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Veröffentlicht am 02.01.2026

Familienbande

Die andern sind das weite Meer
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Luka hat in ihrer Kindheit ein Bild der Familie gemalt, darauf kämpft sich jedes der fünf Mitglieder allein (s)einen Hügel hoch. Nichts beschreibt die Familie Cramer besser als dieses Kinderbild. Längst ...

Luka hat in ihrer Kindheit ein Bild der Familie gemalt, darauf kämpft sich jedes der fünf Mitglieder allein (s)einen Hügel hoch. Nichts beschreibt die Familie Cramer besser als dieses Kinderbild. Längst sind die drei Kinder erwachsen, die Mutter verstorben, der Vater an Demenz erkrankt. Aber die Hügel sind immer noch da.

Auf leichte und doch eindringliche Weise beschreibt Julie von Kessel die einzelnen Mitglieder dieser Familie, die alle an etwas zu knabbern haben und darüber die Familie - vor allem den Vater - vernachlässigen. Aus vier Blickwinkeln werden Gegenwart und Vergangenheit nachgezeichnet. Die einzelnen Schicksale fügen sich zu einem Familienpuzzle zusammen, das von Missverständnissen geprägt ist.

Der Roman der Journalistin Julie von Kessel hat mich sehr gut unterhalten. Die Lebenswege der einzelnen Figuren sind farbig, einmal außergewöhnlich und einmal alltäglich. Immer sind sie interessant und zeigen, wie sehr wir durch die Kindheit geprägt sind, wie sich der Charakter einer Person dadurch beeinflußt entwickelt. Einzelne Elemente hat die Autorin ihrem eigenen Leben entnommen, so den Diplomatenvater oder die journalistische Tätigkeit der Tochter Luka. Der Roman endet an einer entscheidenen Stelle und läßt uns vor einer geschlossenen Tür stehend zurück. Das passt ganz hervorragend. Nicht alles kann und muss auserzählt werden.

Wunderbar haben mir auch die sich verändernden Kapitelüberschriften gefallen. Ich habe noch eine Erstauflage mit dem schönen leuchtenden Farbschnitt bekommen, dessen Orange sich im Titel und in der Walfluke widerspiegelt. Das Tier fungiert im Roman als Metapher und taucht immer wieder auf.

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Veröffentlicht am 26.11.2025

Zwei Brüder

Die Brüder Grimm
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Diese umfassende Biographie über die berühmten Brüder Jacob und Wilhelm Grimm lag schon lange auf meinem Stapel. Das Buch läßt im Hinblick auf die Informationsfülle keine Wünsche offen. In sieben Kapitel ...

Diese umfassende Biographie über die berühmten Brüder Jacob und Wilhelm Grimm lag schon lange auf meinem Stapel. Das Buch läßt im Hinblick auf die Informationsfülle keine Wünsche offen. In sieben Kapitel teilt Martus das Leben der Bibliothekare, Hochschullehrer und auch Politiker Grimm ein, das sich aus deren wechselnden Wohnorten und Betätigungsfeldern sowie den politischen Gegebenheiten ergibt. Den 508 Seiten Text folgen ein Anmerkungsapparat, das Literaturverzeichnis und ein Personenregister sowie eine Zeittafel, die zusammen nochmals knapp 100 Seiten füllen. In der Mitte gibt es mehrere Seiten mit Abbildungen. Ein opulentes Werk.

Ich habe die Biografie aus reinem "privatem" Interesse gelesen und das von vorne bis hinten. Neben Post-Its, Unterstreichungen und Randbemerkungen im Buch habe ich auch ein Notizheft mit 56 Seiten gefüllt. Es gibt so viel zu entdecken, das ich festhalten wollte.

