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Veröffentlicht am 17.01.2021

Royale Ermittlerin

Das Windsor-Komplott
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Rozie Oshodi entspricht möglicherweise nicht ganz dem Image eines Höflings: Die stellvertretende Privatsekretärin der Queen, die nach mehreren Jahren beim Militär und in einer Bank in den Dienst ihrer ...

Rozie Oshodi entspricht möglicherweise nicht ganz dem Image eines Höflings: Die stellvertretende Privatsekretärin der Queen, die nach mehreren Jahren beim Militär und in einer Bank in den Dienst ihrer Majestät gewechselt ist, hat nigerianische Wurzeln, stammt aus "kleinen Verhältnissen" und ihr Stil hat mit Twinsets und Perlenketten eher wenig gemein.

Wie sich in S.J. Bennetts Cozy-Krimi "Das Windsor Komplott" herausstellt, braucht sie allerdings auch noch ein paar Qualitäten, die in der Jobbeschreibung nicht angegeben wurden: die Queen betätigt sich nämlich gerne mal als Amateurdetektivin - ein Geheimnis, das von Rozies Vorgängerinnen geteilt und gehütet wird. Und auch Rozie lernt diese unbekannte Seite ihrer royalen Chefin erst kennen, als ein junger Russe nach einer Abendgesellschaft auf Schloss Windsor tot aufgefunden wird - offenbar bei autoerotischen Spielchen am Kleiderschrank versehentlich erhängt. How embarrassing.

Beim näheren Hinsehen stellt sich allerdings heraus, dass ein Knoten eigentlich viel zu schwach war, um die Schlinge dermaßen zuzuziehen (im Original heißt das Buch passenderweise The Windsor Knot). Hat der russische Geheimdienst die Finger im Spiel, wie schon einst im Fall Litvinenko und anderen? Ist womöglich ein "Schläfer" im Palast geparkt worden? Der neue MI 5-Chef lässt alle Dienstboten überprüfen. Die Queen ist not amused, und Prinz Philipp flippt aus, als sein Kammerdiener zum Verhör bestellt wird. Verdammt impertinent, die Abläufe im Palast so durcheinander zu bringen und das loyale Personal mit Verdächtigungen zu überschütten!

Da muss halt die Queen ran, der der MI5-Direktor gehörig auf die königlichen Nerven geht, behandelt er sie doch wie eine alte Dame, die mit den modernen Zeiten nicht mehr mithalten kann und der man deshalb alles ganz langsam und ausführlich erklären muss. Ihre Majestät ist natürlich zu höflich, um etwas zu sagen, aber leider darf der Geheimdienstchef nie erfahren, wie scharfsinnig die fast 90-jährige tatsächlich ist.

Denn wenn die Queen ermittelt, dann ist das ganz diskret - etwa bei einer scheinbar gemütlichen Teestunde bei einer alten Freundin, zu der ein weiterer Gast kommt, der zufällig Experte für das russische Spionagewesen ist. Um diese konspirativen Treffen zu ermöglichen und zu organisieren, kommt Rozie ins Spiel. Sie erledigt gewissermaßen die Beinarbeit. Das Überbringen der Post und der Termine dient nun auch dem Austausch von Theorien und Informationen - wobei Rozie darauf achten muss, dass ihr unmittelbarer Chef nichts von ihren Extra-Einsätzen mitbekommt.

S.J. Bennett ist royal fan, so viel steht nach der Lektüre fest. Die Queen und ihr Hofstaat werden liebevoll gezeichnet, ein bißchen Augenzwinkern und Ironie gehört dazu, wenn der temperamentvolle Prinzgemahl etwa mal wieder herzhaft flucht oder wenn Corgies und Ponies wichtiger sind als fast alles andere. Wie die Queen es schafft, Hinweise zu sammeln und ganz diskret dafür zu sorgen, dass die offiziellen Ermittler doch noch auf diese Informationen stoßen, ist durchaus zum Schmunzeln. One is amused.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.01.2021

Geschworeneneinsatz mit Folgen

Verweigerung
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Das Geschworenensystem wie etwa in der amerikanischen Justiz ist gleichermaßen faszinierend wie erschreckend, wenn man sonst gerade bei großen Prozessen die vorherrschende Rolle von Berufsrichtern kennt. ...

