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Veröffentlicht am 18.03.2026

Unterhaltsame Suche nach dem Lebenssinn

Einatmen. Ausatmen.
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Seine Bücher mögen sich zwar inhaltlich deutlich unterscheiden und zwischen Historie und Gegenwart, zwischen Politik und Alltagsleben wechseln. Aber eines haben alle Werke des Schriftstellers Maxim Leo ...

Seine Bücher mögen sich zwar inhaltlich deutlich unterscheiden und zwischen Historie und Gegenwart, zwischen Politik und Alltagsleben wechseln. Aber eines haben alle Werke des Schriftstellers Maxim Leo (56) gemeinsam: So ernst das Thema im Kern auch sein mag, schafft er es doch immer, den Sachverhalt in der für ihn typischen Leichtigkeit und gelegentlich auch sanfter Ironie darzustellen. Im Vordergrund steht bei ihm immer der Mensch mit seinen Stärken, meistens aber mit seinen oft unvermeidbaren Schwächen. Dies gilt auch für seinen im März beim Verlag Kiepenheuer & Witsch veröffentlichten Roman „Einatmen – Ausatmen“, in dem es als Folge der sich von Generation zu Generation wandelnden gesellschaftlichen Einstellungen, Verhaltens- und Denkweisen um die scheinbar immer schwieriger werdende Suche nach dem individuellen Lebenssinn und Glück geht.
Die Protagonistin seines neuen Romans, Marlene Buchholz, steht vor ihrem seit Jahren angestrebten Berufsziel, Vorstandsvorsitzende ihres Konzerns zu werden. Doch mangelt es der fachlich kompetenten Managerin an der für diese Position ebenfalls nötigen Empathie im Umgang mit dem Personal, worauf mehrfache Beschwerden bei der Antidiskriminierungsbeauftragten hinweisen. Deshalb schickt sie der Seniorchef zu einem Achtsamkeits-Coaching. Marlene fügt sich widerwillig und fährt – wie sie es nennt – ins „Umerziehungslager“ zum „Seelentröster“ Alex Grow. Dumm ist nur, dass Alex selbst gerade unter Burn-out und Panikattacken leidet und seine bisher so erfolgreiche Academy vor der Insolvenz steht. Sollte er aber im Fall Marlene erfolgreich sein, ist ein rettender Großauftrag des Konzerns zu erwarten.
Maxim Leo scheint in seinem unterhaltsamen Buch aus dem eigenen Fundus an Erfahrungen mit diesem Thema geschöpft zu haben: Seine Ehefrau ist als Coach tätig, und seine beiden Töchter mahnen – wie er selbst sagt – beim Vater immer wieder mehr Achtsamkeit an. Nicht nur, dass Leo die Vielfalt der von Alex Grow angebotenen Selbstfindungs- und Achtsamkeitskurse sehr plastisch beschreibt, sondern es gelingt ihm, die unterschiedlichsten Menschentypen in der Handlung gegenüberzustellen.
Marlene Buchholz, die nur für ihre Karriere lebt, hat überhaupt kein Verständnis für junge Kolleginnen, die „problematischen Themen aus dem Weg gehen und ihre Ehre als Frau verteidigen, dass für die eigentlichen Arbeitsaufgaben kaum noch Energie übrig blieb.“ Diese „verhuschten Ponyfrauen“ stehen, wenn sie im Job nicht die erwartete Leistung bringen, nur Marlenes Erfolg im Weg. Die Antidiskriminierungsbeauftragte Gundula Starkowski fühlt sich in ihrer Aufgabe inzwischen überfordert: „Die Menschen wurden immer dünnhäutiger, waren immer schneller verletzt oder beleidigt. Die Grundidee ihres Jobs … drohte in allgemeiner Jammerlust zu versinken.“
Dann gibt es aber auch den schüchternen Hausmeister Mattissen, der vor Jahren seinen guten Job als Ingenieur aufgab, um lieber ein stressfreies Leben zu führen und sich um seine alte Mutter zu kümmern, sowie die 14-jährige Conny aus zerrüttetem Elternhaus, die statt zur Schule zu gehen, ihren Lebenssinn im Umwelt- und Naturschutz sieht. Weniger das Seminar, bei dessen Kursen Marlene kaum mitmacht, sondern die Begegnungen mit diesen beiden Menschen lösen bei ihr den vom Seniorchef gewünschten inneren Wandel aus und machen ihr klar, was wirklich ein erfülltes Leben ausmacht.
Natürlich gibt es bereits viele Ratgeber zum Thema Sinnsuche und Achtsamkeit – sowohl als Sachbuch als auch als Roman. Wir Leser sollten also inzwischen wissen, worauf man achten sollte. Insofern ist die Entwicklung der Handlung und Protagonisten in „Einatmen – Ausatmen“ wenig überraschend, zumal manche Szene und Figur doch etwas klischeehaft wirkt. Der Geschichte hätten einige unerwartete Wendungen und etwas mehr Dramatik im Ablauf gutgetan, um für Spannung zu sorgen. So bleibt der Roman ein flüssig erzählter, leicht lesbarer Unterhaltungsroman, der auf psychologisch nicht allzu tiefgehende Art existenzielle Fragen mit Situationskomik verbindet. Aber vielleicht ermöglicht genau dies jenen Lesern einen leichten Einstieg ins Thema, die sich vor der Lektüre von Ratgebern scheuen.

