Wer und was definiert, wer man ist?
Der serbisch-österreichische Autor Marko Dinic ist mit "Buch der Gesichter" auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet. Das macht neugierig auf dieses Buch. Ich lese es mit dem Hintergrund eines ...
Der serbisch-österreichische Autor Marko Dinic ist mit "Buch der Gesichter" auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet. Das macht neugierig auf dieses Buch. Ich lese es mit dem Hintergrund eines großen Interesses an Serbien, einem Land, das ich schon oft bereist habe und die Sprache dessen Bewohnerinnen und Bewohner ich gelernt habe.
Hier handelt es sich um ein sehr hartes Buch. Es werden ärgste Kriegsgräuel und Verbrechen an Menschen und Tieren zu verschiedenen Zeiten, ganz besonders in den beiden Weltkriegen, ausführlich geschildert. Die Schrecken der Kriege werden eindrücklich spürbar.
Ich verzichte hier auf das Zitieren einer der zahlreichen Stellen des Quälens oder Tötens von Menschen oder Tieren, aber zitiere eine andere Stelle zu diesem Thema, die mich berührt hat: "Jegliche Zukunft, ob als Wunsch geäußert oder als Schicksal hingenommen, versank im Schlamm dieser auf Tod und Stumpfsinn gebauten Gegenwart. Was anderes war der Krieg als ein Karren im Dreck, fragte sich Olga, während es einerlei geworden war, ob Herbst, Winter oder ein Jahr verstrichen. Denn 1917 zählte niemand die Toten mehr; im Osten, hieß es, bereiteten die Russen die Revolution vor." (S. 19)
Die Thematik der Grausamkeiten, die Menschen verüben können, macht es zu einem Buch, das man aushalten können muss und für das es die passende psychische Stabilität und Resilienz braucht. Kann man sich darauf einlassen, dann ist es ein tiefgründiges Buch, in dem man viel über die Geschichte Serbiens und die Auslöschung der Jüdinnen und Juden und ihrer Kultur auch dort erfährt. Das Buch lebt von verschiedenen Charakteren und Erzählperspektiven, im Zentrum steht aber Isak, ein Jude, der später als Ivan unter Verleugnung seiner jüdischen Identität und unter härtesten Bedingungen auch die NS-Zeit überlebt: "Dass die Deutschen ihn nicht erwischt hatten, war dem Zufall seines neuen, serbischeren Namens geschuldet, der seit vielen Jahren Ivan lautete. Oder aber das Leben besaß die Angewohnheit, ohne ihn stattzufinden. Das wiederum konnte nur bedeuten, dass er kein Jude war. Wäre er nämlich Jude, hieße er Isak, und hieße er Isak, säße er im Laderaum eines Lastwagens." (S. 84)
Das Buch ist in einzelne Episoden eingeteilt, die nicht unbedingt linear und chronologisch erzählt werden, das wird gleich am Anfang vorgestellt und begründet, und hat für mich den Lesefluss nicht gestört. In vielen kleinen Szenen erfährt man viel über das, was das Leben der Menschen in dieser Region ausmachte und zum Teil bis heute prägt, da geht es um Kollaboration genauso wie um Widerstand und immer wieder stark um das Kämpfen um die eigene Identität, die hebräische Sprache, die Liebe zu Büchern in einer Kultur, in der so einige das als unmännlich und unserbisch ansehen. Darum, wer wir sind, wie wir uns selbst definieren oder von anderen definiert werden und ob und wie es möglich ist, trotz aller Gefahren und trotz der Notwendigkeit des Sich-Versteckens an der eigenen Identität und den eigenen Wurzeln festzuhalten. Um jene, die den Mut haben, sich dem Widerstand gegen unterdrückerische Regime anzuschließen und jene, die an das Ideal einer neuen, kommunistischen Gesellschaft glaubten, mit der damals viele Hoffnungen und Träume verbunden waren. Aber auch um die kulturelle und religiöse Vielfalt am Balkan und alles, was damit zusammenhängt. Und um noch vieles mehr.
Wer sich auf dieses lange und tiefgründige Buch einlassen kann und will, die geschilderten Grausamkeiten aushalten kann und sich für die serbische Geschichte des letzten Jahrhunderts interessiert, kann in diesem Buch explizit und implizit sehr viel lernen. Sowohl in dem, was erzählt wird, als auch in der Art und Weise, wie es geschildert und sprachlich formuliert wird, kommt für mich sehr viel der Kultur und Geschichte dieser Region durch. Es ist kein sehr angenehmes oder Freude machendes Buch, auch keines, das sich schnell und leicht liest, aber doch eines, das tief nachhallen kann, das bildet und auf vielen Ebenen zum Nachdenken anregt. Empfehlung für jene, die dafür offen sind und sich die Zeit dafür nehmen können und wollen.