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Veröffentlicht am 22.02.2026

Ein Neuanfang im belgischen Bücherdorf

Mathilde und Marie
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Der kleine Ort Redu in der Provinz Luxemburg in den belgischen Ardennen: Marie Ledoux (26) hat es eilig, ihre Heimatstadt Paris hinter sich zu lassen. Sie löst ein Zugticket bis nach Brüssel. Unterwegs ...

Der kleine Ort Redu in der Provinz Luxemburg in den belgischen Ardennen: Marie Ledoux (26) hat es eilig, ihre Heimatstadt Paris hinter sich zu lassen. Sie löst ein Zugticket bis nach Brüssel. Unterwegs lernt sie die Isländerin Jónína (77) kennen. Die ältere Frau betreibt eine Buchhandlung in Redu und lädt die Jüngere in das Bücherdorf ein. Marie, die bisher nicht nur schöne Dinge erlebt hat, nimmt an. Dort trifft sie auf Mathilde, eine ältere Dame und Einwohnerin des Dorfes…

„Mathilde und Marie“ ist der Debütroman von Torsten Woywod.

Der Roman setzt sich aus drei Teilen zusammen, die wiederum aus 48 kurzen Kapiteln bestehen. Erzählt wird aus personaler Perspektive, abwechselnd aus der Sicht von Marie, Jónína und Mathilde.

Anders als es der Titel vermuten lässt, hat der Roman nicht zwei, sondern drei Protagonistinnen: Marie, Mathilde und Jónína. Die Frauen sind interessante Personen. Insgesamt ist das Personal des Romans jedoch recht reduziert.

Wie der Autor bereits im Vorwort ankündigt, soll der Roman entschleunigen, Trost spenden und eine Alltagsflucht ermöglichen. Diesem Anspruch wird er durchaus gerecht. Statt einer handlungsgetriebenen Geschichte dominieren ruhige Naturbeschreibungen und unaufgeregte Beobachtungen. Literaturliebhaber dürften sich auch über Lesetipps und andere Szenen aus der Welt des Buchhandels freuen. Der Roman macht Lust, das reale Bücherdorf und seine charmante Umgebung selbst einmal zu besuchen.

Für ein wenig Spannung sorgen die Hintergründe der drei Frauen und die Fragen, die sich daraus ergeben. Auf den rund 330 Seiten ist die Geschichte jedoch stellenweise etwas redundant und langatmig. Zudem erscheinen nicht alle dargestellten Umstände und Details realistisch.

Am meisten hat mich allerdings der antiquierte Ton des Textes gestört. Wortwahl und Formulierungen wirken gestelzt und bemüht bildungssprachlich. Die Dialog machen einen gekünstelten und damit wenig lebensnahen Eindruck. Auch die Sprache des Romans erscheint damit aus der Zeit gefallen.

Das idyllische und hübsche Covermotiv harmoniert zwar nicht mit dem Titel, aber passt hervorragend zum Setting. Der Titel wird der Geschichte nur zum Teil gerecht.

Mein Fazit:
Mit „Mathilde und Marie“ schöpft Torsten Woywod leider nicht das gesamte Potenzial der Geschichte aus. Wegen mehrerer Schwächen ist sein ungewöhnlicher Debütroman nur bedingt empfehlenswert.

Veröffentlicht am 19.02.2026

Ignaz, ein Stachelungeheuer?

Willkommen im Zoo - Ein neues Zuhause für Ignaz Pfefferminz Igel
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Ignaz Pfefferminz Igel ist ein höflicher, reinlicher und hilfsbereiter Kerl. Auf der Suche nach einem neuen Zuhause landet der Igel im Zoo und erwischt dort keinen guten Start. Wegen eines Missgeschicks ...

Ignaz Pfefferminz Igel ist ein höflicher, reinlicher und hilfsbereiter Kerl. Auf der Suche nach einem neuen Zuhause landet der Igel im Zoo und erwischt dort keinen guten Start. Wegen eines Missgeschicks hält ihn Direktor Alfred Ungestüm irrtümlicherweise für ein stacheliges Ungeheuer. Auch von den anderen Tieren erfährt der Igel zunächst nur Misstrauen und Ablehnung. Dann wird aber schnell klar: Ignaz ist alles andere als ein gefährlicher Einbrecher. Kann er auch den Direktor für sich gewinnen?