Veröffentlicht am 15.03.2026

Widerstand aus Liebe zur Literatur

Die Buchhandlung der Exilanten
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REZENSION – Basierend auf Originalbriefen, Tagebuchaufzeichnungen und Archivstudien erzählt Literaturwissenschaftler Uwe Neumahr (54) in seinem im März beim Verlag C. H. Beck veröffentlichten Werk „Die ...

REZENSION – Basierend auf Originalbriefen, Tagebuchaufzeichnungen und Archivstudien erzählt Literaturwissenschaftler Uwe Neumahr (54) in seinem im März beim Verlag C. H. Beck veröffentlichten Werk „Die Buchhandlung der Exilanten“ die lesenswerte Geschichte zweier bedeutender Pariser Buchhändlerinnen und Verlegerinnen, der Französin Adrienne Monnier (1892 bis 1955) und der aus Baltimore stammenden Amerikanerin Sylvia Beach (1887 bis 1962). In seiner eindrucksvollen Studie zeigt Neumahr den Wandel ihrer beiden an der Rue de l’Odéon gegenüberliegenden Buchhandlungen „La Maison des Amis des Livres“ für Freunde hauptsächlich französischer Literatur und „Shakespeare and Company“, mit der sich Beach in Paris auf die Verbreitung und Übersetzung englischsprachiger Werke spezialisiert hatte, von kulturellen Salons und Treffpunkten der literarischen Avantgarde in den 1920er Jahren – von James Joyce und Ernest Hemingway über Pablo Picasso bis zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir – über die 1930er Jahre, in den die Buchhandlungen zu Zufluchtsorten emigrierter deutschsprachiger Schriftsteller wurden, bis hin zu ihnen als Orte nicht nur des geistigen Widerstands während der deutschen Besetzung ab 1940. Denn in jenen Jahren unterstützten beide Buchhändlerinnen vom Nazi-Regime verfolgte Autoren sowohl finanziell wie materiell, boten manchen Unterschlupf und organisierten für Walter Benjamin, Gisèle Freund, Siegfried Kracauer und andere deren Flucht. Doch trotz freundschaftlicher Beziehungen zu einigen literarisch ambitionierten Diplomaten und Beamten des mit den Deutschen kollaborierenden Vichy-Regimes gefährdeten sich Monnier und Beach am Ende auch selbst. So sah sich Sylvia Beach nach längerer Gestapo-Haft schließlich 1944 gezwungen, ihre Buchhandlung „Shakespeare and Company“, die nicht mit der heute bestehenden desselben Namens verwechselt werden darf, von einem Tag auf den anderen aufzugeben und unterzutauchen.
Obwohl allein schon die Frühzeit beider Buchhandlungen eine interessante Geschichte ist, legt Neumahr mit Schilderung der Verfolgung durch die Nazis in Paris ab 1940, der folgenden Jahre des Widerstands sowie der Literatur im Exil den Schwerpunkt auf ein oft übersehenes Kapitel deutsch-französischer Geschichte. Er macht deutlich, wie anfällig kulturelle Freiheit auf äußerliche Einwirkungen ist, wie gefährdet sie ist und wie sehr gerade unter totalitären Bedingungen ihr Erhalt von mutigen Einzelpersonen abhängt, die wie Monnier und Beach Literatur nicht nur als Mittel zur Unterhaltung, sondern zur Bewahrung geistiger Freiheit verstehen.
