Vom Leben und Überleben
Es ist November an der Küste Mexikos: Bolivar, ein allein lebender Fischer, bricht zu einem Fang mit seinem Boot „Camille“ auf. Er braucht dringend Geld, deshalb ignoriert er alle Warnungen seiner Kollegen ...
Es ist November an der Küste Mexikos: Bolivar, ein allein lebender Fischer, bricht zu einem Fang mit seinem Boot „Camille“ auf. Er braucht dringend Geld, deshalb ignoriert er alle Warnungen seiner Kollegen vor dem aufkommenden Sturm. An Bord ist auch der junge, unerfahrene Hector, den er mit einer erklecklichen Summe zu der Ausfahrt überredet hat. Als der angekündigte Sturm die beiden Männer auf See erwischt, beginnt ein langer, dramatischer Überlebenskampf…
„Jenseits der See“ ist ein Roman von Paul Lynch, der im Original bereits 2019 erschienen ist.
Erzählt wird im Präsens und in chronologischer Reihenfolge in der personalen Perspektive, aus der Sicht von Bolivar. Die Handlung umfasst etliche Monate.
Der Roman beruht lose und in etwas verfremdeter Form auf wahren Begebenheiten. Inspiriert wurde der Autor von den Ereignissen um zwei reale mexikanische Fischer, die im November 2012 zu einer Hochseetour aufbrachen, in einen tagelangen Sturm gerieten und viele Monate auf dem Meer manövrierunfähig trieben.
Vordergründig geht es ums blanke Überleben nach einem Schiffbruch, um den Kampf gegen Hunger, Durst und die Elemente, also um die menschliche Existenz, um Leben und Tod. Darüber hinaus spielen weitere Themen wie Schuld, Verantwortung, Versagen und Versäumnisse eine wichtige Rolle. Auch dem Glauben wird viel Platz eingeräumt. Dabei geht es nicht nur um unterschiedliche Arten der Lebensführung, sondern auch den Sinn des Lebens. Diese großen Thematiken machen den Text einfühlsam, eindringlich und immer wieder philosophisch. Das Setting liefert somit sowohl Stoff für ein spannungsreiches Drama als auch für ein besonderes Kammerspiel.
Doch der Inhalt ist teilweise schwer erträglich, vor allem wenn es um die dargestellte Verschmutzung und Vermüllung der Weltmeere geht und um die Brutalitäten des Überlebenskampfes. Trotz der nur rund 180 Seiten ist der Roman nicht nur tiefgründig, sondern zugleich auch überraschend facettenreich.
Mit zunehmender körperlicher Schwäche verschwimmen die Grenzen zwischen Wahrheit und Trugbildern. Auch die symbolischen Anklänge lassen Spielraum für Interpretationen. Am Ende bleiben leider einige Details offen.
Die beiden Protagonisten wirken glaubwürdig und lebensnah. Ihre unterschiedlichen Charaktere bilden reizvolle Gegenstücke. Allerdings fiel es mir über weite Teile schwer, mit dem eher grobschlächtigen Bolivar mitzufühlen und ihn zu verstehen. Ihn habe ich als sexistischen, ungehobelten, verantwortungslosen und abstoßenden Anti-Helden empfunden, zu dem ich keinen Zugang finden konnte.
Eine große Stärke des Romans ist die Sprache. Der Text enthält ungewöhnliche Bilder und Metaphern, ist poetisch und atmosphärisch. Authentische Dialoge und eindrückliche Beschreibungen wechseln sich ab. Die Übersetzung von Eike Schönfeld ist angenehm unauffällig.
Das reduzierte, aber aussagekräftige und sehr passende Covermotiv ist äußerst gelungen. Gut gefallen hat mir auch, dass der durchaus mehrdeutige Titel des englischsprachigen Originals („Beyond The Sea“) wort- und sinngetreu ins Deutsche übertragen wurde.
Mein Fazit:
Mit „Jenseits der See“ hat mich Paul Lynch zwar weniger stark beeindruckt wie mit seinem späteren Roman „Das Lied des Propheten“, der mit dem Booker Prize 2023 ausgezeichnet worden ist. Dennoch ist auch seine etwas ältere Geschichte um Bolivar und Hector definitiv lesenswert.