Cover-Bild Zeit der Mutigen
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36,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Kein & Aber
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: Klassisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Erzählende Literatur
  • Seitenzahl: 1152
  • Ersterscheinung: 08.09.2025
  • ISBN: 9783036950792
Dimitré Dinev

Zeit der Mutigen

Ausgezeichnet mit dem Österreichischen Buchpreis 2025

Als das Dienstmädchen Eva am Vorabend des Ersten Weltkriegs ihrem Leben in der Donau ein Ende setzen möchte, wird sie stattdessen in die Arme des jungen Infanterieleutnants Alois Kozusnik gespült. Statt ihres Lebens verliert sie ihre Unschuld. Es ist der Startpunkt einer epischen Geschichte, die sich aus drei großen Erzählsträngen zusammensetzt und sich bis in die heutige Zeit fortspinnt. Was macht den Menschen aus? Wie durchlebt und übersteht er Jahre der Unterdrückung und Gewalt? Wie schafft er es immer wieder, Kraft zu schöpfen, zu hoffen und zu lieben?
Dimitré Dinev erkundet in seinem neuen großen Roman die Geschichte Europas und die zentralen Fragen des menschlichen Zusammenlebens und schafft damit ein literarisches Meisterwerk des Humanismus und der Empathie.

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.02.2026

Ein moderner Klassiker der Literatur

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An „Zeit der Mutigen“ hat der Autor nach eigenen Angaben 13 Jahre lang geschrieben. Es hat sich gelohnt! Entstanden ist ein monumentales Epos, in der Printausgabe über 1000 Seiten lang, ein ganzes Jahrhundert ...

An „Zeit der Mutigen“ hat der Autor nach eigenen Angaben 13 Jahre lang geschrieben. Es hat sich gelohnt! Entstanden ist ein monumentales Epos, in der Printausgabe über 1000 Seiten lang, ein ganzes Jahrhundert europäischer Zeitgeschichte umfassend, leichtfüßig erzählt und dabei sorgfältig recherchiert, viel Wissen vermittelnd und dabei auf jeder Seite ein unterhaltsames und mitreißendes Leseerlebnis!

Ich habe noch nie ein so umfangreiches Buch gelesen, bei dem ich mich gleichzeitig so gut unterhalten habe und das von der ersten bis zur letzten Seite mitreißend und spannend war, und dabei gleichzeitig voll von schönen Sprachbildern, profundem Verständnis für die menschlichen Beziehungen und tiefsinnigen Gedanken über das 20. Jahrhundert in Europa mit all seinen Schrecken, aber auch für das, was Mensch-Sein, (Wahl)-Familie und Verbindung ausmacht.

Abwechselnd werden die miteinander auf vielfältige Weisen verflochtenen Schicksale der Mitglieder dreier Familien erzählt: einer österreichischen, einer bulgarischen und einer Roma-Familie, beginnend mit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg bis in 1990er Jahre. Es geht um Täter, Mitläufer und Widerstandskämpfer, Loyale und Verräter, Gedächtnisverlust und Rollentausch, die Frage, was Verwandtschaft ausmacht (Abstammung? Soziale Elternschaft? Eine Wahl?) und ganz viel um hehre Ideale, die sich dann in Schreckensherrschaft und Unterdrückung verwandeln können. Um Ausgrenzung und unverhoffte Freundschaft und Unterstützung. Um Kommunismus vs. Kapitalismus, Westen vs. Osten. Und um vieles mehr.