Um der Bedeutung beider Buchhandlungen und ihrer Inhaberinnen gerecht zu werden, hat Neumahr, worauf er selbst im Vorwort hinweist, sein Buch in zwei Handlungsstränge unterteilt: Der erste Handlungsstrang beginnt während des Ersten Weltkriegs, der zweite 1939 kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Mit dem Jahr 1943 führt er beide Handlungsstränge zusammen, gefolgt von der Befreiung der Buchhandlungen im August 1944 und einem Ausblick auf die weitere Lebensgeschichte beider Buchhändlerinnen.
Neumahrs Buch zeichnet sich durch wissenschaftliche Genauigkeit und erzählerische Dichte aus. Doch während einerseits diese in Einzelheiten gehende Verbindung von Literaturgeschichte und politischer Zeitgeschichte die beachtenswerte Stärke des Buches ist, sorgt andererseits – trotz des Bemühens um klare Gliederung – genau dies beim Lesen für Probleme: Die Vielzahl teils bekannter, teils weniger bekannter Namen mag manchen Leser verwirren und verlangt ein hohes Maß an Konzentration und möglichst den Verzicht auf Lesepausen. Zudem springt Neumahr bei Schilderung der vielen Einzelschicksale und deren Bedeutung für die Literatur sowie der historischen Zusammenhänge immer wieder zwischen den Jahrzehnten hin und her, so dass es manchem Leser schwerfallen kann, nicht den „roten Faden“ zu verlieren.
Dennoch ist „Die Buchhandlung der Exilanten“ eine atmosphärisch dichte, kultur- und literaturhistorisch äußerst interessante Abhandlung. Manches ist aus anderer Literatur zwar schon bekannt. Aber es gelingt dem Autor ausgezeichnet, aus dieser episodenartig erzählten Sammlung von Fakten und historischen Ereignissen ein spannend zu lesendes Gesamtbild zu schaffen. Sein Werk füllt damit ein bisher weniger beachtetes Kapitel der Literaturgeschichte und ist gerade deshalb auch als wichtige Ergänzung zu den ebenfalls im Verlag C. H. Beck erschienenen Büchern „Februar 33“ (2022) und „Marseille 1940“ (2024) von Uwe Wittstock sowie Neumahrs bereits 2023 veröffentlichten Buches „Das Schloss der Schriftsteller. Nürnberg '46“ unbedingt zu empfehlen.

Veröffentlicht am 13.03.2026

Über die Schwierigkeit des Miteinanders

Mit dem ersten Licht
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REZENSION – Wie schon seine drei ersten Romane spielt auch der vierte in einem Dorf an der Krückau, einem Zufluss der Elbe, nahe der Stadt Elmshorn. Doch während der dort lebende Schriftsteller Florian ...

