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Veröffentlicht am 26.07.2020

Ein literaturhistorisch interessanter Roman über Heines Sterben im Pariser Exil

Der weiße Abgrund
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REZENSION – Nicht nur literaturhistorisch interessierte Leser dürfte der im Juli im btb-Verlag erschienene Roman „Der weiße Abgrund“ von Henning Boëtius (81) begeistern, sondern alle Freunde der klassischen ...

REZENSION – Nicht nur literaturhistorisch interessierte Leser dürfte der im Juli im btb-Verlag erschienene Roman „Der weiße Abgrund“ von Henning Boëtius (81) begeistern, sondern alle Freunde der klassischen Literatur deutscher Sprache. Sprachlich grandios und überaus lebendig, auch für fachlich Unkundige leicht zu lesen, beschreibt der für die Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts ausgewiesene Fachmann die letzten Jahre und Wochen des Dichters Heinrich Heine (1797-1856) auf dem Sterbebett in seiner kleinen Pariser Wohnung, bescheiden möbliert mit Möbeln vom Flohmarkt. Fast glaubt man als Leser, auf Heines Bettkante zu sitzen und ihm beim Hinscheiden in den „weißen Abgrund“ zu beobachten.
Der sterbenskranke Mittfünfziger ist längst kein Revolutionär mehr, weshalb er vor 20 Jahren nach Anfeindungen wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner politischen Ansichten mit nachfolgendem Publikationsverbot ins Pariser Exil auswich. „Körperliches Leiden macht reaktionär“, vermutet Boëtius und fährt fort: „In den letzten Monaten seines Lebens, befreit von vielen ablenkenden Zwängen irdischen Daseins ... schreibt Heine seine besten Texte.“
Schon seit den 1830er Jahren leidend, seit 1848 in seiner „Matratzengruft“ dahinsiechend, während draußen die Industrialisierung voranschreitet und Paris sich auf die Weltausstellung vorbereitet, kann Heine schon lange nicht mehr an gesellschaftlichen Treffen in den Salons der Pariser Bohème teilnehmen. „Kein Wunder, dass sich Heine angesichts dieser Entwicklung wie ein Fossil vorkommt, dessen Reimereien nur noch ein schwaches Echo sind, zurückgeworfen vom Waldrand der Vergangenheit.“ Stattdessen empfängt der immer noch von vielen bewunderte, von manchen beneidete und von einigen auch ausgenutzte Dichter alte Freunde und neue Bekannte am Krankenbett. „Er hat viel Besuch in diesen Tagen. So etwas wie ein Leichenzug, der hinter einem Sarg herläuft. Dabei ist er noch gar nicht tot, aber er scheint für viele so etwas wie ein interessanter lebender Leichnam zu sein. …. Er ist ein sterbender König, mit seinem winzigen Dreizimmer-Versailles, seinem kleinen Hofstaat, seinen Schranzen, seinen Günstlingen, seiner Mätresse.“
Heine fürchtet sich nicht vor dem Tod, zumal der „weiße Abgrund“ für den Schwerkranken eher Erlösung ist. „Er findet ihn nur ärgerlich, zu banal, zu phantasielos, ein Philister des Nichts.“ Trost gibt ihm seine letzte große, wenn auch platonische Liebe Elise Krinitz, die als Heines Bewunderin hofft, ihn als Mentor für eigene literarische Ambitionen zu gewinnen. Ist sie es wirklich, die auf Druck ihres Freundes, des Schriftstellers Alfred Meißner, des Dichters Sterben durch mit Blei vergifteten Wein beschleunigt? Heines Leibarzt David Gruby erstattet jedenfalls nach dessen Tod bei der Polizei Anzeige: Heine sei sich zwar sicher gewesen, an Syphilis erkrankt zu sein. Doch extremes Erbrechen, die Koliken, wochenlang anhaltende Verstopfung, die Lähmung der Gliedmaßen, „all das passt eher zu einer Bleivergiftung“, zumal Heines Schaffenskraft bis zum Ende niemals nachließ.
Boëtius schildert, wie Heine sein Schicksal mit beißender Ironie und Sarkasmus erträgt. Dem Sterben und Tod des Dichters hält der Autor Heines Spott über das Leben und seine Künstlerkollegen entgegen, wodurch dem Autor ein sehr "lebendiger" Roman gelungen ist. Wunderbar beschrieben ist vor allem der Abend im Salon seines Arztes, bei dem wir unter den illustren, doch Karikaturen ihrer selbst ähnelnden Gästen auch Gustave Flaubert antreffen, der an einer Enzyklopädie der menschlichen Dummheit arbeitet. Henning Boëtius' schmales, nur 190-seitiges Buch „Der weiße Abgrund“ ist dagegen ein erfreulich intelligenter Roman, von einem Kenner der Szene verfasst. Boëtius schafft es, mit seiner kurzen Romanbiografie auch solchen Lesern einen der bedeutendsten deutschen Dichter näher zu bringen, die sich mit Heinrich Heine noch nie zuvor befasst haben. Wer durch dieses Buch von Heines Sterben erfahren hat, wird sich anschließend gern über Heines Leben informieren wollen.

