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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.03.2026

Ein Roman, der Geduld abverlangt

Der letzte Leuchtturm
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Der Debütroman "Der letzte Leuchtturm" des schottischen Autors und Lyrikers Michael Pedersen (41), der im Jahr 2025 auf der Shortlist des schottischen Buchpreis Saltires stand, ist ein stilles, atmosphärisch ...

Der Debütroman "Der letzte Leuchtturm" des schottischen Autors und Lyrikers Michael Pedersen (41), der im Jahr 2025 auf der Shortlist des schottischen Buchpreis Saltires stand, ist ein stilles, atmosphärisch dichtes Werk, das sich stark über Stimmung und innere Konflikte entfaltet, allerdings weniger über eine spektakuläre Handlung. Im Zentrum steht ein abgelegener Leuchtturm auf der Shetlandinsel Muckle Flugga, der nördlichste Ort Großbritanniens - Sinnbild für Isolation, Orientierung und Vergänglichkeit. Pedersen erzählt die Geschichte von Ouse, die sich mit Einsamkeit, Erinnerungen und existenziellen Fragen auseinandersetzt. Der Leuchtturm fungiert dabei als starkes Symbol: Er spendet Orientierung, steht aber gleichzeitig isoliert – ähnlich wie die Hauptfigur. Die äußere Handlung bleibt oft ruhig, fast minimalistisch, während sich in Ouses Inneren umso mehr bewegt. Pedersens Sprache ist recht poetisch, weshalb mancher den Stil auch als etwas schwülstig empfinden mag. Viele Passagen des Romans leben von Naturbeschreibungen, Licht- und Wetterstimmungen sowie inneren Monologen, was das Tempo des Romans verlangsamt und vom Leser auch Geduld abverlangt. "Der letzte Leuchtturm" ist ein leiser, nachdenklicher Roman, der besonders Leser ansprechen dürfte, die literarische, introspektive Geschichten schätzen. Wer sich auf das langsame Tempo einlässt, wird mit einer intensiven, fast meditativen Lektüre belohnt. Wer eine aktionsreiche Handlung erhofft, wird enttäuscht.

Veröffentlicht am 30.03.2026

Fast erschreckend realitätsnaher Politthriller

Der Prinz
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REZENSION – Schon die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist überraschend: Die seit über 40 Jahren in Berlin lebende polnische Autorin Magdalena Parys (55) veröffentlichte ihren überwiegend in der deutschen ...

