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Veröffentlicht am 08.02.2026

Skandinavischer Thriller nach bewährtem Muster

Kalt wie die Luft
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REZENSION – Obwohl der norwegische Schriftsteller und Soziologe Ørjan N. Karlsson (55) in seiner Heimat seit 20 Jahren schon etliche Bestseller-Erfolge hatte, ist er bei uns noch unbekannt. Dies kann sich ...

REZENSION – Obwohl der norwegische Schriftsteller und Soziologe Ørjan N. Karlsson (55) in seiner Heimat seit 20 Jahren schon etliche Bestseller-Erfolge hatte, ist er bei uns noch unbekannt. Dies kann sich mit seinem ersten auch auf Deutsch im Februar beim Pendragon Verlag veröffentlichten Roman „Kalt wie die Luft“ jetzt vielleicht ändern. Im ersten Band seiner neuen Thrillerreihe um den in der Kleinstadt Bodø, der Heimat des Autors nördlich des Polarkreises ermittelnden Kriminalkommissar Jakob Weber geht es um zwei vermisste junge Frauen. Unterstützt wird Weber von seiner aus zunächst unbekanntem Grund vom Kriminalhauptamt in Oslo versetzten jungen Kollegin Noora Yun Sande und zwei weiteren Team-Mitgliedern.
Die 19-jährige Iselin Hanssen ist nicht von ihrer Jogging-Tour zurückgekommen. Auf der Suche nach ihr werden auf einem einsamen Waldweg Blutspuren entdeckt. Zunächst gehen Weber und Sande noch von einer Entführung aus, bis auf der abgelegenen Insel Røst eine weitere junge Frau spurlos verschwindet – Marte Moi, eine als „Nature Lady“ bekannte Influencerin. Kein Wunder also, dass die clevere Journalistin Sigrid Malmsten an den Ermittlungen interessiert ist, in deren Verlauf die Polizisten auf einen fast 30 Jahre zurückliegenden vergleichbaren, bis heute aber ungelösten Mord an einer jungen Frau stoßen. Müssen Weber und sein Team also nach einem Serientäter suchen, der jederzeit erneut zuschlagen kann, oder vielleicht sogar nach zwei Tätern?
Karlssons Roman „Kalt wie die Luft“ entwickelt sich nach einer etwas schleppend anlaufenden ersten Hälfte allmählich zu einem soliden und spannenden Thriller, ist allerdings keine literarische Überraschung, weist die Geschichte doch alle Elemente auf, die man von bekannten skandinavischen Thrillern kennt: Die raue Küstenlandschaft der Provinz Nordland mit ihren abgelegenen Inseln in eisiger Natur sorgen für die nötige düster-kalte Atmosphäre. Die Beklommenheit wird gesteigert durch die doppelbödige Charakterisierung fast aller Protagonisten, deren hintergründige Privatschicksale immer wieder in die Ermittlungsarbeit hineinwirken. Der Roman ist kapitelweise nach den einzelnen Protagonisten aufgeteilt, so dass man als Leser deren Ermittlungstätigkeit aus unterschiedlichen, den Spannungsaufbau fördernden Blickwinkeln verfolgen kann. Ein weiteres Spannungselement ist die gelegentliche Einblendung des in seinem Handeln eiskalten, bis zur abschließenden Verbrechensauflösung aber unbekannt bleibenden Täters.
Alles in allem ist „Kalt wie die Luft“ also ein nach bewährtem Muster skandinavischer Thriller in seiner düsteren Atmosphäre stimmiger, solide aufgebauter Krimi. Allerdings braucht man beim Lesen der ersten Häfte mit ausführlicher Vorstellung der einzelnen Protagonisten doch etwas Geduld. Ohnehin ist das Erzähltempo anfangs noch recht langsam ist und nimmt erst ab Mitte des Romans spürbar an Fahrt auf. Die in die aktuelle Handlung einwirkenden persönlichen Schicksale lenken zumindest teilweise stark vom Ermittlungsfall ab, worunter der Spannungsbogen stellenweise leidet. Auch scheint es etwas übertrieben zu sein, dass es in Karlssons Thriller kaum einen „normalen“ Menschen ohne private Probleme gibt. Was im Einzelfall einer Figur eine gewisse Lebensechtheit und Authetizität geben mag, wirkt in der Menge wieder unglaubwürdig.
Freunde skandinavischer Kriminalromane und der nordnorwegischen Küstenlandschaft werden auch an „Kalt wie die Luft“ sicher ihre Freude haben. Doch wenn man andere nordische Bestseller kennt und nun Karlssons Roman etwas kritischer liest, wirkt manches bei Handlung und Figuren doch irgendwie vorhersehbar und wenig überraschend. Da es sich bei diesem Band – Jakob Webers erstem Fall – aber um den Auftakt zu Ørjan Karlssons neuer Thrillerreihe handelt, wir also die beiden Protagonisten Weber und Sande erst kennenlernen mussten, sollten wir mit einem abschließenden Urteil vielleicht besser den zweiten Band und die weitere Entwicklung der Reihe abwarten: „Dunkel wie die Nacht“ ist für den Herbst dieses Jahres angekündigt.