Veröffentlicht am 26.07.2020

Ein literaturhistorisch interessanter Roman über Heines Sterben im Pariser Exil

Der weiße Abgrund
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REZENSION – Nicht nur literaturhistorisch interessierte Leser dürfte der im Juli erschienene Roman „Der weiße Abgrund“ von Henning Boëtius (81) begeistern, sondern alle Freunde der klassischen Literatur ...

REZENSION – Nicht nur literaturhistorisch interessierte Leser dürfte der im Juli erschienene Roman „Der weiße Abgrund“ von Henning Boëtius (81) begeistern, sondern alle Freunde der klassischen Literatur deutscher Sprache. Sprachlich grandios und überaus lebendig, auch für fachlich Unkundige leicht zu lesen, beschreibt der für die Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts ausgewiesene Fachmann die letzten Jahre und Wochen des Dichters Heinrich Heine (1797-1856) auf dem Sterbebett in seiner kleinen Pariser Wohnung, bescheiden möbliert mit Möbeln vom Flohmarkt. Fast glaubt man als Leser, auf Heines Bettkante zu sitzen und ihm beim Hinscheiden in den „weißen Abgrund“ zu beobachten.
Der sterbenskranke Mittfünfziger ist längst kein Revolutionär mehr, weshalb er vor 20 Jahren nach Anfeindungen wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner politischen Ansichten mit nachfolgendem Publikationsverbot ins Pariser Exil auswich. „Körperliches Leiden macht reaktionär“, vermutet Boëtius und fährt fort: „In den letzten Monaten seines Lebens, befreit von vielen ablenkenden Zwängen irdischen Daseins ... schreibt Heine seine besten Texte.“
Schon seit den 1830er Jahren leidend, seit 1848 in seiner „Matratzengruft“ dahinsiechend, während draußen die Industrialisierung voranschreitet und Paris sich auf die Weltausstellung vorbereitet, kann Heine schon lange nicht mehr an gesellschaftlichen Treffen in den Salons der Pariser Bohème teilnehmen. „Kein Wunder, dass sich Heine angesichts dieser Entwicklung wie ein Fossil vorkommt, dessen Reimereien nur noch ein schwaches Echo sind, zurückgeworfen vom Waldrand der Vergangenheit.“ Stattdessen empfängt der immer noch von vielen bewunderte, von manchen beneidete und von einigen auch ausgenutzte Dichter alte Freunde und neue Bekannte am Krankenbett. „Er hat viel Besuch in diesen Tagen. So etwas wie ein Leichenzug, der hinter einem Sarg herläuft. Dabei ist er noch gar nicht tot, aber er scheint für viele so etwas wie ein interessanter lebender Leichnam zu sein. …. Er ist ein sterbender König, mit seinem winzigen Dreizimmer-Versailles, seinem kleinen Hofstaat, seinen Schranzen, seinen Günstlingen, seiner Mätresse.“
Heine fürchtet sich nicht vor dem Tod, zumal der „weiße Abgrund“ für den Schwerkranken eher Erlösung ist. „Er findet ihn nur ärgerlich, zu banal, zu phantasielos, ein Philister des Nichts.“ Trost gibt ihm seine letzte große, wenn auch platonische Liebe Elise Krinitz, die als Heines Bewunderin hofft, in als Mentor für eigene literarischen Ambitionen zu gewinnen. Ist sie es wirklich, die auf Druck ihres Freundes, des Schriftstellers Alfred Meißner, des Dichters Sterben durch gepanschten Wein beschleunigt? Heines Leibarzt David Gruby erstattet jedenfalls nach dessen Tod bei der Polizei Anzeige: Heine sei sich zwar sicher gewesen, an Syphilis erkrankt zu sein. Doch extremes Erbrechen, die Koliken, wochenlang anhaltende Verstopfung, die Lähmung der Gliedmaßen, „all das passt eher zu einer Bleivergiftung“, zumal Heines Schaffenskraft bis zum Ende niemals nachließ.
Boëtius schildert, wie Heine sein Schicksal mit beißender Ironie und Sarkasmus erträgt. Dem Sterben und Tod des Dichters hält der Autor Heines Spott über das Leben und seine Künstlerkollegen entgegen. Wunderbar beschrieben ist der Abend im Salon seines Arztes, bei dem wir unter den illustren Gästen auch Gustave Flaubert antreffen, der an einer Enzyklopädie der menschlichen Dummheit arbeitet. Henning Boëtius' schmaler, nur 190-seitiges Buch „Der weiße Abgrund“ ist dagegen ein erfreulich intelligenter Roman, von einem Kenner der Szene verfasst. Boëtius schafft es mit seiner kurzen Romanbiografie, auch solchen Lesern einen der bedeutendsten deutschen Dichter näher zu bringen, die sich mit Heinrich Heine noch nie zuvor befasst haben. Wer durch dieses Buch von Heines Sterben erfahren hat, wird sich anschließend gern über Heines Leben informieren wollen.

