Starke Frauen gab es schon vor hundert Jahren
Das Tränenhaus. RomanWas es vor hundert Jahren bedeutete, unverheiratet und schwanger zu sein. Ein spannender Kontrast zu unserer heutigen Zeit.
Mit diesem Roman halten wir ein Werk in den Händen, welches bereits vor über ...
Was es vor hundert Jahren bedeutete, unverheiratet und schwanger zu sein. Ein spannender Kontrast zu unserer heutigen Zeit.
Mit diesem Roman halten wir ein Werk in den Händen, welches bereits vor über hundert Jahren erschienen ist und damals zum Skandal führte. Die Autorin schreibt über eine ledige schwangere Frau, die die ungerechte Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen bemerkt und ihren eigenen Weg durchsetzt. Indirekt schreibt die Autorin damit auch über sich, da sie kurze Zeit zuvor ebenfalls ledig ein Kind zur Welt brachte und es allein aufzog. Ihre Offenheit im Roman gab besonders bei der männlichen Gesellschaft Anstoß, weil diese dabei nicht gerade gut wegkamen und es natürlich nicht gutheißen konnten, wenn Frauen das Wort erhoben. Ich war sehr neugierig auf das Buch und die Unterschiede zu unserer heutigen Zeit.
Bevor ich genauer auf den Inhalt eingehe, möchte ich die Aufmachung des Buches loben. Zum einen gefällt mir die Covergestaltung im Stil eines Ölgemäldes viel besser als ein schlichtes, einheitliches Design, wie man es sonst oft bei Klassikern vorfindet. Dieses Cover hat Charakter, was ich sehr mag. Zum anderen gefällt mir die Qualität des Hartcover-Buchs sehr, denn sie fühlt sich hochwertig und einfach gut in der Hand an. Da bekommt man Lust, sich gleich eine ganze Reihe dieser Klassiker zuzulegen.
Ich habe seit Ewigkeiten keinen Klassiker mehr gelesen und fand es deshalb sehr amüsant in die Redensart der alten Zeit abzuschweifen. Besonders amüsant waren die Dialoge unter den Frauen. Denn die Damen im Tränenhaus stammten aus verschiedenen Regionen Süddeutschlands und besonders der schwäbische Dialekt kam hier wunderbar zur Geltung.
Das Frauenhaus galt als Rückzugsort oder Fluchtmöglichkeit für ledige Frauen in „anderen Umständen“. Ein idealer Ort, um ein „Missgeschick“ zu vertuschen. Absolutes Schweigen über den Zustand der Frauen, oder den Vorfall, der sie in diese Situation brachte, war oberste Priorität. Es gab unterschiedliche Gründe, warum diese Frauen keinen Mann hatten, der zu ihnen oder zu seiner Tat stand. Jede dieser Frauen hatte ihre eigene Geschichte, die ich neugierig aufgesogen habe. Der Zustand, in dem sich die Frauen befanden, war zur damaligen Zeit eine große Schande. Nicht nur für die schwangere Frau, sondern ebenso für ihr gesamtes Elternhaus. Waren die Kinder erst einmal auf der Welt, wurden sie kurz nach der Geburt zur Ziehmutter oder in andere Familien weitergegeben. Die leibliche Mutter nahm ihr altes Leben wieder auf. Was heute kaum noch vorstellbar ist, war damals üblich. In diesem Buch wird deutlich, wie sehr sich die Rolle der Frau, der Mutter und die der Kinder in den letzten hundert Jahren verändert hat. Zwischen der Ehe, dem Verhalten während der Schwangerschaft, der Geburt oder der Art der Kindererziehung, stecken Welten.
Die Hebamme, die dieses Frauenhaus führte, war ein herrisches Weib und nutzte die gewinnbringende Einnahmequelle und die Verzweiflung der jungen Frauen zu ihren Gunsten aus. Der Aufenthalt der Frauen wurde gut entlohnt, damit alles unter Verschluss blieb und nichts an die Öffentlichkeit geriet.
Die Schriftstellerin Caroline Reimann zieht sich ebenfalls in dieses Haus zurück. Sie ist eine selbstbewusste Frau aus gutem Haus und weiß sich gegenüber der Hebamme zu behaupten. Wer genau der Vater ihres Kindes ist, erfährt man lange nicht, dennoch plant sie, das Kind, welches sie erwartet, nicht wie üblich abzugeben, sondern selbst großzuziehen. Sie setzt ihre Prioritäten durch und stellt sich gegen die Richtlinien. Da sie mit ihren Büchern ihr eigenes Geld verdient und bisher nicht auf den Unterhalt eines Mannes angewiesen war, fällt es ihr leicht, eigene Entscheidungen durchzusetzen. Das Frauenhaus, in dem sie die Mädchen unter sich hautnah erlebt, öffnet ihr die Augen für die unglückliche Situation der jungen Frauen. Welchen Preis sie zahlen müssen für diese eine Leichtsinnigkeit und wie ungeschoren doch all die Männer davonkommen.
Für mich ein spannendes, zum Teil sehr amüsantes und aufschlussreiches Werk, welches ich gern empfehle.