Diesen Mut hätten nicht viele – eine beeindruckende Frau
Eine Hymne an das LebenAls ich zum ersten Mal von diesem Prozess in Frankreich erfuhr, kam dieser Roman gleich auf meine Wunschliste. Denn von solchen Vorfällen in so einer Dimension hatte ich noch nie gehört. Natürlich gibt ...
Als ich zum ersten Mal von diesem Prozess in Frankreich erfuhr, kam dieser Roman gleich auf meine Wunschliste. Denn von solchen Vorfällen in so einer Dimension hatte ich noch nie gehört. Natürlich gibt es jenseits des Atlantiks die Epstein-Files mit vielen Tätern und vielen Opfern auf Millionen von Dokumenten, aber das ist trotzdem noch etwas anderes. Und gefühlt erstmal weit weg – auch wenn dies nur eine Illusion ist.
Hier geht es um die Erlebnisse einer einzelnen, erwachsenen Französin. In Europa, also quasi in unserer Nachbarschaft. Wie ist so etwas möglich?
Gisèle Pelicot hat ihre Biographie nicht allein geschrieben, sie hatte eine Co-Autorin, die Journalistin Judith Perrignon, auch wenn diese nicht weiter erwähnt wird. Schade, darüber hätte ich gern mehr erfahren.
GP war fünfzig Jahre verheiratet, mit dem (späteren) Täter. Davon etwa vierzig Jahre ohne bemerkte (oder weiter beachtete) Zwischenfälle und in den letzten zehn Jahren passierten dann diese permanenten Eigen- und Fremdvergewaltigungen unter der Einwirkung von K.O.-Tropfen. Hier im Buch wird von chemischer Unterwerfung gesprochen. Hat der Ehemann – er wird seitdem von ihr nur noch Dominique genannt – sich während der Ehe in ein Monster verwandelt? Oder spielte sein gewalttätiger Vater eine Rolle? Wie kann ein einerseits liebender Vater und Ehemann plötzlich so gewalttätig werden?
Das Ehepaar hat drei Kinder: David, Caroline & Florian. Es gibt auch Schwiegertöchter und zahlreiche Enkelkinder – eine schöne große Familie, fast wie aus dem Bilderbuch. Und dann?
Der Psychiater Dr. Paul Bensussan charakterisierte Dominique als einen Mann „ohne jegliche Empathie, einen perversen Narzissten, bei dem etliche Formen von Paraphilie ausgeprägt waren, Voyeurismus, sexueller Sadismus, ein Hang zu dominant-devoten Beziehungen, Nekrophilie, Fetischismus und auch Candaulismus, da es ihn erregte, seine Partnerin beim Sex mit anderen zu beobachten.“ (Seite 227) – Eine gespaltene Persönlichkeit. Wäre er früher schon so gewesen, bzw. wäre das aufgefallen, hätte sie ihn bestimmt nicht geheiratet. Denn beide waren noch sehr jung – damals.
GP berichtet sehr offen über ihr Leben, ihre Kindheit, ihre Freunde und Familie und über ihren Ehemann. Sie macht eine erstaunliche Entwicklung durch und am Ende entscheidet sie sich für Öffentlichkeit und hat das nie bereut. Der Applaus vieler, vieler Frauen macht sie stark und nicht nur deshalb steht sie die Gerichtsverhandlungen samt unzähliger verstörender Videos durch. Mit diesen Menschenmassen im Saal, den fünfzig weiteren Angeklagten und ihrer ganzen Verteidigermeute.
„Jeden Tag erhalte ich Dank für meinen Mut, und dem möchte ich entgegnen, das ist kein Mut, sondern Entschlossenheit und der Wille, diese patriarchale, machistische Gesellschaft zum Besseren zu verändern.“ (Seite 223)
Mein Fazit: Der Roman liest sich sehr flüssig und sogar leicht, trotz des grausamen Themas, und er ist extrem gut aufgebaut. Ich habe für die Lektüre nur eine Woche gebraucht. Einen Stern ziehe ich ab, weil ich wirklich gern mehr über die Co-Autorin Judith Perrignon erfahren hätte.