Profilbild von evaczyk

evaczyk

Lesejury Star
offline

evaczyk ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit evaczyk über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.05.2026

Abgründe der Macht

Die Stockholm-Protokolle
0

Investigativjournalistin Julia ist gleich doppelt gefrustet: Ihre Karriere stockt, seit sie ein wenig sehr aggressiv eine Pressesprecherin um Informationen anging. Und Ehemann Alfred, der ihr bisher mit ...

Investigativjournalistin Julia ist gleich doppelt gefrustet: Ihre Karriere stockt, seit sie ein wenig sehr aggressiv eine Pressesprecherin um Informationen anging. Und Ehemann Alfred, der ihr bisher mit Hausarbeit und Kindererziehung den Rücken freihielt, hat plötzlich selbst einen fordernden Job als Pressesprecher des Ministerpräsidenten. Schon vor Amtsantritt besteht er seine erste Feuerprobe. Julia ist zwar durchaus stolz auf ihn, aber dass sie sich plötzlich verstärkt um die Kinder kümmern und an Einkaufslisten denken muss - nein, das passt ihr gar nicht, auch wenn sie eigentlich ausgemacht haben, dass nach zehn Jahren Carework jetzt mal Alfred dran ist mit dem beruflichen Durchstarten.

Soviel zur Ausgangsposition von "Die Stockholm Protokolle" von Joakim Zander und Moa Berglöf, die als tatsächliche langjährige Redenschreiberin des schwedischen Ministerpräsidenten mit dem Einblick in Macht und Intrigen recht vertraut sein dürfte. Alfred dagegen, der als Außenseiter in die Regierungskanzlei kommt und keine langjährige Parteimitgliedschaft vorweisen kann, kommt bei aller beruflicher Expertise ein wenig unter die Räder angesichts der Powerspielchen im Regierungsstab. Erst klare Worte einer langjährigen Sekretärin machen ihm klar, dass Kompetenz alleine nicht ausreicht. Er muss die ungeschriebenen Spielregeln schnell lernen.

Ein Ehepaar mit solcher Jobverteilung könnte in jedem Fall Reibungsverluste spüren. Eine echte Belastungsprobe entsteht, als Julia Hinweise auf dunkle Flecken auf der vermeintlich weißen Weste von Alfreds Chef erhält. Die ehrgeizige Journalistin wittert Morgenluft für ihre angeknackste Karriere. Und da kennt sie gar nichts - auch nicht, wenn es darum geht, welche Auswirkungen ihre offensiven Recherchen für Alfred haben. Oder wie ehrlich sie mit Interviewpartnern umgeht.

"Die Stockholm Protokolle" überzeugen mich vor allem dort, wo es um den Politikbetrieb zwischen Stockholm und Brüssel geht, um Strategien und Taktiken. Da merkt man, dass das Autorenduo über eine Szene schreibt, in der sie sich gut auskennen. Kleiner Wermutstropfen ist Protagonistin Julia, die die meiste Zeit einfach unsympathisch und total ichfixiert rüberkommt. Ihr Ehrgeiz hat etwas verbissenes, die Kinder werden zwar durchaus geliebt, sind aber irgendwie lästig, wenn sie sich praktisch mit ihnen beschäftigen muss (wie unverschämt von der Kita, zu erwarten, dass die Mutter an einem Regentag für Wechselkleidung sorgt oder daran denkt, dass die Kinder nass werden könnten) und Alfred ist lieb und gut, wenn er ihr die Care-Arbeit abnimmt, aber plötzlich an eigene Erfolge im Berufsleben zu denken, ist unverschämt. Sprich, sie zeigt die klassischen Verhaltensweisen eines "alten weißen Mannes", der mich ebenso nerven würde. Da sie die eigentliche Protagonistin ist, war ich beim Lesen entsprechend oft genervt. An dem spannenden Plot ändert das nichts.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.05.2026

Wolliger Cozy mit neuen Abenteuern der Schafe von Glenkill

Garou
0

Es ist Jahre her, dass ich Leonie Swanns Schafskrimi "Glenkill" gelesen habe. Als ich sah, dass Miss Maple, Mopple the Whale mit dem guten Gedächtnis, Sir Richmond und die anderen Herdentiere im Mittelpunkt ...

