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Veröffentlicht am 27.10.2025

Brüder unter Waffen und eine Schwester, die heilt

Der brennende Garten
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Im brennenden Garten wird man von Zeile zu Zeile mehr gefangen. Die Geschichte saugt einen ein und es wird immer bedrohlicher. Die Jugendzeit der Protagonisten vergeht so schnell und ehe sie es sich versehen, ...

Im brennenden Garten wird man von Zeile zu Zeile mehr gefangen. Die Geschichte saugt einen ein und es wird immer bedrohlicher. Die Jugendzeit der Protagonisten vergeht so schnell und ehe sie es sich versehen, befinden sie sich in einem Wirbelsturm namens Bürgerkrieg.

Tamilen, wie sie selbst, gegen Singhalesen. Sashi, die junge Tamilin, ihre vier Brüder und die Eltern werden gespalten von den Umständen. Zwei der Brüder gehen zu den Tamil Tigers, ebenso wie Sashis Freund aus der Nachbarschaft: „K“.

Unaufhaltsam wirbelt der Bürgerkrieg alles durcheinander. Morde, selbst unter Nachbarn, werden begangen. Grenzen werden ständig überschritten. Am Ende muss die Familie ihr eigenes Haus verlassen, um Platz zu machen für die Tigers. Sie haben absolut keine Wahl. Es wird ihnen zwar ein anderes Haus zur Verfügung gestellt, aber da sind sie nicht verwurzelt.

Das schöne Eigenheim der Oma in Colombo wird angezündet, brennt später samt Inhalt – u. a. mit einer wunderschönen Bibliothek – vollständig ab und Sashi und die Großmutter können in letzter Minute fliehen. „Ihre schreckliche, unübersetzbare Angst. Du redest dir ein, du wärst vorbereitet, aber dann steigt das Grauen in dir auf. Du weißt nie, wozu du fähig bist, bis du es tun musst.“ (S. 89)

Man weiß nicht mehr, wem man noch trauen kann. Selbst in „No-Fire-Zonen“ ist keine Sicherheit garantiert. „Wir waren nahtlos dazu übergegangen, uns selbst vor denen, die wir liebten, zu zensieren.“ (S. 173) – „Erst im Rückblick sehe ich es klar: Wir begannen mit der Selbstzensur, als die Tigers Sir ermordeten.“ (S. 203) Sir war Rajan Master, sehr verehrter Lehrer und Schulleiter.

Und es passiert das, was in Kriegen immer passiert: Frauen werden geschlagen, vergewaltigt, teilweise getötet. Gründe finden sich immer.

Doch als das grausamste und schlimmste Kapitel kam, blieb mir förmlich die Luft weg. Etwas so Erschütterndes und Herzzerreißendes habe ich kaum jemals gelesen. Und die Protagonistin und angehende Medizinerin Sashi ist gefordert, wie nie in ihrem Leben. Und der Leser leidet mit.

Und immer, wenn man denkt, endlich kehrt Ruhe ein und die Lage entspannt sich, ist es nicht so. Es wird nie wieder so, wie es war.

Aran, der jüngste der vier Brüder, ging nicht zu den Tigers und spricht nun zu einem der beiden älteren Brüder, der zu den Tigers gegangen ist: „Eure Bewegung hat einen Freund von mir ermordet. Sollen wir rausfinden“, und jetzt lächelte er wieder dieses verächtliche Lächeln, das mir mit seiner irrationalen Furchtlosigkeit Angst machte, „ob ihr die Art von Brüdern seid, die dazu bereit sind?“ (S. 247)

Der älteste der Brüder, Niranjan, wurde schon vorher ermordet, gemeinsam mit zwei Fluchthelfern. Er hatte seiner kleinen Schwester stets eingeschärft, das Denken nicht anderen zu überlassen. (S. 146) Deshalb schreibt Sashi alles auf, was ebenfalls lebensgefährlich ist und geahndet wird. Das verhilft ihr zur Klarheit der Gedanken. „Hast du je versucht, laufende geschichtliche Ereignisse festzuhalten? Kaum hatten wir etwas aufgeschrieben, waren die Tigers, die Inder oder die sri-lankische Armee schon dabei, die Geschichte wieder umzuschreiben. Ich hatte A und V gebeten, mir beizubringen, wie man die Wahrheit dokumentiert.“ (S. 349)

Etwas hat mich bewogen, das Buch lesen zu wollen, auch weil mich Sri Lanka seit den „sieben Monden des Almeida“ interessiert. Mit einem solchen Sog hätte ich aber nicht gerechnet und auch nicht mit so einer Steigerung von Seite zu Seite, von Kapitel zu Kapitel. Wie leicht kann doch die Welt aus den Fugen geraten. Und wir sind hier mittendrin. Und wir kommen nicht zur Ruhe.

