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Veröffentlicht am 03.05.2026

Nicht nur literaturhistorisch interessant

Entscheidung in Spanien
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REZENSION – Aus einem ungewöhnlichen, dafür literaturhistorisch umso interessanteren Blickwinkel betrachtet der Literaturwissenschaftler Paul Ingendaay (65) in seinem im März beim Verlag C. H. Beck veröffentlichten ...

REZENSION – Aus einem ungewöhnlichen, dafür literaturhistorisch umso interessanteren Blickwinkel betrachtet der Literaturwissenschaftler Paul Ingendaay (65) in seinem im März beim Verlag C. H. Beck veröffentlichten Buch „Entscheidung in Spanien“ den „großen Kampf der Literatur“ in den Jahren des spanischen Bürgerkriegs von 1936 bis 1939. Als gelernter Journalist liefert er eine Reportage des Kriegsverlaufs aus Sicht von Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen, verbindet biografische Episoden mit den historischen Ereignissen und zeigt, wie sehr politische Überzeugungen durch persönliche Erlebnisse und Schicksale enttäuscht werden und ins moralische Dilemma führen können.
Chronologisch und regional klar gegliedert, schildert der Autor den Fortgang des Bürgerkriegs zwischen den republikanisch-demokratischen Regierungstruppen und den militärisch gut ausgerüsteten konservativ-faschistischen Truppen, deren alleiniges Kommando erst später General Francisco Franco (1892 bis 1975) übernimmt, unterstützt von einer unter dem Codenamen „Unternehmen Feuerzauber“ verdeckt operierenden deutschen Fliegereinheit und faschistischen Einheiten Italiens. Dieser Aufstand gegen die demokratische Regierung Spaniens ist kein landesinterner Bürgerkrieg, sondern der Beginn des im folgenden Jahrzehnt andauernden Kampfes der Demokratie gegen den sich in Europa ausbreitenden Faschismus.
In dieser Erkenntnis machen sich tausende Freiwillige aus 50 Ländern nach Spanien auf, um der bedrängten Republik im Bürgerkrieg beizustehen – unter ihnen auch politisch links stehende oder kommunistisch geleitete Reporter und Schriftsteller wie Ernest Hemingway, Robert Capa, George Orwell, Simone Weil, Willy Brandt und viele andere. Ihnen setzt Paul Ingendaay, der 15 Jahre als Kulturkorrespondent für die FAZ aus Spanien berichtete, ein literarisches Denkmal und erzählt von ihren Kämpfen mit Waffe, Stift und Fotoapparat.
„Schriftsteller und Künstler stecken in einem Dilemma“, schreibt er in seinem Buch. „Kümmern sie sich um ihre Kunst und nichts anderes, wirft man ihnen vor, sie versteckten sich im Elfenbeinturm. Kommen sie aus dem Turm heraus und erheben die Stimme für ein politisches Anliegen, heißt es schnell, sie produzierten nur leeres Gerede.“ An den unterschiedlichen Biografien ausgewählter ausländischer und spanischer Literaten zeigt Ingendaay, wer sich aus jugendlicher Abenteuerlust oder aus politischer Überzeugung auf republikanischer Seite aktiv beteiligt, sei es in Todesgefahr Seite an Seite mit den Soldaten an vorderster Front kämpfend oder eher nur schreibend als Beobachter rückwärtig in der Etappe. Eine besondere Rolle nimmt dabei der spanische Dichter Federico García Lorca (1898 bis 1936) ein, der schon zu Beginn des Krieges von faschistischen Kämpfern verhaftet und kurz darauf erschossen wurde. Der Bürgerkrieg wurde für ihn wie für alle anderen zum intellektuellen und moralischen Prüfstein.
Ingendaay macht in seinem Buch deutlich, wie stark der Krieg die Literatur geprägt hat. Werke wie Orwells „Mein Katalonien“, Hemingsways „Wem die Stunde schlägt“ oder das Buch "Ein spanisches Testament" von Arthur Koestler, der von Franquisten gefangen genommen und als angeblicher Spion standrechtlich zum Tod verurteilt wurde, entstanden aus unmittelbarer Erfahrung. Ihre eigenen Beobachtungen bringen die Französin Simone Weil zu einer Erkenntnis, die wie eine Vorhersage für die nachfolgende Brutalität der Nazi-Dikatur klingt: „Wenn man weiß, dass man töten kann, ohne eine Strafe oder einen Vorwurf zu riskieren, tötet man; oder man lächelt zumindest denen, die töten, aufmunternd zu.“
„Entscheidung in Spanien“ ist gewiss keine einfache Lektüre. Die Vielzahl von Namen, literarischen Bezügen und Details des Kriegsgeschehens wirken überladen und stellenweise vermisst man den roten Faden. Dennoch fasziniert die kenntnisreiche und vielschichtige Abhandlung sicher nicht nur literaturhistorisch interessierte Leser als eine Reflexion über Bedeutung und Wirkung der Literatur in Zeiten politischer Extreme, verbunden mit der Frage, wie weit Schriftsteller und Reporter für ihre eigene politische Entscheidung gehen oder kämpfen sollen.

