Wenn Familiengeschichte plötzlich weh tut
Hitlers GefolgsmannManchmal liegt ein Buch vor einem und man weiß schon nach wenigen Seiten: Das wird kein gemütlicher Lesesessel mit Keks und Tee. Das wird eher ein Stuhl im Verhörraum. Hell ausgeleuchtet, unbequem, aber ...
Manchmal liegt ein Buch vor einem und man weiß schon nach wenigen Seiten: Das wird kein gemütlicher Lesesessel mit Keks und Tee. Das wird eher ein Stuhl im Verhörraum. Hell ausgeleuchtet, unbequem, aber verdammt wichtig.
Hitlers Gefolgsmann von Axel Spilcker ist genau so ein Buch. Keine trockene Geschichtsstunde, bei der man nach drei Seiten innerlich abschaltet. Hier geht es um Robert Ley, einen der mächtigsten Männer im NS-System, aber eben auch um Familie, Schweigen, Schuld und dieses bittere Erbe, das nicht einfach verschwindet, nur weil man den Namen ändert oder den Blick senkt.
Besonders stark ist für mich der persönliche Zugang. Spilcker schreibt nicht aus sicherer Entfernung, sondern aus einer Familiengeschichte heraus, die wehtut. Man spürt diese Mischung aus Recherche, Wut, Fassungslosigkeit und dem Wunsch, endlich hinzuschauen. Da sitzt man als Leser da und denkt: Uff, wie trägt man so etwas eigentlich?
Das Buch zeigt nicht nur den fanatischen Nazi-Funktionär Ley, sondern auch die kaputten Kreise, die so ein Mensch hinterlässt. Frauen, Kinder, Nachkommen, Schweigen, Verehrung, Flucht. Geschichte wird hier nicht als staubiges Archiv erzählt, sondern als etwas, das noch immer nachhallt.
Leicht ist das alles nicht. An manchen Stellen musste ich das Buch kurz weglegen, weil es einfach schwer im Kopf bleibt. Aber genau deshalb funktioniert es. Es ist unbequem, klug und erschreckend aktuell.
Für mich ein starkes, wichtiges und sehr persönliches Buch über Schuld, Erinnerung und die Frage, wie ehrlich eine Familie mit ihrer eigenen Vergangenheit sein kann.