Es ist Jahre her, dass ich Leonie Swanns Schafskrimi "Glenkill" gelesen habe. Als ich sah, dass Miss Maple, Mopple the Whale mit dem guten Gedächtnis, Sir Richmond und die anderen Herdentiere im Mittelpunkt des Folgebands "Garou" stehen, wollte ich natürlich wissen, welche Abenteuer die Schafe diesmal erleben. Klärten die Schafe einst den Mord an ihrem Hirten George auf, wollen sie nun dafür sorgen, dass ihrer neuen Hirtin Rebecca nichts passiert. Auch einen Ortswechsel gibt es, denn Rebecca ist mit der Herde von Irland nach Frankreich in die Nachbarschaft eines Schlosses gezogen. Dort sprechen die Leute nicht nur unverständliches Europäisch, in unmittelbarer Nachbarschaft der Schafsweide leben Ziegen - da sind sich die Schafe erst mal gar nicht sicher, ob der Umzug so eine gute Idee war.

Die vorwitzigen Ziegen sind es auch, die den Schafen vom Garou erzählen einem Menschen, in dem sich ein Wolf versteckt. Und der muss verdammt wild sein, wenn man den Zustand eines toten Rehs betrachtet, dass im Wald gefunden wurde. Doch wer ist der Garou? Kann er Rebecca und der Herde gefährlich werden? Ist den Bewohnern des Schlosses zu trauen, oder droht von ihnen Gefahr? Schwierige Fragen, und die Schafe sind gezwungen, buchstäblich ihre Komfortzone zu verlassen. Die Tiere, die sich eigentlich nur zusammen richtig wohl fühlen, müssen nicht nur individuelle Abenteuer bestehen, sie müssen auch die sichere Weide verlassen und im Wald auf Garou-Suche gehen, jenem unheimlichen Ort, wo die Bäume so dicht stehen und man den Himmel nicht sieht!

Rebecca wiederum ist abgelenkt von möglicherweise drohenden Gefahren, da ihre Mutter zu einem ausgedehnten Besuch im Schäferwagen aufgetaucht ist. Wenig Platz für zwei sehr unterschiedliche Frauen, vor allem, als Mama dann auch noch als Weissagerin mit Tarot-Karten den Schäferwagen zu ihrem Arbeitsplatz umwidmet. Nicht nur Rebecca, auch die Schafe finden das gar nicht gut.

Auch in "Garou" stellt Swann die Gedanken und die Gespräche der Schafe in den Mittelpunkt, wollige Gedankengänge, die manchmal etwas diffus sind und einer eigenen Logik folgen. Der Gegensatz im Verhalten von Schafen und Ziegen wird liebenswert und vor allem aus Schafsperspektive gezeigt, und nach anfänglichen Irritationen steht der friedlichen Koexistenz nichts mehr im Weg. Ein liebenswerter Cozy, allen Tierfreunden zu empfehlen, die weniger auf nervenzerfetzende Spannung stehen. langsam und gemächlich erzählt - ganz so, wie Schafe auf der Weide kauen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.05.2026

Reise durch ein verändertes Land

Der amerikanische Albtraum
0

Klaus Brinkbäumer hat lange als Korrespondent in den USA gelebt. Und er ist - das ist seinem Buch "Der amerikanische Albtraum" deutlich anzumerken - seit seinen Schüler- und Studententagen fasziniert ...

Klaus Brinkbäumer hat lange als Korrespondent in den USA gelebt. Und er ist - das ist seinem Buch "Der amerikanische Albtraum" deutlich anzumerken - seit seinen Schüler- und Studententagen fasziniert vom "Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Liebt es vielleicht ein bißchen zu unkritisch, denn vieles, was auch früher schon schwer mit dem (Selbst-)Bild des Landes, in dem jeder es schaffen kann, zu vereinen war, wird in seiner Sammlung von Essays und Gesprächen ausgeblendet.

