Von einem einsamen Leuchtturm der Menschlichkeit
Der französische Schriftsteller und Journalist Sorj Chalandon ist bekannt dafür, als Basis für seine Romane Settings zu wählen, die es so tatsächlich gegeben hat. Das ist auch in seinem neuen Roman „Faust ...
Der französische Schriftsteller und Journalist Sorj Chalandon ist bekannt dafür, als Basis für seine Romane Settings zu wählen, die es so tatsächlich gegeben hat. Das ist auch in seinem neuen Roman „Faust in der Hand“ der Fall: auf der bretonischen Insel Belle-Île-en-Mer gab es bis Ende der 1970er Jahre eine Strafanstalt für Minderjährige. Um diese geht es in der fiktiven Geschichte rund um den jungen Jules, der prägende Jahre seiner Jugendzeit dort verbringen muss.
Das Buch ist äußerst packend geschrieben. Aus der Perspektive der erst jugendlichen und dann jungen erwachsenen Jules erleben wir kurze Rückblicke in seine Kindheit, dann ausführlich geschildert – samt allen dort herrschenden Grausamkeiten und drakonischen Strafen – die Zeit in der Strafanstalt für Kinder und Jugendliche auf der Insel, und schließlich den Ausbruch und die Zeit danach.
Es ist zugleich spannender Abenteuerroman und interessantes Psychogramm eines jungen Menschen, der bisher in seinem Leben unglaublich viel Gewalt und Unterdrückung erfahren und bezeugen musste und der lange kaum daran glauben kann, dass es auch Gutes in Menschen geben kann – der aber gleichzeitig auch einen starken Gerechtigkeitssinn und Beschützerinstinkt und eine brennende Wut in sich spürt.
Passend zum Titel „Herz in der Faust“ ist das Buch voll von Gewalt: tatsächlicher und solcher im Kopf des Hauptcharakters. Es ist sehr bedrückend zu lesen, welches Leid die unschuldigen Kinder und Jugendlichen (die meisten haben sich kaum etwas Gröberes zu Schulden kommen lassen, manche haben auch überhaupt nichts verbrochen und nur das Pech, Waisenkinder zu sein, für die sonst kein Platz gefunden wurde) in dieser Haftanstalt erdulden müssen. Szenen der Gewalt und Demütigung werden immer wieder und sehr drastisch geschildert und nehmen einen großen Teil des Buches ein, das muss man aushalten können.
Zusätzlich gibt es die gewalttätigen Racheszenen im Kopf von Jules, die so unmittelbar geschrieben sind, dass man beim ersten Lesen erst einmal braucht, um sich klar zu machen, dass diese Gewalt nur in seinem Kopf ist und nicht wirklich stattfindet: „
Wirklich interessant und berührend wurde das Buch für mich etwa ab der Hälfte, als es um den Ausbruch der Kinder und Jugendlichen geht, der so halb zufällig und nicht sehr geplant vonstatten geht und auf den eine unbarmherzige Jagd nicht nur der Gefängniswärter, sondern auch der gesamten Zivilbevölkerung der Insel, die sich eine der auf die jungen Menschen ausgesetzten Kopfprämien erhofft, einsetzt, und alle außer Jules wieder gefangen und hart bestraft werden. Wie manche auch der zuerst nett und unterstützend wirkenden Menschen letztlich ihre Schützlinge verraten, macht sehr betroffen – doch es gibt eben auch Ausnahmen, wie den Fischer und seine Frau.
Es ist bei aller Abenteuerlichkeit auch ein sehr hartes Buch zu lesen, insbesondere für einfühlsame Menschen. Das macht es aber nicht schlecht, sondern wirft wichtige Fragen danach auf, was unsere Menschlichkeit ausmacht, gerade in herausfordernden Situationen, wo wir uns anpassen und wo wir mit unseren eigenen Werten dagegenhalten, wo wir uns für Außenseiter einsetzen und auch, ob und wie jemand, der so viel Schlimmes erfahren hat, noch Vertrauen zu Menschen und Glauben an das Gute finden kann.