Veröffentlicht am 01.05.2026

Polnische Geschichte 1930-1990, spannend erzählt

Katharsis
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REZENSION – Der promovierte Politikwissenschaftler Maciej Siembieda (64) ist in Polen seit über 30 Jahren bekannt als Journalist. Für seine historischen Reportagen wurde er bereits dreimal mit dem Preis ...

REZENSION – Der promovierte Politikwissenschaftler Maciej Siembieda (64) ist in Polen seit über 30 Jahren bekannt als Journalist. Für seine historischen Reportagen wurde er bereits dreimal mit dem Preis des polnischen Journalisten-Verbands ausgezeichnet, der dem amerikanischen Pulitzerpreis gleicht. Seit 2017 machte er sich auch als Romanschriftsteller einen Namen. Erst jetzt erschien mit „Katharsis“, übersetzt von Dr. Ewa Krauss, der erste Band seiner „Griechischen Trilogie“ (2022 bis 2024) in dem auf polnische Spannungsliteratur spezialisierten Polente Verlag (Wien).
„Katharsis“ ist eine äußerst gelungene und spannungsgeladene Mischung aus Familiengeschichte, politischem Roman und Krimi vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in Polen in den Jahren 1930 bis 1990. Vier relativ unabhängige und über zwei Generationen laufende Handlungsstränge führen im abschließenden fünften Teil zu einem überraschenden Ende. Der Roman schildert zunächst am Beispiel der Lebensgeschichten des griechischen Partisanenkämpfers Kostas Tosidos, dessen schwere Verletzung in Polen geheilt wird, sowie des polnischen Schmugglers und Gangsterbosses Zygmunt die leidvolle Zeit des Zweiten Weltkriegs. Fortgesetzt wird die Handlung bis in den politischen Umbruch der 1990er-Jahre am Beispiel der Lebenswege von Kostas Sohn Janis und Zygmunts Zögling Marek. Janis tritt in den polnischen Milizdienst ein und stößt bei einer seiner Ermittlungen auf das Geheimnis seines schon mit 25 Jahren verstorbenen Vaters. Zulu will nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes die führungslose Zeit, in der Polizei und Geheimdienst neu formiert werden müssen, nach Vorbild seines Mentors für eigene kriminelle Ziele nutzen. Knotenpunkt dieser vier Geschichten ist eine zunächst von den Deutschen, dann bis 1953 von den Sowjets ausgebeutete Uranerzmine in Niederschlesien.
„Ich war Jahrzehnte lang Journalist. Ich schreibe auch als Schriftsteller nur über Fakten“, betonte Siembieda bei der Vorstellung der deutschen Ausgabe seines Romans auf der Leipziger Buchmesse. So versteht es der Autor hervorragend, diese komplexe und politisch turbulente Periode der polnischen Geschichte nicht nur als Kulisse für seinen Spannungsroman zu nutzen, sondern sie durch seine unterschiedlichen Protagonisten äußerst lebendig, vor allem aber auch für uns deutsche Leser begreifbar zu machen. Die Schilderung historischer Fakten und gesellschaftlicher Umbrüche ist so detailliert, dass dem Leser zwar höchste Aufmerksamkeit abverlangt wird, man aber dennoch leicht in die Geschehnisse jener Jahre eintauchen kann.
Besonders beeindruckend ist die psychologische Vielfalt der Figuren, deren innere Kämpfe, Schuldgefühle und moralische Dilemmata gut zum Ausdruck kommen. Die Protagonisten überzeugen in ihrer individuell unterschiedlichen Auseinandersetzung mit den wechselnden Lebensbedingungen jener sechs Jahrzehnte, in denen sie sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen und mit den Folgen ihrer Entscheidungen leben müssen. Der Autor macht deutlich, wie das Trauma des Krieges nicht nur die äußeren Lebensumstände jedes Einzelnen verändert, sondern auch tief in seine Identität eingreift.
Der Politikwissenschaftler Maciej Siembieda versteht es als Autor seiner intellektuell herausfordernden, zugleich atmosphärisch düsteren und emotional packenden Erzählung absolut meisterhaft, Spannung und Emotionen aufzubauen und den Leser tief in die Lebens- und Gefühlswelt seiner Protagonisten hineinzuziehen. Es ist erstaunlich, dass sich seit der polnischen Erstveröffentlichung dieser „Griechischen Trilogie“ kein großer Verlag für die deutsche Übersetzung gefunden hat und es stattdessen dem noch jungen unabhängigen Wiener Polente Verlag gelungen ist, diesen hervorragenden polnischen Schriftsteller für den deutschsprachigen Buchmarkt zu entdecken. Auf die beiden Folgebände „Nemesis“, dessen Erscheinen nach Verlagsinformation im Herbst 2027 geplant ist, und „Kairos“ darf man gespannt sein.