REZENSION – Wie schon seine drei ersten Romane spielt auch der vierte in einem Dorf an der Krückau, einem Zufluss der Elbe, nahe der Stadt Elmshorn. Doch während der dort lebende Schriftsteller Florian Knöppler (60) in seinen früheren Büchern sehr authentisch und eindringlich das einfache Dorfleben und seine Bewohner in den Jahren vor und während des Zweiten Weltkriegs beschrieb, macht er nun in seinem im Februar beim Pendragon Verlag veröffentlichten Roman „Mit dem ersten Licht“ nicht nur einen großen Zeitsprung in die 1980er-Jahre, sondern wechselt in gewisser Weise sogar das Genre vom historischen zum Coming-of-Age-Roman, dessen Lektüre wegen seiner Thematik auch jugendlichen Lesern zu empfehlen ist.
In seinem neuen, psychologisch recht tiefgründigen Roman lässt der Autor seinen introvertierten Protagonisten Arne von sich als pubertierendem 14-Jährigen und seinem Heranreifen zum jungen Erwachsenen erzählen. Der Gymnasiast, als Sohn eines tierliebenden Arztes und einer künstlerisch ambitionierten Fotografin in geordneten familiären Verhältnissen aufwachsend, hat trotz einer offenbar liebevollen Familie mit dem Gefühl der Einsamkeit zu kämpfen und ist auf der Suche nach menschlicher Nähe.
Die scheint er endlich bei seiner neuen Mitschülerin Laura zu finden, zu der er in schüchterner Annäherung ein zartes Vertrauensverhältnis aufzubauen versucht. Laura reagiert freundschaftlich, bleibt aber doch verschlossen. Sie scheint ein familiäres Geheimnis zu verbergen, über das zu sprechen sie sich nicht traut. In seiner drängenden Sehnsucht nach freundschaftlicher Zweisamkeit erkennt Arne fast zu spät, dass nicht nur er Laura, sondern sie auch seine Hilfe braucht. „Ich bin nicht mehr allein, das ist endlich vorbei, ich habe einen Menschen, mit dem ich über alles reden kann. Laura. Hätte ich damals schon ahnen können, wie es wirklich um sie stand, was in ihr vorging, was sie auszuhalten hatte? Ich aber merkte nur, wie glücklich ich in ihrer Nähe war.“ Doch beide scheuen sich, dem anderen sich wirklich vollends zu öffnen. So bleibt Wichtiges oft ungesagt, so dass Missverständnisse zwangsläufig das Vertrauensverhältnis stören und innige Zuneigung sich nicht entwickeln kann. Selbst in ihrer Zweisamkeit bleiben beide in gewisser Weise einsam.
Florian Knöppler macht am Beispiel seiner Protagonisten deutlich, wie tief das Gefühl der Einsamkeit auf verschiedene Weise auf einen Menschen einwirken kann und wie schwierig es ist, dieses Hindernis zu überwinden. Er zeigt in seiner für ihn typischen ruhigen Erzählweise, wie seine Figuren langsam lernen müssen, ihren Mitmenschen mit Vertrauen und Verständnis zu begegnen. Vor allem aber wird im Roman erkennbar, dass wahre Liebe nicht nur ein gegenseitiges Geben ist, sondern erst im gemeinsamen Wachsen reifen muss.
Der Autor schafft es, uns auf äußerst behutsame Weise die Entwicklung seines Protagonisten Arne vom Schüler zum jungen Mann nachvollziehbar aufzuzeigen – mit all den Hoffnungen eines Heranwachsenden und seiner gleichzeitigen Unsicherheit. Knöpplers bedächtige Schilderung dieses langsamen Reifeprozesses voller Irrungen und Wirrungen seines für Literatur und die Natur schwärmenden Erzählers Arne gleicht einem langsamen Sonnenaufgang, beginnend „mit dem ersten Licht“ eines noch jungen Tages.
Wie man es von Knöppler kennt, kommt er auch in diesem vierten Roman wieder ohne dramatische Wendungen oder spektakuläre Ereignisse aus. Das Alltägliche, das normal Menschliche ist ihm dramatisch genug. Im Gegenteil: Gerade Knöpplers ruhiges Erzählen, seine gefühlvolle Sprache, seine offene, ehrliche und von uns Lesern leicht nachvollziehbare Beschreibung der tiefen Gefühle und Gedanken seiner Figuren vermitteln eine ungewöhnlich intime Stimmung, die umso eindringlicher wirkt.
Offensichtliche Gemeinsamkeiten der Hauptfigur mit ihrem Schöpfer – die holsteinische Heimat, Ausbildungsweg und journalistische Tätigkeit, ein längerer Aufenthalt in Italien und das Leben auf einem Bauernhof – zwängen die Vermutung auf, dass „Mit dem ersten Licht“ ein autobiografisch geprägter Roman ist. Doch dies hat Florian Knöppler in einem NDR-Interview verneint: „Ich habe selbst das Allerwenigste in diesem Buch selbst erlebt, aber alles mal gefühlt. … Aus irgendwelchen Gründen … ist das Buch sehr nah an mir dran.“