Das Geschworenensystem wie etwa in der amerikanischen Justiz ist gleichermaßen faszinierend wie erschreckend, wenn man sonst gerade bei großen Prozessen die vorherrschende Rolle von Berufsrichtern kennt. Da sind einerseits ganz normale Leute, die vielleicht andere Perspektiven in die Lebenswirklichkeit von Angeklagten haben als die Juristen, die Vorstellung der gemeinsamen Entscheidungsfindung, der Bürgerverantwortung und dass ein Angeklagter die Chance hat, von Mitbürgern be- und verurteilt zu werden.

Da ist aber auch das Risiko, dass eine Geschworenenjury nach Sympathien und Antipathien entscheidet, dass bewusste und unbewusste Vorurteile die Entscheidung prägen, auch wenn die Prozessparteien vorher versuchten, voreingenommene Geschworene auszuschließen. Die Gefahr, dass Charisma, Überzeugungskraft oder schlichtes Dominanzgebaren eines oder mehrerer Geschworener die allgemeine Meinung einer Jury für oder gegen eine Verurteilung kippen lässt. Könnte es nicht sein, dass professionelle Juristen, die eine ganz andere und oft jahrelange Erfahrung mit Strafprozessen haben, rationaler und fundierter eine Entscheidung treffen können?

Eines ist klar: Dass Geschworenensystem ist die Basis für gure und spannende Justizdramen. Man denke nur an "Die zwölf Geschworenen" oder "Die Runaway Jury". Und auch "Verweigerung" von Graham Moore ist da keine Ausnahme. Der amerikanische Justizthriller verbindet zudem gleich zwei Genres - den Gerichts- und den Kriminalroman, eingebettet in die Veränderung der amerikanischen Gesellschaft von den Obama- hin zu den Trump-Jahren, thematisiert den Umgang mit Rassismus, Vorurteile und natürlich die Frage nach Schuld.

Maya Seale war im Jahr 2009 eine junge Frau voller Ideale, die sich wie viele ihrer Generation für die Wahl Barack Obamas als ersten schwarzen Präsidenten der USA engagiert hat, als sie Geschworene in einem Mordprozess in Los Angeles wird. Gleich am ersten Prozesstag trifft sie Rick Leonard, der ebenfalls als Geschworener berufen wurde. In dem Indizienprozess ist ein junger afroamerkanischer Lehrer angeklagt: Er soll ein Verhältnis mit einer Schülerin gehabt, sie entführt und ermordet haben. Die Leiche der Tochter einer Milliardärs und Immobilienmoguls wurde nie gefunden.

Ist Bobby Nock Opfer von Rassismus, gerade in einer Stadt wie Los Angeles, in der die Polizei in mehrere einschlägige Skandale verwickelt wurde? Gibt es auch andere Erklärungen für die Blutstropfen, die in seinem Auto gefunden wurden. Beweisen die Sexting-Nachrichten, die zwischen ihm und Jessica Silver ausgetauscht wurden, eine sexuelle Beziehung - was automatisch sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen bedeuten würde - oder geht es hier nur um Phantasien? Vor allem: Reichen die Indizien aus, um Bobby Nock ohne Zweifel schuldig zu sprechen? Eines der ganz wichtigen Prinzipien der Rechtsprechung lautet schließlich: In dubio pro reo, also im Zweifel für den Angeklagten.

Dass die Namen der Geschworenen geleakt wurden und die Jury für die Verfahrensdauer in einem Hotel untergebracht werden muss, verschärft die Anspannung noch. Als es zu den Beratungen der Jury kommt, hat Maya als einzige Zweifel, verweigert sich einem Schuldspruch und schafft es , ein Jurymitglied nach dem anderen auf ihre Seite zu ziehen - und sei es nur, um endlich wieder nach Hause zu kommen. Der letzte, der an einer Verurteilung beharrt, ist Rick - nicht nur einer von nur zwei Afroamerikanern in der Jury, sondern auch derjenige, mit dem Maya während des Prozesses eine heimliche, heftige Affäre hat.

Zehn Jahre nach dem Freispruch für Bobby Nock wird die Jury wieder zusammengerufen in dem Hotel, in dem sie einst um eine Entscheidung rang. Diesmal für eine Fernsehproduktion. Stargast ist Rick, der nach dem Prozess ein Buch über den Fall geschrieben hat, in dem er vor allem Maya heftig angriff. Die wiederum hat aufgrund ihrer Erfahrung im Prozess Jura studiert, ist nun eine erfolgreiche Strafverteidigerin. Rick, so heißt es, hat neue Beweise für die Schuld von Bobby Nock zusammengetragen. In den zehn Jahren hat er sich offenbar mit nichts anderem beschäftigt als mit dieser Frage.