Wo es um die politischen Zusammenhänge der Epoche geht, die allemal immens wichtig sind, war es mir doch manchmal etwas zäh - da muss man aber durch, denn besonders Jacob war wesentlich stärker in die Politik involviert, als ich gedacht hatte. Faszinierend ist das Eintauchen in die enge Brudergemeinschaft, der oft steinige berufliche Weg und das unglaublich weit verzweigte Freundes- und Bekanntennetzwerk von Jacob und Wilhelm. Der Abschnitt über die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen, mit denen die meisten die Grimms heute verbinden, macht nur einen kleinen Teil ihres unfassbar großen Schaffens aus und damit auch nur einen relativ schmalen Abschnitt in dieser Biografie.

Wer sich gründlich mit dem Leben der beiden Grimms beschäftigen möchte (oder muss), dem kann ich diese Biographie wärmstens empfehlen. Oft schlägt Martus einen "flotten" Ton, das hat mir gut gefallen und steht im Kontrast zu anderen oftmals staubtrockenen Werken.

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Veröffentlicht am 06.11.2025

Heute Nichtraucher (Bis 15 Uhr)

Glitterschnitter
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Neue Vahr Süd habe ich vor ewigen Zeiten gelesen und fand es irre witzig. Protagonist Frank Lehmann ist nach seinem Bundeswehrdienst in West-Berlin eingefallen und arbeitet im Café Einfall. Tja, die Handlung ...

Neue Vahr Süd habe ich vor ewigen Zeiten gelesen und fand es irre witzig. Protagonist Frank Lehmann ist nach seinem Bundeswehrdienst in West-Berlin eingefallen und arbeitet im Café Einfall. Tja, die Handlung des 500-Seiten-Krachers zu beschreiben ist schwierig. Es geht um die Teilnahme der Band Glitterschnitter an der Wall City Noise - mit oder ohne Bohrmaschine -, um Konzeptkünstler H.R. Ledigt, der ein Gemälde für die Wall City Ausstellung malen soll, was er ablehnt und lieber eine IKEA Musterwohnung samt Servietten kauft, um Helgas Schwangerschaftsgruppe, wegen der das Café Einfall bis 15.00 Uhr zum Nichtraucherort wird, um die Punks vom Hinterhof und vor allem um die Frage, wie aus dem Café Einfall ein ordentliches Wiener Kaffeehaus wird. Und das bitte nicht mittels wasserverlängerter Kondensmilch im Milchaufschäumer. Während Frank Lehmann zum Barista mutiert, nimmt das 80er-Jahre-Chaos in Kreuzberg seinen Gang.

Ein unglaubliches Gelaber bahnt sich hier den Weg und es ist zum Kopfschütteln, Staunen und einfach nur witzig. Die Figuren sind schlicht klasse und man möchte nur eins: Sofort mit dabei sein!

Einen Großteil habe ich als Hörbuch gehört, einfach famos gelesen vom Autor selbst, der mit gehetzter, rauchiger Stimme und norddeutscher Charmeoffensive durch den Text mäht. Ich habe so gelacht!

Wer schon im Lehmann-Universum zu Hause ist oder den besonderen Schreibstil von Regener mag, wird diesen Roman lieben. Obacht: Die chronologische Reihenfolge der bisher sechs Romane entspricht nicht dem Veröffentlichungszeitpunkt.

"Ihr scheiß Popper!" (S.277) Gröhl! Eine Jugendkulturrichtung, die der heutigen Jugend nichts mehr sagt.

"Wieso ist die bei IKEA?", fragte Erwin. "Da kann man Möbel kaufen", sagte Frank, "ich war da mal, das ist bei uns in Stuhr!" (S. 28) Genau, Bremen-Stuhr, kenn' ich, war ich auch schon Teelichter kaufen.

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Veröffentlicht am 06.11.2025

Erster Gerichtsauftritt von Eddie Flynn

Zu wenig Zeit zum Sterben
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Wenn man vor dem Job als Anwalt schon als erfolgreicher Trickbetrüger unterwegs war, kann das durchaus von Vorteil sein. Diese Erfahrung hat Eddie Flynn schon öfter gemacht, aber nie waren seine vielseitigen ...