Fazit: Ich habe am Anfang zunächst nicht erkannt, welch ein kostbares Juwel hier vor mir lag. Eindrucksvoll und mit Sicherzeit zeitaufwändig recherchiert. Auf jeden Fall eines meiner Highlights des Jahres 2025, wo ich – doch zum Glück – den richtigen Riecher hatte. 5 hoch verdiente Sterne!

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Veröffentlicht am 24.09.2025

Mama, warum leben wir in Deutschland?

Aylas Lachen
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Eine Art von Roadmovie in der Literatur hatte ich mir vorgestellt, das traf es nicht ganz. Trotz anderer Erwartungen fand ich diesen Roman nicht schlecht, denn er war so schön gegen den Strich gebürstet. ...

Eine Art von Roadmovie in der Literatur hatte ich mir vorgestellt, das traf es nicht ganz. Trotz anderer Erwartungen fand ich diesen Roman nicht schlecht, denn er war so schön gegen den Strich gebürstet. Was mir sehr gut gefiel und überhaupt generell gefällt.

Ayla, die Heldin des Romans, lebt mit ihrer Mutter Hava und ihrem Bruder Yasin in einer erzwungenen Familienzusammenstellung in Deutschland. Hava durfte ihre Jugendliebe in der türkischen Heimat nicht heiraten, das hat ihr Vater Mesut energisch verhindert. Stattdessen bekam sie, die Entehrte, einen todtraurigen Mann, der seine Familie durch ein Unglück verloren hatte und dem im Prinzip alles egal war. Er hätte jede Frau genommen, die ihm angetragen worden wäre. Und Hava wollte ihn auch nicht, aber ihr blieb nichts anderes übrig. So träumte sie ihr ganzes Leben in Deutschland lang von ihrer türkischen Jugendliebe: Alp. Trotzdem entsprangen der unglücklichen Verbindung diese zwei Kinder: Ayla und der jüngere Yasin.

Hava träumte einst vom vollkommenen Glück, von Freiheit, ohne Schatten, wie man es sich nur als junge Frau vorstellen kann. „Weil man das Dunkel noch nicht sah, das schon bereitstand.“ (Seite 73)

Viel wird von Mesut erzählt, dem Vater und Großvater, der früh seine Ehefrau verloren hat. Mesut der Geschichtenerzähler, der Teestubenbesucher, der Müllturmbauer, der Raki-Trinker. Er versuchte, seinen persönlichen Traum zu leben, was er einer seiner Töchter nicht zugesteht.

Eines Tages, da ist die Ehe von Hava und Ertan in Deutschland schon lange am Ende, da wird vom Ersparten ein Führerschein gemacht, ein Mercedes gekauft und nach Anatolien gefahren und ENDLICH die Jugendliebe gesucht. Aber es gibt im Vorfeld nur spärliche Informationen. Leicht wird es also nicht. Da ist Ertan, der stets traurige Vater, schon lange woanders und Ayla wird ihn nie wiedersehen.

Früher fuhr die unglückliche Familie gemeinsam in den Sommerferien in die Türkei: Hava und die Kinder zum Vater / Großvater Mesut und Ertan in sein Gebirgsdorf, allein, zum Trauern.

Das Ende hat mir überaus gut gefallen, was hier aber nicht verraten werden soll. Hier dreht Lenz Koppelstätter nochmal so richtig auf und zeigt, was er kann. Da hat er sich für meinen Geschmack noch einen ganzen Stern dazu verdient.

Fazit: Für Leser, die sich für fremde Kulturen interessieren, eine gute Wahl, die erfreulich aus dem „Einheitsbrei“ herausragt. Und der Autor kennt, wovon er schreibt.

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Veröffentlicht am 13.06.2025

Die entscheidenden Momente der Unachtsamkeit …

Die Schule der Nacht
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… wie sie ein ganzes Leben verändern können. Ich glaube, ich habe noch nie in einem anderen Roman gelesen, wie ein Protagonist so bestraft wurde für Momente der Unachtsamkeit. Zwei Momente – in diesem ...