Die Figuren sind liebevoll gezeichnet, originell und nicht klischeehaft. Da gibt es eine ausschließlich unter Männern aufgewachsene, sehr toughe Schafhirtin in Bulgarien, einen blonden, blauäugigen Roma und Enkel des Clanchefs, eine Stasimitarbeiterin, die doch auch ihr Herz am rechten Fleck hat, einen österreichischen Wehrmachtssoldaten, der seine Exekution durch die Sowjetarmee überlebt hat und fortan mit Gedächtnisverlust und einer Kugel im Kopf durchs Leben irrt, eine junge Frau, die ihre eigenen Suizid in der Donau überlebt hat und deren Tochter zeitlebens eine besondere Verbindung zu dem Fluss haben wird, und viele mehr. Eine stille und doch eindrucksvolle Protagonistin, die all die Schicksale immer wieder auf ihre Art verbindet und eine bestimmte Mythologie mit sich bringt, ist auch die Donau selbst, an deren Wachau-Ufer die eine österreichische Familie lebt… aber auch das bulgarische Konzentrationslager Belene ist von ihr geprägt.

Dadurch, dass aus so vielen unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, entsteht ein vielfältiges Bild, und mir sind selbst manche der moralisch durchaus zweifelhaften Charaktere auch ans Herz gewachsen bzw. habe ich ihre Antriebe und Motivationen nachvollziehen können.

Das Schreckliche der Kriege, Diktaturen und Konzentrationslager des 20. Jahrhunderts nimmt einen großen Raum im Buch ein. Insbesondere geht es ausführlich um das bulgarische Lager Belene, in dem jede und jeder aufgrund des kleinsten Vergehens oder auch völlig unschuldig für Jahre landen konnte und in dem viele Menschen grausam ums Leben kamen. Insgesamt befasst sich das Buch, neben den Schrecken der beiden Weltkriege, viel mit der Zeit der kommunistischen Diktatur in Bulgarien samt Bespitzelung, Überwachung und Staatssicherheit: ein wichtiges und mir bisher nicht sehr bekanntes Thema, über das ich in diesem Buch viel gelernt habe. Man merkt, dass der selbst ursprünglich aus diesem Land stammende Autor sich ausführlich und auch, wie er im Nachwort anmerkt, anhand umfangreicher Quellen, mit diesem Thema auseinandergesetzt hat.

Auch sprachlich mochte ich das Buch sehr und insbesondere die tiefsinnigen Gedanken über das Mensch-Sein, das Verständnis für ihre Psyche sowie mythologischen Bezüge haben mir ausgezeichnet gefallen:

„In einer nahezu unbekannten Sprache so viel wie möglich über sich zu erfahren, war ein schwieriges Unterfangen. „Wo bin ich?“, fragte er so lange mit Worten und Gesten, bis der andere ihn verstand. „Bei mir“, antwortete dieser. Ja, das verstand er, aber was sollte er mit so einer Antwort anfangen? Wobei dieses „Bei mir“ zwar nicht zurück zu seinem früheren Leben geführt hatte, so doch eindeutig zurück ins Leben. Und überwältigt von dieser Erkenntnis, begann er zu weinen.“ (S. 125 im E-Book)

„Ein ganz klares Bild von ihm hatte sie nie in ihrem Kopf aufbewahrt, da sie es als reine Platzverschwendung empfand. Trotzdem wusste sie genau, welche Gefühle seine Präsenz im Raum in ihr geweckt hatte. Deswegen wusste sie genau, dass dieser Mann, der wie aus dem Nichts erschienen war, nicht Helmut war. Seine Augen hatten vielleicht die gleiche Farbe, aber ein Blick hinein hatte gereicht, um ein ganz anderes Licht, eine ganz andere Welt in ihnen zu entdecken.“ (S. 270 im E-Book)

„Sie verschaffte ihrer Tochter immer neue und neue Aufgaben, kümmerte sich darum, dass sie nicht lange Zeit allein mit ihren Gedanken blieb. Vierzig Tage nach der Geburt war jede Wöchnerin sehr gefährdet, denn sie befand sich zwischen der Welt der Ahnen und der Welt der Lebenden, zwischen Leben und Tod, zwischen Gott und Teufel. Ihre Seele hatte Zugang zu allen Welten.“ (S. 700 im E-Book)

Insgesamt ist es trotz all der dunklen Themen kein hoffnungsloses Buch: dafür sorgen die liebevoll gezeichneten Charaktere, die raschen Perspektivwechsel und die vielen fast humorvollen Situationen unwahrscheinlichen Glücks, in denen unsere Helden und Heldinnen doch noch einmal davonkommen und sich aus einer scheinbar ausweglosen Situation retten können, auch wenn ihnen bei weitem nicht alles Unheil erspart bleibt.

