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Veröffentlicht am 05.05.2017

Woher kommen und wohin gehen wir?

Das Einstein Enigma
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Ein gelungene Mischung aus Fiktion, Wissenschaft und Tatsachen präsentiert der portogiesische Journalist und Autor J.R. dos Santos mit diesem mehr als 600 Seiten starken Roman. Vielmehr ist es Thriller, ...

Ein gelungene Mischung aus Fiktion, Wissenschaft und Tatsachen präsentiert der portogiesische Journalist und Autor J.R. dos Santos mit diesem mehr als 600 Seiten starken Roman. Vielmehr ist es Thriller, Spionagegeschichte, politische Bildung und ein Krimi à la Dan Brown in einem.

Auch hier ist der Protagonist an der Universität tätig und ein Experte auf dem Gebiet der Kryptanalyse. Tomás Noronha, dessen Name englischsprachige Personen vor schier unlösbare Probleme stellt, arbeitet und lehrt in Lissabon, reist aber viel durch die Welt auf der Suche nach für ihn wertvolle Schriften die erst entschlüsselt werden müssen. Er bekommt einen lukrativen Job angeboten und entschließt sich, von wissenschaftlicher Neugier getrieben, ein Manuskript Albert Einsteins zu begutachten, das in Teheran verwahrt wird und brisante Geheimnisse bergen soll.

Was mit einem scheinbar simplen Anagramm-Rätsel startet, führt Noronha nicht nur in den Iran, sondern dort auch ins Gefängnis und nach mehreren waghalsigen Fluchtmanövern unter anderem nach Tibet. Ihm werden Verbindungen zwischen Glaubensrichtungen und Entdeckungen der Wissenschaft offenbart, die verblüffend erscheinen. In zahlreichen philosophisch-naturwissenschaftlichen Gesprächen mit seinem Vater, dessen Kollegen und anderen klugen Köpfen kann Tomás langsam das Geheimnis hinter dem Manuskript entschlüsseln und setzt ein ganz anderen Puzzle zusammen als erwartet worden war.
Auch wenn die Lösung schließlich weniger gefährlich ist als angenommen, so birgt das Manuskript und somit dieser Roman eine faszinierende Erklärung über all das, was uns umgibt: das Universum. Warum gibt es überhaupt Leben und wird irgendwann einmal alles, was wir kennen, verschwunden sein?

Nur mit viel Geduld und langen Dialogen schafft der Autor es, seine Gedankengänge über Anfang und Ende allen Seins dem Leser in einer Form zu präsentieren, um sie verständlich zu machen und ihn mitdenken zu lassen. Die Ideen klingen von Seite zu Seite nachvollziehbarer, auch wenn sich vieles davon nicht beweisen lässt. Aber das ist ja ohnehin die Natur der Sache – das Universum hat letzten Endes immer noch ein bisschen Mystik in sich, egal, wie viel wir davon aufdecken.

Veröffentlicht am 01.04.2017

Gefährliche Vorlieben

DEMUT
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Harry Svensson, ehemaliger und doch irgendwie ständiger Journalist und SM-Sympathisant, befindet sich in der grundsätzlich schmeichelhaften Lage, gerade nur arbeiten zu müssen, wenn er es will. Doch wie ...

Harry Svensson, ehemaliger und doch irgendwie ständiger Journalist und SM-Sympathisant, befindet sich in der grundsätzlich schmeichelhaften Lage, gerade nur arbeiten zu müssen, wenn er es will. Doch wie alles im Leben hat auch dies seine Schattenseiten, stolpert er doch mitten in einen Tatort, der ihn schließlich einem sehr speziellen Mörder auf die Spur bringt.

Dieser Thriller ist zugleich ungewöhnlich und ganz normal. Normal und sehr sehr packend wie Romane und Thriller aus Skandinavien meistens sind, unterhaltsame und fesselnde Krimikunst aus dem Norden. Man weiß, was man bekommt. Nicht so hier. Von der klassischen Krimiseite schon: ein Journalist „ermittelt“ aus Neugier und behält zu viel für sich, wird in die Sache hineingezogen. Doch die sich entfaltende Geschichte selbst ist ungewöhnlich und daher sehr erfrischend. Der Autor schafft es, komplett ohne Blut, aber mit viel Humor und Leidenschaft aller Charaktere, eine sehr eigene Story zu spinnen.

