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24,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 256
  • Ersterscheinung: 04.09.2025
  • ISBN: 9783627003333
Sandra Weihs

Bemühungspflicht

Sandra Weihs' »Bemühungspflicht« folgt mit messerscharfer Beobachtungsgabe und treffsicherem Humor einem Mann, der sich verzweifelt gegen die Demütigungen des Sozialsystems wehrt.

An der Supermarktkasse stellt Manfred Gruber fest: Die Behörde hat die Sozialhilfe nicht überwiesen. Dass die Kartenzahlung erneut abgewiesen wird, treibt ihm vor Scham die Röte ins Gesicht. Es ist ein kalter und regnerischer Tag, ohne Geld muss er den weiten Weg entlang der österreichischen Bundesstraße zu Fuß auf sich nehmen, um die Beamten zur Rede zu stellen. Er hat alle Auflagen erfüllt, alle aussichtslosen Bewerbungen verschickt, die unsäglichen Bewerbungstrainings und unbezahlten Probearbeitstermine absolviert, er ist seiner Bemühungspflicht verdammt noch mal nachgekommen! Die können ihm gar nichts – doch er irrt sich.

Ein wichtiger Roman zur richtigen Zeit: Sandra Weihs blickt dorthin, wo die Gesellschaft als Erstes wegschaut. Auf empathische Weise beschreibt die Autorin den verzweifelten Kampf eines im Sozialsystem Alleingelassenen. Ihre messerscharfen gesellschaftlichen Betrachtungen, der treffsichere Humor, hinter dem immer wieder eine Bernhard’sche Ironie hervorblitzt, lassen einen nicht los – ein Roman, der mit Vorurteilen aufräumt und der seinem Protagonisten das zurückgibt, wonach ihm am meisten verlangt: die Würde.

»Ein Text wie eine Maschine. Atemlos zu lesen. Mit eisernem Mut. Grandios und bitter.« Andreas Maier

» Bemühungspflicht zeugt nicht nur vom literarischen Können, das die österreichische Autorin mit ihrem dritten Roman unter Beweis stellt. Weihs schöpft gleichermaßen mit vollen Händen aus ihrem Erfahrungsschatz als praktisch tätige Sozialarbeiterin. Ein großes Glück für die Literatur.« Judith Solty, der Freitag

»Ein Roman, der sehr grundsätzlich ökonomische Themen aufnimmt und in gesellschaftliche Bereiche blendet, die in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur selten in dieser Form, Wucht und Dringlichkeit aufgenommen werden.« Stefan Gmünder, STANDARD

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Veröffentlicht am 27.11.2025

Ein Rädchen im System: Menschenwürde vs. Bemühungspflicht

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Manfred Gruber, der Protagonist in Sandra Weihs Roman "Bemühungspflicht", ist eine gescheiterte Existenz: Geschieden, nach einem Unfall nur sehr eingeschränkt arbeitsfähig, nach mehreren Aushilfsarbeiten ...

Manfred Gruber, der Protagonist in Sandra Weihs Roman "Bemühungspflicht", ist eine gescheiterte Existenz: Geschieden, nach einem Unfall nur sehr eingeschränkt arbeitsfähig, nach mehreren Aushilfsarbeiten und der Pflege seiner Mutter bis zu deren Tod lebt er von Sozialhilfe. Nur das Haus der Mutter ist ihm geblieben; die Kosten für Heizung und Strom muss er sich mühsam zusammensparen.
Gruber ist kein wirklich sympathischer Charakter, aber er kommt sehr ehrlich und authentisch rüber; eine der Stärken des Romans. Man kann sich sehr gut in seine Gedanken- und Gefühlswelt hineinversetzen.

„Von einem Vollzeitjob muss man leben können, steht unter ihrem übergroßen Gesicht. Du denkst, auch ohne Job müsste man leben können. Du weißt, solche Gedanken machen dich unbeliebt. Deine Gedanken zu denken, ist nicht immer leicht. Du würdest jedoch von jedem Menschen erwarten, solche Gedanken denken zu können. Du selbst kannst sie denken, du hast dich nicht vollständig manipulieren lassen vom System. Die Dummheit greift um sich, aber du hast dich nicht einlullen lassen, lässt dich nicht einlullen. Du kannst gegen den Mainstream denken, wie das heute heißt. Zum Beispiel kannst du dir die Frage stellen, warum Leben-Können und Arbeiten-Müssen gekoppelt sind. Auf die Welt kommst du doch als Mensch, nicht als zweckbestimmtes Arbeitstier oder als Automat, mit Ein- und Ausschaltknopf. Rein philosophisch fragst du dich, warum der Mensch in die Arbeit gehen muss, und du kennst die Antwort: Weil das System so funktioniert. Aber es hat dich keiner gefragt, ob du zu diesem System dazugehören willst. Du hast nichts unterschrieben, auch nicht diesen Gesellschaftsvertrag, den die immer anführen, um dir ein schlechtes Gewissen zu machen.“

