therapeut ihm seine klugen Ratschläge zukommen lässt.

Bei seinem zweiten Auftritt lernt Anwalt Björn Diemel sein inneres Kind kennen, das Kind, welches in seiner Kindheit von den Eltern nicht genügend beachtet wurde, dessen Wünsche nichts galten. Doch wie kann ihm das jetzt helfen? Zwar muss man sich zu Beginn etwas sehr um Diemels inneres Kind kümmern, doch je mehr er sich mit ihm und seinen einzigen Eltern versöhnt, desto gewitzter werden Diemels Lösungsansätze. Gemeinsam mit Sascha heckt er einen Plan aus, der ihn von allen Problemen befreien soll. Da macht es so langsam Spaß, ihm zu folgen und zu sehen, wohin es führt. Ob das Konzept mit dem Täter auf Selbstfindungstripp ewig funktioniert, ist zwar fraglich, aber dieser zweite Band der Reihe weiß sehr gut zu unterhalten.

Veröffentlicht am 29.07.2022

Ein Krimi!

Bretonische Nächte
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Kadegs 89jährige Tante und Ziehmutter stirbt auf der Terrasse ihres geliebten Hauses. Aus sentimentalen Gründen sucht Kadeg die Abtei auf, um seiner Tante zu gedenken. Seine Kollegen müssen entsetzt erfahren, ...

Kadegs 89jährige Tante und Ziehmutter stirbt auf der Terrasse ihres geliebten Hauses. Aus sentimentalen Gründen sucht Kadeg die Abtei auf, um seiner Tante zu gedenken. Seine Kollegen müssen entsetzt erfahren, dass Kadeg auf dem Grundstück niedergeschlagen und schwer verletzt wurde. Kommissar Dupin macht sich sofort auf und zum Glück kann er erreichen, dass er und die Kollegen gemeinsam mit der örtlichen Polizei ermitteln dürfen. Nachdem sie sich überzeugt haben, dass Kadeg den Umständen entsprechend relativ wohlauf ist, beginnen sie an der Abtei mit den Befragungen derer, die sich zuletzt auf dem Grundstück der Verstorbenen auf gehalten haben.

Kommissar Dupins elfter Fall hat für ihn und seine Kollegen eine sehr persönliche Note. Einer der ihren, ihr Kadeg, wurde angegriffen und sie alle machen sich große Sorgen. Umso energischer beginnen sie mit ihren Ermittlungen. Und doch müssen sie behutsam vorgehen. Schließlich sind viele der Zeugen genauso trauernd wie Kadeg. Sie haben das Herz der Familie verloren, die für ihr Alter eigentlich noch gut drauf war. Allerdings gab es Zeichen des Todes, zum Beispiel wurde eine Elster gesichtet. Sie waren deshalb nicht ganz so überrascht über den plötzlichen Herztot der alten Dame. Kommissar Dupin jedoch hat ein ungutes Gefühl.

Endlich mal wieder ein ordentlicher Krimi. Zurecht ist dieser Roman auf Platz Eins der Paperback-Bestenliste gelandet. Nur zu Beginn könnte es etwas schneller vorangehen. Doch die tollen Beschreibungen der bretonischen Landschaften, ihrer liebenswerten Einwohner mit ihren Eigenheiten und den Traditionen, die lebendig sind wie kaum woanders sonst. Hat man einige der Verfilmungen gesehen, entstehen bald die entsprechenden Bilder vor den Augen. Ein gleichzeitiges Wiederlesen und gedankliches Wiedersehen mit lieb gewonnenen Figuren, das Freude macht. Kommissar Dupin und sein Autor sind tolle Botschafter für die Bretagne. Beim Lesen der Bücher fühlt man sich wie auf Besuch bei Freunden. Dass Dupin einen perfekt in die Landschaft eingefügten Kriminalfall zu lösen hat, ist noch das größte Plus. Ein Roman, den man inhaliert, gefesselt von der Frage, wieso Kadeg so brutal angegriffen wurde.