REZENSION – Schon die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist überraschend: Die seit über 40 Jahren in Berlin lebende polnische Autorin Magdalena Parys (55) veröffentlichte ihren überwiegend in der deutschen Hauptstadt spielenden zeitgenössischen Roman „Der Prinz“ zunächst 2020 in Polen. Erst sechs Jahre später erschien nun im März in einem österreichischen Kleinverlag, dem auf polnische Spannungsliteratur spezialisierten Polente Verlag, die von Lothar Quinkenstein und Hans Gregor Njemz ins Deutsche übertragene Ausgabe. Überraschend ist auch das lieblich anmutende pinkfarbene Cover-Layout, lässt es doch in Verbindung mit dem Titel „Der Prinz“ auf den ersten Blick auf einen seichten Romance-Roman schließen. Doch weit gefehlt: Es handelt sich um einen knallharten, stellenweise sogar brutalen Politthriller, der eine fast beängstigende Realitätsnähe aufweist, so dass dem Verlag die abschließende Versicherung notwendig erscheint: „Die im Buch beschriebene Geschichte hat sich von Anfang bis Ende in der Fantasie der Autorin abgespielt.“
Auch in diesem zweiten Band der Berlin-Trilogie von Magdalena Parys gehören der schon aus dem ersten Band „Der Magier“ (2025) bekannte Kommissar Tomasz Kowalski, Sohn eines polnischen Vaters und einer deutschen Mutter, sowie seine frühere Geliebte, die als Kind aus Breslau in die Bundesrepublik übergesiedelte Investigativ-Journalistin und Talkshow-Moderatorin Dagmara Bosch, zum kleinen Team des seine baldige Pensionierung erwartenden Berliner Polizeipräsidenten Tschapieski. Er soll den Mord eines im Berliner Dom gekreuzigten Priesters, den Brand in einer Brandenburger Migrantensiedlung, die Entführung einer Politiker-Ehefrau sowie den Autounfall des Verteidungsministers aufklären. Auftraggeber ist Paul Chagall, Leiter einer in den 1970er Jahren von dem durch RAF-Terrorismus gefährdeten Kanzler Helmut Schmidt gegründeten geheimen Task Force, von deren Existenz außer der jetzigen Kanzlerin niemand weiß und die absolut weisungsunabhängig handelt – zum Schutz des Landes und seiner Regierungschefin.
Paul Chagall, Geheimagent mit der Lizenz zum Töten, dessen Existenz und Identität nur der Kanzlerin bekannt ist, erkennt entgegen der öffentlichen Wahrnehmung direkte Zusammenhänge zwischen diesen Fällen. Als Drahtzieher vermutet er den „Prinzen“, den ihm noch unbekannten Anführer einer Terrorgruppe, die ihre aktiven Mitglieder und weiteren Anhänger aus rechten Kreisen der Bundeswehr und der deutschen Wirtschaft sowie über eine in Bayern gegründete rechtsextreme Partei und eine in Sachsen aufgebaute Jugendorganisation rekrutiert.
Die Autorin erzählt eine beklemmende und atmosphärisch dichte Geschichte um Manipulation von Menschen, unzeitgemäßes Elite-Denken, gezielte politische Einflussnahme und Machtstreben, deren Ursachen bis in die Nachkriegsjahre mit der vor den Alliierten geheim gehaltenen Gründung einer Schattenarmee zurückreichen. Parys zeigt auf eher unterschwellig spannende Weise, wie politische Zusammenhänge damals wie heute durch enge persönliche Beziehungen beeinflusst und gezielt inszeniert werden.
„Der Prinz“ ist weit mehr als eine leicht zu lesende Spannungslektüre. Die Autorin zwingt uns vor allem durch nüchternen Stil ohne jede künstliche Dramatik, dafür aber durch kontrollierten Aufbau ihrer Geschichte zum konzentrierten Mitdenken. Die Spannung des Romans liegt nicht in einer actionreichen Handlung, sondern vielmehr im Aufdecken von Zusammenhängen. Auch deshalb sollte man das Lesen dieses packenden, politisch interessanten Romans möglichst selten unterbrechen. Nur so lässt sich mit dem rasanten Tempo und schnellen, überraschenden Wendungen der Handlung Schritt halten und nicht der Überblick verlieren.

Veröffentlicht am 18.03.2026

Unterhaltsame Suche nach dem Lebenssinn

Einatmen. Ausatmen.
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Seine Bücher mögen sich zwar inhaltlich deutlich unterscheiden und zwischen Historie und Gegenwart, zwischen Politik und Alltagsleben wechseln. Aber eines haben alle Werke des Schriftstellers Maxim Leo ...

