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Veröffentlicht am 25.09.2021

Sprachwitz

Es ist immer so schön mit dir
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Ein gescheiterter Musiker hat es sich als selbständiger Toningenieur eigentlich ganz bequem eingerichtet. Mit seiner Freundin könnte er zufrieden sein, obwohl sie eher ruhig nebeneinanderher leben. Wäre ...

Ein gescheiterter Musiker hat es sich als selbständiger Toningenieur eigentlich ganz bequem eingerichtet. Mit seiner Freundin könnte er zufrieden sein, obwohl sie eher ruhig nebeneinanderher leben. Wäre da nicht die Langeweile und diese Ödnis. Dann lernt er die jüngere Vanessa kennen und sie schlägt ein wie eine Bombe. Er ist auf der Pirsch und wieder lebendig. Ohne Rücksicht trennt er sich von seiner Freundin und biedert sich so lange bei Vanessa an bis sie so eine Art Beziehung aufgebaut haben. Schnell merkt er allerdings, dass auch eine neue Beziehung nicht immer in die Glückseligkeit führt.

Das Buch steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2021. Im Büchlein mit den Longlist Leseproben ist ein durchaus interessanter Ausschnitt aus dem Buch als Probe gewählt, der sich durch schönen Sprachwitz auszeichnet, in dem man sich gleich heimisch fühlt. Das kann dazu führen, dass man das ganze Buch lesen möchte, gerade auch, wenn man von dem Autor noch nichts kennt. Ob es so gesehen als Erstversuch die beste Wahl ist, kann wegen des Erstversuchs nicht beurteilt werden. Die handelnden Figuren vermögen jedoch nicht, einen für sie einzunehmen. Da ist allenfalls die verlassene Freundin, von der man hofft, sie ist befreit und ihr Nachkarten geschieht zurecht. Oder Frieder, die Stimme der Vernunft.

Mit diesem Buch kann man sich möglicherweise etwas schwertun. Die Charaktere wirken unsympathisch und verströmen die Ödnis, die sie wahrscheinlich selbst empfinden. Die handelnden Personen wirken sexbesessen und doch lust- und freudlos. Man muss sich halt fragen, ob man sich runterziehen lassen möchte. Allerdings ist der Roman witzig geschrieben. Und man möchte sich an diesem Funken Witz und Humor festklammern und der Hoffnung, dass es noch werden wird. Wie auch im echten Leben wird es aber nicht. Wünscht man sich so etwas von einem Roman, ist er gerade richtig.

Veröffentlicht am 24.09.2021

Liam, Junge

Whisky mit Mord
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Immer wollte die Fotojournalistin Abigail Logen ihren Onkel Ben mal in Schottland besuchen. Doch als er erkrankte und deshalb häufiger in London war, trafen sie sich dort. Nun ist Ben gestorben und Abby ...

Immer wollte die Fotojournalistin Abigail Logen ihren Onkel Ben mal in Schottland besuchen. Doch als er erkrankte und deshalb häufiger in London war, trafen sie sich dort. Nun ist Ben gestorben und Abby hat seine Whisky Destillerie geerbt. Voller Trauer fährt sie mit Liam, ihrem Hund und Patrick, einem Whisky-Kenner endlich nach Schottland. Dort merkt sie bald, wie beliebt Ben war und wie wenig die Leute davon halten, dass sie, eine Frau, die Erbin ist. Doch Abby möchte ihrem Erbe gerecht werden. Sie will nicht einfach an den ersten Besten verkaufen. Zunächst möchte sie genauer erfahren, wie Bens Destillerie arbeitet.

Natürlich muss Abby mit der Trauer und dem überraschenden Erbe klarkommen. Der Aufenthalt in Schottland bietet ihr aber auch eine Auszeit von ihrem stressigen und nicht immer ungefährlichen Job. Von Grant, der für Ben gearbeitet hat, erfährt Abby einiges über die Whisky-Herstellung und einiges über Ben. Obwohl Abby ihren Onkel schmerzlich vermisst, beginnt sie sich in Schottland heimisch zu fühlen. Allerdings ist es mit dem heimeligen Gefühl bald vorbei. Kleinere Sabotageakte machen ihr klar, dass in der Whiskey-Szene eine Frau als Destilleriebesitzerin nicht gerne gesehen ist. Zum Glück, denkt Abby, ist ihr Hund Liam immer bei ihr, da kann ihr eigentlich nichts passieren.