Auch der Täter kommt zu Wort und erlaubt so dem Leser, selbst mitzuraten und beide Sichtweisen kennenzulernen. Letztenendes wäre ich zwar mit einem anderen Ausgang der Geschichte wohl ebenso zufrieden oder noch glücklicher gewesen, aber vielleicht passt auch das tatsächliche Ende besser in die doch spezielle Handlung rund um zu beschäftigte Polizisten, ehemalige Journalisten, neue Freundschaften und viele Teppichklopfer.

Veröffentlicht am 31.03.2017

Zu viel fasten kann tödlich sein, nicht zu fasten auch

Fastenopfer
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So wie Bücher gewissermaßen die Handschrift ihres Autors tragen (auch wenn ja schon lange alles gedruckt wird), so tragen – wie erfahrene Krimileser wissen – auch Morde immer die Handschrift des Mörders. ...

So wie Bücher gewissermaßen die Handschrift ihres Autors tragen (auch wenn ja schon lange alles gedruckt wird), so tragen – wie erfahrene Krimileser wissen – auch Morde immer die Handschrift des Mörders. Dies macht sich der Autor hier trefflich zunutze, als er einen etwas skurrilen Mord in eine sonst doch eher beschauliche Kleinstadt im Allgäu platziert.

In Altötting passiert diese Tat, der Verwalter des „Tilly-Benefiziums“, einer Stiftung, wird erstochen in der Kapelladministration, seinem eigenen Büro, gefunden. Nicht nur bei Morden ist Anton Leiss-Huber kreativ, auch was die Figuren in seinem Lokalkrimi angeht: der Tote hieß Rainer Schutt-Novotny. Und obwohl doch gerade Fastenzeit ist, hat er wahrscheinlich eine ordentliche Henkersmahlzeit genossen. Bis auf Geistliche interessiert sich im Ort aber ohnehin niemand so genau für das Fastengebot.

Doch nicht nur Schutt-Novotny und seine Ablebensumstände sind eigen, auch der ermittelnde Kommissar Max Kramer ist ein leicht skurriler Charakter, seinem doch relativ langweiligen Namen zum Trotz. Er frönt der Leberkäsesemmel und seine ehemalige Liebe, die Novizin Maria Evita, kann von Schokolade nicht genug bekommen. Inoffiziell natürlich. Ebenso inoffiziell ermittelt sie an Max‘ Seite.
Leiss-Huber schafft es, seinen Humor durch das ganze Buch hindurch zu halten und rutscht nicht in „halb-lustige Erzählerei“ ab, was leider auch oft passiert, wenn ein Regionalkrimi lustig sein soll.
Zudem war ich selbst schon öfter in Altötting, was hier zum Lesegenuss auf jeden Fall beiträgt. „Fastenopfer“ macht unbedingt Lust auf seinen Vorgängerband, „Gnadenort“.

Veröffentlicht am 20.03.2017

Ein wahrhaft historisches Buch

Die letzten Tage der Nacht
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Seinen Beruf als Drehbuchautor merkt man Graham Moore in diesem so faszinierenden Roman zwar an, aber er setzt seinen eigenen Stil so ein, dass er die Geschehnisse ganz wunderbar unterstreicht und die ...

Seinen Beruf als Drehbuchautor merkt man Graham Moore in diesem so faszinierenden Roman zwar an, aber er setzt seinen eigenen Stil so ein, dass er die Geschehnisse ganz wunderbar unterstreicht und die Geschichte eine eigene Magie bekommt.
Die Geschichte dreht sich im Wesentlichen um den „Stromkrieg“, ein jahrelanger Rechtsstreit gegen Ende des 19. Jahrhunderts, dessen Ausgang nicht nur Millionen von Leuten auf der ganzen Welt nachhaltig beeinflussen sollte, sondern er beeinflusste in vielschichtiger Weise das Leben der direkt Beteiligten. Dies stellt Moore hier dar, in dem er die Handlung aus Sicht des jungen Anwalt Paul Cravath erzählt, dessen erster und wohl größter (geldträchtigster) Mandant George Westinghouse ist, der von Thomas Edison verklagt wird und beweisen muss, dass seine „Glühfadenlampen“ dessen Patent nicht verletzen.