Veröffentlicht am 22.04.2026

Vom Lernen, den Platz im Leben zu finden

Wassermann
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In Romanen ist es meistens deren Hauptfigur, die den Ablauf bestimmt und durch ihr Handeln die Dramatik bis zur Auflösung steigert. Ganz anders liest sich der „Wassermann“, das kürzlich im März Verlag ...

In Romanen ist es meistens deren Hauptfigur, die den Ablauf bestimmt und durch ihr Handeln die Dramatik bis zur Auflösung steigert. Ganz anders liest sich der „Wassermann“, das kürzlich im März Verlag veröffentlichte Debüt von Lukas Hoffmann (30). In seinem eindrucksvollen Coming-of-Age-Roman, der ohne aufregende Handlung auskommt und doch durch seine ruhige, emotionale Erzählweise umso nachhaltiger wirkt, bestimmen die äußeren Geschehnisse das Verhalten und die Entwicklung des Protagonisten.
Hoffmann erzählt die Geschichte des jungen Hamburger Studenten Luk, der noch unausgereift, verunsichert und orientierungslos seiner Angst vor dem baldigen Krebstod der Mutter zu entfliehen versucht. Auch sein bester Freund Kurt kann ihm in dieser Notlage nicht helfen, da er selbst psychisch krank ist. Luk ist hin- und hergerissen zwischen seinem Verantwortungsfühl der Mutter gegenüber, deren einzige Bezugsperson er noch ist, und seinem natürlichen Freiheitsdrang als Mittzwanziger. Der als Unternehmer wohlhabend gewordene Vater hat die Familie verlassen, als Luk erst drei Jahre alt war, und führt mit neuer Ehefrau im Osten Deutschlands ein zufriedenes Leben, die ältere Schwester hat in Berlin ihre eigene Familie gegründet. Hat nicht auch er ein Recht auf Freiheit, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben?
Doch statt während seiner Auslandssemester in Barcelona für eine gewisse Zeit den erhofften Abstand und innere Ruhe zu finden, gerät er dort mitten in die Kämpfe der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Während sich seine Mitbewohnerin und neu gewonnene Freundin Olive, in deren Liebe er Halt zu finden sucht, sich den Freiheitskämpfern anschließt, bleibt Luk unentschlossen. Er entflieht stattdessen erneut – weiter nach Portugal, um dort zu surfen und als „Wassermann“ endlich alles abschütteln zu können. Doch sein schlechtes Gewissen um die sterbende Mutter bleibt. Nach ihrem Tod fühlt er sich gänzlich verloren.
Nicht nur Luks Namensgleichheit mit dem Autor verrät, dass dieses Debüt stark autobiografisch geprägt ist. Auch dessen im Roman geschilderter Werdegang – in zwölf Kapitel von September bis August aufgeteilt – gleicht dem des Autors. „Zeuge des Drangs zu werden, möglichst offen und ehrlich das eigene Selbst zu erkunden, beruhigt mich irgendwie immer“, lässt Hoffmann folgerichtig seinen Protagonisten für Gregory Hemingway (1931 bis 2001), jüngstes Kind von Ernest Hemingway, schwärmen, der „ohne Filter aus der Ich-Perspektive“ erzählt.
In seinem Roman, an dem Hoffmann nach eigener Aussage acht Jahre lang schrieb, verarbeitete er seine Jugendjahre als Student. Es geht um Selbstfindung und Erwachsenwerden, um Verlust und Schmerz, um den richtigen Umgang mit Angehörigen und Liebesbeziehungen. Luk muss lernen, dass man Problemen nicht entfliehen kann, dass man den eigenen Weg, den eigenen Platz im Leben selbst finden und Verantwortung übernehmen muss – für sich und für andere. Wie kann man aber ein selbstbestimmtes Leben führen, ohne die Verantwortung für andere zu vernachlässigen?
Hoffmann überzeugt in seinem Debüt durch Offenheit und Ehrlichkeit in unaufdringlicher Darstellung der Zerrissenheit in seinen Gefühlen, seiner Wut und Enttäuschung sowie seiner Entwicklung vom unausgereiften Jüngling zum erwachsenen Mann. Dies lässt sich über die zwölf Kapitel seines Romans sehr gut nachvollziehen, und man kann sich – gerade als junger Leser – vielleicht sogar selbst ein Stück weit mit Luk identifizieren.
Die Handlung macht zwar gelegentlich einige Sprünge, doch gerade diese fragmentarisch wirkende Erzählweise fordert seine Leser zu eigenem Nachdenken heraus. Dies sorgt wiederum für eine unaufdringliche Nachhaltigkeit des Romans, der weniger durch seine Handlung als vielmehr durch die ungeschönte Offenbarung von Luks Gefühlswelt eine beeindruckende psychologische Tiefe erreicht. Mit Lukas Hoffmann ist dem März Verlag eine literarische Entdeckung gelungen, die Hoffnung auf mehr macht.