Veröffentlicht am 01.02.2026

Märchenhafter Lebensratgeber

Mathilde und Marie
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REZENSION – „Eine Rückbesinnung auf das, was im Leben wirklich zählt.“ Mit diesen Worten bewirbt der dtv Verlag den im Januar veröffentlichten Debütroman von Torsten Woywod (45). „Mathilde und Marie“ ist ...

REZENSION – „Eine Rückbesinnung auf das, was im Leben wirklich zählt.“ Mit diesen Worten bewirbt der dtv Verlag den im Januar veröffentlichten Debütroman von Torsten Woywod (45). „Mathilde und Marie“ ist gewiss keiner der typischen zeitgenössischen Romane, die sich mit der harten Wirklichkeit kritisch auseinandersetzen, sondern – fern unseres realen Alltags – eine warmherzige Liebeserklärung an die Menschen, an die Kraft einer Gemeinschaft, an die lebenspendende Vielfalt der Natur, in der wir Menschen teilhaben, und an das Leben insgesamt. „Wenn sich ein jeder von uns vor Augen führte, wie wichtig Empathie im täglichen Miteinander ist, könnte ein Wandel, wie er in diesem Roman beschrieben wird, überall zustande kommen“, hofft der Autor in seinem Nachwort.
Die junge Studentin Marie entflieht nach einem Schicksalsschlag überstürzt und ziellos der lebensfeindlichen großstädtischen Pariser Hektik und landet unversehens mitten in den belgischen Ardennen im kleinen Bücherdorf Redu. Hier gibt es nur einen Fernseher, keinen Handy-Empfang, und das Internet ist nur eine Stunde am Abend verfügbar, damit die Buchhändler ihre Bestellungen aufgeben können. Dass die Uhren des schiefen Kirchturms unterschiedliche Zeiten anzeigen, stört die 390 Einwohner nicht. Zeit ist relativ: „Bei uns geht es nicht darum, möglichst viele Dinge in immer kürzerer Zeit zu erledigen, sondern sich den Dingen mit vollständiger Hingabe und Aufmerksamkeit zuzuwenden.“
Die lebenserfahrene 75-jährige Buchhändlerin Jónína lässt Marie bei sich im Gartenhaus wohnen und in ihrem Buchladen aushelfen. In dieser Ruhe und Idylle erholt sich die Studentin schnell und wird schon bald in den Kreis der Dorfgemeinschaft aufgenommen, in die sie sich auch persönlich einbringt. Marie lernt hier nicht nur eine ihr bisher fremde Seite des Lebens und beginnt, über sich selbst nachzudenken. „Wie schnell kann unser Leben zu Ende sein? … Mir wurde bewusst, dass wir die uns verbleibende Zeit nicht mit Dingen vergeuden sollten, die uns keine Freude bereiten.“ Ihr gelingt es dank ihrer Offenheit und Freundlichkeit sogar, die nach 40-jähriger Ehe kürzlich verwitwete Mathilde aus ihrer Verbitterung und selbstgewählter Isolation zu befreien und neuen Lebensmut zu geben. „Offensichtlich schenkte das Leben einem manchmal genau dann einen neuen Anfang, wenn man glaubte, alles verloren zu haben.“
Liest man Woywods Debüt „Mathilde und Marie“, muss man wissen, worauf man sich einlässt: Wer einen spannenden und realistischen Roman mit aktionsreicher Handlung erwartet, wird enttäuscht. Schon die dörfliche Kulisse ist märchenhaft wirklichkeitsfremd, obwohl es das belgische Bücherdorf Redu tatsächlich gibt. „Bitte seien Sie also nicht überrascht, wenn dieser schöne Ort bei Ihrem Besuch nicht genau so aussieht, wie er in diesem Roman beschrieben wird“, warnt der Autor im Nachwort. Sicher wird es im realen Redu nicht wie im Buch nur liebenswerte Menschen geben. Man fragt sich auch, wovon die junge Marie während ihres monatelangen Aufenthalts ihren Unterhalt bezahlt.
Aber lässt man „Mathilde und Marie“ in der vom Autor gewünschten Weise auf sich wirken, sind all diese Fragen unwichtig, da sie nicht den Kern seiner Geschichte ausmachen. Schon der Begriff „Roman“ ist hier eigentlich irreführend. Es ist eher ein Ratgeber in Form eines modernen Märchens mit der warmherzigen Anregung an seine Leser, in den ruhigen Stunden des Lesens über sich selbst nachzudenken und die bisherige Lebensführung zu hinterfragen. „Denn letztlich ging es doch genau darum im Leben: Das Beste aus dem zu machen, was uns mitgegeben wurde. Und auf diese Weise das zu finden, was uns glücklich macht.“
Doch auch wenn man diese Geschichte so akzeptiert, wie sie vom Autor gemeint ist, dürfen ein paar kritische Anmerkungen zum Debüt aber nicht fehlen: Woywod hätte seine über 300-seitige Erzählung um hundert Seiten kürzen müssen. Manches zieht sich doch arg in die Länge und lädt zum Querlesen ein. Auch wirken die Dialoge oft gestelzt und unwirklich. Sie gleichen in Formulierung und Satzbau eher einer Fortsetzung des erzählenden Fließtextes, nicht aber einer lebendigen Unterhaltung.
Die Wahl des Bücherdorfes Redu als Handlungsort für seine Geschichte ist bei Torsten Woywod verständlich. Denn für den früheren Buchhändler und heutigen Marketingleiter eines Verlags ist auch die Liebe zur lebensbereichernden Literatur ein geeignetes Mittel zur persönlichen Glücksfindung: „Zu den unzähligen Vorzügen der Literatur zählt zweifellos die Tatsache, das sie unterschiedliche Lesarten ermöglicht. Je nachdem, was man selbst schon erlebt hat, finden Texte gegebenenfalls auch einen Resonanzboden auf der ganz persönlichen Ebene.“ So mag sein Romandebüt „Mathilde und Marie“ – je nach Lesart, persönlicher Erwartung und individueller Empathie-Bereitschaft – vielleicht allzu kritischen Lesern nur mäßig gefallen, andere aber zweifellos begeistern.

Veröffentlicht am 26.01.2026

Unterhaltsame Romanbiografie - mehr aber auch nicht

Und ohne Tabu explodiert die Welt
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REZENSION – „Und ohne Tabu explodiert die Welt“ lautet der Titel der im Oktober beim Piper Verlag erschienen Romanbiografie von Tilman Röhrig (80) über die noch jungen Jahre des Schriftstellers Erich Kästner ...