So bleibt mir nach mehreren Wochen intensiver Lesezeit ein tiefgreifendes emotionales Erlebnis zurück, das noch lange nachwirken wird. Für mich ist dieses Buch schon jetzt ein moderner Klassiker der Literatur, der sich auf unterhaltsame Weise mit vielen grundlegenden Themen des Mensch-Seins und europäischer Zeitgeschichte auseinandersetzt. Es gehört zu den wenigen Büchern, die ich jedenfalls noch ein weiteres Mal lesen möchte. Ich kann das Buch einer breiten Leserschaft nur wärmstens empfehlen!

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Veröffentlicht am 17.01.2026

Der Weltenerzähler

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Geschafft: 1150 Seiten sind gelesen. Wow. Und das Erstaunlichste dabei ist: Es war auf keiner Seite jemals langweilig!

Zwei kleine Unzufriedenheiten sind zu beklagen, aber da der Roman so unvergleichlich ...

Geschafft: 1150 Seiten sind gelesen. Wow. Und das Erstaunlichste dabei ist: Es war auf keiner Seite jemals langweilig!

Zwei kleine Unzufriedenheiten sind zu beklagen, aber da der Roman so unvergleichlich ist, sollten die fünf Sterne dennoch bestehen bleiben. Auch wenn die zwei kleinen Unzufriedenheiten etwas an mir nagen.

Sehr, sehr hilfreich ist der Familienstammbaum auf der letzten Seite. Das erspart uns Lesern das Nebenbei-Notizbuch für die zahlreichen Personen. Zugegeben, es gibt noch einige mehr, aber die kommen ziemlich am Ende und mit denen können wir leben, ohne dass sie auf dem Stammbaum Erwähnung finden.

Die Protagonistin, die ich am meisten bewundert habe, war Neda, die Hirtin. Sie verhalf dem wichtigsten Mann im Buch, Meto, zu erneutem Leben, wenn auch ohne Gedächtnis, denn er sollte hingerichtet werden und hat das überlebt. Mit einer Kugel im Kopf, aber immerhin. „Wer bin ich, wer?“, fragte sich Meto. „Der, den wir mögen, antworteten die Hunde, der, dem wir misstrauen, die Schafe.“ (S. 193) Und Neda geht Wege, die nur wenige sich zu gehen trauen. Der Vater rät ihr:“ Sag mir, würdest du jenen, die dir Böses wollen, lieber in einem Kleid oder in einer Hose begegnen?“ (S. 199) Und später schlief der Vater ein, „… zufrieden, dass er seinen Platz in der Welt kannte. Stumm dankte er Gott, dass er ihn, durch seine Bestimmung, Hirte zu sein, von der Eitelkeit und den Versuchungen der Welt fernhielt.“ (S. 200) Da möchte der Leser vielleicht selbst Hirte sein, einfach leben und mit ganz wenigen Dingen glücklich sein. „Ganz grob gesprochen gibt es die Habenden und die Seienden. Nur dass mehr Haben nicht mehr Sein bedeutet.“ (S. 986)

Wen ich auch unglaublich bewundere, ist der Autor. Denn er schreibt hier auf Deutsch, obwohl das nicht seine Muttersprache ist. Und die Schreibe hat es in sich. Ich habe so viele Marker gesetzt, dass ich sie hier als Zitate nicht alle unterbringen kann. Das würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Auf jeden Fall: Höchst verdienter Österreichischer Buchpreis 2025. Dimitré Dinev muss unglaublich lange recherchiert haben. Allein die Vorkommnisse im Konzentrations-Lager Belene (1949-87) sind überaus üppig, bzw. reichhaltig erzählt. Dafür bedankt der Autor sich bei Borislav Skotschev, der zehn Jahre Dokumente zusammengetragen hat und darüber berichtete.