Brinkbäumer geht auf Reise durch die USA, um zu sehen, wie sich das Land ein Jahr seit der zweiten Trump-Präsidentschaft verändert hat. Das Buch beruht auf einer Artikelreihe für die "Zeit". Der Autor spricht mit Wissenschaflern, Journalisten, Analysten, auch mit Vertretern der MAGA-Bewegung und zeigt ein verändertes Land. "Der amerikanische Alptraum" ist nicht das erste Buch, dass den Rechtsruck, die Anti-Migrationspolitik der Trump-Administration, den Einfluss von Big Tech und Big money aufzeigen. Andere Bücher, die ich in den vergangenen Monaten zu dem Thema gelesen habe, waren da noch analytischer, noch beißender.

Brinkbäumers Buch ist immer auch ein persönliches - ein Autor, der Amerika liebt und damit hadert, was aus dem Land geworden ist, das für ihn für Freiheit und Aufbruch stand. Der direkte Vergleich, die Erinnerungen an eine bessere Vergangenheit und ein Klima, das den so gerne propagierten amerikanischen Werten widerspricht, machen den Reiz des Buches aus.

Was mich persönlich stört: Man bleibt hier gewissermaßen unter sich im Diskurs bildungsbürgerlicher Eliten. Brinkbäumer spricht mit Menschen, die er wohl zum Teil schon lange kennt aus seiner Korrespondententätigkeit. Doch selbst, wenn er mit MAGA-Leuten spricht, sind es deren bekannte Stimmen aus Podcasts und Radiosendungen, nicht mit den Menschen aus abgehängten Regionen, aus dem Mittleren Westen oder den Appalachen. Ebenso wenig kommen diejenigen zu Wort, die nun von Abschiebung bedroht sind, die den amerikanischen Alptraum ganz unmittelbar erleben. Oder LGBTQ-Menschen, deren Alltag durch Trumps "Es gibt nur zwei Geschlechter"-Haltung verändert wird. Das Buch hätte gewonnen, wenn es auch solche Perspektiven gezeigt hatte.

Veröffentlicht am 03.05.2026

Tod eines Taubenzüchters

Schräge Vögel – SOKO Zwergsäger
0

Außer ihrer Liebe zu Vögeln haben der pensionierte Pathologe Harald, die alleinerziehende Mutter Sabine, Student Thilo und Altphilologin Katja nicht besonders viel gemeinsam. Ein gemeinsam gelöster Mordfall ...

Außer ihrer Liebe zu Vögeln haben der pensionierte Pathologe Harald, die alleinerziehende Mutter Sabine, Student Thilo und Altphilologin Katja nicht besonders viel gemeinsam. Ein gemeinsam gelöster Mordfall hat sie aber zu Freunden gemacht. In Anna Täubers Cozy-Krimi "Schräge Vögel - SoKo Zwergsäger" ermittelt das ungleiche Quartett ein weiteres Mal. Denn Haralds Kumpel und Schrebergartennachbar gerät unter Mordverdacht, als ein Taubenzüchter tot auf seinem Grundstück gefunden wird. Die beiden Männer hatten sich heftig gestritten. Klar, dass die übrigen Freunde Harald nicht im Stich lassen, wenn er die Unschuld seines Freundes beweisen will.

Wie schon der erste Band um die Abenteuer der Hobby-Ornithologen am Chiemsee lebt das Buch von den sehr unterschiedlichen und durchaus eigenwilligen Charakteren. Die Protagonisten haben sich zusammengerauft, zwischen dem grantelnden Harald und dem vegan lebenden und politisch stets korrekten Thilo ist eine Freundschaft entstanden, die am Anfang des ersten Bandes ausgeschlossen schien. Katja, die zwar mit lateinischen Zitaten um sich werfen kann, deren Sozialkompetenz aber noch deutlich ausbaufähig ist, macht vorsichtige Schritte auf ihre irische Kollegin zu, in die sie sich heimlich verliebt hat. Und auch für Sabine ist trotz Doppelbelastung mit pubertierendem Sohn und pflegebedürftiger Mutter ein bißchen Romantik drin.