… wie sie ein ganzes Leben verändern können. Ich glaube, ich habe noch nie in einem anderen Roman gelesen, wie ein Protagonist so bestraft wurde für Momente der Unachtsamkeit. Zwei Momente – in diesem Fall. Einmal ist Kristian Hadeland, bzw. Pedersen, wie er sich als Künstler nennt, unachtsam bei einem Fernsehinterview und erzählt etwas, was ihm danach zum Verhängnis wird. Und beim zweiten Mal wird seine Unachtsamkeit noch viel mehr bestraft, etwa die schlimmste Strafe, die ein Mensch bekommen kann. Und das alles, weil er sein Fremdgehen vor seiner Frau vertuschen will.

In einem anderen Zusammenhang las ich, wenn der Leser tief betroffen zurückbleibt, weil dem Protagonisten in einem Roman etwas zustößt, dann sei das richtig gute Literatur. Und das ist hier zweifellos der Fall.

Auch, wenn vom Morgenstern nichts zu bemerken ist. Und dies hier ist immerhin Morgenstern 4, laut Klappentext. Und auch, wenn ich die Stelle nicht gefunden habe, an dem Kristian einen faustischen Bund eingegangen sein soll, siehe ebenfalls Klappentext.
Der Protagonist ist ein Egomane, das ist sicher. Ob er auch ein Narzisst ist, mag ich nicht zu beurteilen, wenn ihm auch eine gehörige Portion Einfühlungsvermögen in seine Mitmenschen fehlt. Aber möglicherweise ist seine Frau Jelena noch schlimmer als er, sie tätigt gegen Ende eine Aussage, die ich ungeheuerlich finde.

Was ich in diesem „Morgenstern-Roman“ vermisst habe, sind andere Protagonisten, bzw. andere Geschichten, die dann ineinandergreifen – oder auch nicht. Das schadet dem Lesefluss aber keineswegs. Die nebensächlichsten Verrichtungen sind derart interessant beschrieben. In einem Kanon las ich, über Knausgård: „Die Magie der Bücher besteht allerdings darin, dass einen irgendwann sogar interessiert, was mit seinem kaputten Toaster ist.“ (Zitat Spiegel 13/2025)

Knausgård hat sich extrem mit Fotografie beschäftigt, das ist in fast jeder Zeile zu merken: „Aber ich sehe nichts davon in deinen Bildern. Sie sind nicht aus einem Guss. Alles ist aufgeteilt. Das Foto für sich, das Motiv für sich, die Idee für sich. Es ist schon in Ordnung, dass sie nichts ins Wanken bringen, du stehst ja noch ganz am Anfang, aber dass es da keinen Willen gibt, etwas ins Wanken zu bringen, das sollte dir zu denken geben. Wenn nicht, kannst du genauso gut anfangen, Fotos für einen Immobilienmakler zu machen.“ (Zitat Hans zu Kristian, S. 27,28) Für mich einer der Schlüsselsätze des Romans und Kristian nimmt sich das sehr zu Herzen und ab da bringen seine Bilder sehr wohl etwas ins Wanken – und zwar ganz gewaltig.

Kristian bricht rigoros mit seiner Familie und sogar auch mit seinen Geschwistern. Es gibt einen Grund, denn sein Vater sagte: „Ich könnte jetzt gut ohne Kristian auskommen. Er ist wie ein schwarzes Loch. Saugt sämtliche Energie auf. Gibt nichts. Selbst jetzt, wo Liv in Not ist. Besonders jetzt.“ (S. 106) Dass es dem Lauscher innerlich eiskalt wurde, kann der Leser verstehen, zumal die Mutter, ansonsten eine Archivarin der Sentimentalität, ihn nicht sonderlich verteidigt. Er geht nach London, hinterlässt keine Nachricht, schleicht sich nachts heimlich aus dem Elternhaus und kehrt niemals dorthin zurück. Auch nicht zur Beerdigung seiner Schwester Liv. Ruft die Mutter später an, legt er einfach auf. „Ich hatte mit ihnen nichts gemeinsam. Es war nur eine Qual. Aber für sie waren die Konventionen an sich schon ein Band. Es spielte keine Rolle, ob unsere Begegnungen nett waren oder nicht, interessant oder uninteressant, unterhaltsam oder langweilig, für sie zählte allein, dass sie regelmäßig stattfanden.“ (S. 245)

Kristian lebt in einem einfachen Zimmer in einem billigen Viertel, Dusche im Keller.