Veröffentlicht am 21.07.2020

Nach "Totenland" erfüllt "Totenwelt" nicht die Erwartungen

Totenwelt
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REZENSION – Nach dem lesenswerten Krimi-Debüt „Totenland“ (2019) von Michael Jensen, Pseudonym des holsteinischen Arztes und Trauma-Therapeuten Jens-Michael Wüstel (54), durfte man auf die Fortsetzung ...

REZENSION – Nach dem lesenswerten Krimi-Debüt „Totenland“ (2019) von Michael Jensen, Pseudonym des holsteinischen Arztes und Trauma-Therapeuten Jens-Michael Wüstel (54), durfte man auf die Fortsetzung gespannt sein. Doch „Totenwelt“, nach den in Band 1 geschilderten Geschehnissen während der letzten Kriegstage des untergehenden Deutschen Reiches chronologisch nun in den ersten Mai-Tagen 1945 spielend, in denen Hitler-Nachfolger Dönitz in Flensburg eine neue Regierung aufzubauen versucht, während britische Truppen die Stadt besetzen, enttäuscht trotz durchaus spannender Elemente leider auf mehrfache Weise.
Der von der Ostfront kriegsverletzt heimgekehrte Polizei-Inspektor Jens Druwe soll als Hilfspolizist der Briten einen Doppelmord aufklären. Das zur Übergabe brisanten Materials über untergetauchte Nazi-Funktionäre arrangierte Geheimtreffen eines Captains mit einem früheren Canaris-Mitarbeiter endet für beide tödlich. Zwar scheint es zunächst, als hätten beide sich gegenseitig erschossen, doch Druwe hat berechtigte Zweifel und sucht nach dem unbekannten Dritten. Gleichzeitig wird er von der Dönitz-Regierung beauftragt, eine neue deutsche Polizei-Einheit aus politisch unbelasteten Beamten aufzustellen. Als Diener zweier Herren, die völlig gegensätzliche Interessen verfolgen, gerät Druwe zwangsläufig zwischen die Räder gegenläufiger politischer Interessen und wird als „Ermittler, der dem Grauen des Krieges die Liebe zur Wahrheit entgegenhält“ auch diesmal enttäuscht. Denn seinem britischen Vorgesetzten geht es nicht, wie Druwe gehofft hatte, um die Aufklärung des Doppelmordes und vor allem um die Festnahme untergetauchter Nazis, sondern als Mitarbeiter des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 ausschließlich um politische Interessen Großbritanniens und Vorteile gegenüber den anderen Siegermächten.
