Cover-Bild Herz in der Faust
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25,00
inkl. MwSt
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: allgemein und literarisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 400
  • Ersterscheinung: 11.09.2025
  • ISBN: 9783423284899
Sorj Chalandon

Herz in der Faust

Roman | »Zweifellos haben wir einen der ganz großen Romanciers der Gegenwartsliteratur vor uns.« Thomas Wagner, Der Freitag
Brigitte Große (Übersetzer)

»Epochal, spannend und kraftvoll von der ersten bis zur letzten Seite.« Le Parisien

Im August 1934 gelingt 56 Jugendlichen einer Strafkolonie auf der bretonischen Insel Belle-Île-en-Mer die Flucht. 20 Franc – das ist der Preis, den die örtliche Polizei für jeden Jungen aussetzt, worauf die Inselbewohner eine Hetzjagd beginnen. Ein einziger Junge entkommt, seine Geschichte erzählt dieser Roman: Jules Bonneau, von den Eltern früh verlassen, nach Jahren im Heim zwischen Raserei und Hoffnungslosigkeit, gerät auf der Flucht an den bretonischen Sardinenfischer Ronan Kadarn und dessen Frau. Zum ersten Mal lernt er Zuneigung kennen, eine Zärtlichkeit, die ihn erschüttert. Er lebt mit den Fischern, begegnet Kommunisten und Faschisten. Und muss am Ende eine Entscheidung treffen, die ihn mit seiner Vergangenheit konfrontiert.

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Lesejury-Facts

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.10.2025

Von einem einsamen Leuchtturm der Menschlichkeit

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Der französische Schriftsteller und Journalist Sorj Chalandon ist bekannt dafür, als Basis für seine Romane Settings zu wählen, die es so tatsächlich gegeben hat. Das ist auch in seinem neuen Roman „Faust ...

Der französische Schriftsteller und Journalist Sorj Chalandon ist bekannt dafür, als Basis für seine Romane Settings zu wählen, die es so tatsächlich gegeben hat. Das ist auch in seinem neuen Roman „Faust in der Hand“ der Fall: auf der bretonischen Insel Belle-Île-en-Mer gab es bis Ende der 1970er Jahre eine Strafanstalt für Minderjährige. Um diese geht es in der fiktiven Geschichte rund um den jungen Jules, der prägende Jahre seiner Jugendzeit dort verbringen muss.

Das Buch ist äußerst packend geschrieben. Aus der Perspektive der erst jugendlichen und dann jungen erwachsenen Jules erleben wir kurze Rückblicke in seine Kindheit, dann ausführlich geschildert – samt allen dort herrschenden Grausamkeiten und drakonischen Strafen – die Zeit in der Strafanstalt für Kinder und Jugendliche auf der Insel, und schließlich den Ausbruch und die Zeit danach.

Es ist zugleich spannender Abenteuerroman und interessantes Psychogramm eines jungen Menschen, der bisher in seinem Leben unglaublich viel Gewalt und Unterdrückung erfahren und bezeugen musste und der lange kaum daran glauben kann, dass es auch Gutes in Menschen geben kann – der aber gleichzeitig auch einen starken Gerechtigkeitssinn und Beschützerinstinkt und eine brennende Wut in sich spürt.

Passend zum Titel „Herz in der Faust“ ist das Buch voll von Gewalt: tatsächlicher und solcher im Kopf des Hauptcharakters. Es ist sehr bedrückend zu lesen, welches Leid die unschuldigen Kinder und Jugendlichen (die meisten haben sich kaum etwas Gröberes zu Schulden kommen lassen, manche haben auch überhaupt nichts verbrochen und nur das Pech, Waisenkinder zu sein, für die sonst kein Platz gefunden wurde) in dieser Haftanstalt erdulden müssen. Szenen der Gewalt und Demütigung werden immer wieder und sehr drastisch geschildert und nehmen einen großen Teil des Buches ein, das muss man aushalten können.

Zusätzlich gibt es die gewalttätigen Racheszenen im Kopf von Jules, die so unmittelbar geschrieben sind, dass man beim ersten Lesen erst einmal braucht, um sich klar zu machen, dass diese Gewalt nur in seinem Kopf ist und nicht wirklich stattfindet: „

Wirklich interessant und berührend wurde das Buch für mich etwa ab der Hälfte, als es um den Ausbruch der Kinder und Jugendlichen geht, der so halb zufällig und nicht sehr geplant vonstatten geht und auf den eine unbarmherzige Jagd nicht nur der Gefängniswärter, sondern auch der gesamten Zivilbevölkerung der Insel, die sich eine der auf die jungen Menschen ausgesetzten Kopfprämien erhofft, einsetzt, und alle außer Jules wieder gefangen und hart bestraft werden. Wie manche auch der zuerst nett und unterstützend wirkenden Menschen letztlich ihre Schützlinge verraten, macht sehr betroffen – doch es gibt eben auch Ausnahmen, wie den Fischer und seine Frau.

Es ist bei aller Abenteuerlichkeit auch ein sehr hartes Buch zu lesen, insbesondere für einfühlsame Menschen. Das macht es aber nicht schlecht, sondern wirft wichtige Fragen danach auf, was unsere Menschlichkeit ausmacht, gerade in herausfordernden Situationen, wo wir uns anpassen und wo wir mit unseren eigenen Werten dagegenhalten, wo wir uns für Außenseiter einsetzen und auch, ob und wie jemand, der so viel Schlimmes erfahren hat, noch Vertrauen zu Menschen und Glauben an das Gute finden kann.

