Lacey Flint 1
Dunkle Gebete - Lacey Flint 1
Ich muss zugeben, dass ich "Now You See Me" nur mitgenommen habe, weil mich der Jack the Ripper Aspekt so fasziniert hat. Jemand stellt die Morde des berühmtesten Serienkillers Londons nach? Da konnte ...
Ich muss zugeben, dass ich "Now You See Me" nur mitgenommen habe, weil mich der Jack the Ripper Aspekt so fasziniert hat. Jemand stellt die Morde des berühmtesten Serienkillers Londons nach? Da konnte ich einfach nicht widerstehen und so warf ich mich mitten in das Abenteuer von Lacey Flint. Die Inhaltsangabe und das Cover konnten mich direkt überzeugen, weshalb ich mit recht hohen Erwartungen an den Thriller gegangen bin. Letztendlich bin ich aber mit gemischten Gefühlen aus der Geschichte herausgegangen. Auch im Nachhinein liebe ich den Ansatz und halte es für eine großartige Idee den Mythos Jack the Ripper neu aufleben zu lassen. Neugierig habe ich die Ermittlungen verfolgt und mit jedem neuen Mord steigerte sich die Spannung. Die Auflösung hat mich überrascht, aber ich persönlich fand die Wendung sehr gelungen und unerwartet. Mein größter Kritikpunkt gilt allerdings den Charakteren, was für mich insofern problematisch war, als dass mir die Protagonisten und deren Entwicklung stets am wichtigsten sind.
CHARAKTERE
Im Mittelpunkt von "Now You See Me" steht Lacey Flint, eine aufstrebende Polizistin mit morbider Faszination für Serienkiller. Zunächst war ich wirklich begeistert von ihr und habe bereits über ihre Vergangenheit spekuliert, die zwar immer wieder angedeutet wird aber zunächst im Verborgenen bleibt. Ohne Zweifel ist Lacey ein sehr tougher Charakter, aber leider wurde ich mit ihr nicht wirklich warm. Ich konnte ihre Beweggründe zwar teilweise verstehen und habe mit ihr mitgefiebert. Allerdings konnte ich einfach keine Verbindung zu ihr aufbauen und fand sie auch nicht unbedingt extrem sympathisch. Selbst die Enthüllung ihrer Vergangenheit konnte daran nichts ändern. Ihre Handlungen konnte ich oftmals nicht nachvollziehen und stellenweise empfand ich Lacey als sehr egoistisch. Sie muss stets mit dem Kopf durch die Wand und während anderen Lesern gerade dies vielleicht gefallen wird, hat es mich einfach rasend gemacht, dass Lacey alles auf eigene Faust durchziehen musste und nie jemanden zu Rate gezogen hat.
Der größte Schwachpunkt von S.J. Bolton liegt für mich eindeutig in den Charakteren. Es gab keine einzige Figur, die mir ans Herz gewachsen ist, was ich bisher nur selten erlebt habe. Die Darstellung ist schwach und mir fehlte es an Tiefe und Widererkennungswert. Stellenweise konnte ich die Nebencharaktere nicht einmal auseinander halten, weil sie einem einfach nicht im Kopf bleiben wollen. Man wird mit zahlreichen Namen bombardiert, aber die Gesichter dahinter blieben mir verborgen. Selbst Dana Tulloch und Mark Joesbury, die neben Lacey zu den Hauptcharakteren zählen, waren für meinen Geschmack zu blass gezeichnet. Dana empfand ich zudem als stellenweise recht unsympathisch …womit Dana aber immerhin irgendeine Reaktion bei mir hervorrufen konnte. Natürlich steht sie als Kopf der Ermittlung im Vordergrund, aber ich hätte mir bei ihr einen engeren Zusammenhalt mit dem Team gewünscht. Ich liebe Thriller mit einer engen Teamdynamik und dies blieb in "Now You See Me" leider aus. Jedes einzelne Teammitglied hätte etwas mehr Aufmerksamkeit verdient und hätte sich die Autorin stärker der Charakterentwicklung gewidmet, wäre bestimmt ein großartiges Team dabei hervorgegangen.
Kommen wir zu Mark Joesbury, dem Undercover Agent. Er ist der klassische Love Interest und hat – so hart es klingen mag – keine andere Aufgabe. Dies fand ich unheimlich schade, weil er wirklich tolle Voraussetzungen mitgebracht hat und man viel daraus hätte machen können. Aber auch hier beschließt die Autorin oberflächlich zu bleiben. Teilweise fand ich seine Darstellung zudem sehr klischeehaft. Er verdächtigt Lacey, eilt ihr aber ständig zu Hilfe. In einem Moment ist er der strahlende Held, im nächsten das arrogante Arschloch. Irgendwie war das Gesamtpaket einfach nicht stimmig. Tolle Ansatzpunkte, schwache Umsetzung, was sich auf alle Charaktere übertragen lässt!