Zu Beginn des Romans steht Gruber an der Supermarkt kasse und muss feststellen, dass die Sozialhilfe nicht rechtzeitig überwiesen wurde. Also macht er sich im strömenden Regen auf den Weg zum Amt, um die Lage zu klären. Immerhin hat er doch alle Auflagen erfüllt, Bewerbungen geschrieben, unbezahlte Probearbeitstermine absolviert, Bewerbungstrainings gemacht; er ist sicsh keiner Schuld bewusst. Doch die Worte seiner neuen Sachbearbeiterin sind der nächste Schock: „‘Außerdem zweifelt die Behörde an Ihrem Bemühen, die soziale Notlage überwinden zu wollen.‘ – ‚Wie bitte?‘ – ‚Wir glauben, Sie halten sich nicht an die Bemühungspflicht.‘“

Wer oberflächlich liest, könnte den Eindruck gewinnen, dass Gruber einfach nicht arbeiten will. ABER: Möchten wir uns so ausbeuten lassen beim kostenlosen Probearbeiten - in dem Wissen, dass wir den Job sowieso nicht bekommen? Möchten wir uns auf diese Art und Weise vom Sozialamt behandeln lassen? Möchten wir gezwugen sein, JEDEN Job annehmen zu müssen, ob wir wollen oder nicht?

„Dank Ihnen könnte ich zum anerkannten Menschen innerhalb unseres Gesellschaftsvertrags werden. Ich könnte kein Durchschummler mehr sein. Dass ich zu Ihnen komme, obwohl wir wissen, was wir wissen, das verlangt das Gesetz. Es verlangt Bemühen. Bemühungspflicht: so tun, als ob man Interesse hätte, einen Job zu bekommen, den man keinesfalls ausüben möchte.“

Durch die verschiedenen Perspektiven, aus Grubers Sicht sowie der seiner Sachbearbeiterin, seiner Nachbarn und seiner Bekannten Kristina ist der Roman sehr vielschichtig und vermittelt ein gutes gesamtgesellschaftliches Bild.

„Du liest dir das Dokument noch einmal durch. Dabei wird dir schlecht. Die Personalerin liest den Wisch sicher nicht durch. Sie sieht dein Foto auf dem Lebenslauf und legt die Bewerbung beiseite, weil du Falten hast und graues Haar. Du wirst schon wieder wütend. Diese ganze Scheißwelt macht dich wütend. Dir steht es bis zum Hals. Man sollte mal ehrlich sein. Die ganze Menschheit sollte ehrlicher sein. Sollen die Beamten dir die Wahrheit sagen: Du bist es nicht wert, wir wollen dich hier nicht, verschwinde von unserem Gebiet. Wir brauchen Leistungsträger, keine Leistungsempfänger, schleich dich! Und die Beraterinnen sollten sagen: Du bist zu dumm für diese Arbeit und zu behindert für die andere, am besten schließt du dich in deinem Haus ein und schaust, dass dich keiner dabei erwischt. Und die Personaler sollten sagen: Du bist zu alt und zu schwach, und niemand braucht dich, deine Arbeit macht eine Maschine besser, du hast in unserer Firma nichts zu suchen. Und du solltest auch endlich mal ehrlich sein. Aber damit würdest du dir nur selbst Steine in den Weg legen.“

Das Buch ist keine bequeme Lektüre, bietet aber definitiv sehr viel Stoff zum Nachdenken.
Die Gedanken und Ängste von Sozialhilfeempfänger*innen sind authentisch dargestellt, ebenso wie die fehlende Menschlichkeit in der Maschinerie der Sozialämter. Wie passen die Bemühungspflicht und die Würde des Menschen zusammen?

„Du unterscheidest dich nicht von anderen Langzeitarbeitslosen. Mit jedem Monat ohne Arbeit wird die Hoffnung, eine zu finden, geringer. Mit jedem Monat ohne Arbeit stellt sich langsam der Selbstschutz ein, indem sich die Leute einreden, sie wollten gar nicht arbeiten, um der ständigen Ablehnung etwas entgegensetzen zu können. Eine Art Restwürde ist dieses Trotzgefühl, das sie an den Tag legen. Und mit jedem Jahr mehr in diesem Gefangensein zwischen Trotz und Ablehnung am Arbeitsmarkt wird der Antrieb weniger, einen Job zu suchen. Der Alltag wird zum Trotz, es gibt keinen Veränderungswunsch mehr, denn jeder Wunsch wird enttäuscht. Arbeitslosigkeit und Armut sind zwei Faktoren, die Menschen umbringen können.“

„... bis sie glaubt, Erwerbsarbeit ist ihre Daseinsberechtigung, anstatt Mensch zu sein.“

Ein bissiger, vielschichtiger Roman, dem ich 4 Sterne vergebe.

Vielen Dank an die Frankfurter Verlagsanstalt und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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