Tragik, Spannung und große Emotionen
Fritz Tiedemann wächst auf in dem Dorf Winnigstedt im Zonenrandgebiet. Als einziger aus seiner Altersgruppe geht er auf das Gymnasium in Wolfenbüttel und ist in beiden Welten ein Außenseiter. 1974 steht ...
Fritz Tiedemann wächst auf in dem Dorf Winnigstedt im Zonenrandgebiet. Als einziger aus seiner Altersgruppe geht er auf das Gymnasium in Wolfenbüttel und ist in beiden Welten ein Außenseiter. 1974 steht er kurz vor dem Abitur und verliebt sich in seine Mitschülerin Freda, die Tochter des Bürgermeisters. Nicht zuletzt von Freda angespornt, versucht Fritz, die Hintergründe zum Tod von zwei im Krieg zugewiesenen “Erntehelfern“ zu entschlüsseln und stößt dabei auf eine Mauer aus Schweigen im Dorf, an der er besser nicht gerüttelt hätte. Dann verführt ihn Elke, die Verlobte seines besten Freundes Helmut und Fritz beginnt eine Affäre mit ihr, obwohl er eigentlich mit Freda glücklich ist. So belügt und betrügt er alle und fühlt sich zunehmend schuldig.
Erst vierzig Jahre später, Fritz lebt inzwischen in Berlin, holt ihn seine Vergangenheit ein und ein Anruf führt ihn zurück in seine Jugend und es offenbart sich weitere Schuld…
Der deutsche Autor Arne Dessaul ist vielen LeserInnen bekannt durch seine Bochum-Krimis und seine Krimis um Kriminalhauptkommissar Helmut Jordan. Mit „Ewige Schuld“ wagt er nun ein Genre-Mix, in dem er die Geschichte des Antagonisten Fritz Tiedemann aus seinem Helmut-Jordan-Krimi „Bauernjäger“ erzählt. Natürlich muss man diesen nicht zuvor gelesen haben, um „Ewige Schuld“ verstehen und genießen zu können.
Im Mittelpunkt steht die Gemeinde Winnigstedt, bis zur Wiedervereinigung an der deutsch-deutschen Grenze gelegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg grenzte hier zunächst die Sowjetische Besatzungszone, bald die DDR an. Das tägliche Leben fand statt im Schatten der Todeszone. Dessaul, selbst in Winnigstedt aufgewachsen, gelingt es hervorragend, gesellschaftskritisch die Besonderheiten dieser Zeit in einer kleinen ländlichen Gemeinde darzustellen.
Außer dieser Zeitreise (auch in meine Jugendjahre) in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nimmt uns der Autor mit ins Nazideutschland, in dem u.a. Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft eingesetzt wurden, um die Agrarwirtschaft aufrecht zu erhalten.
Diese – in vielen Teilen – dunkle deutsche Geschichte verknüpft Arne Dessaul geschickt mit der persönlichen Lebensgeschichte der Hauptfigur und lässt sie dadurch umso lebendiger werden.
Arne Dessaul hat für seinen Roman eine Erzählperspektive gewählt, bei der die Figur Fritz Tiedemann aus der Ich-Perspektive erzählt. Hierdurch können die LeserInnen seine Gefühle, Handlungen und deren Motive genau erfahren, was grundlegend für das Buch ist. Fritz ist ein komplizierter, mehrdimensionaler, aber durchaus authentischer Charakter, der fast alle Personen in seinem Umfeld belügt und betrügt und damit Schuld auf sich zieht. Seine oft moralischen Dilemmata sind erklärbar; ich tat mich allerdings sehr schwer mit der Tatsache, dass ein verliebter junger Mann, der sogar glücklich mit seiner großen Liebe ist, eine auf purem Sex begründete längerfristige Affäre mit einer Frau unterhält, die ansonsten überhaupt nicht seinen Ansprüchen genügt – und dies sehr ausführlich geschildert wird. Denn ansonsten war mir die Hauptfigur keinesfalls unsympathisch, zeigte der Autor doch sehr einfühlsam seine innere Zerrissenheit und sein Bemühen, seine Außenseiterrolle anzunehmen und den Wunsch, das moralisch Richtige zu tun.
Auch die anderen Figuren, ihre Entwicklungen, das Zwischenmenschliche im Positiven wie im Negativen, konnten mich überzeugen.
Die Sprache von Arne Dessaul ist flüssig und bildgewaltig und sehr gut lesbar.
Nachdem sich die Erzählung doch recht lange mit der Gesellschaftskritik und deutscher Geschichte beschäftigt, einem Coming-of-age-Roman und ein bisschen einem Liebesroman gleicht und sich zunächst etwas hinzog, wurde die Geschichte im Verlauf immer spannender und entwickelte sich schließlich zu einem dramatischen Krimi. Fritz Tiedemann wurde schließlich vom Spielball der Geschichte selbst zu einem Ermittler, der gleich zwei Cold Case Fälle aufzuklären hatte. Ungewöhnlich, aber in meinen Augen großartig, wurde den Leser*Innen hier mögliche Theorien aufgezeigt und teilweise belegt; allerdings gab es keine klassische Ermittlung, Aufklärung und keine rechtlichen Verurteilungen – und das bei gleich drei Mordfällen.
Nicht zuletzt zog sich eine Playlist durch den gesamten Roman; „Seasons in the Sun“ von Terry Jacks, gerade auch mit der Textzeile „Too much wine and too much song“, „Got to get you into my life“ von den Beatles, „I’d love you to want me“ von Lobo, „Waterloo“ von Abba, „Über den Wolken“ von Reinhard Mey und viele weitere Songs hintermalten die Geschehnisse und klangen bei mir alsbald als Ohrwürmer weiter.
Arne Dessaul konnte mich mit seinem ungewöhnlichen Genre-Mix überzeugen, der sowohl tiefgründig als auch unterhaltsam ist. Gerne empfehle ich „Ewige Schuld“ weiter.