Wenn man vor dem Job als Anwalt schon als erfolgreicher Trickbetrüger unterwegs war, kann das durchaus von Vorteil sein. Diese Erfahrung hat Eddie Flynn schon öfter gemacht, aber nie waren seine vielseitigen Fähigkeiten und Kontakte zu fragwürdigen Zeitgenossen so wichtig wie jetzt: Seine kleine Tochter wurde entführt und kommt nur frei, wenn Eddie die Verteidigung von Mafiaboss Olek Volchek übernimmt. Volchek muss einen Zeugen aus dem Weg räumen, um einer Verurteilung zu entgehen, diesen Auftrag soll Eddie erledigen - im Gericht.

Der Reihenauftakt hat mir gut gefallen. Ich kenne bereits den dritten Teil "Thirteen", der unheimlich spannend war. Auch der erste Fall von Anwalt Flynn punktet mit einer dramatischen Geschichte, die sich unter Zeitdruck abspielt. Durch die Ich-Perspektive ist man ganz dicht am Geschehen und fiebert mit Eddie mit, der immer wieder durch überraschende Einfälle punkten kann. Interessant sind Gerichtsthriller, weil es im us-amerikanischen Justizsystem so viel Unbekanntes gibt und man mit verblüffenden Tatsachen, Gesetzen und Ausnahmen konfrontiert wird. Der findige Anwalt gehört aber unbedingt dazu, denn er kippt eine scheinbar klare und eindeutige Aussage durch wenige geschickte Fragen und der Zeuge wird demontiert. Da der irische Autor Steve Cavanagh selbst Jura studiert hat, kann er auf eigene Erfahrungen zurückgreifen.

Die Serie um den trickreichen Eddie Flynn aus NYC kann ich allen Fans von Gerichtsthriller sehr empfehlen.

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Veröffentlicht am 29.10.2025

Wahnsinnige mit bürgerlicher Fassade

Echtzeitalter
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Till ist ein durchschnittlicher Schüler am Marianum in Wien. In seiner knappen Freizeit ist er außerdem erfolgreicher Gamer. Wie geht das zusammen? Eigentlich gar nicht und doch ganz gut. Während er und ...

Till ist ein durchschnittlicher Schüler am Marianum in Wien. In seiner knappen Freizeit ist er außerdem erfolgreicher Gamer. Wie geht das zusammen? Eigentlich gar nicht und doch ganz gut. Während er und seine Mitschüler:innen sich vom strengen Klassenvorstand Herrn Professor Dolinar drangsalieren lassen müssen, wartet zuhause sein Spiel auf ihn, das er in Echtzeit mit anderen Gamern auf der ganzen Welt spielt.

Ich habe einen Großteil des Buches gehört, das unglaublich charmant von Johannes Nussbaum gelesen wird, der es versteht, die Schüler und vor allem den schrecklichen Dolinar mit seiner Stimme lebendig werden zu lassen. Da viel österreichischer Slang vorkommt und andererseits auch die Wiener Elite spricht (und kritisiert wird), passt es einfach wahnsinnig gut, dass die Geschichte in österreichischem Deutsch bzw. österreichischer Hochsprache gesprochen wird. Die feinen Unterschiede würden beim Selbstlesen nicht so hervortreten. Gerade die nahezu absurden, oftmals hektischen Situationen in der Schule sind dadurch noch humorvoller.

Mir hat es riesigen Spaß gemacht, das nicht immer einfache Erwachsenwerden von Till in seiner wechselvollen Umgebung, zwischen Rauchereck und Informatikkammerl, für einige Jahre (bis zum Schulabschluss) zu begleiten. Die Szenen, in denen das Gaming und vor allem das von Till so geliebte Spiel "Age of Empires 2" erläutert werden, halten sich erfreulicherweise in Grenzen. Und wer es bisher versäumt hat, Stifters Brigitte - äh - Brigitta zu lesen, wird es nach Echtzeitalter nachholen wollen und sich anschaffen, aber natürlich nur als Reclamheft.

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