Immer an die Übungen denken
Amik ist nur ihr Spitzname, benannt nach einem Olympia-Maskottchen. Ihre Individualität ist allerdings sowieso nicht wichtig. Als ehrgeizige und talentierte Kunstturnerin soll sie nur ihre sportlichen ...
Amik ist nur ihr Spitzname, benannt nach einem Olympia-Maskottchen. Ihre Individualität ist allerdings sowieso nicht wichtig. Als ehrgeizige und talentierte Kunstturnerin soll sie nur ihre sportlichen Erfolge im Blick behalten. Schon seit ihrer Kindheit dominiert das Wettkampfdenken alles. Den sportlichen Leistungen ist jeglicher Aspekt ihres Alters untergeordnet. Und die Medaillen geben den unerbittlichen Trainingsmethoden recht. Doch nun ist sie 32 Jahre alt, von den jüngeren Konkurrentinnen abgehängt und muss den dramatischen Unfall ihrer Zimmergefährtin Izzy mitansehen…
„Die Routinen“ ist der Debütroman von Son Lewandowski.
Erzählt wird die Geschichte in fünf Teilen vorwiegend, aber nicht nur in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Amik. Dabei wechseln sich ein Gegenwarts- und ein Vergangenheitsstrang ab. Zudem sind in das Erzählmosaik mehrere Kapitel eingeflochten, die sich mit historischen Turnpersönlichkeiten beschäftigen. Auf diese Weise umspannt die Handlung die Jahre 1968 bis 2023 und spielt an verschiedenen Orten wie beispielsweise Berlin und Antalya.
Die fiktive Protagonistin mit dem Spitznamen Amik erscheint austauschbar, nur eine von vielen und daher ohne hervorstechenden Charakterzüge. Ihre Gedanken und Gefühle sind sowohl repräsentativ als auch sehr gut nachzuvollziehen.
Nadia Comăneci, Věra Čáslavská, Olga Korbut, Dominique Moceanu und Simone Biles: All‘ diesen jungen Turnerinnen gelangen in ihrem Sport erstaunliche Kunststücke. Jede von ihnen lieferte eine neue Bestmarke im Kunstturnen und wurde zum Vorbild für nachfolgende Generationen. Ihre realen Autobiografien, die die Autorin sorgfältig recherchiert hat, werden gekonnt mit der fiktiven Geschichte um Amik verknüpft.
Der Roman verdeutlicht nicht nur, zu welchen sportlichen Leistungen die realen Sportlerinnen fähig waren,sondern er deckt vor allem auch ein bedenkliches System im Profisport auf: permanenter Trainingsdrill ohne Rücksicht auf Verluste, beinahe unmenschlicher Leistungsdruck, Ausbeutung noch heranwachsender und abhängiger Schülerinnen, (politische) Instrumentalisierung und Sexismus. Mehr noch: Die Geschichte zeigt umfassenden Missbrauch und Gewalt im professionellen, internationalen Leistungssport auf. So ist der Roman gleichermaßen eine Anklage des Systems als auch ein Plädoyer für mehr Feminismus im Sport.
Auf nur wenig mehr als 260 Seiten hat mich die Geschichte gleichermaßen schockiert und berührt. Obwohl ich durchaus bereits Einblicke bezüglich der Schattenseiten des Leistungssports hatte, habe ich die Lektüre als augenöffnend und aufrüttelnd empfunden.
Auch in sprachlicher Hinsicht ist der Roman überragend. Der Text ist wortgewandt, atmosphärisch und eindringlich. Unterlegt mit einer poetischen Note, findet die Autorin immer wieder ungewöhnliche Sprachspiele und -bilder.
Der Titel „Die Routinen“ ist aufgrund der doppelten Bedeutung sehr passend. Er ist einerseits angelehnt an das englische Wort für Turnübungen und verweist andererseits auf die ständig zu wiederholenden Bewegungsabläufe. Auch das Covermotiv mit der unkenntlichen Turnerin auf dem Schwebebalken ist eine vorzügliche Wahl.
Mein Fazit:
Mit ihrem beeindruckenden Debüt hat mich Son Lewandowski begeistert. „Die Routinen“ ist ein inhaltlich wie sprachlich äußerst gelungener Roman mit Nachhall. Ein Highlight im Lesejahr 2026!