Das komplexe Verhältnis zwischen Mutter und Tochter
Eine Tochter erzählt die Lebensgeschichte ihrer Mutter und vom beschwerlichen und berührenden Weg ans Ende ihres Lebens.
Dieses Buch handelt von Ann und ihrer Tochter Julia. In wechselnden Kapiteln ...
Eine Tochter erzählt die Lebensgeschichte ihrer Mutter und vom beschwerlichen und berührenden Weg ans Ende ihres Lebens.
Dieses Buch handelt von Ann und ihrer Tochter Julia. In wechselnden Kapiteln wird sowohl in der Gegenwart als auch aus der Vergangenheit erzählt. Anns Kindheit beginnt in England. Als sie ihre Tochter Julia zur Welt bringt, lebt sie schon lange in Frankreich. Die Rückblicke in Anns Vergangenheit werden vom Zeitgeschehen begleitet. Die Autorin baut immer wieder politische wie wirtschaftliche Entwicklungen zu den jeweiligen Zeitpunkten mit in die Geschichte ein. Das Hauptaugenmerk bezieht sich aber auf das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter.
In der Gegenwart erzählt Julia selbst, wie sie sich um ihre Mutter kümmert, die gerade einen Schlaganfall erlitten hat. Sie kämpft im Krankenhaus für eine angemessene Behandlung und versucht mit enormem Aufwand, einen Platz im Pflegeheim zu bekommen. Wie schwer es der Angehörigen in dieser Situation gemacht wird, spürt nicht nur Julia, sondern auch ich als Leser.
Ich habe mich für dieses Buch entschieden, weil mich die Beziehung zwischen Julia zu ihrer Mutter interessierte und weil ich unbedingt Julias langen Weg durch das Labyrinth der Pflegeeinrichtungen begleiten wollte, der mich stark an selbst erlebtes erinnerte. Ich war überrascht, wie sehr Julias Empfindungen während des Krankheitsverlaufs ihrer Mutter den meinen glichen. Ich ziehe meinen Hut vor Julias Durchhaltevermögen, die wirklich alles getan hat, um ihre Mutter bestmöglich versorgt zu sehen. Auf der anderen Seite stimmt es mich traurig, dass die Zustände im Gesundheitssystem überall ähnlich trostlos erscheinen, die Angehörigen machtlos sind und dass diesbezüglich überhaupt keine Besserung in Sicht ist. Vielmehr steuern wir noch schlechteren Umständen entgegen, die einem Angst machen, alt zu werden.
Die Autorin schreibt autofiktional vom Leben ihrer Mutter und ihrem eigenen. In der Ich-Perspektive beschreibt sie offen ihre Gefühle, während sie versucht mit der Krankheit der Mutter klarzukommen. Besonders berührt haben mich die Szenen, in denen ihre sonst so starke und beherrschte Mutter ihrer Hilflosigkeit völlig ausgeliefert war und wie sehr Julia selbst von diesem Anblick betroffen war. Die Autorin macht deutlich, wie schwer es ist mitanzusehen, wenn die sonst so starken Eltern plötzlich hilflos werden.
Spannend fand ich auch das gemischte Verhältnis von Julia zu ihrer Mutter. Um dieses zu verstehen, war es wichtig in die Vergangenheit abzutauchen. Während ich Ann beim Erwachsenwerden begleiten konnte, rückte Julia einer Vermutung immer näher. Sollte sie im Verlauf des Buches tatsächlich ein Familiengeheimnis aufdecken?
Julia fühlte sich nie genug geliebt von ihrer Mutter. Das Verhältnis zwischen den Beiden war nicht immer einfach. Als Außenstehende habe ich es vermutlich inniger empfunden als die Autorin selbst. Hier darf sich jeder selbst ein Urteil bilden. Eine Gemeinsamkeit jedoch hat Mutter und Tochter das Leben lang begleitet, die Liebe zur Literatur.
Interessant fand ich auch, wie deutlich die Entscheidungen der Eltern stets das zukünftige Verhalten der Kinder prägen.
Mit Sicherheit ein Roman, der Mütter und Töchter gleichermaßen berühren kann. Mir hat er, trotz der Schwere die mitschwingt, gut gefallen.