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Veröffentlicht am 22.05.2021

Der Taunus

Die Akte Adenauer
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Die Eltern von Phil Gerber waren weise genug Deutschland vor Kriegsbeginn zu verlassen. Phil hat in der US-Army gedient und ist nun, im Jahr 1953, für das CiC, die amerikanische Spionageabwehr. Als kurz ...

Die Eltern von Phil Gerber waren weise genug Deutschland vor Kriegsbeginn zu verlassen. Phil hat in der US-Army gedient und ist nun, im Jahr 1953, für das CiC, die amerikanische Spionageabwehr. Als kurz vor der Wahl zum zweiten Bundestag ein Kriminalkommissar bei einem vermeintlichen Unfall zu Tode kommt, wird Gerber als deutscher Kommissar nach Bonn geschickt, um die Hintergründe aufzuklären. Während seiner Ermittlungen trifft er auf die Journalistin Eva Herden, die sich als gewiefte Forscherin erweist. Schnell wird klar, dass sowohl Gerber als auch Herden bei der Untersuchung in Gefahr geraten können.

Die deutsche Nachkriegszeit bietet viele spannende Themen. In seinem ersten Fall ermittelt Phil Gerber, der sich möglicherweise irgendwann entscheiden muss, ob er Deutscher oder Amerikaner ist, im Umfeld der hohen Politik. Gerade ist die heiße Phase des Wahlkampfs im Gang. Und vieles deutet daraufhin, dass es noch rechtsgerichtete Kreise gibt, die meinen, sie könnten das alte Deutschland wieder aufleben lassen. Dafür sind sie bereit über Leichen zu gehen. Gerber will alles versuchen, um das Schlimmste zu verhindern. Gleichzeitig tritt er auch die Nachfolge seines verstorbenen Kollegen an, wobei er sich erst einmal seinen Platz erkämpfen muss.

Wie war es so kurz nach dem Krieg? Wer arbeitete in den Verwaltungen und bei der Polizei? Natürlich waren etliche ehemalige Nazis unter den Mitarbeiten. Es gab niemand anderen, der die Vorbildung und Berufserfahrung hatte. Gut, dass das mal jemand anspricht und das noch in einen so intelligenten Kriminalroman verpackt. Auf dem politischen Spielfeld sind sie alle versammelt, Politiker, Deutsche, Amerikaner, Linke, Rechte. Und mitten drin der Deutsch-Amerikaner Phil Gerber, der sich nicht mehr so sicher ist, dass er nach Amerika zurück möchte. Das alles rankt sich zunächst um den rätselhaften Unfall es ehemaligen Kollegen. Doch bald wird klar, dass der Fall eine politische Komponente hat. Auf packende Weise gibt der Autor einen Einblick in eine spannende Zeit. Vorkommnisse, die einen realistischen Hintergrund haben und somit ausgesprochen authentisch wirken. Und man darf sich auf einen weiteren Fall für Phil Gerber freuen.

Veröffentlicht am 20.05.2021

Der Zeichner

Pandolfo
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In einem Haufen Unrat wird ein schwer verletzter junger Mann gefunden. Der reiche Bernardino Bellapianta nimmt ihn in sein Haus auf. Bernardo selbst und sein Zwillingsbruder waren einmal Findelkinder, ...

In einem Haufen Unrat wird ein schwer verletzter junger Mann gefunden. Der reiche Bernardino Bellapianta nimmt ihn in sein Haus auf. Bernardo selbst und sein Zwillingsbruder waren einmal Findelkinder, doch sein Ehrgeiz und seine Energie haben ihm zum Aufstieg in das Mailand des Jahres 1493 verholfen. Und nun will er etwas Gutes zurückgeben. Es erweist sich das der junge Pandolfo ein begnadeter Zeichner ist. Und so kann er, obwohl er durch die Verletzung sein Gedächtnis verloren hat, seinen Lebensunterhalt verdienen. Verständlicherweise will Pandolfo auch herausfinden, wer er einmal war und wo er herkam.

In diesem historischen Roman sucht ein junger Mann nach seiner Vergangenheit und dabei erlebt er einen Teil der Geschichte. Gerade hat Kolumbus Amerika entdeckt. Eigentlich war Asien sein Ziel und es ist noch nicht klar, was für eine Entdeckung er da gemacht hat. Pandolfo interessiert sich nach seiner Verletzung nicht so sehr für die große Welt. Er möchte seine kleine Welt wieder erobern. Aber immer noch lässt sein Gedächtnis im Stich, so dass ihm erstmal nichts bleibt als einen Neuanfang zu wagen. Mit seinem Retter Bernardino Bellapianta hat Pandolfo Glück gehabt. Doch anscheinen gibt es Menschen in Mailand, die Pandolfo kennen, Menschen, mit denen er sich jetzt nicht mehr herumtreiben würde. Manchmal fragt sich Pandolfo, ob er überhaupt wissen will, wer er war.

