Der Großvater, den sie nie kennenlernte
Ich möchte zurückgehen in der ZeitEr war ein überzeugter Nationalsozialist. Geboren im Jahr 1904 in Berlin, gestorben 1964. Was hat er als Mitglied der Waffen-SS getan? Was ist darüber hinaus in seinem Leben passiert? Welche Art von Mensch ...
Er war ein überzeugter Nationalsozialist. Geboren im Jahr 1904 in Berlin, gestorben 1964. Was hat er als Mitglied der Waffen-SS getan? Was ist darüber hinaus in seinem Leben passiert? Welche Art von Mensch war ihr Großvater? Diesen Fragen will eine Schriftstellerin kurz vor ihrem 50. Geburtstag nachgehen. Sie macht sich auf eine Reise, eine Spurensuche.
„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist ein autofiktionales Buch von Judith Hermann.
Darin geht es um eine Suche nach Antworten und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Familie, in der es eine Leerstelle gibt: den seit 60 Jahren verstorbenen Großvater, den die Autorin nie persönlich kennengelernt hat. Erzählt wird in deren Ich-Perspektive. Dabei ist jedoch zu beachten, dass es zwar viele Parallelen zu Judith Hermann und ihrer Familie gibt, das Buch allerdings auch fiktive, literarische Elemente enthält.
Bei ihrer Mutter beißt die Erzählerin auf Granit. Sie will sich nur an wenig erinnern können, gibt auch auf das penetrante Bedrängen der Tochter hin kaum etwas preis. Somit ist die Erzählerin auf andere Quellen angewiesen. Mit einem Foto vom Juli 1941 im Gepäck, setzt sie sich in den Zug.
Erste Station und der erste Teil des Buches - nach einem kurzen Prolog - ist Radom, eine Kleinstadt in Polen, in der die Autorin im Februar 2024 ankommt. Dort, wo sich von Frühjahr 1941 bis August 1942 ein Ghetto für Juden befand, will sie mehr über ihren Vorfahren erfahren, der damals an diesem Ort gewesen ist. Doch ihr Großvater hat keine dokumentierten oder sichtbaren Spuren in der Stadt hinterlassen.
Deshalb setzt sie ihre Recherche, nach einem kurzen Lesungsstopp in Krakau, in Richtung Italien fort. „Napoli“ heißt daher der zweite Teil des Buches. In der Stadt Neapel und auf dem Land besucht die Erzählerin ihre jüngere Schwester, die als Archäologin zwar von Berufs wegen oft in der Vergangenheit herumstochert und gräbt, gegenüber ihrer eigenen Familiengeschichte aber - wie ihre Mutter - erstaunlich gleichgültig ist.
Überschrieben mit „Tidslomme“, dem dänischen Wort für „Zeittäschen“, folgt ein dritter Teil, der sich nicht direkt mit der Recherche befasst, aber dennoch einen Bezug zum Thema aufweist. Er weitet den Fokus auf interfamiliäres Schweigen aus.
Dass sich das Buch mutig einem Tabu nähert, hat mich an der Lektüre gereizt. Die problematische familiäre Vergangenheit aufzugreifen, ist begrüßenswert und liefert ein interessantes Thema. Doch letztlich ist es vor allem ein Tappen im Dunkeln, ist das Gewicht des Erbes nicht zu beziffern. So dreht sich das Buch mehr um Verdrängung, das Vermeiden von Gedenken und Schuldgefühlen sowie das Misslingen von Aufarbeitung als um neue Erkenntnisse. Zugleich ist es als Kritik an der Erinnerungskultur zu verstehen.
Dass die Recherche der Erzählerin ohne weitere Hinweise bleibt, ist dem Buch nicht anzukreiden. Die Suche ist nach 60 Jahren schließlich ein schwieriges Unterfangen. Dass Leerstellen und offene Fragen bleiben, ist nicht überraschend, sondern glaubwürdig. Dennoch lässt mich die Lektüre enttäuscht zurück. Insbesondere angesichts des Umstands, dass sich das Buch auf seinen knapp 160 Seiten zu viel mit Nebensächlichkeiten, Abschweifungen und belanglosen Details befasst.
In sprachlicher Hinsicht empfinde ich das Buch hingegen als sehr gelungen. Es enthält schöne Metaphern und andere bemerkenswerte Bilder. In den knappen Sätzen schwingt oftmals eine poetische Note mit.
Das stimmungsvolle Covermotiv lässt sich auch im übertragenen Sinne deuten und passt daher auf mehreren Ebenen gut. Auch der Titel ist nachvollziehbar.
Mein Fazit:
„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ von Judith Hermann hat meine Erwartungen leider nicht in Gänze erfüllt. Ihr sprachliches Können stellt die Autorin in ihrem autofiktionalen Buch jedoch eindrucksvoll unter Beweis.