Veröffentlicht am 30.03.2026

Ein Roman, der Geduld abverlangt

Der letzte Leuchtturm
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Der Debütroman "Der letzte Leuchtturm" des schottischen Autors und Lyrikers Michael Pedersen (41), der im Jahr 2025 auf der Shortlist des schottischen Buchpreis Saltires stand, ist ein stilles, atmosphärisch ...

Der Debütroman "Der letzte Leuchtturm" des schottischen Autors und Lyrikers Michael Pedersen (41), der im Jahr 2025 auf der Shortlist des schottischen Buchpreis Saltires stand, ist ein stilles, atmosphärisch dichtes Werk, das sich stark über Stimmung und innere Konflikte entfaltet, allerdings weniger über eine spektakuläre Handlung. Im Zentrum steht ein abgelegener Leuchtturm auf der Shetlandinsel Muckle Flugga, der nördlichste Ort Großbritanniens - Sinnbild für Isolation, Orientierung und Vergänglichkeit. Pedersen erzählt die Geschichte von Ouse, die sich mit Einsamkeit, Erinnerungen und existenziellen Fragen auseinandersetzt. Der Leuchtturm fungiert dabei als starkes Symbol: Er spendet Orientierung, steht aber gleichzeitig isoliert – ähnlich wie die Hauptfigur. Die äußere Handlung bleibt oft ruhig, fast minimalistisch, während sich in Ouses Inneren umso mehr bewegt. Pedersens Sprache ist recht poetisch, weshalb mancher den Stil auch als etwas schwülstig empfinden mag. Viele Passagen des Romans leben von Naturbeschreibungen, Licht- und Wetterstimmungen sowie inneren Monologen, was das Tempo des Romans verlangsamt und vom Leser auch Geduld abverlangt. "Der letzte Leuchtturm" ist ein leiser, nachdenklicher Roman, der besonders Leser ansprechen dürfte, die literarische, introspektive Geschichten schätzen. Wer sich auf das langsame Tempo einlässt, wird mit einer intensiven, fast meditativen Lektüre belohnt. Wer eine aktionsreiche Handlung erhofft, wird enttäuscht.

Veröffentlicht am 30.03.2026

Fast erschreckend realitätsnaher Politthriller

Der Prinz
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REZENSION – Schon die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist überraschend: Die seit über 40 Jahren in Berlin lebende polnische Autorin Magdalena Parys (55) veröffentlichte ihren überwiegend in der deutschen ...