In einer extrem gelungenen Mischung aus belegten Tatsachen, vermuteten Begebenheiten und eigener Fiktion schickt der Autor den Leser durch eine Welt der Gaslampen, der explodierenden Birnen und elektrifizierenden Ideen zahlreicher namhafter Erfinder wie eben Edison oder Westinghouse. Auch ein gewisser Nikola Tesla spielt seinen Part und ganz nebenbei macht Moore es möglich, dass Physikunterricht wieder interessant erscheint. Egal, welche Vorkenntnisse jemand haben möge oder nicht, in diesem Roman werden zahlreiche schwierige wissenschaftliche Erkenntnisse, Erfindungen, Tatsachen und Prinzipien fast „wie nebenbei“ erklärt, auf eine Weise, die zum Nachdenken anregt, aber nicht überfordert.

Um alles in ein Buch packen zu können, weicht Moore an manchen Stellen bewusst ein wenig von den tatsächlichen Abfolgen und Zeiträumen ab, aber er erklärt sich am Ende des Romans ausführlich und nachvollziehbar. Und obwohl er das Buch nicht als Dokumentation oder Ähnliches sieht, ist doch verblüffend, was alles wirklich passierte. Dazu auch ein sehr interessanter Link zur Homepage des Autors, wo die Ereignisse Roman – Wirklichkeit gegenübergestellt werden: https://mrgrahammoore.com/books/the-last-days-of-night/historical-timeline/

Trotz aller Widrigkeiten und bösen Blutes schafft es Moore auch, die Charaktere insgesamt relativ neutral zu beschreiben. Niemand ist perfekt, jeder hat so seine dunklen Momente, aber bis auf ein paar unleidliche Personen kann sich der Leser schlussendlich mit den meisten gut arrangieren, sie verstehen und – wie die handelnden Figuren – gewissermaßen seinen Frieden mit ihnen schließen. Die Reise, bis man so weit kommt, muss jeder für sich selbst erleben – sie ist es wert!

Veröffentlicht am 20.03.2017

Emotional authentisch, aber ermittlerisch schwach

Der Mörder und das Mädchen
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Um sehr viel persönliche Rache geht es in diesem Thriller, der in Stockholm spielt. Cornelia Göransson, eine Mutter, die alles tun würde, um ihre Tochter Astrid zu schützen, lebt jahrelang hinter einer ...

Um sehr viel persönliche Rache geht es in diesem Thriller, der in Stockholm spielt. Cornelia Göransson, eine Mutter, die alles tun würde, um ihre Tochter Astrid zu schützen, lebt jahrelang hinter einer perfekten Fassade mit einem Schläger zusammen. Auch psychische Gewalt ist nicht selten. Als ihr Mann kurz vor der Scheidung ermordet wird, steht sie im Zentrum der Ermittlungen. Das Motiv: Rache für die schrecklichen Jahre.
Emma Sköld ist die leitende Ermittlerin und als ihrer Schwester etwas zustößt, ist das Motiv klar: Rache. Emmas Ex-Freund will das Ende der Beziehung nämlich nicht akzeptieren. Und auch ein Mord an zwei Maklern könnte aus ähnlichen Gründen verübt worden sein. Abgesehen von Rache ist auch Mutterliebe ein starkes Gefühl in diesem Buch. Cornelia, Emma und auch ihre Schwester Josefin „leiden“ darunter in unterschiedlichen Ausprägungen. Und auch ein Vater hat zu kämpfen…
Ab und an rücken da die Ermittlungen etwas in den Hintergrund, phasenweise geht auch nicht viel voran. Die Polizei versteift sich früh, geht nicht allen Details auf den Grund, also noch mehr Menschen sterben und bleibt wohl für die wahren Dramen blind. Das gibt dem Ende noch einmal einen interessanten Twist und lässt stark vermuten, dass hier eine Fortsetzung geplant ist beziehungsweise im Original auch schon erschienen ist.
Punkten kann der Thriller mit kurzen, schnell zu lesenden Kapiteln und einem angenehmen Schreibstil. Nach ein paar Abschnitten kommt man auch mit den vielen verschiedenen Protagonisten gut zurecht. Zwischendurch werden sogar kurz neue Charaktere eingebracht, zu denen man sich mehr erhoffen würde, aber leider werden nicht alle Spuren weiterverfolgt. So kommt es auch zu einem eher ungewöhnlichen Ende.