Cover-Bild Die Nacht unterm Schnee
24,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Suhrkamp
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 304
  • Ersterscheinung: 18.07.2022
  • ISBN: 9783518430859
Ralf Rothmann

Die Nacht unterm Schnee

Roman | Bestenliste des ORF

Winter 1945: Verwundet liegt die sechzehnjährige Elisabeth, ein Landarbeiterkind, in einem Bunker unter der Erde und wird von einem russischen Deserteur gepflegt. Durch das Ofenloch hört sie Schritte im Schnee, und fiebernd stellt sie sich vor, dass dort oben nicht nur alle, die sie kennt und mag, ihre Eltern und Brüder, die Oma aus Danzig, sondern auch ihr künftiger Mann und die ungeborenen Kinder nach ihr suchen und sich über die Trümmer entfernen, ohne zu ahnen, dass sie darunter liegt. Und plötzlich denkt die Vergewaltigte, dass es gut so ist, dass sie nie mehr hinaufwill zu ihnen, zu allem, und für immer in dieser Nacht, diesem Frieden unter dem Schnee bleiben möchte. Aber sie muss ihr Leben zu Ende leben.

In einem atemberaubend geschriebenen Panorama der frühen Nachkriegsjahre zeichnet Ralf Rothmann das Portrait einer Frau, der stets die Angst im Weg steht, während ihr das Durchlittene jedes Gefühl dafür nimmt, welches Leid sie anderen zufügt; einer lebenslang hart arbeitenden Frau und Mutter, die von einem Rummel zum anderen tanzt, um nicht mehr zur Besinnung zu kommen, und vor der man sich doch verneigen muss: weil sich in ihrer Verzweiflung der Wille zur Liebe ausdrückt.

Nach den vielfach übersetzten Romanen Im Frühling sterben (2015) und Der Gott jenes Sommers (2018) schließt der Autor mit Die Nacht unterm Schnee seine Trilogie über den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit in Deutschland ab.

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.11.2022

Was für ein Buch! Überwältigend!

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!ein Lesehighlight 2022!



Klappentext:

„Winter 1945: Verwundet liegt die sechzehnjährige Elisabeth, ein Landarbeiterkind, in einem Bunker unter der Erde und wird von einem russischen Deserteur gepflegt. ...

!ein Lesehighlight 2022!



Klappentext:

„Winter 1945: Verwundet liegt die sechzehnjährige Elisabeth, ein Landarbeiterkind, in einem Bunker unter der Erde und wird von einem russischen Deserteur gepflegt. Durch das Ofenloch hört sie Schritte im Schnee, und fiebernd stellt sie sich vor, dass dort oben nicht nur alle, die sie kennt und mag, ihre Eltern und Brüder, die Oma aus Danzig, sondern auch ihr künftiger Mann und die ungeborenen Kinder nach ihr suchen und sich über die Trümmer entfernen, ohne zu ahnen, dass sie darunter liegt. Und plötzlich denkt die Vergewaltigte, dass es gut so ist, dass sie nie mehr hinaufwill zu ihnen, zu allem, und für immer in dieser Nacht, diesem Frieden unter dem Schnee bleiben möchte. Aber sie muss ihr Leben zu Ende leben.“



Ich muss wirklich schreien. Warum? Weil mir diese Trilogie bislang nicht bekannt war und ich muss mich fast ein wenig dafür schämen. Autor Ralf Rothmann schließt mit diesem Buch seine Trilogie ab. Die wohl drängenste Frage: Kann man das Buch auch ohne die Vorgänger lesen? Antwort: kann man aber dennoch macht es Sinn die Vorgänger zu kennen bzw. eben dann die Verbindung besser herstellen zu können.

Die Geschichte hier handelt von Elizabeth. In jungen Jahren hat sie der Zweite Weltkrieg gezeichnet. Nicht nur die Verletzung hat sie geprägt, auch ihre Seele hat ganz tiefe Wunden davon getragen die sie ein Leben lang begleiten werden. Diese eine Nacht unter dem Schnee hat ihre Seele zermürbt und es lag einzig an ihr entweder den Schritt mach vorn anzutreten oder gar den letzten Schritt schnell und einfach zu gehen. Kann man Elizabeth verstehen? Rothmann macht es uns Leser mit seiner Wortwahl und seinem Ausdruck sehr leicht und wir leiden schreckliche Qualen selbst als Leser mit. Man möchte ihr so gerne helfen und ist durch die Buchseiten von ihr getrennt. Rothmanns Geschichte bewegt den Leser wahrlich ganz tief und der Schnee ist nicht nur Schutzschirm für Elizabeth sondern gleichzeitig das was sie am Leben erhält. Rothmann nimmt uns zart an die Hand um Elizabeths Entwicklung zu erlesen. Wir erfahren unheimlich viele Dinge von ihr und werden auch an die Art und Weise herangeführt warum sie so handelt wie sie handelt. Ihr Tun und Handeln ist keineswegs normal für uns aber sie sieht es als normal an. Was ich damit meine? Lesen Sie es selbst! In Elizabeth hat sich die Härte und auch in gewisser Weise der Zorn breit gemacht. Die Kälte des Schnees scheint in ihren Adern zu hängen und es ist erschreckend und erstaunlich gleicher Maßen was aus ihr wird. Dennoch kann man sie verstehen. „…einer lebenslang hart arbeitenden Frau und Mutter, die von einem Rummel zum anderen tanzt, um nicht mehr zur Besinnung zu kommen, und vor der man sich doch verneigen muss: weil sich in ihrer Verzweiflung der Wille zur Liebe ausdrückt.“ besser kann man es einfach nicht ausdrücken! Ich bin wirklich überwältigt von diesem Werk und werde definitiv die beiden Vorgänger noch lesen! Dieses Buch hier war ein wahres Lesehighlight 2022 und genau deshalb gibt es 5 von 5 Sterne von mir!