Auch das, was NICHT vorkommt, gefällt mir sehr. Und das ist das Fehlen jeglichen Regenbogens. Keine Schwulen, keine Lesben, kein Klimageschwafel und kein CO2. Vielleicht gab es mal einen einzigen Satz und den kann ich bei dieser unglaublichen Fülle an Geschichten verkraften. Und genau das, was NICHT vorkommt, ist schon heutzutage etwas Besonderes. Leider! Kaum ein Klappentext von Neuerscheinungen, in dem nicht Homosexuelle erwähnt werden, was mir gleich die Freude am zukünftigen Lesen vergällt und mich einen riesengroßen Bogen machen lässt. Umso größer die Freude dann, wenn man so einen Roman wie diesen lesen darf.

Ich komme nicht darum herum, weiterhin einige Zitate wiederzugeben, die ich bemerkenswert finde, so auf S. 133. Gunther, Xavers Freund, siehe Familienstammbaum, denkt beim Anblick einer Krähe über die Menschen nach: „Diejenigen, die sich für besser hielten, verjagten und vernichteten jene, die besser als sie waren.“

Oder Bruno – siehe ebenfalls Familienstammbaum – im Gespräch mit seinem Onkel, S. 557: „Was soll ich, glaubst du, werden, in einer Gesellschaft, die von Schurken und Betrügern gelenkt wird, in der die Verbrecher die Regeln bestimmen.“ Dazu passt, was Barko dachte: „Denn überall in dem Staat, in den Gerichtssälen und Ämtern herrschte das Unrecht.“ (S. 584) Oder die unbezähmbare Wut von Raiko: „Wut gegenüber dem Volk und sich selbst, Wut gegenüber dem Volk, weil es so krankhaft ängstlich war, dass es die eigenen Henker wählte, Wut gegenüber sich selbst, solch einem Volk zu entstammen.“ (S. 1016)

Die Menschen von heute, in dieser krisengeschüttelten Welt sollten diesen Roman lesen, ist vielleicht die „Zeit der Mutigen“ gekommen, um die Welt aus diesem Dilemma zu reißen?

Fazit: Lasst euch von der Seitenfülle des Romans nicht abschrecken, denn selten ist so viel Weisheit gebündelt verpackt worden. Und: Der Weltenerzähler schafft es problemlos seine Leser bei Laune zu halten. Ausgezeichnet, beeindruckend, meinen höchsten Respekt, also unbedingt empfehlenswert. *****

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Veröffentlicht am 22.12.2025

Ein Buch wie ein deftiger Eintopf

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Der in Bulgarien geborene Österreicher Dimitre Dinev hat mit seinem Roman Zeit der Mutigen den Österreichischen Buchpreis gewonnen.
Eine überbordende Freude an Sprache und Erzählen kennzeichnet diesen ...

Der in Bulgarien geborene Österreicher Dimitre Dinev hat mit seinem Roman Zeit der Mutigen den Österreichischen Buchpreis gewonnen.
Eine überbordende Freude an Sprache und Erzählen kennzeichnet diesen Roman.
Es ist ein groß angelegter Roman mit Figuren, die Stärke und Haltung in schwierigen Zeiten zeigen. Dabei bleiben sie alle irgendwie eigenwillige Sonderlinge und Außenseiter.
Das Buch zeigt das zwanzigste Jahrhundert in Deutschland, Österreich und Bulgarien. Mit zunehmender Dauer kommen Figuren hinzu, aber es gibt immer Bindeglieder und so bleibt der Text im Fluss.
Meine Sternewertung: 4,5