Kalter Wind, heiße Lektüre: Unterwegs mit Thumann
Kalter Wind im Gesicht, ein Rucksack voller Geschichten und dann dieses Buch in der Hand – so fühlt sich „Eisiges Schweigen flussabwärts“ an. Michael Thumann schreibt nicht einfach über Grenzen, er macht ...
Kalter Wind im Gesicht, ein Rucksack voller Geschichten und dann dieses Buch in der Hand – so fühlt sich „Eisiges Schweigen flussabwärts“ an. Michael Thumann schreibt nicht einfach über Grenzen, er macht sie spürbar. Man hört die Stiefel der Grenzer knirschen, spürt den Druck im Magen bei den endlosen Befragungen, und fragt sich nebenbei: Wie verdammt oft muss der Mann seinen Pass vorgezeigt haben?
Die Mischung aus Reportage, Memoir und politischem Seismograph ist genial. Thumann reist von Moskau bis Berlin – nicht als gemütlicher Tourist mit Latte Macchiato, sondern mitten durch Stacheldraht, Misstrauen und kalten Atemzügen der Geschichte. Dabei schafft er es, mir gleichzeitig die große Politik zu erklären und kleine, persönliche Begegnungen so lebendig zu erzählen, dass ich das Gefühl hatte, neben ihm im stickigen Abteil zu sitzen oder mit russischen Flüchtlingen Tee zu schlürfen.
Ganz ehrlich: selten so ein Buch gelesen, das den Nerv der Zeit so treffsicher trifft. Während hierzulande gern hitzig über Sicherheit, Krieg und Abschreckung diskutiert wird, nimmt Thumann einfach seinen Koffer, geht los und liefert Beobachtungen, die hängen bleiben wie Frost im Bart. Klar, das ist kein Wohlfühlbuch zum Wegträumen – aber es ist eine Reise, die einen wachrüttelt. Und gleichzeitig streut er persönliche Rückblicke ein: Mauerfall, Euphorie, Ernüchterung in der Putin-Ära. Plötzlich wird klar, wie nah uns das alles geht.
Ob nun Geschichtsfreak, Politiknerd oder einfach jemand, der wissen will, was in Osteuropa wirklich los ist – dieses Buch macht wach, weht einem eisigen, aber auch erfrischenden Wind um die Ohren und zeigt, dass Stillstand keine Option ist. Für mich: Pflichtlektüre, wenn man verstehen will, warum unser Kontinent wieder kälter geworden ist.