Doch noch ehe es zu irgendwelchen Enthüllungen kommt, findet Maya Rick tot in ihrem Hotelzimmer. Plötzlich steht sie unter Mordverdacht. Um ihre Unschuld zu beweisen, recherchiert sie nach Verdachtshinweisen bei den anderen Ex-Geschworenen, sucht nach Bobby Nock. Während Maya um ihren Ruf und ihre Freiheit kämpfen muss, springt die Erzählhandlung immer wieder zurück in die Zeit des Prozesses und zu den einzelnen Jurymitgliedern mit ihren Motivationen. Dabei schafft es Moore, Verdachtsmomente und mögliche Motive zu schaffen und mit immer neuen Wendungen zu überraschen.

Manches an der Lösung des Falls lässt sich durch diese Hinweise schon relativ früh erahnen, anderes klärt sich erst ganz zum Schluss auf. Spannend und mit Einblicken in die Psyche der so unterschiedlichen Jury-Mitglieder geschrieben, zeichnet Moore dabei auch ein Bild der amerikanischen Gesellschaft mit ihren Brüchen, Kontrasten und Widersprüchen. Die Frage nach Schuld ist dabei auch mit der Frage nach Verantwortung und dem "Richtigen" verbunden, mit den Auswirkungen, die eine Entscheidung auf das Leben Unschuldiger hat, die nur allzu leicht Kollateralschäden bleiben.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.01.2021

Koks, Rache und ein Polizist im Fadenkreuz

Baskische Tragödie
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Es geht schon dramatisch los in der "Baskischen Tragödie" von Alexander Oetker: Ein kleiner Junge findet am Strand ein Paket, lutscht etwas von dem daraus rieselnden Pulver, das er für Zucker hält und ...

Es geht schon dramatisch los in der "Baskischen Tragödie" von Alexander Oetker: Ein kleiner Junge findet am Strand ein Paket, lutscht etwas von dem daraus rieselnden Pulver, das er für Zucker hält und bricht vor den Augen seiner Mutter zusammen - bei dem Pulver handelt es sich um Kokain von hohem Reinheitsgrad. Luc Verlain von der Polizei in Bordeaux, der in dem Fall ermittelt, lässt die Strände sperren und kann so ähnliche Tragödien verhindern, denn es werden weitere Pakete an verschiedenen Strandabschnitten angeschwemmt. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, dass er noch ganz unmittelbar mit dem Drogenschmuggel zu tun haben wird.

Privat könnte es zu diesem Zeitpunkt kaum besser für Luc laufen: Amouk, seine Freundin und Kollegin, ist schwanger. Er ist überzeugt, sie ist die Liebe seines Lebens. Just in dieser Situation findet er einen anonymen Brief, in dem ihm mitgeteilt ist, dass er bereits Vater einer Tochter ist, Ergebnis einer kurzen Affäre, die schon Jahre zurückliegt. Mehr noch: Als Luc eine ins Baskenland führende Spur zu dem Drogenschmuggel verfolgen will, wird er festgenommen. Der Vorwurf: Er soll einen Drogenhändler entführt und ermordet haben, als Racheakt für einen Angriff auf Amouk.

Rache, so erkennt Luc schnell, spielt überhaupt eine große Rolle - er wird bedroht, zum Kriminellen gestempelt, zu Dingen gezwungen, die er strikt ablehnen würde. Er ahnt, der Schlüssel ist in einem Mordfall in der Vergangenheit zu suchen. Mit einem psychopatischen Täter liefert sich Luc ein Katz-und-Maus-Spiel, das jederzeit tödlich enden kann. Schauplatz ist San Sebastian, die Hauptstadt des Baskenlands.

Dort wo Oetker die Küstenlandschaften, die malerischen Gassen und die lokalen Spezialitäten schildert, ist "Baskische Tragödie" bildhaft und lebendig, macht neugierig auf Gerüche und Bilder der Region, Flüssig, aber eher reißerisch geschrieben, überzeugt der Roman nicht unbedingt mit Logik und Realitätsnähe. In der High Noon-Atmosphäre (auch wenn sich die Dramatik eher zu mitternächtlicher Stunde zuspitzt) hat Luc zwar eine Handvoll Verbündeter, muss aber als einsamer Wolf die letzte große Konfrontation suchen. Wer es mit nachvollziehbarer Handlung nicht so eng nimmt, dürfte sich dennoch mit viel Dramatik auf den Buchseiten gut unterhalten fühlen.