„Willkommen im Zoo – Ein neues Zuhause für Ignaz Pfefferminz Igel“ ist ein Vorlesebuch von Sophie Schoenwald, empfohlen für Kinder ab fünf Jahren.

Das neue Buch knüpft an die Zoo-Bilderbücher an, erzählt allerdings die Vorgeschichte. Dabei besteht die Geschichte aus zwölf Kapiteln, die jeweils eine kurze Episode schildern. So lässt sich das Vorlesen gut auf mehrere Tage aufteilen. Vorkenntnisse über die übrigen Zoo-Bände sind keineswegs nötig.

Der Text von Sophie Schoenwald ist an die Altersgruppen angepasst und gut verständlich. Manche Redewendung und Umschreibung wie „klar Schiff machen“ muss jüngeren Kindern gegebenenfalls erklärt werden, hilft jedoch beim Erweitern des Wortschatzes.

Ignaz ist ein liebenswerter und knuffiger Protagonist, mit dem man gerne mitfiebert. Der Igel taugt definitiv als Sympathieträger. Stück für Stück lernt man auch die übrigen Zoobewohner kennen.

Die warmherzige Geschichte zeigt auf, wie rasch falsche Vorurteile und Missverständnisse entstehen. Dabei wird deutlich, dass nur durch Offenheit und Zugewandtheit ein wirkliches Kennenlernen und Verständnis füreinander möglich ist. Zugleich macht die Geschichte klar, dass Hilfsbereitschaft für alle bereichernd ist, Freundschaften ermöglicht und Türen öffnen kann. Diese pädagogischen Botschaften finde ich begrüßenswert.

Die Kapitel sind abwechslungsreich und unterhaltsam. Zugleich schafft die Geschichte humorvolle Momente, ohne dass die Handlung zu albern daherkommt.

Die farbenfrohen, aber nicht zu grellen Illustrationen von Günther Jakobs zeugen von der Liebe fürs Detail. Sie passen sehr gut.

Mein Fazit:
Das neue Vorlesebuch ist eine gelungene Ergänzung der Zoo-Reihe. Auch mit „Willkommen im Zoo – Ein neues Zuhause für Ignaz Pfefferminz Igel“ weiß Sophie Schoenwald zu überzeugen. Absolut empfehlenswert!

Veröffentlicht am 18.02.2026

Immer an die Übungen denken

Die Routinen
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Amik ist nur ihr Spitzname, benannt nach einem Olympia-Maskottchen. Ihre Individualität ist allerdings sowieso nicht wichtig. Als ehrgeizige und talentierte Kunstturnerin soll sie nur ihre sportlichen ...

Amik ist nur ihr Spitzname, benannt nach einem Olympia-Maskottchen. Ihre Individualität ist allerdings sowieso nicht wichtig. Als ehrgeizige und talentierte Kunstturnerin soll sie nur ihre sportlichen Erfolge im Blick behalten. Schon seit ihrer Kindheit dominiert das Wettkampfdenken alles. Den sportlichen Leistungen ist jeglicher Aspekt ihres Alters untergeordnet. Und die Medaillen geben den unerbittlichen Trainingsmethoden recht. Doch nun ist sie 32 Jahre alt, von den jüngeren Konkurrentinnen abgehängt und muss den dramatischen Unfall ihrer Zimmergefährtin Izzy mitansehen…

„Die Routinen“ ist der Debütroman von Son Lewandowski.

Erzählt wird die Geschichte in fünf Teilen vorwiegend, aber nicht nur in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Amik. Dabei wechseln sich ein Gegenwarts- und ein Vergangenheitsstrang ab. Zudem sind in das Erzählmosaik mehrere Kapitel eingeflochten, die sich mit historischen Turnpersönlichkeiten beschäftigen. Auf diese Weise umspannt die Handlung die Jahre 1968 bis 2023 und spielt an verschiedenen Orten wie beispielsweise Berlin und Antalya.