Seine Bücher mögen sich zwar inhaltlich deutlich unterscheiden und zwischen Historie und Gegenwart, zwischen Politik und Alltagsleben wechseln. Aber eines haben alle Werke des Schriftstellers Maxim Leo (56) gemeinsam: So ernst das Thema im Kern auch sein mag, schafft er es doch immer, den Sachverhalt in der für ihn typischen Leichtigkeit und gelegentlich auch sanfter Ironie darzustellen. Im Vordergrund steht bei ihm immer der Mensch mit seinen Stärken, meistens aber mit seinen oft unvermeidbaren Schwächen. Dies gilt auch für seinen im März beim Verlag Kiepenheuer & Witsch veröffentlichten Roman „Einatmen – Ausatmen“, in dem es als Folge der sich von Generation zu Generation wandelnden gesellschaftlichen Einstellungen, Verhaltens- und Denkweisen um die scheinbar immer schwieriger werdende Suche nach dem individuellen Lebenssinn und Glück geht.
Die Protagonistin seines neuen Romans, Marlene Buchholz, steht vor ihrem seit Jahren angestrebten Berufsziel, Vorstandsvorsitzende ihres Konzerns zu werden. Doch mangelt es der fachlich kompetenten Managerin an der für diese Position ebenfalls nötigen Empathie im Umgang mit dem Personal, worauf mehrfache Beschwerden bei der Antidiskriminierungsbeauftragten hinweisen. Deshalb schickt sie der Seniorchef zu einem Achtsamkeits-Coaching. Marlene fügt sich widerwillig und fährt – wie sie es nennt – ins „Umerziehungslager“ zum „Seelentröster“ Alex Grow. Dumm ist nur, dass Alex selbst gerade unter Burn-out und Panikattacken leidet und seine bisher so erfolgreiche Academy vor der Insolvenz steht. Sollte er aber im Fall Marlene erfolgreich sein, ist ein rettender Großauftrag des Konzerns zu erwarten.
Maxim Leo scheint in seinem unterhaltsamen Buch aus dem eigenen Fundus an Erfahrungen mit diesem Thema geschöpft zu haben: Seine Ehefrau ist als Coach tätig, und seine beiden Töchter mahnen – wie er selbst sagt – beim Vater immer wieder mehr Achtsamkeit an. Nicht nur, dass Leo die Vielfalt der von Alex Grow angebotenen Selbstfindungs- und Achtsamkeitskurse sehr plastisch beschreibt, sondern es gelingt ihm, die unterschiedlichsten Menschentypen in der Handlung gegenüberzustellen.
Marlene Buchholz, die nur für ihre Karriere lebt, hat überhaupt kein Verständnis für junge Kolleginnen, die „problematischen Themen aus dem Weg gehen und ihre Ehre als Frau verteidigen, dass für die eigentlichen Arbeitsaufgaben kaum noch Energie übrig blieb.“ Diese „verhuschten Ponyfrauen“ stehen, wenn sie im Job nicht die erwartete Leistung bringen, nur Marlenes Erfolg im Weg. Die Antidiskriminierungsbeauftragte Gundula Starkowski fühlt sich in ihrer Aufgabe inzwischen überfordert: „Die Menschen wurden immer dünnhäutiger, waren immer schneller verletzt oder beleidigt. Die Grundidee ihres Jobs … drohte in allgemeiner Jammerlust zu versinken.“
Dann gibt es aber auch den schüchternen Hausmeister Mattissen, der vor Jahren seinen guten Job als Ingenieur aufgab, um lieber ein stressfreies Leben zu führen und sich um seine alte Mutter zu kümmern, sowie die 14-jährige Conny aus zerrüttetem Elternhaus, die statt zur Schule zu gehen, ihren Lebenssinn im Umwelt- und Naturschutz sieht. Weniger das Seminar, bei dessen Kursen Marlene kaum mitmacht, sondern die Begegnungen mit diesen beiden Menschen lösen bei ihr den vom Seniorchef gewünschten inneren Wandel aus und machen ihr klar, was wirklich ein erfülltes Leben ausmacht.
Natürlich gibt es bereits viele Ratgeber zum Thema Sinnsuche und Achtsamkeit – sowohl als Sachbuch als auch als Roman. Wir Leser sollten also inzwischen wissen, worauf man achten sollte. Insofern ist die Entwicklung der Handlung und Protagonisten in „Einatmen – Ausatmen“ wenig überraschend, zumal manche Szene und Figur doch etwas klischeehaft wirkt. Der Geschichte hätten einige unerwartete Wendungen und etwas mehr Dramatik im Ablauf gutgetan, um für Spannung zu sorgen. So bleibt der Roman ein flüssig erzählter, leicht lesbarer Unterhaltungsroman, der auf psychologisch nicht allzu tiefgehende Art existenzielle Fragen mit Situationskomik verbindet. Aber vielleicht ermöglicht genau dies jenen Lesern einen leichten Einstieg ins Thema, die sich vor der Lektüre von Ratgebern scheuen.

