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Veröffentlicht am 01.07.2020

Die Rache der Frauen

No Mercy. Rache ist weiblich
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Mit „Golden Cage“ hat die schwedische Thriller-Autorin Camilla Läckberg sich bereits ausführlich mit der Rache einer (Ehe-)Frau als Akt der Selbstbefreiung und Neuerfindung befasst. Mit „No Mercy. Rache ...

Mit „Golden Cage“ hat die schwedische Thriller-Autorin Camilla Läckberg sich bereits ausführlich mit der Rache einer (Ehe-)Frau als Akt der Selbstbefreiung und Neuerfindung befasst. Mit „No Mercy. Rache ist weiblich“ ist sie dem Thema treu geblieben. Doch auch wenn es diesmal gleich um drei Protagonistinnen geht – vom Umfang her ist dieses Buch mit gerade mal 160 Seiten sehr schmal ausgefallen, mehr Novella als Roman.
Dabei wäre doch eigentlich viel Erzählstoff vorhanden, von der ehemaligen Gangsterbraut Viktoria aus Jekaterinburg, die sich von der Heirat mit einem Schweden Sicherheit erhoffte, für ihren Proll-Ehemann aber nur eine Art lebende Sexpuppe darstellt. Grundschullehrerin Birgitta ist in einer lieblosen Ehe mit gewalttätigem Ehemann gefangen und traut sich nach ihrer Krebsdiagnose nicht einmal mit den verräterischen blauen Flecken zu der dringend notwendigen medizinischen Behandlung. Ingrid hat schweren Herzens ihre Karriere als Journalistin aufgegeben, um für ihre kleine Tochter da zu sein und ihrem Mann nach dessen Ernennung zum Chefredakteur den Rücken frei zu halten – als Dankeschön betrügt er sie mit einer Jüngeren. Bei einer Scheidung würde sie danke Ehevertrag keinen Cent sehen. Drei Frauen, die gute Gründe haben, ein Leben ohne ihren Ehemann als ein besseres anzusehen. Also: no mercy.
Der Plot der rächenden Ehefrauen zeichnet sich früh ab und ist ja schon nach dem Klappentext keine Überraschung mehr. Zu Logik und Logistik bleiben allerdings Fragen, die auf den Buchseiten nicht beantwortet werden: Wie haben die Frauen zueinander gefunden? Wie wurden die Absprachen getroffen? Auch bleiben die Rächerinnen merkwürdig konturenlos und schablonenhaft. In anderen Büchern hat die Autorin ja schon gezeigt, dass sie Charaktere durchaus vielschichtiger gestalten kann. So aber wirkt „No mercy“ leider mit heißer Nadel gestrickt, wie um einen noch fälligen Text rechtzeitig zum Abgabedatum fertig zu bekommen. Schade, denn ich hätte gerne mehr erfahren über die Frauen, die nicht länger brave Ehefrauen sein wollen.

Veröffentlicht am 01.07.2020

Süße Selbstverwirklichung als leichter Sommerroman

Kann Gelato Sünde sein?
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Das wöchentliche Tortentreff mit Freundinnen und Nachbarinnen ist schon seit einer ganzen Weile der einzige positive Fixpunkt im Leben der Schwäbin Emilia. Doch auch wenn Backen ihre Leidenschaft ist – ...