Die fiktive Protagonistin mit dem Spitznamen Amik erscheint austauschbar, nur eine von vielen und daher ohne hervorstechenden Charakterzüge. Ihre Gedanken und Gefühle sind sowohl repräsentativ als auch sehr gut nachzuvollziehen.

Nadia Comăneci, Věra Čáslavská, Olga Korbut, Dominique Moceanu und Simone Biles: All‘ diesen jungen Turnerinnen gelangen in ihrem Sport erstaunliche Kunststücke. Jede von ihnen lieferte eine neue Bestmarke im Kunstturnen und wurde zum Vorbild für nachfolgende Generationen. Ihre realen Autobiografien, die die Autorin sorgfältig recherchiert hat, werden gekonnt mit der fiktiven Geschichte um Amik verknüpft.

Der Roman verdeutlicht nicht nur, zu welchen sportlichen Leistungen die realen Sportlerinnen fähig waren,sondern er deckt vor allem auch ein bedenkliches System im Profisport auf: permanenter Trainingsdrill ohne Rücksicht auf Verluste, beinahe unmenschlicher Leistungsdruck, Ausbeutung noch heranwachsender und abhängiger Schülerinnen, (politische) Instrumentalisierung und Sexismus. Mehr noch: Die Geschichte zeigt umfassenden Missbrauch und Gewalt im professionellen, internationalen Leistungssport auf. So ist der Roman gleichermaßen eine Anklage des Systems als auch ein Plädoyer für mehr Feminismus im Sport.

Auf nur wenig mehr als 260 Seiten hat mich die Geschichte gleichermaßen schockiert und berührt. Obwohl ich durchaus bereits Einblicke bezüglich der Schattenseiten des Leistungssports hatte, habe ich die Lektüre als augenöffnend und aufrüttelnd empfunden.

Auch in sprachlicher Hinsicht ist der Roman überragend. Der Text ist wortgewandt, atmosphärisch und eindringlich. Unterlegt mit einer poetischen Note, findet die Autorin immer wieder ungewöhnliche Sprachspiele und -bilder.

Der Titel „Die Routinen“ ist aufgrund der doppelten Bedeutung sehr passend. Er ist einerseits angelehnt an das englische Wort für Turnübungen und verweist andererseits auf die ständig zu wiederholenden Bewegungsabläufe. Auch das Covermotiv mit der unkenntlichen Turnerin auf dem Schwebebalken ist eine vorzügliche Wahl.

Mein Fazit:
Mit ihrem beeindruckenden Debüt hat mich Son Lewandowski begeistert. „Die Routinen“ ist ein inhaltlich wie sprachlich äußerst gelungener Roman mit Nachhall. Ein Highlight im Lesejahr 2026!

Veröffentlicht am 16.02.2026

Die Frauen von der „Esja“

Moosland
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Sommer 1949: Als eine von knapp 300 deutschen Frauen kommt Elsa mit dem Schiff „Esja“ nach Island. Sie folgen einem Aufruf der isländischen Regierung, für ein Jahr als Landarbeiterin oder Haushaltshilfe ...

Sommer 1949: Als eine von knapp 300 deutschen Frauen kommt Elsa mit dem Schiff „Esja“ nach Island. Sie folgen einem Aufruf der isländischen Regierung, für ein Jahr als Landarbeiterin oder Haushaltshilfe auf der Insel zu leben. Für Elsa ist der Anfang sehr schwer. Sie ist in Trauer und noch traumatisiert von den Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs. Zudem kommen die Sprachprobleme hinzu. Doch das ist nicht der einzige Grund für das Schweigen, das auf dem Gehöft vorherrscht…

„Moosland“ ist ein Roman von Katrin Zipse.

Erzählt wird im Präsens und aus der Perspektive von Elsa. Der Roman besteht dabei aus rund 50 kurzen Kapiteln.