Autor Michael Jensen versteht es hervorragend, die Atmosphäre jener Tage in seiner Heimatregion absolut authentisch und lebendig wiederzugeben. Auch die so unterschiedlich gesetzten Charaktere – ob Opfer, Täter und Mitläufer der Nazis oder Vertreter der britischen Besatzungsmacht – sind tiefgründig ausgearbeitet und nachvollziehbar beschrieben: „Ich habe versucht, diese Gefühle und Gedanken [jener Tage] lebendig werden zu lassen.“ Denn „die innere Geschichte ist erst die wahre Geschichte“, zitiert Trauma-Therapeut Wüstel als Autor Michael Jensen im Nachwort den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard.
Doch als Buchautor verzettelt sich Michael Jensen in seinen komplexen Ansprüchen um genaue Analyse, was sich in „Totenwelt“ auf lähmend auf die Spannung auswirkt. Die um Korrektheit bemühte Schilderung der historischen Geschehnisse nimmt allzu viel Platz ein, gehört in dieser Breite auch nicht in einen Krimi. Hierzu wäre die Lektüre des zeitgleich erschienenen Buches „Acht Tage im Mai“ des Historikers Volker Ullrich besser. Jensens Bemühen um Genauigkeit zeigt sich in „Totenwelt“ leider auch in ständigen Bezugnahmen zu Handlung und Personen des ersten Bandes „Totenland“. Manches wird sogar innerhalb dieses zweiten Bandes noch mehrfach wiederholt, was das Lektorat hätte vermeiden müssen. Diese durchgängigen Bezüge auf Band 1 stören nicht nur das Vergnügen jener Leser, die den ersten Band bereits kennen, sondern irritieren auch Erstleser, da die rückblickenden Halbsätze nicht ihren Zweck erfüllen können. Besser wäre es stattdessen gewesen, dem zweiten Band die Geschichte des ersten auf drei Seiten zusammengefasst voranzustellen.
Da man beide Bände in Folge lesen sollte und es dem Autor ohnehin mehr um seine Charaktere als um die Mordfälle und deren Aufklärung geht, wäre es besser gewesen, von vornherein auf die Zweiteilung zu verzichten und die Handlungen vor und nach der deutschen Kapitulation in einem einzigen Band zu vereinen. Doch so aufgeteilt, konnte der zweite Band „Totenwelt“ den durch seinen Vorgänger „Totenland“ hochgesteckten Erwartungen leider nicht im eigentlich erwarteten Maß entsprechen. Doch trotz der von mir kritisierten Punkte bleibt auch dieser zweite Band gerade für die Generationen der Nachgeborenen empfehlenswert, zeichnet er doch ein weiteres Mal auf beeindruckende Weise ein genaues politisches und gesellschaftliches Abbild nicht nur Norddeutschlands zu jener Zeit des Neuanfangs.

Veröffentlicht am 16.07.2020

Gibt es ohne belastete Vergangenheit eine bessere Zukunft?

Die Wahrheit
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REZENSION – Aktuell und politisch brisant ist der kürzlich erschienene Roman „Die Wahrheit“ des britischen Schriftstellers Sam Bourne, Pseudonym des mehrfach ausgezeichneten Journalisten Jonathan Freedland ...