Das wöchentliche Tortentreff mit Freundinnen und Nachbarinnen ist schon seit einer ganzen Weile der einzige positive Fixpunkt im Leben der Schwäbin Emilia. Doch auch wenn Backen ihre Leidenschaft ist – sehr viel mehr tut sich nicht im Leben der verwitweten Frau. Zum 60. Geburtstag will sie daher ihre im süditalienischen Kalabrien studierende Tochter Julia mit einem Spontanbesuch überraschen.
Die Überraschung gelingt, und zwar wechselseitig: Denn Julia hat ihr Lehramtsstudium weitgehend geschmissen, um mit ihrem italienischen Freund Francesco ein „Agroturismo“aufzumachen. Dass aller Anfang schwer ist, gilt auch für die beiden Jungunternehmer. Vor allem, da Francesco jeder Anflug von Luxus in der Öko-Unterkunft zuwider ist. Emilia, als ehemalige Versicherungskauffrau doch sehr auf Sicherheit bedacht, muss da erst mal schwer schlucken. Dann allerdings erliegt sie dem Charme des kalabrischen Dorfes und beschließt, eine Konditorei zu eröffnen. Ein Gedanke, der wiederum Julia suspekt ist, denn das Mutter-Tochter-Verhältnis war in der Vergangenheit nicht immer spannungsfrei…
Eigentlich versteht es sich von selbst, dass Tessa Hennigs „Kann Gelato Sünde sein?“ letztlich nur auf ein unvermeidliches, generationsübergreifendes happy end zusteuern kann – mit viel Amore, ein bißchen Eifersucht, einigen Komplikationen und skurrilen Dorfbewohnern, die mitunter ein wenig klischeebeladen daher kommen. Mit Totengräber Arturo findet Emilia einen Menschen, der sie wieder mit dem Leben aussöhnt und die Erkenntnis bringt, dass es nie zu spät für einen neuen Anfang ist.
Die Handlung plätschert überschaubar-unterhaltsam dahin und dürfte auch bei hohen Temperaturen und Sonneneinstrahlung die Konzentration der Leser nicht überfordern. Die klassische Pool- und Urlaubslektüre eben, sahnig-süß wie Emilias Schwarzwälder Kirsch-Torten.

Veröffentlicht am 01.07.2020

Tödliche Loverboys

Ich bin dein Tod
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Im neunten Band um den Münchner Kommissar Tino Dühnfort geht es durch die bayrische Provinz. Denn nach der Rückkehr aus der Elternzeit arbeitet der Ermittler bei der „Operativen Fallanalyse“ und fremdelt ...

Im neunten Band um den Münchner Kommissar Tino Dühnfort geht es durch die bayrische Provinz. Denn nach der Rückkehr aus der Elternzeit arbeitet der Ermittler bei der „Operativen Fallanalyse“ und fremdelt noch mit der neuen Arbeitsstruktur als Profiler. War es ein Fehler, das aktive Ermitteln hinter sich zu lassen und nun zwar mit interesssanten Fällen, aber eben nur in beratender Funktion. Und das kann frustrierend sein, wenn Dühnforts Bauchgefühl bei einem angeblich eskalierten Einbruch mit zwei Toten sagt, dass hier mehr dahinter steckt.
Ein Lehrer und seine Frau wurden mit Schüssen aus einer Armbrust getötet – lautlos und präzise, die totale Abwesenheit von Spuren irritiert Dühnfort. Auch andere Tatorte ungeklärter Todesfälle sind auffallend sauber. Doch da zwischen den Opfern und des Todesarten kein Zusammenhang zu bestehen scheint, ist Dühnfort zunächst weitgehend alleine mit seiner Überzeugung, es handele sich hier um eine Serie. Hinzu kommen Spannungen im neuen Team – vor allem sein Kollege Manfred, der sich Hoffnungen macht, nach der Pensionierung des derzeitigen Chefs aufzurücken, reagiert misstrauisch auf den vermeintlichen Konkurrenten um den Chefsessel.
Anders als die Polizisten weiß der Leser von Anfang an, dass es sich in der Tat um eine Mordserie handelt, denn auf einer zweiten Erzählebene schildert Inge Löhnig das Geschehen aus der Perspektive des Täters, der seine nächsten Taten plant. Die düsteren Botschaften, die er vorher verschickt, überzeugen schließlich auch Dühnforts Kollegen, dass es einen Zusammenhang gibt.
Zufällig ist dabei keines der Opfer – die dritte Erzählperspektive ist die Geschichte einer jungen Frau, die als einsame und unglückliche 16-jährige von ihrem Freund erst als „Prinzessin“ behandelt und dann in die Prostitution gedrängt wurde. In der Kriminalistik ist dieses Vorgehen mittlerweile als die „Loverboy“-Masche bekannt. In einem Kreislauf von Drogen, Gewalt und Prostitution gefangen, sah sie irgendwann keinen Ausweg mehr. Nun ist ein tödlicher Rachefeldzug im Gang und der Täter fragt sich, ob seine Opfer oder die Polizei als erste erkennen, mit wem sie es zu tun haben.
Auch wenn der Leser durch diese Erzählweise näher dran ist an den Morden und den Motiven als Dühnfort und seine Kollegen, bleibt die Frage nach dem „Wer“ lange Zeit offen, denn Löhnig präsentiert in ihrem flüssig und eingängig geschriebenen Kriminalroman mehrere plausible Kandidaten. Ein wenig holprig ist dabei nur die Seitenepisode zu den Insiderinformationen des Täters. Nachvollziehbar auch das Konkurrenzgerangel innerhalb der Polizei mit Alphaspielchen und Eifersüchteleien, die den Ermittlungen letztlich im Weg stehen. Stoff und Personal für den nächsten Band ist da schon einmal angedeutet.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.06.2020