Es gibt einen merkwürdigen Freund in London, Hans, eine Kneipenbekanntschaft. Es zieht Kristian zu ihm hin, manchmal weiß er selbst nicht warum. Durch Hans lernt er auch dessen Freunde kennen, u. a. Vivian, die Regisseurin. Obwohl sie nicht die Schönste ist in Hansens Universum, dient Kristian sich ihr an. Hier kommen auch die faustischen Elemente ins Spiel, auch wenn ich keinen Bund erkennen konnte, den Kristian hier mit dem Teufel eingeht. Hans verschwindet urplötzlich und spurlos, taucht aber später im Buch noch unheilvoll wieder auf.

Der Begriff „magischer Realismus“ ist ja bereits vergeben für lateinamerikanische Literatur. Aber für Knausgårds Romane sollte er noch einmal neu vergeben werden. Denn sie strahlen eine Magie aus, die den Leser wie soghaft hineinzieht ins Geschehen, so dass er nie genug bekommt. Zum Glück gibt es ja noch das autobiographische Projekt in sechs Bänden, falls der Leser das noch vor sich hat. „Sterben“ aus dem Spiegel-Kanon, s. o., liegt schon bei mir auf dem SuB.

Fazit: Ein wunderbarer Roman, aber mit „schweren“ Inhalten, der sich sehr flüssig liest und eine große Betroffenheit hinterlässt. Karl Ove Knausgård ist ein Zauberer und einer der ganz wenigen Schriftsteller, von denen ich wirklich JEDES Buch lesen möchte. Von mir fünf hochverdiente Sterne.

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Veröffentlicht am 02.06.2025

Du Böse

Am Meer ist es schön
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Hier hat Barbara Leciejewski einen interessanten Roman abgeliefert, den ich unbedingt lesen wollte, da ich früher leider ähnliche Erfahrungen machen musste, wie die jungen Protagonisten Susi, Matti und ...

Hier hat Barbara Leciejewski einen interessanten Roman abgeliefert, den ich unbedingt lesen wollte, da ich früher leider ähnliche Erfahrungen machen musste, wie die jungen Protagonisten Susi, Matti und ihre zahlreichen Leidensgenossen.

Ich war als ganz junges Mädchen etwa acht Wochen in Bad Rothenfelde in einem Ferien-Kinderheim, wo ebenso der ganze grausame Sadismus stattfand, wie hier beschrieben: Zensierte Post nach Hause, Überreglementierung mit harten Strafen bei Ungehorsam, Abgabe der Kuscheltiere und der persönlichen Sachen, schlechtes Essen und dann noch der Zwang erbrochenes Essen aufzuessen, genau wie hier im Roman. Ich erinnere mich noch sehr gut an das, was mir am Unangenehmsten war: Entwürdigendes Schlangestehen nur in Unterhose im Treppenhaus beim Warten auf den Arzt.

Der eigentlich banale Titel: „Am Meer ist es schön“ bekommt eine ganz andere Bedeutung, wenn die Kinder Briefe oder Ansichtskarten nach Hause schreiben sollen, die so lange „nachgebessert“ werden, bis den „Tanten“ der Inhalt passt und so nichts Negatives auf sie zurückfällt. Einzig Matti hat mit seiner Mutter vorher eine Art von Geheimcode abgesprochen, damit sie wirklich erfährt, was los ist im Kinderheim.

Das Geschehen spielt auf zwei Zeitebenen, einmal im Kinderheim am Meer 1969 und noch im Seniorenheim 2018, wo Susis Mutter Luise im Sterben liegt und Susis ganze Familie zusammenkommt. Auch ihre Tochter Julia. Die Zeitebenen von Heim zu Heim – von Morgentau zu Abendrot sozusagen – das war eine sehr gute Idee.

Susannes Eltern haben ihr damals nicht geglaubt, als die schreckliche Zeit im Haus Morgentau endlich vorbei war, nach etlichen Verlängerungen, die die Tanten samt Heimleitung einfach so beschlossen hatten. (Meine Eltern haben mir übrigens damals auch nicht geglaubt.) Nun im Jetzt wird es Zeit, dass Susannes Mutter Luise sich der Wahrheit stellt, ebenso wie Susannes Geschwister, ihr Schwager und ihre Tochter.