REZENSION – „Und ohne Tabu explodiert die Welt“ lautet der Titel der im Oktober beim Piper Verlag erschienen Romanbiografie von Tilman Röhrig (80) über die noch jungen Jahre des Schriftstellers Erich Kästner (1899 bis 1974) in Berlin. Die Aufhebung moralischer Tabus kann einerseits – wie nach dem Ersten Weltkrieg in den Goldenen Zwanzigern der Weimarer Republik – befreiend, andererseits aber auch – wie in den nachfolgenden Jahren des Nazi-Regimes – zerstörend sein. Beides wirkte sich auf das literarische Schaffen Kästners in den 1930er- und 1940er-Jahren aus.
Kästners Romane „Emil und die Detektive“ (1929), „Fabian“ (1931), „Pünktchen und Anton“ (1931) und „Das fliegende Klassenzimmer“ (1933) hatten den jungen, seit 1927 in Berlin lebenden Autor schnell zu einem der populärsten Schriftsteller gemacht, dem eine großartige Zukunft beschieden war. Doch änderte sich dies abrupt mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Kästner, der sich in den tabulosen Umbruchsjahren der Weimarer Republik durch lästerliche Kabaretttexte und satirische Verse wie „Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?“ (1927) oder „Die andere Möglichkeit“ (1930) bei den aufkommenden Nazis und vor allem bei Goebbels persönlich unbeliebt gemacht hatte, erhielt sofort nach deren Machtergreifung Schreibverbot und war selbst Zeuge, als seine Bücher im Jahr 1933 auf dem Scheiterhaufen landeten. Andererseits konnte und wollte man nicht auf den begabten Autor verzichten. So durfte er mit Goebbels Duldung relativ unbehelligt unter Pseudonym als Drehbuch-Autor weiterarbeiten, schon 1934 mit dem Publikumserfolg „Drei Männer im Schnee“.
Drei Männer – drei Erichs – sind auch die Hauptpersonen in Tilman Röhrigs Romanbiografie, einer Mischung aus historischen Fakten und Fiktion. Neben Erich Kästner sind es seine beiden engsten Freunde, der Karikaturist und Comic-Zeichner Erich Ohser (1903 bis 1944), besser bekannt unter seinem Pseudonym e. o. Plauen und als Schöpfer der Comic-Reihe „Vater und Sohn“, sowie der Autor, Liedtexter und Journalist Erich Knauf (1895 bis 1944).
Für Kästner-Kenner bietet Röhrigs Buch inhaltlich tatsächlich nichts Neues, weiß man doch die Fakten aus anderer Literatur und Kästners autobiografischem Nachlass wie Briefsammlungen und seinem „Geheimen Kriegstagebuch“. Für jene aber, die sich bislang noch nicht mit Kästners Leben befasst haben, mag die Romanbiografie zumindest ein empfehlenswerter Einstieg sein, der allerdings durch weitere Internet-Recherche ergänzt werden sollte. Die tiefere psychologische Auseinandersetzung mit Kästners Persönlichkeit, mit seinen möglichen Ängsten und Hoffnungen sowie inneren Konflikten ist in Röhrigs Roman kaum spürbar. „Und ohne Tabu explodiert die Welt“ gleicht eher einem Unterhaltungsroman, den zu lesen durchaus Freude macht. Doch der lebensfrohe Junggeselle Kästner scheint sich in einer Blase abgeschottet zu haben, in der er die Tragik und das Leid der Kriegsjahre kaum wahrzunehmen scheint. Nicht einmal die Zerstörung seiner eigenen Wohnung scheint ihn sonderlich zu beeindrucken. War Kästner wirklich so oberflächlich? Lebte er nur für seine literarische Arbeit und blendete alles andere aus? In Röhrigs Roman erfahren wir es nicht.
Vor allem nach dem tragischen Tod seiner beiden engsten Freunde kurz vor Kriegsende – Ohser durch Freitod und Knauf durch Hinrichtung nach Verurteilung durch den Volksgerichtshof – fehlt im Roman jegliche Reaktion Kästners. Stattdessen lesen wir, dass er sich durch Vermittlung eines anderen Freundes aus dem zerbombten Berlin zu angeblichen Filmaufnahmen in die österreichische Provinz absetzt.
Tilman Röhrig verzichtet auf ein eigenes Urteil über Kästner. So bleibt nach der Lektüre von „Und ohne Tabu explodiert die Welt“ interessierten Lesern nichts anderes übrig, als selbst über die Aufrechterhaltung von Moral und Tabus in totalitären Zeiten nachzudenken und zu versuchen, sich aus dem Gelesenen eine eigene Meinung über den „inneren Emigranten“ Erich Kästner zu bilden.