Veröffentlicht am 15.03.2026

Widerstand aus Liebe zur Literatur

Die Buchhandlung der Exilanten
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REZENSION – Basierend auf Originalbriefen, Tagebuchaufzeichnungen und Archivstudien erzählt Literaturwissenschaftler Uwe Neumahr (54) in seinem im März beim Verlag C. H. Beck veröffentlichten Werk „Die ...

REZENSION – Basierend auf Originalbriefen, Tagebuchaufzeichnungen und Archivstudien erzählt Literaturwissenschaftler Uwe Neumahr (54) in seinem im März beim Verlag C. H. Beck veröffentlichten Werk „Die Buchhandlung der Exilanten“ die lesenswerte Geschichte zweier bedeutender Pariser Buchhändlerinnen und Verlegerinnen, der Französin Adrienne Monnier (1892 bis 1955) und der aus Baltimore stammenden Amerikanerin Sylvia Beach (1887 bis 1962). In seiner eindrucksvollen Studie zeigt Neumahr den Wandel ihrer beiden an der Rue de l’Odéon gegenüberliegenden Buchhandlungen „La Maison des Amis des Livres“ für Freunde hauptsächlich französischer Literatur und „Shakespeare and Company“, mit der sich Beach in Paris auf die Verbreitung und Übersetzung englischsprachiger Werke spezialisiert hatte, von kulturellen Salons und Treffpunkten der literarischen Avantgarde in den 1920er Jahren – von James Joyce und Ernest Hemingway über Pablo Picasso bis zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir – über die 1930er Jahre, in den die Buchhandlungen zu Zufluchtsorten emigrierter deutschsprachiger Schriftsteller wurden, bis hin zu ihnen als Orte nicht nur des geistigen Widerstands während der deutschen Besetzung ab 1940. Denn in jenen Jahren unterstützten beide Buchhändlerinnen vom Nazi-Regime verfolgte Autoren sowohl finanziell wie materiell, boten manchen Unterschlupf und organisierten für Walter Benjamin, Gisèle Freund, Siegfried Kracauer und andere deren Flucht. Doch trotz freundschaftlicher Beziehungen zu einigen literarisch ambitionierten Diplomaten und Beamten des mit den Deutschen kollaborierenden Vichy-Regimes gefährdeten sich Monnier und Beach am Ende auch selbst. So sah sich Sylvia Beach nach längerer Gestapo-Haft schließlich 1944 gezwungen, ihre Buchhandlung „Shakespeare and Company“, die nicht mit der heute bestehenden desselben Namens verwechselt werden darf, von einem Tag auf den anderen aufzugeben und unterzutauchen.