Trotz eines schlimmen Vorfalls, damals im Haus Morgentau, der Susanne zeitlebens belastet hat, findet sich hier ein versöhnliches, durchaus starkes Ende.

Fazit: Hier passt jedes Wort, jedes Bild. Die Protagonisten sind lebensnah und überaus glaubwürdig und die Autorin hat alles sehr gut getroffen. Für den Unsinn aber mit der Mondlandung und dem albernen Gruß der Seniorin im Heim ziehe ich einen Stern ab. Da wäre weniger mehr gewesen. Ansonsten topp.

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Veröffentlicht am 12.05.2025

Dream Count – die zentrale Frage …

Dream Count
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… die die Protagonistin Kadiatou hätte beschäftigen sollen war wohl: Zeigt man einen sexuellen Übergriff an oder lässt frau das lieber bleiben? Da Opfer meist im Anschluss geschmäht werden und nicht – ...

… die die Protagonistin Kadiatou hätte beschäftigen sollen war wohl: Zeigt man einen sexuellen Übergriff an oder lässt frau das lieber bleiben? Da Opfer meist im Anschluss geschmäht werden und nicht – wie es sein sollte – Gerechtigkeit erfahren. Schwierig auch, wenn außer den zwei beteiligten Personen keine Zeugen vorhanden sind. Und der Täter gesellschaftlich hoch angesehen ist, die misshandelte Frau dagegen eher zur sogenannten „Unterschicht“ gehört.

Da nur fünf Prozent der Täter bestraft werden, mag sich das Unterfangen der Anzeige samt übler Folgen nicht lohnen. Oder ist das gerade die Absicht? Denn wir leben immer noch in einer „Männerwelt“ und zudem in einer „Reichenwelt“ (Welt der Reichen), in der die Reichen das Sagen haben, was sich in der Justiz widerspiegelt. Und das seit Jahren.

Die drei anderen begüterten schwarzen Frauen im Roman spielen eher weniger dramatische Rollen. Auch wenn sie alle irgendwie Pech mit Männern haben oder nur mit ihnen spielen, wie Omelogor. Ihre Aunty Jane unterstellt ihr: „Tu nicht so, als wärst du zufrieden mit deinem Leben. [Omelogors Gedanken dazu] Wem würde das denn überhaupt nutzen? Macht man sich das selbst vor oder der Welt, und wenn man es sich selbst vormacht, wird es dadurch dann real? Meinungen von Menschen, die mir nicht viel bedeuten, haben in meinem Kopf noch nie Halt gefunden – warum verstricke ich mich jetzt also in den Worten einer schrulligen Tante?“ (S. 350/351)

„Wie sollen wir andere je richtig kennen, wenn wir uns manchmal sogar selbst fremd sind?“ (S. 433)

Warum der Roman Traumzähler heißt, hat sich mir nicht erschlossen. Oder sind damit Chiamakas Träume gemeint, die aber keineswegs in paradiesische Zustände münden. Denn der eine Mann, den sie wirklich will, der spielt nur mit ihr. Erfüllung ist so nicht zu finden. „Wie seltsam, dass wir beim Waten durch die Sümpfe des Lebens davon ausgehen, dass nur wir selbst mit Unsicherheiten zu kämpfen haben.“ (S. 474)

Bleibt noch, Zikora zu erwähnen, die Vierte im Bunde. Der die Zeit davon läuft, denn ihre biologische Uhr tickt und Ehe- und Kinderwunsch scheinen bislang unerfüllbar.
Der dicke Roman mit über fünfhundert Seiten liest sich sehr flüssig und ist recht unterhaltsam. Und ich wollte so gern mal aus anderen Ländern lesen, als immer nur aus Amerika. Da die nigerianischen Damen sich aber doch meist in USA aufhielten, habe ich leider weniger als erwartet aus Afrika erfahren.

Fazit: Ich habe mich bestens unterhalten gefühlt und diesen Roman gern gelesen, aber viel mitnehmen konnte ich daraus leider nicht. Dennoch beschäftigt mich die eingangs erwähnte zentrale Frage nach wie vor. 3 Sterne.

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