REZENSION – Aktuell und politisch brisant ist der kürzlich erschienene Roman „Die Wahrheit“ des britischen Schriftstellers Sam Bourne, Pseudonym des mehrfach ausgezeichneten Journalisten Jonathan Freedland (53), Autor bereits mehrerer Sachbücher und Thriller. Natürlich geht es um Wahrheit, aber auch um alternative Fakten und Fake News, vor allem aber um die Bürde der Vergangenheit und deren Umgang in heutiger Zeit. Lässt das Vergessen, das Auslöschen der Vergangenheit einen von aller Last befreiten Neustart zu? Gibt es eine Zukunft auch ohne Vergangenheit?
Die gegensätzlichen Sichtweisen, die auch Inhalt eines vielleicht ermüdenden philosophischen Diskurses sein könnten, verpackt Sam Bourne in einer spannenden Handlung und lässt seine Protagonisten entsprechend argumentieren und handeln. Maggie Castillo, einst erfolgreiche Beraterin des US-Präsidenten, wird mit der Ermittlung eines Mordfalles beauftragt. Ein Historiker wurde getötet. Doch dieser Mord ist nur der Beginn einer weltweiten Zerstörungsaktion. Weitere Historiker kommen zu Tode, dann brennen die zwölf wichtigsten Bibliotheken der Welt, in denen die ältesten Schriften der Menschheit archiviert sind, der Reihe nach bis auf die Grundmauern ab. Auch deren digitale Sicherungskopien werden von unbekannter Hand gelöscht. Schließlich werden auch noch die Internet-Suchmaschinen lahmgelegt. Doch nicht nur Archivalien werden vernichtet, auch die letzten Zeitzeugen der amerikanischen Sklaverei und des europäischen Holocausts, die noch persönlich Zeugnis über die grausamsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte ablegen können, werden getötet. Unbekannte Verschwörer löschen offensichtlich Schritt für Schritt das Gedächtnis der Menschheit.
„Wenn selbst der Präsident lügt, wem kann man noch trauen?“ lautet der Untertitel des Thrillers. Doch um Donald Trump geht es nicht in Bournes Roman, sehr wohl aber um Wahrheit, alternative Wahrheit und Lüge. Wo bleibt die Wahrheit, wenn Fakten bewusst geleugnet oder nicht mehr dokumentarisch belegt werden können? Mit Vernichtung aller Archive wird auch die Wahrheit gelöscht. Der Holocaust in Nordeuropa lässt sich dann leugnen oder zumindest anzweifeln ebenso wie die Verbrechen der Sklaverei in den Vereinigten Staaten.
„Die Wahrheit stützte sich auf Scham.“ Die wichtigste Frage des Romans ist deshalb, ob durch Auslöschen einer belasteten Vergangenheit ein Neustart in eine unbelastete Zukunft gelingen kann. „Diejenigen, die Gerechtigkeit [für erlittenes Unrecht] suchen, bestehen darauf, dass wir uns erinnern. Aber diejenigen, die Frieden suchen, bestehen darauf, dass wir vergessen.“ Sollen wir also die Vergangenheit auslöschen, um der nächsten Generation ein leichteres Leben zu ermöglichen, den Frieden zu sichern? „Sie sollen aufwachsen, wie wir es nicht konnten. Ohne diese furchtbare Bürde der Geschichte auf den Schultern“, argumentiert folgerichtig im Roman der Historiker und Sklaverei-Leugner William Keane vor Gericht. Seine Gegner halten dagegen: „Ohne Erinnerungen waren die Menschen nichts. Nichts als Rudel von wilden Tieren, die um ihr Überleben kämpften.“
In seinem Thriller „Die Wahrheit“ stellt Autor Sam Bourne die wichtigsten Argumente der Kontrahenten nachvollziehbar gegenüber, ohne eindeutig Stellung zu beziehen. So wirken Charaktere wie der Sklaverei-Leugner William Keane oder der Trump-Berater McNamara keineswegs unsympatisch. Doch sie stehen im Roman nun mal auf der Seite der Bösen, weshalb Bournes Thriller letztlich doch eine Botschaft gegen das Vergessen ist.
„Die Wahrheit“ ist ein spannender Politthriller mit aktuell ernstem Thema, den man wegen seiner in sich geschlossenen Handlung auch dann lesen kann, wenn man die drei ersten Bände um Maggie Costello - „Das letzte Testament“ (2010), „Der Gewählte“ (2011) und „Der Präsident (2017) - noch nicht kennt. Der fünfte Roman dieser Reihe ist übrigens im März mit dem Titel „To Kill a Man“ in Großbritannien erschienen.

Veröffentlicht am 08.07.2020

Amüsanter Krimi mit gesellschaftspolitischer Botschaft

Fränkisches Pesto
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REZENSION – Während alljährlich Millionen ahnungsloser Urlauber die Fränkische Schweiz als idyllische Heile-Welt-Erholungslandschaft genießen, erzählt die Nürnberger Kriminalschriftstellerin Susanne Reiche ...

