Sprache als Emanzipation und Verbindung
Daniela Dröscher ist für ihre Romane mit autobiografischem Bezug bekannt, so z.B. "Lügen über meine Mutter" oder "Junge Frau mit Katze". Nun ist mit diesem schmalen Bändchen ein Essay von ihr erschienen, ...
Daniela Dröscher ist für ihre Romane mit autobiografischem Bezug bekannt, so z.B. "Lügen über meine Mutter" oder "Junge Frau mit Katze". Nun ist mit diesem schmalen Bändchen ein Essay von ihr erschienen, der nicht für sich in Anspruch nimmt, ein Roman mit durchgängiger Handlung zu sein. Es sind einfach gesammelte Gedanken der Autorin zum Thema Sprache und Sprechen.
Es geht um Themen wie die Selbstverständlichkeit, mit der Kleinkind diverse Laute unterschiedlichster Sprache ausprobieren, und wie sie uns verloren geht. Um die individuellen Arten zu sprechen, die stark durch Herkunft, Klasse und Region geprägt sind. Um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit zwischen Hochsprache und Dialekt flexibel hin- und herzuwechseln und über die Zuschreibungen, die mit beidem verbunden sein können. Um Situationen der gefühlten Unzulänglichkeit und Nicht-Zugehörigkeit, die sprachlos machen können, etwa an der Hochschule, wenn man das dort verbreitete Vokabular noch nicht beherrscht und immer noch mit dem Habitus eines jungen Menschen mit einem Elternhaus aus einer nicht-akademischen Klasse auftritt. Und um vieles mehr.
"Meine Geschichte mit der gesprochenen Sprache ist eine Geschichte der Emanzipation", so schreibt die Autorin über ihren Weg zur Selbstermächtigung durch Sprache, bis hin dazu, den Mut zu finden, literarisch und autobiografisch zu publizieren.
Es sind viele kluge Gedanken, die für das Thema Sprechen und Sprache sensibilisieren. Und da es sich bei der Autorin um Daniela Dröscher handelt, dürfen auch ihre Lieblingsthemen, die sich durch jedes ihrer Werke ziehen, nicht fehlen: etwa die Mutter und deren Beschämung durch den Vater aufgrund ihres Gewichts. Hier ist das aber im Gegensatz zu manch anderen ihrer Bücher nur ein Thema von vielen und zieht sich nicht durch das ganze Buch (vielleicht für jene gut zu wissen, die das Thema in ihren bisherigen Werken schon umfassend genug behandelt finden).
Besonders gut gefallen und nachdenklich gemacht haben mich die Gedanken der Autorin zum Thema Verbindung schaffen durch Sprechen: "Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass es beim Sprechen außerhalb des privaten Raums nicht darum geht, rhetorische Perfektion und intellektuelle Brillanz unter Beweis zu stellen. Es geht vielmehr um den aufrichtigen Versuch, eine wie auch immer geartete Verbindung herzustellen. Ein möglichst freies Sprechen zu beherzigen. Einen gemeinsamen Denkraum zu schaffen." (S. 17)
Mir hat diese essayartige Gedankensammlung gut gefallen und ich kann sie allen Fans von Daniela Dröscher sowie jenen, die sich die Verbindung zwischen Sprache, Sprechen und Klasse interessieren, jedenfalls empfehlen.