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Veröffentlicht am 18.09.2024

Harter Tobak

In Zeiten des Todes
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In Zeiten des Todes von Luca d'Andrea basiert auf einem wahren Verbrechen, das sich in den 90ern in und um Bozen ereignete. Die Erzählung und die Personen sind fiktiv, allerdings konnte ich bei der Lektüre ...

In Zeiten des Todes von Luca d'Andrea basiert auf einem wahren Verbrechen, das sich in den 90ern in und um Bozen ereignete. Die Erzählung und die Personen sind fiktiv, allerdings konnte ich bei der Lektüre des zugehörigen Wikipedia-Artikels durchaus Parallelen feststellen.
Der junge Commissario Luther Krupp soll 1992 den Mord an einer jungen, drogenabhängigen Prostituierten aufklären, die man mit mehreren Messerstichen im Körper aufgefunden hatte. Obwohl er von allen Seiten dazu gedrängt wird solch eine Lappalie wie eine weitere tote Prostituierte schnell zu den Akten zu legen, verbeißt sich Krupp geradezu in sein Gefühl, dass es sich bei diesem Mord nicht um Alltägliches handelt. Gemeinsam mit Sovrintendente Arianna Lici stürzt er sich in die Ermittlungen.
Krupp kämpft nicht nur gegen das Verbrechen, sondern auch gegen eingefahrene Strukturen und Verhaltensmuster in der Bozener Polizei, wo hier und da ein Auge zugedrückt wird und Willkür zur Tagesordnung gehört.
Gleichzeitig stolpert der junge Journalist Alex Milla als Fotograf über diesen Mord und soll nun auch der Sache auf den Grund gehen.

Der Mord und insbesondere die Drogenproblematik in Bozen werden ziemlich drastisch beschrieben. Alles wirkt düster und dreckig und auch die Zustände auf dem Polizeirevier bieten da keine Ausnahme. Das Buch lebt von der Härte des Falls und der Schicksale der Menschen - für meinen Geschmack war das eine Spur zu viel. Ich habe mich beim Lesen wiederholt gefragt, ob das wirklich so sein muss und musste mich etwas durchquälen.
Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre (das Buch ist auch ein ganz schöner Wälzer) und es passiert nicht nur ein Mord in dieser ganzen Zeit, aber dennoch kommt keine richtige Spannung auf. Man schaut den Menschen auf allen möglichen Ebenen beim Scheitern zu, auch wenn es hier und da Lichtblicke gibt, die die Handlung vorantreiben.
Was ich ziemlich cool fand, und auch noch nie so gelesen hatte, war die Zusammenfassung einzelner Monate oder Jahre im Schnelldurchlauf. Danach wird man wieder mitten ins Geschehen geworfen und muss zusehen wie Commissario Krupp wie ein Besessener nach der Wahrheit (oder irgendeinem Schuldigen?) sucht. Die Art wie diese Szenen teilweise geschrieben sind, passt sich dieser Besessenheit an: zum Beispiel werden Gedanken oder Aussagen mehrfach wiederholt. Das passt zwar zum Stil des Romans, macht das Lesen aber noch etwas unangenehmer.

Fazit: wer harte Kriminalfälle und schonungslose Realität abkann und keine wirklich positiven Figuren braucht, für den ist das vermutlich genau das richtige Buch. Ich fand es letztendlich durchaus interessant, aber es war mir die meiste Zeit zu viel des Guten.

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Veröffentlicht am 03.09.2025

Will zu viel und liefert nicht

I Know Where You Buried Your Husband
5

“I know where you buried your husband” ist der Debütroman von Marie O’Hare und wird als “Pageturner mit viel schwarzem Humor” angeteasert.
Die Story klingt erstmal vielversprechend: Sofia und ihre vier ...

“I know where you buried your husband” ist der Debütroman von Marie O’Hare und wird als “Pageturner mit viel schwarzem Humor” angeteasert.
Die Story klingt erstmal vielversprechend: Sofia und ihre vier Freundinnen sind seit der Schulzeit eine eingeschworene Gemeinschaft, obwohl die fünf Frauen kaum unterschiedlicher sein könnten. Eines Abends finden sie Sofias Ehemann tot im Wohnzimmer liegen und treffen die - vielleicht etwas fragwürdige - Entscheidung, den Leichnam verschwinden zu lassen, bevor die Polizei zu viele Fragen stellen kann. Danach brechen sie sicherheitshalber den Kontakt untereinander ab und gehen getrennte Wege.
Es scheint so, als ob ihr Plan funktioniert, bis sich sieben Jahre später ein Erpresser meldet, der offensichtlich sehr genau über die Frauen und ihre Vertuschungsaktion Bescheid weiß und droht, alles ans Licht zu bringen.

Nach der Leseprobe dachte ich mir: "Cool, ein Thriller mit schwarzem Humor, einer leicht verrückten Story und starken weiblichen Charakteren”.
Leider konnte das Buch keinen dieser Punkte erfüllen.
Die Story ist zwar nicht langweilig, aber auch nicht sonderlich spannend. Es gab ein paar überraschende Wendungen, aber die konnten mich auch nicht vom Hocker reißen. Pageturner ist also das falsche Wort, aber der flüssige Erzählstil sorgt dafür, dass sich die Seiten beim Lesen locker flockig umklappen lassen.
Der schwarze Humor fehlt meiner Meinung nach vollständig. Auch wenn das Setting dafür passend wäre, fand ich alles zu nüchtern beschrieben, um als schwarzer Humor durchgehen zu können.
Und die starken Frauen sind leider viel zu überzogen dargestellt, so dass ich mich überhaupt nicht mit ihnen identifizieren konnte. Das wäre an sich verkraftbar, aber von einem Buch, das in seinem Klappentext “das Patriarchat beerdigen” möchte, erwarte ich Figuren, die die Frauenwelt nicht nur irrational, krankhaft oder einigermaßen gaga aussehen lassen.

Fazit:
Das Buch verliert sich darin, zu viele Dinge gleichzeitig zu wollen und schafft dadurch mehr Verwirrung als Spannung. Es ist weder Thriller noch Charakterstudie und reißt dabei viele Themen und Probleme in unserer Gesellschaft an, ohne sie zu Ende zu bringen. Mich lässt es etwas ratlos zurück, weil ich nicht weiß, was mir die Autorin sagen möchte.

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