REZENSION – Während alljährlich Millionen ahnungsloser Urlauber die Fränkische Schweiz als idyllische Heile-Welt-Erholungslandschaft genießen, erzählt die Nürnberger Kriminalschriftstellerin Susanne Reiche (58), mit dem Publikumspreis des Fränkischen Krimipreises 2014 ausgezeichnet, in ihren amüsanten Frankenkrimis von Mord und Totschlag. So muss ihr Kommissar Kastner auch in seinem vierten Fall „Fränkisches Pesto“ wieder einen Mörder finden, obwohl er doch mit Lebensgefährtin Mirjam und den zwei Kindern seiner Kollegin Claudia über die Ostertage ein paar freie Tage im Gasthaus „Grüner Schwan“ genießen wollte.
Doch bei einer von „Kräuterhexe“ Bella Lindemann für ihre Kursteilnehmer durchgeführten Kräuterwanderung geschieht ein brutaler Mord: Mitten im fränkischen Outback wird einer der Teilnehmer, ein angesehener Provinzpolitiker, erschlagen aufgefunden. Trotz seines Urlaubs fordert Kastners Vorgesetzter ihn nun auf, sich dieses Falles anzunehmen, zumal alle Kursteilnehmer zufällig auch im „Grünen Schwan“ einquartiert sind. Wie praktisch, meint sein Chef, kann sich doch Kastner samt familiärem Anhang schnell dieser Kräutergruppe anschließen und in ständiger Abstimmung mit den offiziell ermittelnden Beamten vor Ort in den folgenden Tagen verdeckt ermitteln. Kastner fügt sich notgedrungen, obwohl er doch bei der Urlaubsbuchung weniger an Mord als vielmehr an knusprigen Schweinsbraten und andere fränkische Schmankerln gedacht hatte. Schon gar nicht waren ihm strapaziöse Bergwanderungen in den Sinn gekommen, die ihm nun bei den Wanderungen der Kräutergruppe körperlich einiges abverlangen. Glücklicherweise hat er in Lebensgefährtin Mirjam eine Partnerin, die ihm in kriminalistischem Scharfsinn durchaus ebenbürtig ist und dank wesentlich aktiverer Mitwirkung im Kräuterkurs schnell das Vertrauen der Teilnehmer gewinnt. So kann sie in Gesprächen den Kurteilnehmern manches Geheimnis entlocken, während Kastner dies bei abendlichen Saufgelagen mit gesundheitlichen Spätfolgen eher ungeschickt anstellt.
Susanne Reiches Romane werden als Frankenkrimis vermarktet, da sie nun mal im Nürnberger Land spielen. Doch sieht man von Bärlauch und anderen heimischen Kräutern ab, den die Kräutergruppe finden soll, könnte die Krimis überall spielen. So ist es weniger das Fränkische, das den Reiz ihrer Bücher ausmacht, sondern die Typisierung ihrer Charaktere, die gelegentlichen Zänkereien zwischen Kastner, dem Mann ohne Vornamen, und Mirjam mit amüsant-spitzen Dialogen oder die ständigen Neckereien zwischen dem 10-jährigen Jannick und seiner pubertierenden 13-jährigen Schwester Sofie.
Bei allem Humor schleicht sich erst langsam beim Leser die Erkenntnis ein, dass „Fränkisches Pesto“ eigentlich ein sehr ernstes Thema behandelt. Es geht um die Verarbeitung und Vermarktung von Gammelfleisch, um die Problematik der Massentierhaltung und Massenschlachtung – also Stichworte, die alle Jahre und gerade erst kürzlich wieder zur Diskussion stehen. Susanne Reiche stellt als studierte Biologin und langjährige Mitarbeiterin im Nürnberger Umweltamt in ihrem Krimi die wichtigsten Argumente der Gegner und Befürworter gegenüber. So gesehen, ist „Fränkisches Pesto“ trotz seines hohen Unterhaltungswertes doch ein Krimi mit aktueller und eindeutiger gesellschaftspolitischer Botschaft.