Vor allem aber geht es natürlich um Vögel - die wildlebenden und die, die als Zuchttiere Tausende von Euros wert sein konnen. Wo es um viel Geld geht, können sich auch schon mal Abgründe auftun - Doping im Taubensport ist da nur ein Beispiel. An Verdächtigen mangelt es den Hobby-Detektiven nicht, schwieriger ist es schon die zuständigen professionellen Ermittler von ihren Überlegungen zu überzeugen. Dass Harald gerne so tut, als sei er immer noch im Dienst der Polizei, hilft da nicht wirklich.

"Soko Zwergsäger" steht dem ersten Band nicht da. Liebenswerter Cozy-Krimi, in dem nicht nur die Vögel schräg sind.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.03.2026

Tödliche Beziehungskrisen

The Exes
0

In Liebesdingen hatte Natalie, die Protagonistin in Leodora Darlingtons Psychothriller "The Exes" bisher wenig Glück. Alle ihre bisherigen Freunde erwiesen sich als ausgesprochen toxisch. Doch dann lernt ...

In Liebesdingen hatte Natalie, die Protagonistin in Leodora Darlingtons Psychothriller "The Exes" bisher wenig Glück. Alle ihre bisherigen Freunde erwiesen sich als ausgesprochen toxisch. Doch dann lernt sie James kennen: Freundlich, zuvorkommend, sanftmütig - ein bißchen kompliziert ist, dass er auch ihr Chef ist. Doch nach einem nicht ganz so zufälligem Treffen im Pub führt eins zum anderen und schließlich zur Hochzeit.

Wenn das schon alles wäre, wäre "The Exes" ein langweiliger Gefühlsroman. Ist er aber ganz und gar nicht, denn nach und nach entblättert Darlington Natalies Vergangenheit in Form von Briefen, die sie an ihre Ex-Freunde schrieb. Briefe, die niemanden mehr erreichen können - die drei sind nämlich allesamt tot. Eine merkwürdige, aber immerhin mögliche Häufung von Zufällen? Natalie stand zum jeweiligen Todeszeitpunkt unter Drogen- oder Alkoholeinfluss und kann sich an nichts erinnern. Aber so richtig traut sie sich selbst nicht. Kein Wunder, dass sie schon seit längerem die Hilfe einer Psychotherapeutin sucht.

Und nicht genug mit den Schatten der Vergangenheit - auch die Ehe mit James ist plötzlich nicht mehr so rosarot-traumhaft, wie es anfangs schien. Könnte mit James´älterem Bruder zusammenhängen, der nicht gerade der netteste Zeitgenosse ist und auch vor Erpressung nicht zurückschreckt.

Fast scheint klar, dass Natalie zur Rettung ihrer Ehe zu ziemlich drastischen Maßnahmen schreiten muss - doch dann ist doch wieder alles ganz anders. Natalie erkennt, dass James ebenfalls ein paar Geheimnisse hat, die ihn zu einem deutlich weniger vollkommenen Ehemann machen. Schlimmer noch, er hat selbst ein paar Leichen im Beziehungskeller. Macht das dieses Ehepaar zu Traumpartners a la Mr und Mrs Smith? Oder wird diese Ehe für einen von ihnen zur Todesfalle?

Darlington schafft es, mit immer neuen Wendungen sicher geglaubtes in Frage zu stellen und ganz neue Perspektiven einer Paardynamik aufzuwerfen, die sich in das Gegenteil des romantischen Anfangs verkehrt. Doch das ist nicht der einzige Überraschungseffekt, für die die Autorin in diesem spannenden Roman sorgt. Am Ende kommt bei einigen neuen Entwicklungen durchaus Schnappatmung auf.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere