Mensch sein in dieser Zeit
Ich habe dieses Buch als Hörbuch gehört, gesprochen von Jens Harzer, also nicht vom Autor selbst. Am Anfang musste ich mich an die Stimme und Vorleseweise erst ein bisschen gewöhnen, wirkte sie für mich ...
Ich habe dieses Buch als Hörbuch gehört, gesprochen von Jens Harzer, also nicht vom Autor selbst. Am Anfang musste ich mich an die Stimme und Vorleseweise erst ein bisschen gewöhnen, wirkte sie für mich doch ziemlich melancholisch und ernst. Doch je länger ich zuhörte und mich mit dem Inhalt des Buches befasste, umso passender fand ich diesen Sprecher für genau dieses Buch.
Denn es geht um sehr ernste Themen. Um die Verfassung der Welt im Sommer 2024, und das persönliche Leben und die Freundschaften, Begegnungen, Beziehungen, Herausforderungen und Konflikte des Schriftstellers Navid Kermani, die in diesen Rahmen eingebettet sind. Es ist kein Roman, sondern eher eine persönliche Reflexion, und doch sehr spannend erzählt.
Es geht um eine Zeit, die geprägt ist vom Ukraine-Krieg und vom Überfall auf Israel und dem darauffolgenden Gaza-Krieg, dem Wiedererstarken autoritärer Kräfte in vielen Bereichen der Welt, aber gleichzeitig auch von den Nachwirkungen der Pandemie, von der MeToo-Bewegung, von dem Kampf um Freiheit in Iran, von dem amerikanischen Wahlkampf und von vielem mehr.
Einen großen Teil des Buches nimmt der innere Nachruf von Navid Kermani auf seinen verstorbenen Freund Rudolf ein. Rudolf war der in Deutschland lebende Sohn zweier jüdischer Holocaust-Überlebender und hat sich ein Leben lang an diesem Schicksal abgearbeitet. Nach dem 7. Oktober 2023 verhärtete sich seine Position zum Gaza-Krieg, darüber kam es zur Entfremdung der beiden Freunde, und zu einem letzten Treffen am Abend vor Rudolfs Freitod wegen schwerer Erkrankung. Differenziert denkt Navid Kermani über die Freundschaft und das Leben des Freundes nach, über das, was diesen geprägt hat, versucht, sich in diesen einzufühlen und bezieht doch auch eindeutig Stellung in Bezug auf das Leid der Menschen in Gaza.
Sein Werk werde stark von den Geschichten der Menschen geprägt, von dem, was ihm erzählt werde und davon, dass er einfühlsam zuhöre, so führt es der Autor aus. Doch mindestens einmal hat ihn dieses Thema auch in ein großes Dilemma geführt: vor 25 Jahren begegnete er in einer Kneipe der jungen Frau "Julia", die beiden tranken miteinander, nahmen auch Drogen, und sie erzählte ihm von der Vergewaltigung, die sie vor kurzem überlebt hatte - nicht wissend, dass er ein Schriftsteller sei und ihre Geschichte, verfremdet, aber doch ohne ihre Zustimmung, in einem seiner Romane verwenden würde.
Für diese Geschichte bekam der Autor erst einmal viel Lob, denn sie sei so überraschend authentisch erzählt, und das von einem Mann, doch viele Jahre später kam sie auch "Julia" unter, sie fühlte sich erkannt, und, wie sie in einem Brief an ihn schrieb, wie ein zweites Mal vergewaltigt.
Dieser Brief erreicht den Autor aus einer psychiatrischen Klinik, in der sich die Frau zu diesem Zeitpunkt befindet. Der Autor fühlt sich erschüttert und angegriffen, kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie "Julia" seine Geschichte über sie mit einem physischen Übergriff gleichsetzen könne, hat Angst vor Verleumdung und Konsequenzen für seine schriftstellerische Karriere, will wissen, ob ihm diesbezüglich juristisch etwas droht, und sucht "Julia" in der Klinik auf. Diesen Teil habe ich als ambivalent empfunden und aus weiblicher Sicht lange nicht verstehen können, wie diesem sonst durchaus einfühlsamen Mann erst so spät, und nach einem Gespräch mit einer weiteren Frau, dämmert, wie übergriffig sein Verhalten gegenüber einem Vergewaltigungsopfer war. Hier zeigt sich der Autor also nicht nur als Sympathieträger, doch genau das macht ihn mir wiederum sympathisch, denn es ist ehrlich, echt und reflektiert, und im Laufe der Geschichte wird klar, dass er schon ernsthaft verstehen und mitfühlen möchte.
Das macht überhaupt für mich die herausragende Qualität dieses Buches aus: wie sich der Autor darin als ganzer Mensch mit all seinen Facetten zeigt: mit seiner Persönlichkeit, seinen Eitelkeiten und Verwundbarkeiten, auch mit seiner eigenen Geschichte als Sohn persischer Migranten (auch deren Nähe zu Ayatollah Khomeini ist ein Thema, das er beleuchtet und kritisch hinterfragt). Diese Ehrlichkeit, sich so offen als Mensch in der Öffentlichkeit zu zeigen, nötigt mir tiefen Respekt ab, denn das erfordert sicher viel Mut.
Entstanden ist dadurch ein sehr intelligentes, kritisch hinterfragendes und zu vielfältigenden Themen der aktuellen Zeit, von denen ich in dieser Rezension nur ein paar exemplarisch erwähnt habe, zum Nachdenken anregendes Buch, das ich allen an Politik, Geschichte, Psychologie und Zeitgeschehen interessierten Menschen nur wärmstens empfehlen kann, auch in der Hörbuchausgabe des Argon Verlags. Viele der darin geäußerten klugen Gedanken werden mich sicherlich noch länger begleiten.