Gekonnt vorgetragen wird dieses Hörbuch von Frank Stöckle. Aus verschiedenen Perspektiven erzählt er Pandolfos Geschichte, teils in Rückblenden, wenn Pandolfo wegen des Gedächtnisverlustes nicht selbst erzählen kann. Dabei kommt eine spannende Geschichte aus der beginnenden Neuzeit zustande. Es ein Zeitalter des Aufbruchs, der Entdeckungen und Erfindungen. Und bei seinem Meister und dessen Zwillingsbruder ist Pandolfo mittendrin. Die beiden Brüder sind das, was man heut Selfmademan nennen würde. Und das strahlt auch auf Pandolfo ab. Dieses Hörbuch ist sehr kurzweilig und gibt einen fesselnden Einblick in eine vergangene Zeit.

Veröffentlicht am 18.05.2021

Nur Freunde

Bridgerton - Der Duke und ich
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Daphne Bridgerton ist froh, dass ihr Bruder Andrew sie nicht zwingt, einen ihrer langweiligen Bewerber zu heiraten. Doch alle, die sie vielleicht interessieren könnten, sind eher im Alter ihrer älteren ...

Daphne Bridgerton ist froh, dass ihr Bruder Andrew sie nicht zwingt, einen ihrer langweiligen Bewerber zu heiraten. Doch alle, die sie vielleicht interessieren könnten, sind eher im Alter ihrer älteren Brüder und diese sehen Daphne eher als Freundin. Im London des Jahres 1813 ist das alles nicht so einfach. Ein guter Freund Andrews, Simon Bassett, ist vor kurzem aus dem Ausland zurückgekommen. Er will auf keinen Fall heiraten. Doch die Mütter heiratsfähiger Töchter werden hinter ihm her sein, schließlich ist er ein Duke. Deshalb unterbreitet Simon Daphne den Vorschlag, sie könnten sich zum Schein verloben, dann würde sie auch für andere interessant.

Wenn man kein Netflix hat, muss man sich mit dem Buch begnügen und das braucht ja nicht das Schlechteste zu sein. Im ersten Teil der Reihe um die Bridgerton Geschwister sucht die älteste Tochter der resoluten verwitweten Violet einen Ehemann. Im London der Regency-Epoche kann Daphne sich nicht einfach auf eine Party gehen. Sie wird quasi von ihrer Mutter angeboten und muss an der Saison in London teilnehmen, damit die Heiratswilligen auf sie aufmerksam werden. Dass sie zufällig auf Simon trifft, könnte sich als Glücksgriff erweisen, wenn der gemeinsame Plan aufgeht.

Bei Büchern wie diesem weiß man natürlich schon beim Lesen des Titels wie es ausgeht. Das macht aber nichts, denn die Story ist schön präsentiert. Ein paar Schwierigkeiten kann man bekommen, wenn man das Buch modern liest, weil dann einige Handlungen und Ziele der Protagonisten einfach dämlich wirken. Nichtsdestotrotz handelt es sich um einen amüsanten Roman, der durch seine pointierten Dialoge erfreut. Besonders gefällt dabei sowohl Daphnes Beziehung zu ihren Brüdern als auch zu ihrer Mutter, die für ihre Zeit sehr fortschrittlich erscheint. Manchmal erscheinen Simons Probleme etwas konstruiert. Doch der Beginn des Buches ist wirklich köstlich und auch später wird man mit allem versöhnt und hat die gute Unterhaltung genossen.

Veröffentlicht am 15.05.2021

Der Kryptograph

Ghost Station
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Plötzlich war sie da. Es gab Gerüchte, aber niemand rechnete damit, dass sie tatsächlich gebaut werden würde. Dann, am 13.August 1961 wurde auf Seiten der DDR mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen. Und ...

Plötzlich war sie da. Es gab Gerüchte, aber niemand rechnete damit, dass sie tatsächlich gebaut werden würde. Dann, am 13.August 1961 wurde auf Seiten der DDR mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen. Und damit wird auch der Kontakt zwischen den Mitarbeitern einer Abhorchstation, die BND und CIA gemeinsam betreiben, und ihren Agenten in der DDR erschwert. Nun sind sie auf Funkübertragungen angewiesen, die der Kryptograph Wallace Reed zu entschlüsseln hat. Ihr wichtigster Verbindungsmann berichtet auf diese Weise von einem Doppelagenten, der in der Station installiert werden soll. Reed und sein Chef sind in heller Aufregung.