Rache, Liebe, Leidenschaft und Kokain

Das Netz
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Rache, Liebe und Leidenschaft im hohen Norden mit einigen ungewöhnlichen Endungen und Wendungen prägen Lilja Sigurdadottirs Buch „Das Netz“ mit einer nur äußerlich schwachen Frau als Hauptfigur. Denn wenn ...

Rache, Liebe und Leidenschaft im hohen Norden mit einigen ungewöhnlichen Endungen und Wendungen prägen Lilja Sigurdadottirs Buch „Das Netz“ mit einer nur äußerlich schwachen Frau als Hauptfigur. Denn wenn der Leser Sonja kennenlernt, plant sie gerade, ein Kilo Kokain nach Island einzuschmuggeln. Die junge Frau hat sich ihre Drogenkarriere nicht ausgesucht, sondern wurde dazu gezwungen. Und sie braucht das Geld, um nach der Scheidung finanziell wieder auf die Beine zu kommen und auch materiell dafür gerüstet zu sein, das alleinige Sorge- und Aufenthaltsrecht für ihren kleinen Sohn zu erkämpfen.

Ihr Ex-Mann, ein wohlhabender Banker, der aber in einen Finanzskandal verstrickt ist, ist unversöhnlich, seit er Sonja in flagranti erwischt hat – und zwar mit seiner Kollegin Agla, einer Karrierefrau, ebenfalls zentrale Figur des Bankskandals und energisch bestreitend, dass sie lesbisch sein könnte.

Die Beziehung der beiden Frauen bringt einen zusätzlichen spannenden Akzent in den Kriminalroman. Sonja ist verliebt, sie will mehr als Lust und Leidenschaft. Agla trinkt, viel zu viel, um das laufende Ermittlungsverfahren und ihre Gefühlsverwirrungen zu bewältigen. Benutzt sie Sonja nur für einen erotischen Kick, während sie gleichzeitig vehement bestreitet, eine „von denen“ zu sein? Kein Wunder, dass Sonja, ohnehin verwundbar, verletzt reagiert.

Die kleine, zierliche Frau, offiziell selbständig mit einem Computerunternehmen und daher häufig auf Geschäftsreisen unterwegs, fühlt sich mit ihren Schmuggelaktivitäten in einem Netz gefangen, das sich immer enger um sie zusammenzieht. Gerade, weil sie erfolgreich ist in dem, was sie tut und immer größere Mengen Kokain nach Island bringen soll. Sie erlebt, wie brutal die Welt der Kartelle und der organisierten Kriminalität ist, und sie fürchtet, ihre illegalen Aktivitäten könnten verhängnisvolle Folgen für ihren Sohn haben.

Mit dieser scheinbar zerbrechlichen und ebenso verletzlichen wie verletzten Frau hat Sigurdadottir eine starke und vielschichtige Frau geschaffen, auch wenn ich als Leserin gerne mehr erfahren würde, wieso Sonja eigentlich überhaupt so erpressbar wurde. Sie ist offensichtlich intelligent, aber sie scheint so gar keine berufliche Qualifikation zu haben, die ihr anderweitig den Weg aus der finanziellen Misere ermöglicht. War sie immer nur ein trophy wife, ohne Ausbildung, hübsches Aushängeschild an der Seite eines reichen Mannes?

Eine interessante Figur ist auch Agla – nicht unbedingt sympathisch mit ihrer Trinkerei und ihren Ausflüchten, zu Sonja zu stehen, aber auf ihre Weise eine entschlossene Kämpferin, die vielleicht den Kampf gegen den Alkohol, aber nicht gegen die Männerwelt verlieren will und keinesfalls ein Bauernopfer sein will.