Veröffentlicht am 27.02.2026

historisch authentisch und spannend erzählt

TINTE und SCHWERT, Sonderedition
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REZENSION – Erst vor knapp zehn Jahren startete Matthias Soeder (64) nach 35 Jahren als Berufspilot seine zweite Karriere als Schriftsteller und begann zunächst mit Psychothrillern, in deren Handlung bereits ...

REZENSION – Erst vor knapp zehn Jahren startete Matthias Soeder (64) nach 35 Jahren als Berufspilot seine zweite Karriere als Schriftsteller und begann zunächst mit Psychothrillern, in deren Handlung bereits Rückblenden in die brutale Zeit der Bamberger Hexenprozesse (1612 bis 1631) enthalten waren. Mit seinem im Februar beim Feuertanz Verlag veröffentlichten ersten Band „Verwandlung“ der Trilogie „Tinte und Schwert“, die im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) spielt, wechselt er nun vollends ins Genre des historischen Romans und nimmt den religiösen Fanatismus jener Zeit wieder auf.
Wenn auch der Großteil der Handlung im böhmischen Pilsen und vor Budweis spielt, beginnt der Roman des fränkischen Autors im Bistum Würzburg. „Das Hochstift Würzburg und das Hochstift Bamberg gehörten zu den Epizentren der Hexenverfolgung“, nannte Soeder kürzlich in einem Interview als Grund für diesen heimatlichen Bezug. In Bachthal, einem fiktiven Dorf im Würzburger Bistum, wird zu Beginn des langen Glaubenskriegs im Jahr 1618 die Bauernfamilie Wolffen von einer Söldnerhorde des jungen skrupellosen Grafen Heinrich von Hohenfels überfallen und alle ermordet bis auf den 17-jährigen Jacob, der als frommer Katholik gerade ins Würzburger Priesterseminar aufgenommen werden wollte. Von der mörderischen Truppe verschleppt, muss er bald darauf in Böhmen im Heer des Generals Ernst von Mansfeld (1580 bis 1626) – ausgerechnet im Heer des protestantischen Feindes – bei der Belagerung von Pilsen unter brutalen Bedingungen als Schanzknecht dienen.
Unter den Schlägen seiner Aufseher wächst im frommen Katholiken die tiefe Überzeugung, Gott habe ihn nicht etwa gerettet, um Priester zu werden und zu beten, sondern um die Mörder seiner Familie zu bestrafen. Als er in der mittlerweile vom Mansfelder Heer eingenommenen Stadt zum Schreiber der Artillerie aufsteigt, bekommt er die Musterrolle mit den Namen der Mörder und deren Unterkunft in die Hand. Der anfangs noch schwache, friedfertige Katholik, der sich im Heimatdorf von den stärkeren Bauernburschen häufig hat verprügeln lassen müssen, arbeitet nun nebenbei in einer Schmiede, nimmt bei einem Fechtmeister Unterricht. Aus dem einstigen Schwächling wird – daher der Titel „Verwandlung“ dieses