In diesem ersten Teil einer Reihe um Abigail Logan kann man zunächst einmal eine Menge interessanter Dinge über die Geschichte des Whisky und auch der Whiskyherstellung lernen. Gerade für einen Nichtkenner ist das erstaunlich informativ und nicht langweilig. Authentisch beschrieben ist auch Abbys anfängliche Trauer, in die sich aber bald detektivischer Spürsinn mischt als sich die seltsamen Vorfälle mehren. Abby und ihr kleiner Beschützer Liam sind ein sympathisches Team. Ein Team, zu dem auch Grant stoßen könnte, der ein großer Brennmeister ist. Es ist ein leichtes und angenehmes Hörvergnügen, dass hier geboten wird. Viele Informationen, die man interessiert aufsaugt, ein spannender Fall und liebenswerte Protagonisten. Genau die richtige Mischung für zum Beispiel die Mittagspause, eine Auto- oder Zugfahrt oder welche Hörgelegenheit auch immer, stimmig vorgetragen von Katrin Heß.

Veröffentlicht am 19.09.2021

Lebenswege

Besichtigung eines Unglücks
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Kurz vor Weihnachten des Jahres 1939 sind die Züge zum einen wegen der bevorstehenden Feiertage und zum anderen wegen der Kriegseinsätze von Zügen und Lokführern brechend voll. So auch die beiden Züge ...

Kurz vor Weihnachten des Jahres 1939 sind die Züge zum einen wegen der bevorstehenden Feiertage und zum anderen wegen der Kriegseinsätze von Zügen und Lokführern brechend voll. So auch die beiden Züge von Berlin nach Köln und Neunkirchen (Saar). Kurz vor dem Bahnhof Genthin rast der nachfahrende Zug mit großer Geschwindigkeit in den stehenden Zug davor. Die Wagen keilen sich ineinander und viele Menschen sterben. Unter den Verletzten befindet sich auch die junge Carla Finck, die im Krankenhaus allerdings den Namen Buonomo angibt. Jahre später stößt Thomas Vandersee auf diese Begebenheit. Seine eigene Familie stammt aus Genthin und so ist sein Interesse geweckt.

Was kann man viele Jahre nach so einem schweren Unglück noch herausfinden? Durch die eigene familiäre Verbindung steigt die Hartnäckigkeit. Vandersees Mutter Lisa war zur Zeit des Unglücks bei dem örtlichen Modegeschäft in Ausbildung. Möglicherweise kannte sie Carla Finck sogar. Carlas Schicksal ist von Geheimnissen umgeben. Doch auch Lisa Vandersee ist manchmal nicht gerade auskunftsfreudig, wenn es um die eigene Vergangenheit geht. So wird die Suche von Thomas Vandersee nach dem Schicksal von Carla Finck auch eine Suche nach seiner eigenen Geschichte.

Der Titel dieses Buches weckt Interesse. Wie kann eine leider in Vergessenheit geratene Zugkatastrophe den Hintergrund für einen spannenden Roman bilden? Der Autor gibt die Antwort darauf. Zum einen hält er sich an die bekannten historischen Vorgaben, zum anderen ersinnt er eine verwickelte Handlung um die junge Carla und auch seine Mutter. Welches Leid brachte das Unglück über die zufällig zusammengewürfelten Reisenden und das Zugpersonal, welche Zufälle bilden die Verbindungen zwischen den beiden Frauen, wie reicht es sogar in das Leben des Berichterstatters hinein? Fragen, die auf eine Art geklärt werden, dass man während der Lektüre gepackt und mitgerissen wird. Menschen haben häufig etwas zu erzählen, man muss sie nur mal fragen. Oder auch auf anderen Wegen versuchen herauszufinden, wie es war. Es gibt tragische Momente und auch hoffnungsvolle, erklärende und es gibt Geheimnisse, die bleiben. Ein überraschender zeitgeschichtlicher Roman, den zu lesen sich unbedingt lohnt.

Veröffentlicht am 18.09.2021

Der Wolf

Crash
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Seit Jahren schon versucht Isa Kurzeck die Machenschaften in der Nolden-Gruppe aufzudecken. Sie war ganz dicht dran, doch der Firmenchef Christof Nolden saß am längeren Hebel. Isa und ihre Mitstreiter ...

Seit Jahren schon versucht Isa Kurzeck die Machenschaften in der Nolden-Gruppe aufzudecken. Sie war ganz dicht dran, doch der Firmenchef Christof Nolden saß am längeren Hebel. Isa und ihre Mitstreiter leben seitdem undercover. Als die Nachricht, dass Nolden an einem Herzinfarkt verstorben ist, Isa erreicht, sieht sie eine zweite Chance. Isa Kurzeck kehrt nach Deutschland zurück, zum einen, um ihre verschwundene Freundin Mira zu suchen und zum anderen, um ihre Recherche wieder aufzunehmen. War es ein Zufall, dass Mira vor ihrem Verschwinden in der Anwaltskanzlei tätig war, die auch das Nolden Mandat betreut? Isa schleust sich dort ein und triff auf den findigen, aber gehetzten Torsten Wolf, der sich um die Nolden-Gruppe kümmert.