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Veröffentlicht am 15.10.2025

Ein Leben im Stakkato der brutalen Aussichtslosigkeit

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„Herz in der Faust“ von Sorj Chalandon, erschienen 2025 bei dtv, ist ein wuchtig-wütender Roman, der seinen Leser:innen einiges abverlangt und brachial ehrlich das Leben in Besserungs- und Erziehungsanstalten ...

„Herz in der Faust“ von Sorj Chalandon, erschienen 2025 bei dtv, ist ein wuchtig-wütender Roman, der seinen Leser:innen einiges abverlangt und brachial ehrlich das Leben in Besserungs- und Erziehungsanstalten in den 30er Jahren zeigt. Der in Frankreich sehr erfolgreiche Roman trifft den Nerv einer Zeit, in der Ausgrenzung und unerbittliche Verfolgung wieder zunimmt, die Armen immer ärmer werden und der Faschismus, der im Roman als Randthema auftaucht, um sich greift. Wie lange kann Konformismus Regelzustand sein, wann muss er abgelöst werden durch Rebellion?

Jules Bonneau, mit Kampfnamen „Die Kröte“ genannt, wird früh in seinem Leben von seinen Eltern sich selbst überlassen und gerät auf die schiefe Bahn – nicht zuletzt, weil Zeit seines Lebens in ihm eine überdimensional große Wut tobt, die er nicht in den Griff bekommt. Eingesperrt in die Korrektionsanstalt Haute-Boulogne auf der Insel Belle-Île, erlebt Jules Machtwillkür und gezielte Demütigung tagein tagaus. Es ist ein fragiles System, in dem es kaum zu Freundschaften kommen kann unter den jungen Menschen und in dem der verliert, der Gefühle zulässt. Dennoch kommt es, eher ungeplant, zum Aufstand, bei dem insgesamt 56 Zöglinge fliehen – auch Jules, der in seine Flucht eher hineingerät. Eine Flucht, die von vornherein ein aussichtsloses Unterfangen ist, denn die Insel liegt zu weit vom Festland entfernt und die Einwohner:innen: sind den jungen Insassen gegenüber nicht freundlich gesinnt. Eine Kopfprämie von 20 Franc für jeden der Ausbrecher macht die erfolgreiche Flucht endgültig zu einem Hiobskommando. Jules trifft auf seiner Flucht auf den Fischer Ronan Kardarn – ein Mann, der sich mit Vergangenheit und Geheimnissen auskennt. Die Beziehung, die sich zwischen beiden entspinnt, ist geprägt von Vorsichtigkeit und Hoffnung, zögerlicher Nähe und notwendiger Distanz.

Chalandon schreibt brachial und bringt das karge Leben auf der Insel in gedrängte, kurze Sätze, die auf die Phantasie einhacken. Hier wird nicht geschont; explizit und ohne Filter wirft er uns in die unglaubliche Brutalität und Kälte von Haute-Boulogne. Hier gibt es keine Helden, hier gibt es nur Verlierer, und der Autor scheut nicht davor zurück uns zuzumuten, dass auch Sympathiefiguren in dieser Geschichte nicht sicher sind. Die irrige Idee der 30er, Menschen durch Brechen zu besseren Menschen zu machen, wird eindrücklich erlebbar. Ein dauerhaftes Fiebern wabert durch die Sätze, die im Stakkatotakt auf die Lesenden einhämmern und durchweg wehtun. Dazwischen immer wieder wilde Traumsequenzen, die schwer von der Wirklichkeit zu trennen sind.

Die Insel und die Erziehungsanstalt werden plastisch beschrieben ohne zu große Ausführlichkeit, Die Charaktere sind klar gegriffen, es ist durchweg kalt in diesem Buch bis zur Flucht. Mit dieser und mit der Begegnung mit Kardarn und seiner Frau wechselt ganz langsam der Ton, der Dialoganteil steigt, im Bilde gesprochen wird das Meer etwas ruhiger – auch wenn der bellende Grundton bleibt. Die Beziehung und Annäherung zwischen Jules, Ronan Kardarn und der Fischermannschaft wird grandios beschrieben, es ist ein Tasten und Wagen, das sich immer mehr ausbreitet, bedroht durch Intrige und Verrat.

Besonders gut gelungen finde ich, dass durch die Tätigkeit von Kardarns Frau Sophie auch die Welt der Frauen in dieser Zeit gezeigt wird inmitten dieses „Männerromans“, in dem männliche Charaktere durchweg der Zeit und dem Ort geschuldet die Handlung dominieren. Hier gibt es niemanden, der ein leichtes Leben hat. Und auch die Polarität von Faschismus versus Kommunismus, die im Untergrund durch das Buch wabert, ist sehr gut herausgearbeitet.

Mich hat das Buch beeindruckt und mitgenommen, vor allem auch, weil Jules nie eine Chance hatte, ein anderer zu sein. Die Prägung durch Kindheit und Biographie ist offensichtlich – und im Umkehrschluss wird auch klar, wie dankbar wir für das Wunder der Psychotherapie sein dürfen. Man würde das all den Kindern wünschen, die in diesen Zeiten so brutal von sadistischen Machtmenschen gebrochen wurden.

Insgesamt zog sich für mich die Lektüre aber leider etwas. Das mag an der Häufung von Brutalität liegen, die sich mit der Zeit einfach abnutzte, oder an dem durchgehenden Stakkato, dass bei mir auf Dauer etwas Anstrengung und Unlust erzeugte. Vielleicht hätte ich mir auch nur etwas mehr Kompaktheit gewünscht, die knapp 400 Seiten hätte ich so nicht gebraucht für die Geschichte. Insofern reicht es nicht ganz für 5 Sterne, aber das Buch ist auf jeden Fall sehr lesenswert und beachtlich.

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