  • Cover
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Veröffentlicht am 06.01.2021

Essen darf genossen werden

Essen gut, alles gut
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Der Buchtitel klingt versöhnlich in einer Zeit, in der Festtage und Weihnachtsplätzchen leicht für zusätzliches Hüftgold sorgen: Essen gut, alles gut. Nun ist, wie die Ernährungswissenschaftlerin und ...

Der Buchtitel klingt versöhnlich in einer Zeit, in der Festtage und Weihnachtsplätzchen leicht für zusätzliches Hüftgold sorgen: Essen gut, alles gut. Nun ist, wie die Ernährungswissenschaftlerin und Autorin Heike Niemeier natürlich weiß und in ihrem Buch erklärt, nicht jedes Essen gleich gut oder gesund für uns. Trotzdem bringt sie es fertig, in ihrem launig geschriebenen Ernährungsratgeber Tipps und Ratschläge zu einer Ernährungsweise an den Mann und an die Frau zu bringen, die nicht durch Zwänge oder fanatische Verbote geprägt sind. Der freie Wille, er zählt auch beim Kampf gegen Pfunde, Fettleber oder metabolisches Syndrom.

Mit ihrem Buch gibt Niemeier dem Leser einen Leitfaden an die Hand, wie man es angehen kann- wichtig ist, was mit dem eigenen Lebensrythmus, Essensvorlieben, Arbeitstag usw vereinbar und machbar ist. Insgesamt eine motivierende und informative Lektüre für alle, die nicht nur mit Beginn des neuen Jahres ihren Ernährungs-Lifestyle angehen wollen.

Vielleicht trägt zu ja dem relativ verbotsfreien Ton des Buches bei, dass Niemeier nach eigenen Angaben eine "gute Esserin"ist. Allerdings auch ausgesprochen sportlich, Marathonläuferin im Ruhestand - da dürften sich Fettpölsterchen schwer festsetzen. Angenehm ist auch die Bemühung, auf body positivity oder neutrality zu setzen. Sprich: Mit der Ernährungsumstellung sollte es vor allem darum gehen, der eigenen Gesundheit etwas Gutes zu tun und den Körper fit gegen Krankheiten zu halten. Es geht nicht darum, einem bestimmten Schönheitsideal nachzujagen - das könnte eher zu Dauerfrust führen, denn wir haben nun mal nicht alle die Konstitution und die Gene eines Fitnessmodels. Und überhaupt, Schönheit gibt es in vielerlei Formen, nicht nur im xxs-Kleiderformat.

Die Zahl von Rezepten ist in "Essen gut, alles gut" überschaubar gehalten. Vor allem wird in kurzen Kapiteln bausatzmäßig und mit Verweis auf andere Abschnitte erklärt, welche Bestandteile der Nahrung wie auf Körper und Stoffwechsel wirken, welche Stoffe unbedingt gebraucht werden, welche sparsam zugeführt werden sollten. Niemeier setzt dabei auf low carb, vermeidet aber das Wort Diät und will Kohlenhydrate auch nicht grundsätzlich verteufeln. Es kommt eben aufs Detail an, bzw auf die gesamte Zusammensetzung des Essens.

Mitunter dachte ich beim Lesen, hier hat die Autorin gegenüber dem zögernden Moppel vielleicht doch ein bißchen zu sehr den Schongang eingelegt. Von wegen, Kalorien zählen ist eher kontraproduktiv? Ist ja eigentlich klar, dass man nicht abnimmt, wenn man nicht weniger zu sich nimmt beziehungsweise mehr verbrennt als üblich. Auch wenn es natürlich schon ein schöner Gedanke ist, allein mit einem anderen Ernährungsmix den Stoffwechsel wieder mehr auf Trab zu bringen und die Fettzellen schrumpfen zu lassen.

Auch mit einigen Ernährungsmythen räumt Niemeier aus ernährungswissenschaftlicher Sicht aus - etwa, dass Eier den Cholesterinspiegel in die Höhe treiben, ja dass Cholesterin insgesamt zu verteufeln sei. Allerdings sind ihrer Darstellung auch Smoothies nicht so gesund, wie gedacht, sondern ziemliche Zuckerfallen. Und der große Teller Pasta sollte vielleicht wirklich nur die Belohnung nach einer intensiven Sporteinheit sein. Genuss will eben verdient werden. Dann gilt auch: Essen gut, alles gut,

Veröffentlicht am 03.01.2021

Zwischen Brexit und Verrat

Federball
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Vor wenigen Wochen starb John LeCarré, Altmeister des intelligenten Spionageromans. Höchste Zeit also, dass ich endlich "Federball", seinen schon 2019 erschienenen letzten Roman aus meinem Stapel ungelesener ...

