Zwischen Fernstraße, Freiheitsdrang & weiblicher Wut
„Wir Königinnen“ von Anja Gmeinwieser ist am 27.02.2026 im Berlin Verlag erschienen und wurde bereits mit dem Literaturpreis Fulda 2026 ausgezeichnet. Der Roman erzählt von zwei sehr unterschiedlichen ...
„Wir Königinnen“ von Anja Gmeinwieser ist am 27.02.2026 im Berlin Verlag erschienen und wurde bereits mit dem Literaturpreis Fulda 2026 ausgezeichnet. Der Roman erzählt von zwei sehr unterschiedlichen Frauen, die sich zufällig in den piemontesischen Alpen begegnen: einer rastlosen Wanderin und der pragmatischen Lkw-Fahrerin Anna, die trächtige Kühe Richtung Türkei transportiert. Aus einem spontanen Mitfahren wird ein intensiver Roadtrip durch Europa – voller Gespräche, Missverständnisse und Fragen danach, wie man eigentlich leben will.
Meine Meinung
Ich habe mich sehr auf dieses Buch gefreut, weil allein die Prämisse schon so anders klingt als vieles, was man aktuell liest – und genau das hat der Roman für mich auch eingelöst. „Wir Königinnen“ ist keine klassische Roadnovel mit romantischer Verklärung von Freiheit, sondern eine staubige, manchmal unbequeme Reise durch Themen wie Care-Arbeit, weibliche Erschöpfung, Arbeitsbedingungen, Einsamkeit und Solidarität.
Besonders gefesselt hat mich die Sprache. Der Roman ist voll von Sätzen, die man markieren möchte. Gleich zu Beginn heißt es: „Das hier ist lebensgefährlich ohne Anführungszeichen.“ (S. 12) – und genau dieses Gefühl zieht sich durch das ganze Buch: zwischen Ironie und Ernst, zwischen Überforderung und schwarzem Humor.
Sehr beeindruckt haben mich auch die Gespräche zwischen den beiden Frauen, die oft über einen teilweise halluzinierenden Handy-Übersetzer laufen. Dadurch entstehen gleichzeitig absurde und unglaublich berührende Momente. Einer meiner liebsten Sätze war: „In unserer Familie Mutterschaft kommt immer eine Generation zu spät.“ (S. 50) Dieser Satz trifft so vieles im Kern, worum es in diesem Roman geht: Weitergabe von Verletzungen, verpasste Nähe und die Frage, wie Frauen trotz allem füreinander da sein können.
Auch gesellschaftlich hochaktuelle Fragen werden im Buch verhandelt. So haben mich die Passagen über die Realität von Fernfahrer und Ausbeutung innerhalb Europas noch sehr lange nach dem Lesen beschäftigt: „Wenn Sie billige Arbeitskräfte suchen [...], dann suchen Sie nicht in Deutschland.“ (S. 93) Der Roman schaut hin, ohne belehrend zu werden.
Was man allerdings wissen sollte: Das Buch fordert seine Leser:innen durchaus. Viele Dialoge sind auf Englisch geführt – wenn man damit Schwierigkeiten hat, könnte der Lesefluss leiden. Außerdem ist die Erzählweise stellenweise sehr assoziativ und literarisch. Ich mochte das total, aber es ist definitiv kein „nebenbei“-Buch.
Fazit
„Wir Königinnen“ ist ein besonderer Roman, der sich nicht glattliest, sondern Reibung erzeugt – sprachlich wie thematisch. Für alle, die literarische Gegenwartsliteratur mit feministischen Themen, ungewöhnlichen Perspektiven und starken Bildern mögen. Nichts für Leser:innen, die einen klassischen Wohlfühl-Roadtrip erwarten. Vielen Dank an den Berlin Verlag & netgalley.de für das digitale Rezensionsexemplar! Von mir gibt es eine Leseempfehlung.