Obwohl allein schon die Frühzeit beider Buchhandlungen eine interessante Geschichte ist, legt Neumahr mit Schilderung der Verfolgung durch die Nazis in Paris ab 1940, der folgenden Jahre des Widerstands sowie der Literatur im Exil den Schwerpunkt auf ein oft übersehenes Kapitel deutsch-französischer Geschichte. Er macht deutlich, wie anfällig kulturelle Freiheit auf äußerliche Einwirkungen ist, wie gefährdet sie ist und wie sehr gerade unter totalitären Bedingungen ihr Erhalt von mutigen Einzelpersonen abhängt, die wie Monnier und Beach Literatur nicht nur als Mittel zur Unterhaltung, sondern zur Bewahrung geistiger Freiheit verstehen.
Um der Bedeutung beider Buchhandlungen und ihrer Inhaberinnen gerecht zu werden, hat Neumahr, worauf er selbst im Vorwort hinweist, sein Buch in zwei Handlungsstränge unterteilt: Der erste Handlungsstrang beginnt während des Ersten Weltkriegs, der zweite 1939 kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Mit dem Jahr 1943 führt er beide Handlungsstränge zusammen, gefolgt von der Befreiung der Buchhandlungen im August 1944 und einem Ausblick auf die weitere Lebensgeschichte beider Buchhändlerinnen.
Neumahrs Buch zeichnet sich durch wissenschaftliche Genauigkeit und erzählerische Dichte aus. Doch während einerseits diese in Einzelheiten gehende Verbindung von Literaturgeschichte und politischer Zeitgeschichte die beachtenswerte Stärke des Buches ist, sorgt andererseits – trotz des Bemühens um klare Gliederung – genau dies beim Lesen für Probleme: Die Vielzahl teils bekannter, teils weniger bekannter Namen mag manchen Leser verwirren und verlangt ein hohes Maß an Konzentration und möglichst den Verzicht auf Lesepausen. Zudem springt Neumahr bei Schilderung der vielen Einzelschicksale und deren Bedeutung für die Literatur sowie der historischen Zusammenhänge immer wieder zwischen den Jahrzehnten hin und her, so dass es manchem Leser schwerfallen kann, nicht den „roten Faden“ zu verlieren.
Dennoch ist „Die Buchhandlung der Exilanten“ eine atmosphärisch dichte, kultur- und literaturhistorisch äußerst interessante Abhandlung. Manches ist aus anderer Literatur zwar schon bekannt. Aber es gelingt dem Autor ausgezeichnet, aus dieser episodenartig erzählten Sammlung von Fakten und historischen Ereignissen ein spannend zu lesendes Gesamtbild zu schaffen. Sein Werk füllt damit ein bisher weniger beachtetes Kapitel der Literaturgeschichte und ist gerade deshalb auch als wichtige Ergänzung zu den ebenfalls im Verlag C. H. Beck erschienenen Büchern „Februar 33“ (2022) und „Marseille 1940“ (2024) von Uwe Wittstock sowie Neumahrs bereits 2023 veröffentlichten Buches „Das Schloss der Schriftsteller. Nürnberg '46“ unbedingt zu empfehlen.