Wenn man Dan Wells eher von seinen Horror Thrillern kennt, rechnet man nicht mit einen Spionageroman. Auf den ersten Blick wirkt das zwar etwas oldschool, aber schnell fühlt man sich in die Handlung ein. Wallace Reed ist eigentlich nur ein Büromensch, allerdings mit besonderen Qualitäten. Die Kryptographie ist keine einfache Wissenschaft, die einem mal eben so in die Wiege gelegt wird. Und wenn Wallace sein Kryptographengesicht aufsetzt, wissen alle, dass er die Fährte aufgenommen hat. Und nun geht es darum, diese feindliche Operation zu stören, in einer gefährlichen Zeit, in der aus dem kalten Krieg schnell ein heißer werden könnte.

Nachrichten müssen entschlüsselt werden, ein Doppelagent soll enttarnt werden und man muss die Pläne des Feindes durchkreuzen. Doch können sich die Mitarbeiter der Station untereinander trauen? Schließlich sind beim BND auch ehemalige Nazis eingesetzt, die möglicherweise nicht alles offenbaren. Oder wäre eher einer der Amerikaner anfällig für einen Anwerbeversuch? Man spürt bei Lesen das wachsende Misstrauen und die steigenden Anspannungen zwischen Ost und West. Kann überhaupt noch verhindert werden, dass die Grenze vollständig geschlossen wird? Die Mitarbeiter der Station beginnen sich zu belauern. Und mit jedem Hinweis der entschlüsselt wird, ergibt sich eine neue Sicht. Mann, was war das spannend. Die Atmosphäre der Zeit um den Mauerbau ist wirklich hervorragend eingefangen, auch wie die Agenten zwischen den unwissenden Anwohnern agieren und manche harmlose Nachbarn garnicht so harmlos sind. Tatsächlich kann man sich vorstellen, so könnte es gewesen sein.

Veröffentlicht am 14.05.2021

Streitkonsens

Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit
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Vielleicht kennt man den YouTube Kanal maiLab und hat eines oder mehrere der Videos gesehen. Dann wird man natürlich neugierig darauf, wie die Autorin ihre eingängigen, auch für Laien gut verständlichen ...

Vielleicht kennt man den YouTube Kanal maiLab und hat eines oder mehrere der Videos gesehen. Dann wird man natürlich neugierig darauf, wie die Autorin ihre eingängigen, auch für Laien gut verständlichen Videos, in Schriftform bringt. Doch vielleicht will sie das ja auch garnicht. Diese Frage ist recht schnell beantwortet, so ungefähr nach den ersten paar Sätzen. Ihre gradlinige, deutliche und dabei von der Wissenschaft geprägte Art kommt auch in Schriftform sehr sympathisch rüber und man startet mit der eigentlichen Lektüre. Man beschäftigt sich mit Themen wie der Gewaltbereitschaft von Gamern oder der Möglichkeit der Freigabe von Drogen und der unterschiedlichen Bezahlung von Frauen und Männern. Man lernt über Methoden, die weiterbringen und von wissenschaftlich konstruktivem Streit. Immer hat man die offene sympathische Wissenschaftlerin vor Augen, die für das, was sie sich zur Aufgabe gemacht hat, lebt.

Die Wissenschaft ist nicht dröge und auch, wenn man als Laie nicht hundertprozentig alles versteht, so versteht man doch das Meiste und wird vielleicht einige Themen durch einen anderen Filter sehen. Eine Art wissenschaftlicher Diskurs in seiner Sachlichkeit könnte eine Erholung gegenüber der heutigen Aufgeregtheit bieten, in der jeder Recht hat und keiner zuhört. Einem anderen seine Position gönnen, sie, wo sie in die Irre geht, sachlich widerlegen und den Versuch starten, bei allen Differenzen etwas Gemeinsames zu finden, wie viel entspannter könnte alles sein. Wahrscheinlich wird durch dieses Buch die Welt nicht gerettet, aber der interessierte Leser kann durch die möglicherweise auch wiederholte Lektüre etwas klüger werden. Von der Kultur des Umgangs kann man sich zumindest eine Scheibe abschneiden. Dieses Buch kann gerne in Griffnähe bleiben, die behandelten Themen werden so schnell ihre Aktualität nicht verlieren und die Methoden sind sicherlich zeitlos und können durch Auffrischung noch besser im Gedächtnis verankert werden.