Eine schnörkellose, fast nüchterne Sprache, gepaart mit einer einfachen Syntax: So lässt sich der ruhige, unaufgeregte Schreibstil beschreiben. Dennoch ist der Roman atmosphärisch dicht und überzeugt mit anschaulichen Naturbeschreibungen. Was ebenfalls ungewöhnlich ist: Aufgrund der Verständigungsprobleme sind Dialoge rar gesät.

Die Figuren sind mit psychologischer Tiefe angelegt. Sie wirken authentisch und zum Teil durchaus originell.

Wie aus dem interessanten und aufschlussreichen Nachwort zu erfahren ist, sind die Personen und der Handlungsort der Geschichte zwar fiktiv. Dennoch basiert der Roman auf einer wahren Begebenheit: den „Esja“-Frauen, die von Island angeworben wurden. Sehr gerne habe ich von diesem bisher wenig beleuchteten Aspekt der deutsch-isländischen Historie erfahren.

Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt ist das Geheimnis, über das die Familie eisern schweigt: das Verschwinden der Tochter. Die Sprachlosigkeit innerhalb der Familienmitglieder, aber auch die gegenüber der anfangs fremden Elsa ist fast greifbar.

Auf nur wenig mehr als 200 Seiten nimmt die Geschichte zwar nur langsam Fahrt auf. Sie hält allerdings immer wieder bewegende Momente bereit.

Das unspektakuläre, aber hübsche Covermotiv und der prägnante Titel passen hervorragend zu der Geschichte.

Mein Fazit:
Mit „Moosland“ hat Katrin Zipse einen bereichernden und zugleich berührenden Roman geschrieben. Empfehlenswert!

Veröffentlicht am 13.02.2026

(Nicht) der allerbeste Tierarzt

SAMi - Hier kommt Doktor Do!
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Doktor Do ist der allerbeste Tierarzt. Zumindest ist er davon überzeugt. Heute erwartet ihn und seine Arzthelferin Lisbeth ein hektischer Tag. Das Wartezimmer ist voll. Und dann kommt auch noch ein Anruf ...

Doktor Do ist der allerbeste Tierarzt. Zumindest ist er davon überzeugt. Heute erwartet ihn und seine Arzthelferin Lisbeth ein hektischer Tag. Das Wartezimmer ist voll. Und dann kommt auch noch ein Anruf von Bauer Hinnerk: Die Kuh Matilde ist auf einen Baum geklettert und weigert sich, zurück nach unten zu kommen…

„Hier kommt Doktor Do!“ ist ein Bilderbuch von Katja Reider für Kinder ab drei Jahren.

Die bunten Illustrationen von Gergely Kiss haben uns gut gefallen. Sie enthalten einige liebevolle Details. Die tierischen Protagonisten sind ansprechend gezeichnet.

Der Text von Katja Reider liefert Dialoge, die für Erwachsene zum Schmunzeln sind. Die Sprache ist nicht zu kompliziert. Die Wortspielereien dürften für kleinere Kinder allerdings nicht verständlich sein.

Enttäuscht hat uns vor allem die platte Geschichte. Die Erwartung, dass sie die Angst vor Arztbesuchen nehmen könnte, hat sich nicht erfüllt. Doktor Do ist außer bei der Kuh Mathilde wenig einfühlsam. Lisbeth behandelt mit einer ekelhaften Krötensalbe. Warum ein Hypochonder in die Geschichte eingeflochten wurde, hat sich mir ebenfalls nicht erschlossen.

Besonders ärgerlich ist das wiederholte Fatshaming. Zumal es noch nicht einmal genutzt wird, um auf die Bedeutung von gesunder Ernährung hinzuweisen.

Generell bleibt die Geschichte sehr oberflächlich und klischeehaft. Sie ist aus pädagogischer Sicht fragwürdig und konnte auch hinsichtlich ihres Unterhaltungswertes nur mäßig überzeugen.

Mein Fazit:
„Hier kommt Doktor Do!“ von Katja Reider kann ich leider nicht guten Gewissens empfehlen. Es gibt bessere Bilderbücher zum Thema. Finger weg!