Veröffentlicht am 22.08.2022

Packendes Familiendrama

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REZENSION - „Ein Schriftsteller verfügt selten über mehr als seine Biografie, … seine eigene, von den Echos und Schatten der Vergangenheit und dem Vorschein der Zukunft umschwebte Geschichte“, schreibt ...

REZENSION - „Ein Schriftsteller verfügt selten über mehr als seine Biografie, … seine eigene, von den Echos und Schatten der Vergangenheit und dem Vorschein der Zukunft umschwebte Geschichte“, schreibt der mehrfach preisgekrönte Schriftsteller Ralf Rothmann (69) zu Beginn seines im Juli beim Suhrkamp Verlag veröffentlichten Romans „Die Nacht unterm Schnee“. Mit diesem Buch schließt er nach „Im Frühling sterben“ (2015) und „Der Gott jenes Sommers“ (2018) seine autobiografisch geprägte Trilogie über den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit ab. Dieser dritte Band lässt sich zwar auch ohne die beiden ersten gut lesen, doch wäre deren vorherige Lektüre zum besseren Verständnis der drei wichtigsten Charaktere hilfreich. Bestimmte den ersten Band die Zwangsrekrutierung des 17-jährigen Melker-Lehrlings Walter Urban, waren es im Folgeband die 12-jährige Luisa Norff und deren Erlebnisse kurz vor Ende des Kriegs, steht nun im abschließenden Band das durch Flucht und Vergewaltigungen geprägte Leben von Elisabeth Urban im Vordergrund, die nach dem Krieg in der Ehe mit Walter vergeblich Halt zu finden sucht.
Aus Luisas Erzählungen über gemeinsame Jahre in Schleswig-Holstein im Restaurant der Mutter, in dem Elisabeth als Büfettkraft arbeitet, während ihr Verlobter Walter Melker auf einem Gutshof ist, aus späterer Korrespondenz beider Frauen sowie aus Luisas Eindrücken und Erleben bei späteren Besuchen des Ehepaares auf dem Gutshof und schließlich im Ruhrgebiet, wo Walter nun als Bergmann arbeitet, erfahren wir vom hoffnungslosen Versuch des kriegsgebeutelten Paares, in den Jahren 1945 bis 1980 ein irgendwie erträgliches Leben zu führen. Nicht die Liebe, sondern die Schrecken der Vergangenheit haben beide ein Paar werden lassen. „Während der stille Walter sich mit seiner Geschichte [im Bergbau] unter Tage vergrub …., vermied seine Frau es, zur Besinnung zu kommen …“. Die hart arbeitende Frau und Mutter zweier Kinder tanzt auf jedem Volksfest und in Bars, um Durchlittenes zu vergessen.
Rothmann thematisiert in seinem Roman, wie die Kriegserlebnisse nicht nur die Seelen vieler Menschen jener Generation geschädigt hat, sondern auch in den Generationen der Kinder und Enkel nachwirken kann. Es geht um die Unfähigkeit der Betroffenen, aus eigenen Gewalterfahrungen zu lernen. So versucht Walters und Elisabeths inzwischen zum Schriftsteller gewordener Sohn Wolf, ein literarisches Selbstbildnis des Autors Ralf Rothmann, das Verhalten der gelegentlich gewalttätigen Mutter sich zu erklären: „Aus Frust über die freudlose Ehe oder auch aus Wut über seine [Walters] Vorwürfe und Drohungen … packte sie mich, das kleine Abbild ihres starken Mannes, bei den Haaren, um meinen Kopf gegen den Spülstein zu schlagen.“
Es ist die erschreckende Vorgeschichte der mehrfach Vergewaltigten, die die eigentlich lebensfrohe Elisabeth in jungen Jahren hart und verbittert werden ließ. „Ach Mensch, was hätte nicht alles werden können ohne diesen ollen Krieg.“ Nachdem ein Selbstmordversuch scheitert, nimmt sie auf ihre Art auf Volksfesten und in Tanzschuppen Rache an den Männern, indem „sie sich kühl berauschte an diesem einen eruptiven Moment der Schwäche, den sich die Männer nach Feierabend in ihren Armen leisteten. Der gab ihr eine gewisse Macht und damit zeitweise das ersehnte Selbstwertgefühl ….“
Ralf Rothmann schreibt in einfühlsamen, stellenweise auch in unerbittlichen Worten und in Einzelheiten geschilderten Milieu- und Alltagssituationen über die Sehnsüchte der verlorenen Generation. Als älterer Leser vermag man sich nur zu gut in die vom Autor sehr authentisch wiedergegebene Atmosphäre und Szenerie jener Nachkriegsjahre einfühlen, als viele Eltern nur vergessen oder verdrängen wollten und auf Fragen der Kinder schwiegen. Man erinnert sich noch an die damals modern wirkenden Wohnungseinrichtungen, die Kleidung, die Musiktitel. Doch der unbedingt lesenswerte und preiswürdige Roman „Die Nacht unterm Schnee“ ist nicht nur Rückschau auf vergangene Zeiten. Er ist auch ein aktueller Roman angesichts der vielen Verzweifelten in heutigen Kriegsgebieten, der auch jüngeren Lesern unbedingt zu empfehlen ist.