Veröffentlicht am 26.01.2026

Spannend, aber stilistische Unterschiede

Origin – Die Erlösung
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REZENSION – Knapp 1 500 Seiten umfasst der dreibändige Science-Fiction-Roman „Origin“, mit der der Heyne Verlag im vergangenen Jahr ein interessantes literarisches Experiment gewagt hat: Die drei derzeit ...

REZENSION – Knapp 1 500 Seiten umfasst der dreibändige Science-Fiction-Roman „Origin“, mit der der Heyne Verlag im vergangenen Jahr ein interessantes literarisches Experiment gewagt hat: Die drei derzeit wohl erfolgreichsten SciFi-Autoren Deutschlands haben sich zu einer gewaltigen Space Opera zusammengetan, in der es um Identität, Herkunft und Zukunft der Menschheit geht, wobei jeder seinen eigenen Band verfasst hat. Nach Andreas Brandhorst (69) mit „Die Entdeckung“ folgten „Die Erweckung“ von Joshua Tree (39; eigentlich Benjamin Krämer) und „Die Erlösung“ von Brandon Q. Morris (59; eigentlich Matthias Matting). Interessant an diesem Experiment ist weniger die im 23. Jahrhundert spielende Handlung, die – wie von diesen Bestseller-Autoren zu erwarten – recht spannend zu lesen ist, sondern eher die Frage, ob die drei es geschafft haben, die Geschichte „aus einem Guss“ wirken zu lassen, oder ob es doch spürbare stilistische Brüche gibt.
Worum geht es? Der fortschreitende Klimawandel hat die Erde nach Schmelzen der Polkappen durch Überflutung nahezu unbewohnbar gemacht. Die Überlebenden kämpfen um die wenigen Ressourcen. Die „Trockenen“ leben privilegiert auf Bergeshöhen, während die „Nassen“ auf schwimmenden Inseln in ihren auf Pontons gebauten Städten wohnen müssen. Zeitgleich bevölkert die Menschheit – durch die Evolution bereits körperlich ihrem jeweiligen Lebensraum angepasst – als „Marsianer“ den roten Planeten oder lebt als „Spacer“ in Weltraumstationen. Tausende bemühen sich um einen Platz auf dem riesigen Raumschiff „Wayfarer“, um neue Welten im Universum zu besiedeln. Nach Entdeckung eines 20 Millionen Jahre alten Artefakts im Kuipergürtel um den Neptun mit einem Humanoiden im Kryoschlaf meint man den Ursprung der Menschheit im 90 Lichtjahre entfernten Omikron-Sternensystem entdeckt zu haben. Nun wird die „Wayfarer“ dorthin geschickt. Mit an Bord ist die Paläontologin Lea Lehora, eine verdiente „Nasse“, die mit Hilfe einer Quantenintelligenz das Rätsel der Menscheit zu lösen und nach 450 Jahren im Kryschlaf auf einem Planeten des Omikron-Sytems für die Kolonisten eine neue Heimat zu finden hofft.