Veröffentlicht am 13.03.2026

Über die Schwierigkeit des Miteinanders

Mit dem ersten Licht
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REZENSION – Wie schon seine drei ersten Romane spielt auch der vierte in einem Dorf an der Krückau, einem Zufluss der Elbe, nahe der Stadt Elmshorn. Doch während der dort lebende Schriftsteller Florian ...

REZENSION – Wie schon seine drei ersten Romane spielt auch der vierte in einem Dorf an der Krückau, einem Zufluss der Elbe, nahe der Stadt Elmshorn. Doch während der dort lebende Schriftsteller Florian Knöppler (60) in seinen früheren Büchern sehr authentisch und eindringlich das einfache Dorfleben und seine Bewohner in den Jahren vor und während des Zweiten Weltkriegs beschrieb, macht er nun in seinem im Februar beim Pendragon Verlag veröffentlichten Roman „Mit dem ersten Licht“ nicht nur einen großen Zeitsprung in die 1980er-Jahre, sondern wechselt in gewisser Weise sogar das Genre vom historischen zum Coming-of-Age-Roman, dessen Lektüre wegen seiner Thematik auch jugendlichen Lesern zu empfehlen ist.
In seinem neuen, psychologisch recht tiefgründigen Roman lässt der Autor seinen introvertierten Protagonisten Arne von sich als pubertierendem 14-Jährigen und seinem Heranreifen zum jungen Erwachsenen erzählen. Der Gymnasiast, als Sohn eines tierliebenden Arztes und einer künstlerisch ambitionierten Fotografin in geordneten familiären Verhältnissen aufwachsend, hat trotz einer offenbar liebevollen Familie mit dem Gefühl der Einsamkeit zu kämpfen und ist auf der Suche nach menschlicher Nähe.
Die scheint er endlich bei seiner neuen Mitschülerin Laura zu finden, zu der er in schüchterner Annäherung ein zartes Vertrauensverhältnis aufzubauen versucht. Laura reagiert freundschaftlich, bleibt aber doch verschlossen. Sie scheint ein familiäres Geheimnis zu verbergen, über das zu sprechen sie sich nicht traut. In seiner drängenden Sehnsucht nach freundschaftlicher Zweisamkeit erkennt Arne fast zu spät, dass nicht nur er Laura, sondern sie auch seine Hilfe braucht. „Ich bin nicht mehr allein, das ist endlich vorbei, ich habe einen Menschen, mit dem ich über alles reden kann. Laura. Hätte ich damals schon ahnen können, wie es wirklich um sie stand, was in ihr vorging, was sie auszuhalten hatte? Ich aber merkte nur, wie glücklich ich in ihrer Nähe war.“ Doch beide scheuen sich, dem anderen sich wirklich vollends zu öffnen. So bleibt Wichtiges oft ungesagt, so dass Missverständnisse zwangsläufig das Vertrauensverhältnis stören und innige Zuneigung sich nicht entwickeln kann. Selbst in ihrer Zweisamkeit bleiben beide in gewisser Weise einsam.
Florian Knöppler macht am Beispiel seiner Protagonisten deutlich, wie tief das Gefühl der Einsamkeit auf verschiedene Weise auf einen Menschen einwirken kann und wie schwierig es ist, dieses Hindernis zu überwinden. Er zeigt in seiner für ihn typischen ruhigen Erzählweise, wie seine Figuren langsam lernen müssen, ihren Mitmenschen mit Vertrauen und Verständnis zu begegnen. Vor allem aber wird im Roman erkennbar, dass wahre Liebe nicht nur ein gegenseitiges Geben ist, sondern erst im gemeinsamen Wachsen reifen muss.
Der Autor schafft es, uns auf äußerst behutsame Weise die Entwicklung seines Protagonisten Arne vom Schüler zum jungen Mann nachvollziehbar aufzuzeigen – mit all den Hoffnungen eines Heranwachsenden und seiner gleichzeitigen Unsicherheit. Knöpplers bedächtige Schilderung dieses langsamen Reifeprozesses voller Irrungen und Wirrungen seines für Literatur und die Natur schwärmenden Erzählers Arne gleicht einem langsamen Sonnenaufgang, beginnend „mit dem ersten Licht“ eines noch jungen Tages.
Wie man es von Knöppler kennt, kommt er auch in diesem vierten Roman wieder ohne dramatische Wendungen oder spektakuläre Ereignisse aus. Das Alltägliche, das normal Menschliche ist ihm dramatisch genug. Im Gegenteil: Gerade Knöpplers ruhiges Erzählen, seine gefühlvolle Sprache, seine offene, ehrliche und von uns Lesern leicht nachvollziehbare Beschreibung der tiefen Gefühle und Gedanken seiner Figuren vermitteln eine ungewöhnlich intime Stimmung, die umso eindringlicher wirkt.
Offensichtliche Gemeinsamkeiten der Hauptfigur mit ihrem Schöpfer – die holsteinische Heimat, Ausbildungsweg und journalistische Tätigkeit, ein längerer Aufenthalt in Italien und das Leben auf einem Bauernhof – zwängen die Vermutung auf, dass „Mit dem ersten Licht“ ein autobiografisch geprägter Roman ist. Doch dies hat Florian Knöppler in einem NDR-Interview verneint: „Ich habe selbst das Allerwenigste in diesem Buch selbst erlebt, aber alles mal gefühlt. … Aus irgendwelchen Gründen … ist das Buch sehr nah an mir dran.“