Eine weitere Handlungsebene bringt zusätzliche Dynamik ins Spiel. Denn am Flughafen in Reykjavik arbeitet ein Zollbeamter, der mit 69 Jahren eigentlich schon längst im Ruhestand sein könnte. Doch zum Unwillen seiner Vorgesetzten will er sich nicht in die Rente drängen lassen, sondern bis zu seinem 70. Geburtstag weitermachen. Sein Leben scheint nur zwei Inhalte zu kennen: Die Arbeit und seine Frau, die schwer dement ist und in einem Pflegeheim arbeitet. Dem erfahrenen Zöllner fällt Sonja eines Tages auf, weil sie einfach zu perfekt ist. Ein letzter großer Coup für einen alten Mann?

Wie gesagt, die Autorin sorgt immer wieder für neue Entwicklungen und Überraschungen und eigentlich hat man am Ende des Buches noch manche Frage angesichts des Flechtwerks der Beteiligten, die noch auf Antwort warten. Wie gut, dass „Das Netz“ laut Verlagsankündigung der erste Teil einer Triologie ist. Da kann man gespannt auf die weiteren Entwicklungen sein.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.06.2020

Hallig-Geheimnisse und eine Leiche

Halligmord
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Achtung: Die Küsten-Regionalkrimis bekommen Konkurrenz. Mit „Halligmord“ schickt die Autorin Greta Henning eine neue Detektivin unter die Küsten-Ermittler. Minke van Hoorn, die eigentlich Meeresbiologie ...

Achtung: Die Küsten-Regionalkrimis bekommen Konkurrenz. Mit „Halligmord“ schickt die Autorin Greta Henning eine neue Detektivin unter die Küsten-Ermittler. Minke van Hoorn, die eigentlich Meeresbiologie studiert hat, kehrt auf die Hallig ihrer Kindheit zurück. In einem nordfriesischen Küstenstädtchen übernimmt sie das örtliche Polizeirevier – und tritt damit in die Fußstapfen ihres Vaters. Nach seinem Unfalltod vor fünf Jahren beendete sie das Kapitel Meeresbiologie und ging zur Polizeihochschule.
Die Voraussetzungen für den allmählichen Einstieg der Berufsanfängerin sind schlecht: Ihr Assistent ist eine Woche von der Pensionierung entfernt und denkt nur noch an seinen Ausstand. Faul war er zwar schon immer, doch nun ist noch weniger mit ihm anzufangen. Dafür nennt er die neue Chefin, die er bereits als kleines Mädchen kannte, mit nervender Beharrlichkeit „Mäuschen“. Und dann wir auf einer Hallig ein Skelett gefunden.
Um wen es sich handelt, wird bald klar: Der örtliche Arzt, dessen Witwe noch immer auf der Hallig lebt. Vor mehr als 30 Jahren kam er angeblich ums Leben, als sein Boot auf dem Weg zu einem Patienten aus ungeklärter Ursache in Brand geriet und explodierte. Die Leiche des Arztes wurde nie gefunden. Keinesfalls aber wurde sie im Torf der Hallig vermutet. Zudem verschwindet der Sohn des ehemaligen Deichgrafen, an dem Minke ein sehr privates Interesse hat. Und dann kündigt sich auch noch ein schweres Unwetter an.
Viel Drama und schwarze Sturmwolken also, mit viel liebevoll geschilderten Details der nordfriesischen Landschaft, des Wattenmeers und des abgeschiedenen Lebens auf den Halligen. Mit dem nahenden Küstensturm erinnert nicht nur die Atmosphäre ein wenig an „Mord im Orient Express“, in dem der Ermittler mit den Verdächtigen von der Außenwelt abgeschnitten ist.
Denn je weiter Minka mit ihren Nachforschungen kommt, desto mehr zeigt sich, dass der Tote keineswegs nur der charismatische, gutaussehende Arzt war, der angeblich bei jedermann beliebt war. Im Gegenteil, an Verdächtigen mit einem Motiv herrscht kein Mangel.
In „Halligmord“ gibt es zwei Erzählebenen – einmal die Gegenwart, in der Minka ihre Ermittlungen voranzutreiben versucht, einmal aus der Perspektive derjenigen, die beim Verschwinden des Arztes auf der Hallig waren. Doch wessen Erinnerung lügt? Bis zum Schluss bleibt es spannend. Ein vielversprechender Auftakt.