Doch „es scheint, als wäre kein noch so großartiger technologischer Fortschritt und kein noch so weites Vordringen ins Universum in der Lage, uns so weit zu bringen, dass wir unsere evolutionspsychologischen Fesseln abstreifen.“ Auch im 23. Jahrhundert war den Menschen „an jenem lebensfeindlichen, aber unendlich faszinierenden Ort, den Wissenschaft und Zusammenarbeit erst zugänglich gemacht hatten, die menschliche Mentalität gefolgt wie ein beharrliches Virus.“ Zwischen Nassen, Trockenen, Marsianern und Spacern gibt es Neid, Streit und Kampf bis hin zum Terrorismus. Letztlich geht es um das Überleben nicht nur der Menschheit, sondern auch extraterristrischer Lebensformen.
Allen drei Autoren ist es zwar annähernd gelungen, etwas „Ganzes“ zu schaffen, doch gibt es stilistische Unterschiede: Während Brandhorst mit seinem ersten Band „Die Entdeckung“ noch einen klassischen, in der Handlung leicht nachvollziehbaren, fast wissenschaftlich nüchternen SciFi-Roman verfasst und die Basis für den weiteren Handlungsverlauf gelegt hat, wird im zweiten Band „Die Erweckung“ von Joshua Tree die noch realistisch wirkende Handlung durch ausgedehnte Beschreibung technischer Feinheiten, deren Details der Leser ohnehin nicht nachvollziehen kann, leider oft ausgebremst und verliert dadurch an Spannung. Der dritte Band „Die Erlösung“ von Brandon Q. Morris, in dem zwei vorangegangene Handlungsstränge zusammengeführt und abgeschlosen werden, driftet dann allerdings mit der Eroberung der Omikron-Planeten in die Phantastik ab, wirkt sogar gelegentlich albern, wenn die Raumfahrer unbedarften Touristen ähnelnd durch die Landschaft stapfen. Diese stilistischen Unterschiede lassen die Geschichte dann doch etwas uneinheitlich wirken.
Nimmt man Abstand von der Handlung, entdeckt man vor allem im zweiten und dritten Band manche Anspielung, Erstaunliches oder Albernes. So ist in Band 2 Kritik an der EU zu finden: „Und was, denken Sie, wird schneller zum Ziel führen: Wenn [die Korporation] Concorde seine nicht unerheblichen Mittel hinter einen Plan stellt, oder wenn das Konzil übernimmt, 50 Jahre diskutiert, bis 29 Korporationen einer Meinung sind und dann die Verteilungskämpfe um die verschiedenen Poste beginnen?“ Fraglich ist, ob auch im 23. Jahrhundert noch redensartig von „Löchern im Schweizer Käse“ gesprochen wird, wo doch Nationen längst nicht mehr bestehen, und ob Streichhölzer noch bekannt sind, die „ein Pulverfass hochgehen lassen“ können. Bemerkenswert ist auch, dass es sogar auf dem Mars Schwarzwälder Kirschtorte gibt. Amüsant bis albern ist wiederum, dass in 300 Jahren noch SciFi-Filme wie „Star Trek“ oder „Star Wars“ bekannt sind und eine Protagonistin sich beim Marsch durch baumhohes Gras auf dem Omikron-Planeten an die Trickfilmreihe mit „Biene Maja“ erinnert. Tröstlich ist dagegen, dass die Besatzung der „Wayfarer“ mit Hilfe eines Klassikers von Jane Austen die Verständigung mit den Außerirdischen aufzunehmen versucht. Gute Literatur scheint also auch in ferner Zukunft noch hilfreich und überlebenswichtig zu sein.