ersten Bandes – ein selbstbewusster, kräftiger Kämpfer. Bei der Durchführung seiner „von Gott befohlenen“ Rache an den Hohenfelser Mördern unterstützt ihn die gleichaltrige und lebenskluge Anna Dillenberger aus Hanau, deren Mutter als Hebamme und Heilerin auf Veranlassung des aus Bamberg nach Pilsen versetzten Hexenjägers und Pfarrers Allendorfer bereits auf dem Scheiterhaufen den grausamen Feuertod starb, und die nun selbst als Heilerin berechtigte Angst vor Verfolgung als Hexe hat. „Ich erkläre nicht die Geschichte, sondern nutze historische Fakten zu Hexenglauben, Alltag jener Epoche und militärischer Praxis als Fundament der Handlung“, beschreibt Autor Matthias Soeder im Interview sein Konzept.
Mit „Tinte und Schwert. Verwandlung“ ist ihm ein äußerst spannender, auch auf alltägliche Einzelheiten eingehender und anhand historisch Fakten überaus interessanter Roman gelungen, der trotz spürbarer Freude an Details und daraus sich gelegentlich ergebender, auch verzichtbarer Längen dennoch nie an Spannung verliert. Kurze, knappe Sätze ebenso wie lebendige Dialoge mit nicht immer salonfähiger, aber der damaligen und soldatischen Zeit angepasster Ausdrucksweise lassen den Roman authentisch wirken. Bei der Lektüre kann man sich leicht in das reale Geschehen des Dreißigjährigen Krieges hineinversetzt fühlen.
Diese Wirkung erzielt Soeder vor allem im dramatischen Höhepunkt seines ersten Bandes – der detaillierten Schilderung der Schlacht vor Budweis, in der ein Mansfelder Truppenkontingent von den Kaiserlichen vernichtend geschlagen wird. Hier wird nicht nur die taktische Aufstellung der nach Waffengattung unterschiedlichen Truppenabteilungen, sondern in der in Einzelheiten gehenden Beschreibung der Kampfszenerie die ungeheure Brutalität des Krieges in unverstellter Härte erlebbar, was allzu zartbesaitete Leser abschrecken mag. In rasanter Folge prallen nur stichwortartig, aber drehbuchreif beschriebene kurze Kampfszenen Mann gegen Mann auf den Leser ein. Besonders hier, aber auch in vorherigen Szenen des Romans spürt man die „leibhaftige“ Erfahrung, die der Autor durch seine aktive Mitgliedschaft als Musketier im Verein „Kurbairisches Dragoneregiment Johann Wolf“ in historisch nachgestellten Kampfszenen sammeln konnte.
Ergänzt durch dreijährige Recherche in Fachliteratur und Gesprächen mit Experten verschiedener Disziplinen wie Historikern und Medizinern ist dem Autor mit seinem historischen Debüt ein erstaunlich spannender, authentisch wirkender und flüssig erzählter Auftakt gelungen, auf dessen Fortsetzung man neugierig sein darf. Dieser zweite Band „Verzweiflung“ soll im Spätherbst folgen.