Vor wenigen Wochen starb John LeCarré, Altmeister des intelligenten Spionageromans. Höchste Zeit also, dass ich endlich "Federball", seinen schon 2019 erschienenen letzten Roman aus meinem Stapel ungelesener Bücher klaubte und las. Ganz klar: Auch hoch in den 80-ern schrieb LeCarré so bissig, abgeklärt und mit einer Prise britischen Humors, wie seine Leser es von ihm kennen.

Mit George Smiley und dem Spion, der aus der Kälte kam hat LeCarré schon vor Jahrzehnten Klassiker zum Kampf der Geheimdienste im Kalten Krieg geschrieben. Nun ist der Kalte Krieg ja ebenfalls schon ein paar Jährchen vorbei. Was heißt das für die alten Haudegen des "Circus"? Und wo verlaufen die neuen Frontlinien der Schlapphüte? Der überzeugte Europäer LeCarré bringt in seinem letzten Roman den Brexit ins Spiel, aber auch das unter Putin wieder mit Misstrauen betrachtete Russland und Trumps Amerika.

Ich-Erzähler Nat gehört als operativer Geheimdienstmitarbeiter mit Ende 40 schon zum alten Eisen. Jahrelang führte er als angeblicher Diplomat Agenten und Quellen in den Ländern, die vielleicht nicht mehr hinter dem Eisernen Vorhang liegen, aber in denen noch reichlich russische Interessen vorhanden sins: Moskau und Prag, Budapest und zuletzt Tallinn. Nun soll eine neue, administrativere Aufgabe für ihn gefunden werden. Nat, das alte Schlachtross, ist not amused, auch wenn die Arbeit im heimischen London die Möglichkeit bietet, nicht wie bisher der abwesende Ehemann und Vater zu sein - auch wenn das ebenfalls zur Herausforderung werden kann.

Nat spürt die Entfremdung, die wohl alle kennen, die lange Jahre außerhalb ihres ursprünglichen Herkunftslandes gelebt haben - neue Wörter, die er nie gehört hat, Anspielungen zu Gegenwarts- und Poopkultur, die ihm nichts sagen. Immerhin, er kann wieder regelmäßig seinem Lieblingssport Badminton nachgehen. In seinem Sportclub trifft er auch erstmals auf Ed, den mürrischen, einzelgängerischen und ebenfalls Badminton-begeisterten jungen Mann, der unbedingt gegen ihn spielen will. Beim Bier geht es um Brexit und Trump, Ed hasst beides, ist überzeugter Europäer, der insbesondere Deutschland liebt.

Beruflich befasst sich Nat in London mit einem mutmaßlichen russischen Schläfer, der zum Doppelagenten umgedreht werden soll. Als dieser mitten in einer Londoner Hitzewelle aktiviert werden soll, um Moskau eine neue Quelle zuzuführen. steigt nicht nur auf den Straßen die gefühlte Temperatur. Nat ist sicher: Die geheimnisvolle "Valentina", russische Geheimdienstgröße aus bester Tschekisten-Familie, will höchstpersönlich den unbekannten Verräter anwerben und ihm auf den Zahl fühlen. Die umfangreiche Gegenoperation der Briten endet für Nat mit einer Überraschung, die seine gesamte berufliche Existenz auf die Kippe stellt.

Schon der Tonfall Nats als Erzähler lässt erkennen, dass er bei seinen Oberen, der "verehrten Kollegen", in Ungnade gefallen sein muss, dass er ein Mann mit moralischem Kompass ist, der ähnlich wie sein Sportsfreund Ed für den Brexit und nationalen Isolationskurs wenig übrig hat. Für Karriere-Bürokraten hat er eine Mischung aus Verachtung und Ironie übrig - und mit Ehefrau Prue, einer Menschenrechtsanwältin, die sich aktuell dem Kampf gegen Pharmakonzerne verschrieben hat, eine starke Frau an seiner Seite, die sich nicht nur im Privatleben als wichtige Partnerin erweist.

Ein bißchen altersmilde ist LeCarré also doch geworden im Vergleich zum Umgang mit George Smiley - dessen Ehefrau ging schließlich mit seinem größten Konkurrenten und Verräter ins Bett. Und auch das Ende ist, verglichen mit anderen Romanen des Autors, fast schon versöhnlich-mild. Dazwischen aber zeigt sich LeCarré einmal mehr als Meister von Verrat, Intrige und Doppelspiel voller Biss und Ironie.

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