Veröffentlicht am 23.01.2026

Recht anspruchslos und zu langatmig

Der Retter der Mütter
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KURZREZENSION - Die Romanbiografie "Der Retter der Mütter" über den ungarischen Frauenarzt und Chirurgen Ignaz Semmelweis (1818-1865), das zweite Buch des ungarischen Dokumentarfilmers Péter Gárdos (77), ...

KURZREZENSION - Die Romanbiografie "Der Retter der Mütter" über den ungarischen Frauenarzt und Chirurgen Ignaz Semmelweis (1818-1865), das zweite Buch des ungarischen Dokumentarfilmers Péter Gárdos (77), hat mich entgegen meiner Erwartung leider sehr enttäuscht. Der Roman ist stilistisch recht anspruchslos, hat inhaltlich einige Wiederholungen und darüberhinaus auch verzichtbare Szenen. Der Autor hätte sein 350-Seiten-Werk gut und gern um 100 Seiten kürzen können, um (vielleicht) mehr Tempo und Dramatik zu erzielen. Trotz des so tragischen Todes des heute weltberühmten, zu Lebzeiten aber stark angefeindeten Mediziners schafft es das Buch nicht über das Niveau eines durchschnittlichen Unterhaltungsromans, den man - ohne gesundheitliche Risiken und Nebenwirkungen - mal so nebenher zur Auflockerung lesen kann, ohne sich groß Gedanken machen zu müssen. Wer diese Romanbiografie nicht liest, hat nichts versäumt. Der ausführliche Artikel auf Wikipedia reicht völlig aus, will man sich mit dem Leben dieses verdienten Mediziners beschäftigen.