Skandinavischer Thriller nach bewährtem Muster
Kalt wie die LuftREZENSION – Obwohl der norwegische Schriftsteller und Soziologe Ørjan N. Karlsson (55) in seiner Heimat seit 20 Jahren schon etliche Bestseller-Erfolge hatte, ist er bei uns noch unbekannt. Dies kann sich ...
REZENSION – Obwohl der norwegische Schriftsteller und Soziologe Ørjan N. Karlsson (55) in seiner Heimat seit 20 Jahren schon etliche Bestseller-Erfolge hatte, ist er bei uns noch unbekannt. Dies kann sich mit seinem ersten auch auf Deutsch im Februar beim Pendragon Verlag veröffentlichten Roman „Kalt wie die Luft“ jetzt vielleicht ändern. Im ersten Band seiner neuen Thrillerreihe um den in der Kleinstadt Bodø, der Heimat des Autors nördlich des Polarkreises ermittelnden Kriminalkommissar Jakob Weber geht es um zwei vermisste junge Frauen. Unterstützt wird Weber von seiner aus zunächst unbekanntem Grund vom Kriminalhauptamt in Oslo versetzten jungen Kollegin Noora Yun Sande und zwei weiteren Team-Mitgliedern.
Die 19-jährige Iselin Hanssen ist nicht von ihrer Jogging-Tour zurückgekommen. Auf der Suche nach ihr werden auf einem einsamen Waldweg Blutspuren entdeckt. Zunächst gehen Weber und Sande noch von einer Entführung aus, bis auf der abgelegenen Insel Røst eine weitere junge Frau spurlos verschwindet – Marte Moi, eine als „Nature Lady“ bekannte Influencerin. Kein Wunder also, dass die clevere Journalistin Sigrid Malmsten an den Ermittlungen interessiert ist, in deren Verlauf die Polizisten auf einen fast 30 Jahre zurückliegenden vergleichbaren, bis heute aber ungelösten Mord an einer jungen Frau stoßen. Müssen Weber und sein Team also nach einem Serientäter suchen, der jederzeit erneut zuschlagen kann, oder vielleicht sogar nach zwei Tätern?
Karlssons Roman „Kalt wie die Luft“ entwickelt sich nach einer etwas schleppend anlaufenden ersten Hälfte allmählich zu einem soliden und spannenden Thriller, ist allerdings keine literarische Überraschung, weist die Geschichte doch alle Elemente auf, die man von bekannten skandinavischen Thrillern kennt: Die raue Küstenlandschaft der Provinz Nordland mit ihren abgelegenen Inseln in eisiger Natur sorgen für die nötige düster-kalte Atmosphäre. Die Beklommenheit wird gesteigert durch die doppelbödige Charakterisierung fast aller Protagonisten, deren hintergründige Privatschicksale immer wieder in die Ermittlungsarbeit hineinwirken. Der Roman ist kapitelweise nach den einzelnen Protagonisten aufgeteilt, so dass man als Leser deren Ermittlungstätigkeit aus unterschiedlichen, den Spannungsaufbau fördernden Blickwinkeln verfolgen kann. Ein weiteres Spannungselement ist die gelegentliche Einblendung des in seinem Handeln eiskalten, bis zur abschließenden Verbrechensauflösung aber unbekannt bleibenden Täters.
Alles in allem ist „Kalt wie die Luft“ also ein nach bewährtem Muster skandinavischer Thriller in seiner düsteren Atmosphäre stimmiger, solide aufgebauter Krimi. Allerdings braucht man beim Lesen der ersten Häfte mit ausführlicher Vorstellung der einzelnen Protagonisten doch etwas Geduld. Ohnehin ist das Erzähltempo anfangs noch recht langsam ist und nimmt erst ab Mitte des Romans spürbar an Fahrt auf. Die in die aktuelle Handlung einwirkenden persönlichen Schicksale lenken zumindest teilweise stark vom Ermittlungsfall ab, worunter der Spannungsbogen stellenweise leidet. Auch scheint es etwas übertrieben zu sein, dass es in Karlssons Thriller kaum einen „normalen“ Menschen ohne private Probleme gibt. Was im Einzelfall einer Figur eine gewisse Lebensechtheit und Authetizität geben mag, wirkt in der Menge wieder unglaubwürdig.
Freunde skandinavischer Kriminalromane und der nordnorwegischen Küstenlandschaft werden auch an „Kalt wie die Luft“ sicher ihre Freude haben. Doch wenn man andere nordische Bestseller kennt und nun Karlssons Roman etwas kritischer liest, wirkt manches bei Handlung und Figuren doch irgendwie vorhersehbar und wenig überraschend. Da es sich bei diesem Band – Jakob Webers erstem Fall – aber um den Auftakt zu Ørjan Karlssons neuer Thrillerreihe handelt, wir also die beiden Protagonisten Weber und Sande erst kennenlernen mussten, sollten wir mit einem abschließenden Urteil vielleicht besser den zweiten Band und die weitere Entwicklung der Reihe abwarten: „Dunkel wie die Nacht“ ist für den Herbst dieses Jahres angekündigt.