Veröffentlicht am 25.02.2026

Spannender, bestens recherchierter Umweltthriller

EDEN - Wenn das Sterben beginnt
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REZENSION – Vor fast 15 Jahren schilderte der österreichische Schriftsteller Marc Elsberg (59) in seinem internationalen Bestseller „Blackout. Morgen ist es zu spät“ die verheerenden Folgen eines europaweiten ...

REZENSION – Vor fast 15 Jahren schilderte der österreichische Schriftsteller Marc Elsberg (59) in seinem internationalen Bestseller „Blackout. Morgen ist es zu spät“ die verheerenden Folgen eines europaweiten Stromausfalls. Ausgangspunkt des Thrillers war die Warnung des italienischen Informatikers Piero Manzano vor einem gefährlichen Hacker-Angriff. Auch in seinem neuen, im Februar beim Verlag Blanvalet veröffentlichten Wissenschaftsthriller „Eden. Wenn das Sterben beginnt“ ist es wieder Piero Manzano als Entwickler einer hoch entwickelten Künstlichen Intelligenz (KI), der aufgrund der Auswertung weltweit verfügbarer Daten und daraus sich ergebender Prognosen vor schwersten Umweltschäden warnt, die sich zu einer globalen Katastrophe mit unabsehbaren Folgen entwickeln können.
Schon das für einen Roman ungewöhnliche Titelbild, auf dem der nur schwach erkennbare Titel „Eden“ mit einem dicken giftgelben X unkenntlich gemacht ist, macht deutlich, dass es den paradiesischen Garten Eden nicht mehr gibt und das Sterben unserer Umwelt mit der Überbevölkerung unseres Planeten, spätestens aber mit Beginn des Industrie-Zeitalters und der auf Niedrigpreis ausgerichteten Massenproduktion begann.
Der Roman beginnt zunächst harmlos mit den auf seinem Social-Media-Kanal vom 23-jährigen Influencer Linus Strand aus der Karibik geteilten schönen Urlaubsbildern von Sommer, Sonne, Strand und Meer. Doch beim Ausflug eines Touristenboots zum Tauchen, geleitet von der gleichaltrigen Meeresbiologin Sarah Keller, attackiert plötzlich ein Riesenkalmar vor den Augen der Taucher einen Walhai. Keller folgert, dass dem in der Tiefsee lebenden Kalmar nach dem Sterben des Planktons die Nahrungsquelle versiegt ist, weshalb er zur Nahrungssuche an die Meeresoberfläche kommen musste. Nur wenig später treiben tote Fischschwärme in der Bucht von Triest, das Meer ist abgestorben und stinkt, die Fischerei und der Tourismus kommen zum Erliegen. Am Amazonas verdorrt der Boden, es kommt zu einer Soja-Missernte, was sich wiederum auch auf die deutsche Landwirtschaft auswirkt, da Soja als Kraftfutter gebraucht wird. Was Verantwortliche noch als Einzelphänomene abtun, deutet die KI des IT-Experten Manzano anders: Binnen weniger Monate droht eine weltweite Krise, da die scheinbaren „Einzelphänomene“ in einem globalen Domino-Effekt summiert zu einer weltumspannenden Gefahr für die Menschheit werden. Doch die Warnung wird aus verschiedensten Gründen – je nach Interessenlage (Politiker, Wirtschaftsvertreter, Kapitalgeber, Börsenspekukanten) – nicht berücksichtigt. Im Gegenteil: Piero Manzano, Sarah Keller und der beide inzwischen unterstützende Influencer Linus Strand werden selbst zur Zielscheibe mächtiger, weltweit operierender Profiteure, die sich in ihren Geschäften gestört fühlen.
Elsberg verbindet in seinem Thriller eine für Laien kaum überschaubare Zahl wissenschaftlicher Fakten mit realistischen Handlungselementen zu einem in seiner Deutlichkeit beeindruckenden und beängstigenden Umweltdrama. Die Kompaktheit aller mehr oder weniger gleichzeitig auftretenden Katastrophen, deren Zahl im Laufe der Handlung in schneller Folge noch zunimmt, mögen manche Leser vielleicht als unrealistisch kritisieren, doch gerade dieses Zeitraffer-Tempo macht „Eden“ zu einem packenden Thriller, der die Gefahren menschlicher Umweltschädigung in ihren globalen Wechselwirkungen erst richtig erkennbar werden lässt.
Doch der Autor vereinigt in seinem spannenden, dialogreichen und drehbuchreifen Handlungsrahmen aus Umweltproblemen und daraus folgenden Wirtschaftskrisen nicht nur die Gefahren und verdeutlicht deren Ursachen. Er zeigt uns auch die Schwierigkeit der Problemlösung. Denn nur weltweites Umdenken und globale Gegenmaßnahmen können uns letztlich schützen. Doch der politische Wille dazu ist nicht gegeben, sind sich Experten im Roman einig: „Die globale Koordination ist der Knackpunkt. Wer übernimmt die Führung?“ … „Die UN ist zu langsam. Die G20 zu zerstritten. Die EU zu bürokratisch. Die USA erst mal sowieso raus – und viele andere nehmen das zum Anlass, ebenfalls ihre Lebensgrundlagen zu zerstören.“ Während die Politik zögert, wächst die Gefahr des globalen Umwelt- und Klimawandels, wie uns Marc Elsberg in dramatischen Bildern vor Augen führt.
Dank der extrem kurzen, tempo- und aktionsreichen Kapitel sowie schnellen Szenenwechsel rund über den Erdball mag man mit dem Lesen des Romans „Eden“ gar nicht aufhören, woran auch die Länge von 770 Seiten nicht hindert. Aber eines ist sicher: Wer diesen Thriller gelesen hat, mag keine Lachsbrötchen mehr.