WELTENBAU
"Now You See Me" spielt in London und der Leser lernt dabei nicht nur die aktuellen Tatorte kennen, sondern erfährt durch die Ermittlungen einiges über die historischen Jack the Ripper Mordfälle, was ich unglaublich toll fand. Die Autorin bindet sehr viele Hintergrundinformationen ein und ich hab mir mehr als einmal gewünscht, dass noch mehr darauf eingegangen wird. Die Übertragung in unsere Zeit fand ich ebenfalls gelungen. Ich habe von Anfang an mitgefiebert und gerätselt was hinter den Morden steckt und natürlich wer den nun der Mörder sein konnte. Die Stärke von S.J. Bolton liegt eindeutig in dem Konstrukt des Falles. Der Leser durchlebt einige überraschende Wendungen und für mich blieb bis zum Showdown vieles unklar. Immer wieder bekommt man neue Informationen geliefert und wird mehr als einmal in die Irre geführt. Neben den Morden gibt es ein weiteres Geheimnis, das es zu klären gilt: Laceys Vergangenheit. Langsam tastet sich die Autorin an diese heran und auch hier erfahren wir erst ganz zum Schluss die ganze Tragweite. Obwohl mir all dies gut gefallen hat, bin ich mir unsicher inwiefern dies in den folgenden Teilen der Reihe gelungen aufgegriffen werden kann und ob es in Hinsicht auf die Fortsetzungen nicht vielleicht zu früh war bereits im ersten Teil alles aufzulösen.
Obwohl die Ermittlungen das Team durch ganz London führen, erschien es mir so als würde die Stadt doch eher im Hintergrund stehen. Die Handlungsorte werden nur kurz angeführt und man bekommt nicht wirklich das Gefühl selbst in der Stadt an der Themse zu sein. Lediglich die Beschreibungen rund um Camden fand ich gelungen und auch sehr stimmungsfördernd.
Nach dem Roman geht die Autorin in einem Nachwort noch mal auf die Jack the Ripper Morde ein und die verschiedenen Spekulationen. Dieses kurze Nachwort fand ich ganz passend und mich persönlich hat es neugierig gemacht noch mehr über die Morde aus dem Jahre 1888 zu erfahren.
SPRACHSTIL
S.J. Bolton schreibt sehr sachlich und präzise. Keine blumigen Umschreibungen, keine Schachtelsätze. Ich würde ihren Schreibstil als passend für einen Thriller beschreiben, aber auch als gewöhnlich. Während man einige Autoren bereits an ihrem Schreibstil erkennen kann, bleibt dies bei ihr aus. Zu ihrer Verteidigung muss ich aber auch sagen, dass ich es bei Thrillern nicht leicht finde mit einem eigenen Schreibstil aufzufallen. Obwohl auf die Morde ausführlich eingegangen wird, ist der Roman nicht zu blutig oder düster. Man erlebt keine seitenlange Gewalt und alles ist in Maßen beschrieben.
Der Leser erlebt "Now You See Me" aus verschiedenen Perspektiven, was mir bei Thrillern sehr gut gefällt, wobei man einige kurze Kapitel zeitlich und inhaltlich nicht immer ganz einordnen kann und man fragt sich mehrmals was diese Sichtweise zu bedeuten hat. Näher will ich darauf nicht eingehen um Spoiler zu vermeiden. Das Buch lässt sich leicht von der Hand lesen. Was mir jedoch mehrmals aufgefallen ist, sind die vielen britischen Polizeibegriffe. Das Rechtssystem und die Polizei sind in Großbritannien bekanntlich anders aufgebaut und da die Autorin selbst Britin ist, hat sie es wohl nicht für nötig gehalten einige Begriffe zu erklären. Für Leser außerhalb Großbritanniens führt dies gelegentlich zu kleinen Stolpersteinen.
COVER
Ich liebe das britische Hardcover! Für mich war es der Grund überhaupt erst zu dem Buch zu greifen. Es ist sehr dunkel gestaltet, man sieht eine weibliche Gestalt in einem alten Fabrikgelände sitzen und irgendwie gelingt es dem Cover bereits eine düstere Stimmung zu verbreiten. Meiner Meinung nach ist es wesentlich gelungener als das amerikanische Cover, welches lediglich eine Brücke mit Big Ben und der Themse zeigt ...absolut nichtssagend und wenngleich die Handlung in London spielt einfach nicht passend. An der Stelle will ich noch einwerfen, dass ich den deutschen Titel "Dunkle Gebete" ebenfalls sehr irreführend und unpassend finde, wohingegen das Original vor allem im Anschluss gleich auf mehreren Ebenen Sinn ergibt.
FAZIT
"Now You See Me" lässt die Jack the Ripper Morde neu aufleben und führt den Leser auf der Suche nach der Wahrheit mehrmals in die Irre. S.J. Bolton überzeugt mit der Konstruktion der Mordfälle und der undurchsichtigen Vergangenheit ihrer Heldin. Leider mangelt es den Charakteren allesamt an Tiefe und Widererkennungswert, was der Handlung einen Dämpfer versetzt. Mit Lacey Flint konnte ich mich nicht recht anfreunden und ich hoffe, dass sich die Autorin in den Fortsetzung stärker auf die Charaktere konzentriert und deren einzelnen Stärken und Schwächen mehr hervorhebt.