Ausgesprochen faszinierend zu lesen: intensiv, tiefgehend, psychologisch relevant.
Das Tränenhaus. RomanEin wunderbares Buch; heute so aktuell, wie damals. Fast ist es erschreckend, dass es nahezu nichts an Bedeutung eingebüßt hat.
„Corneliens“ Erleben rührt mich sehr an; sie ist diese Art von Frau, mit ...
Ein wunderbares Buch; heute so aktuell, wie damals. Fast ist es erschreckend, dass es nahezu nichts an Bedeutung eingebüßt hat.
„Corneliens“ Erleben rührt mich sehr an; sie ist diese Art von Frau, mit der ich mich absolut identifiziere. Ein bunter, weiter Kopf - sehr intelligent, aber auch sehr sensitiv - in einer grauen, engen Welt.
Die Beobachtungen von Gabriele Reuter sind so intensiv, tiefgehend und psychologisch relevant. Zart, stark, oft erhellend metaisierend, doch auch in einer wunderschönen poetischen Sprache, in ihrer Bildhaftigkeit unheimlich klar, feinfühlig-pointiert. Ein sehr besonderer Stil.
Für mich war das ausgesprochen faszinierend zu lesen.
In meiner, wohl wenig hinterfragten, Wahrnehmung waren Zeiträume vor hundert, zweihundert, dreihundert Jahren in Fragen der Persönlichkeitsentwicklung gleichgesetzt quasi mit der Steinzeit (vielleicht waren die in ihrer Sozialisierung sogar auf andere Weise weiter, als wir heute).
„Das Tränenhaus“ zeigt eindrücklich auf, wie sehr unsere heutigen Themen auch Menschen, Frauen, zu dieser Zeit schon auf eben jene Weise begleitet haben und wie differenziert und bewusst die Auseinandersetzung mit entsprechenden Fragen doch durchaus bereits war.
Dass es immer schon diese einzelnen bunten Köpfe gab. Die, die viel fühlen, viel sehen, viel hören; die, die Bestehendes hinterfragen.
Gabriele Reuter gehörte offensichtlich zu dieser Riege von Frauen, die ihrer Zeit voraus sind, Systemsprenger, die notwendige gesellschaftliche Veränderungen mutig und klar in die Welt bringen und die Gefahr des Skandals in Kauf nehmen. Die nicht still bleiben. Doch eine besondere Art von Widerstand, von Rebellion leisten, indem sie das Getöse mitzumachen verweigern, ihre Stimme nur da erheben - reflektiert, klar, standhaft, in unumstößlicher Ruhe - wo es darauf ankommt. Und damit oft mehr bewegen, als jedes laute Gebrüll. Und so am Ende überzeugen und mitnehmen.
Die Figur der Cornelie hat mich absolut gefesselt und fasziniert. Sie ist von Beginn an eine als tief wahrnehmend und selbstbewusst geschilderte Persönlichkeit, doch ihre Transformation aus dem verletzten Sich-Abgrenzen in eine solidarisch-fürsorgende, kraftvolle und vertrauensvolle Frau in gesunder Homöostase, liest sich berührend und beeindruckend.
Ihre zudem sehr körper- und wahrnehmungsbetonte Sprache erzeugt Momente der Achtsamkeit in der Herangehensweise, in ihrer Betrachtung ihrer, der Situation der Frau generell, deren gesellschaftlicher Position und Verstrickungen.
Sehr interessant und ansprechend sind für mich auch die Zeittafel und die historische Einordnung, in Form eines Nachwortes, am Ende des Buches. Hier wird noch einmal deutlich, dass das beim Lesen aufkommende Gefühl einer Verbindung zu feministischen Bewegungen, eines möglicherweise autobiografischen Kontextes, und der Bedarf nach Solidarität, insbesondere auch unter Frauen, zentrale Bedeutung haben - die wir ohne Weiteres heute übernehmen können.
Eine äußerst gelungene Abrundung, finde ich, die neugierig macht und Lust auf mehr. Die gewissermaßen den Forscherdrang weckt. Die Lust, zu denken, zu gestalten, zu formen. Sich zu verbünden für ein gutes Leben. Für alle, nicht Einzelne.
Dass Reclam genau diese Sparte vergangener Literatur heute wieder aufgreift freut mich sehr, passt historisch gesehen gut und setzt ein Statement, das dann auch noch in einem wunderschönen, ansprechenden Gewand daherkommt und die besonders Sinn-betonte Erfahrungswelt des Buches äußerlich durch eine sehr besondere Haptik einleitet. Mich hat das sofort gepackt.