REZENSION – Schon die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist überraschend: Die seit über 40 Jahren in Berlin lebende polnische Autorin Magdalena Parys (55) veröffentlichte ihren überwiegend in der deutschen Hauptstadt spielenden zeitgenössischen Roman „Der Prinz“ zunächst 2020 in Polen. Erst sechs Jahre später erschien nun im März in einem österreichischen Kleinverlag, dem auf polnische Spannungsliteratur spezialisierten Polente Verlag, die von Lothar Quinkenstein und Hans Gregor Njemz ins Deutsche übertragene Ausgabe. Überraschend ist auch das lieblich anmutende pinkfarbene Cover-Layout, lässt es doch in Verbindung mit dem Titel „Der Prinz“ auf den ersten Blick auf einen seichten Romance-Roman schließen. Doch weit gefehlt: Es handelt sich um einen knallharten, stellenweise sogar brutalen Politthriller, der eine fast beängstigende Realitätsnähe aufweist, so dass dem Verlag die abschließende Versicherung notwendig erscheint: „Die im Buch beschriebene Geschichte hat sich von Anfang bis Ende in der Fantasie der Autorin abgespielt.“
Auch in diesem zweiten Band der Berlin-Trilogie von Magdalena Parys gehören der schon aus dem ersten Band „Der Magier“ (2025) bekannte Kommissar Tomasz Kowalski, Sohn eines polnischen Vaters und einer deutschen Mutter, sowie seine frühere Geliebte, die als Kind aus Breslau in die Bundesrepublik übergesiedelte Investigativ-Journalistin und Talkshow-Moderatorin Dagmara Bosch, zum kleinen Team des seine baldige Pensionierung erwartenden Berliner Polizeipräsidenten Tschapieski. Er soll den Mord eines im Berliner Dom gekreuzigten Priesters, den Brand in einer Brandenburger Migrantensiedlung, die Entführung einer Politiker-Ehefrau sowie den Autounfall des Verteidungsministers aufklären. Auftraggeber ist Paul Chagall, Leiter einer in den 1970er Jahren von dem durch RAF-Terrorismus gefährdeten Kanzler Helmut Schmidt gegründeten geheimen Task Force, von deren Existenz außer der jetzigen Kanzlerin niemand weiß und die absolut weisungsunabhängig handelt – zum Schutz des Landes und seiner Regierungschefin.
Paul Chagall, Geheimagent mit der Lizenz zum Töten, dessen Existenz und Identität nur der Kanzlerin bekannt ist, erkennt entgegen der öffentlichen Wahrnehmung direkte Zusammenhänge zwischen diesen Fällen. Als Drahtzieher vermutet er den „Prinzen“, den ihm noch unbekannten Anführer einer Terrorgruppe, die ihre aktiven Mitglieder und weiteren Anhänger aus rechten Kreisen der Bundeswehr und der deutschen Wirtschaft sowie über eine in Bayern gegründete rechtsextreme Partei und eine in Sachsen aufgebaute Jugendorganisation rekrutiert.
Die Autorin erzählt eine beklemmende und atmosphärisch dichte Geschichte um Manipulation von Menschen, unzeitgemäßes Elite-Denken, gezielte politische Einflussnahme und Machtstreben, deren Ursachen bis in die Nachkriegsjahre mit der vor den Alliierten geheim gehaltenen Gründung einer Schattenarmee zurückreichen. Parys zeigt auf eher unterschwellig spannende Weise, wie politische Zusammenhänge damals wie heute durch enge persönliche Beziehungen beeinflusst und gezielt inszeniert werden.
„Der Prinz“ ist weit mehr als eine leicht zu lesende Spannungslektüre. Die Autorin zwingt uns vor allem durch nüchternen Stil ohne jede künstliche Dramatik, dafür aber durch kontrollierten Aufbau ihrer Geschichte zum konzentrierten Mitdenken. Die Spannung des Romans liegt nicht in einer actionreichen Handlung, sondern vielmehr im Aufdecken von Zusammenhängen. Auch deshalb sollte man das Lesen dieses packenden, politisch interessanten Romans möglichst selten unterbrechen. Nur so lässt sich mit dem rasanten Tempo und schnellen, überraschenden Wendungen der Handlung Schritt halten und nicht der Überblick verlieren.