Frauenleben in der Belle Epoque
Montmartre - Traum und SchicksalParis 1889. Elise Lambert ist zum gefeierten Star des Moulin Rouge aufgestiegen, doch ihre ehemalige Freundin La Goulue wird neidzerfressen zu einer erbitterten Feindin. Valérie Dumas wird aus finanziellen ...
Paris 1889. Elise Lambert ist zum gefeierten Star des Moulin Rouge aufgestiegen, doch ihre ehemalige Freundin La Goulue wird neidzerfressen zu einer erbitterten Feindin. Valérie Dumas wird aus finanziellen Gründen von ihrer Familie in eine arrangierte Ehe gezwungen, in der ihr widerlicher Ehemann ihr eine selbstbestimmte Tätigkeit als Kunstmalerin mit brutaler Gewalt verbietet. Auch Elises Schwester Simone kann nicht selbstbestimmt leben, sondern wird von ihrem Ehemann in die Prostition gezwungen.
Marie Lacrosse, Pseudonym der deutschen Bestseller-Autorin Marita Spang für ihre historischen Romane, legt mit "Montmartre - Traum und Schicksal" den zweiten Band ihrer Dilogie um die beiden künstlerisch begabten jungen Frauen Elise und Valérie vor, die im Paris zum Ende des 19. Jahrhunderts ihren Träumen nachjagen und sich doch ihrem Schicksal ergeben müssen. Was für ein passend gewählter Titel für die wunderbare Fortsetzung!
NIcht umsonst hat sich Marie Lacrosse für die beiden Frauen Elise und Valérie als Hauptfiguren entschieden, die zwar am gleichen Tag von derselben Hebamme entbunden wurden, die aber perfekt für die sozialen Gegensätze und damit einem Kernthema der Belle Epoque stehen. Elise, in bitterer Armut aufgewachsen, und Valérie, aus einer wohlhabenden Familie stammend, sind beide künstlerisch talentiert und träumen von einer Karriere als Tänzerin bzw. Kunstmalerin - und für beide scheinen sich ihre Träume zu erfüllen. In der dargestellten Zeit der kulturellen Blüte findet sich - von der Autorin wunderbar erzählt - eine faszinierende Künstlerszene mit berühmten Künstlern wie Henri de Toulouse-Lautrec, Vincent van Gogh oder Edgar Degas und die schillernde Scheinwelt der Cabarets, allen voran das berühmt-berüchtigte Moulin Rouge.
Trotz moderner Tendenzen und neuen Fragen der sozialen Gerechtigkeit herrschten weiterhin konservative Meinungen vor; Frauen waren dem Manne untergeordnet und ihrem Streben nach Anerkennung wurde abfällig ("Malweiber") bis gewaltbereit begegnet.
Die Autorin hat genauestens recherchiert und entführt ihre LeserInnen in ein Paris, das bildgewaltig vor dem inneren Auge entsteht. Das geschilderte Treiben im weltbekannten Moulin Rouge, auch der Bau der Basilika Sacré-Cœur, die Gebäude der Haussmann-Ära (im Gegensatz zu den Slums am Montmartre) und die Vorkommnisse beim Bau des Panama-Kanals stehen im Zusammenhang mit klangvollen Namen, die mit Leben gefüllt werden. DIe gesellschaftspolitischen Umstände spiegeln sich in den Handlungen wieder und ziehen die LeserInnen tief in die Welt des Montmartre.
Brillant ausgearbeitet mit psychologisch genauem Blick sind auch die Figuren, und zwar nicht nur die, die wie Elise und Valérie im Mittelpunkt der Handlung stehen, sondern auch die zahlreichen Nebenfiguren. Sie sind mehrdimensional, entwickeln sich weiter und bleiben absolut authentisch. Zu jedem Zeitpunkt habe ich mit den zahlreichen starken Frauen, die in der realen Geschichte leider zu oft untergehen, mitgefiebert und mitgelitten und konnte das Buch nicht aus der Hand legen, bevor sich für alle eine zufriedenstellende Lösung ergeben hatte.
Großes Können beweist die Autorin auch dabei, die fiktiven Figuren und ihre Handlungen in die reale Geschichte einzufügen und historische Persönlichkeiten darin ebenso schlüssig handeln zu lassen.
Der Roman ist in vier Teile gegliedert, die Kapitel werden in personaler Erzählweise aus der Sicht der Frauen erzählt, die die Leser*Innen emotional mitreißend auf ihrer Suche nach einem selbstbestimmten Leben begleiten. Eine Karte des Montmartre Ende des 19. Jahrhunderts, aussagekräftige Zitate, ein Personenverzeichnis, in dem Historische Persönlichkeiten ausdrücklich gekennzeichnet sind, befinden sich am Anfang des Buches sowie eine Abgrenzung von Wahrheit und Fiktion durch die Autorin (was ich besonders hervorheben möchte!), Informationen zu Stilrichtungen der Malerei, eine Liste der erwähnten Kunstwerke und ein Quellenverzeichnis am Ende runden das Gesamtwerk ab.
"Montmartre - Traum und Schicksal" ist meiner Meinung nach perfekte Unterhaltung mit einem großartigen Mehrwert durch genau recherchiertes Geschichtswissen, das sich quasi nebenbei erfahren lässt. Ich vergebe glänzende fünf Sterne und empfehle das Buch unbedingt weiter. Hoffentlich gibt es bald Neues aus der Feder von Marie Lacrosse.