Isa Kurzeck wirkt wie besessen von den Machenschaften im Immobilienkonzern Nolden, während Torsten Wolf durch seine sich in Auflösung befindliche Ehe abgelenkt, sich manchmal kaum konzentrieren kann. Sein eigenes Unvermögen kaschiert er, in dem er seine Assistentin runtermacht. Wieder einmal hat er eine in die Flucht geschlagen. Die offene Stelle ist die Chance für Isa in die Nähe von Nolden zu kommen. Die Entdeckungen, die die ungleichen Partner machen, sind haarsträubend, aber reicht das, um einen Konzern bzw. die Erbin von Christof Nolden anzugreifen?

Dieser spannende Thriller spielt noch vor der Pandemie. Die allgemeine Stimmung, die der Roman widerspiegelt wird jedoch sehr präzise getroffen. Die Gesellschaft ist zerrissen, kaum einer hilft dem anderen, aufdringliche Werbung ist allgegenwärtig, der Ton ist hart und häufig gnadenlos. Da wundert es nicht, wenn so ein Konzern eine erste Krise, trotz mutmaßlichen Betrug, Schwarzarbeit und gar Mord, übersteht und scheinbar wie Phönix aus der Asche aufsteigt. Man möchte Isa zustimmen, da kann auch bei dem neuen Unternehmen etwas nicht stimmen, so einfach ändert sich ein Firmenchef schließlich nicht. Zwar gewinnt man den Eindruck, dass die Autorin sich zu Beginn etwas zu lange mit dem mit seinen Lebensumständen hadernden Torsten Wolf aufhält, punktet sie im weiteren Verlauf mit der treffenden Beschreibung der schnelllebigen und an Mitmenschen desinteressierten Umwelt. Wenn Isa Kurzeck und Torsten Wolf weitere Fakten auftun und man erfährt welch perfides Ziel verfolgt wird, kann man den Roman nicht mehr aus der Hand legen. In dem Roman wird ein düsteres, aber leider wohl realistisches Bild gezeichnet. Wie das Buch auf die Krimibestenliste gelangt ist, kann man gut nachvollziehen.

Veröffentlicht am 16.09.2021

Hin und weg

Sarah Jane
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Obwohl sie noch jung ist, hat Sarah Jane Pullman schon einiges erlebt. An einem Punkt hatte sie sogar nur noch die Wahl zwischen Knast und Armee. Nun ist sie schon eine Weile zurück und in dem kleinen ...

Obwohl sie noch jung ist, hat Sarah Jane Pullman schon einiges erlebt. An einem Punkt hatte sie sogar nur noch die Wahl zwischen Knast und Armee. Nun ist sie schon eine Weile zurück und in dem kleinen Ort Farr ist sie zunächst in den Polizeidienst eingetreten und als der amtierende Sheriff verschwindet, übernimmt sie dessen Posten. Nicht, dass sie in irgendeiner Form darauf vorbereitet gewesen wäre. Doch zu ihrer eigenen Überraschung sind die Bewohner ganz zufrieden mit ihr und sie beginnt sich heimisch zu fühlen. Fast vergisst sie, dass sie eigentlich immer auf dem Sprung ist.

Sarah Jane ist zwar keine gelernte Polizistin, aber eine von Herzen. Sie erzählt von ihrem Leben bevor sie in Farr angekommen ist und von ihrem Alltag als Sheriff. Dabei geht sie integer mit den Dorfbewohnern um. Leider muss sie manchmal Verstorbene entdecken und manchmal darf sie verschwundene Jugendliche wiederfinden oder alte Damen im Pflegeheim besuchen. Das macht sie zu einer sehr sympathischen Person, die sich ihres Ortes angekommen hat. Allerdings wirkt Sarah auch so, als bereite sie sich darauf vor, bald wieder weiter zu ziehen. Angekommen und doch auf dem Sprung, wieso ist sie so?

Dieser Crime Noir kann eigentlich nur als Standalone funktionieren. Sarah Jane Pullman ist eine Persönlichkeit, die es versteht, Sympathie zu wecken und doch geheimnisvoll zu bleiben. Sie ist liebenswert zu ihren Mitmenschen und kann in bestimmten Situationen die nötige Härte aufbringen. Lange rätselt man, wieso sie sich nur bis zu einem gewissen Punkt öffnet. Doch wenn die Hintergründe so langsam klar werden, hat man einen echten Aha-Effekt, der diesen Roman von den üblichen Kriminalromanen abhebt. Ehe man es sich versieht, ist einem Sarah Jane ans Herz gewachsen und man kann noch nicht mal mit ihr hadern. Diese Art Krimi verdreht ist sehr besonders und man sollte ihn mit dem Herzen lesen.