Odysseus ohne Heldenpolitur
OdysseusOdysseus klingt erstmal nach Schulbuch, Sandalenfilm und diesem einen Namen, den man irgendwie immer kennt, aber selten wirklich greifen kann. Und dann kommt Raimund Schulz um die Ecke und sagt sinngemäß: ...
Odysseus klingt erstmal nach Schulbuch, Sandalenfilm und diesem einen Namen, den man irgendwie immer kennt, aber selten wirklich greifen kann. Und dann kommt Raimund Schulz um die Ecke und sagt sinngemäß: Halt mal kurz den Weinbecher, wir schauen uns den Mann jetzt richtig an.
Das Buch macht aus Odysseus keinen glattgebügelten Held mit glänzendem Umhang. Zum Glück. Hier geht es um einen Überlebenskünstler, einen Taktiker, einen Heimkehrer, aber auch um eine ziemlich raue Welt, in der List manchmal wichtiger ist als Moral und ein falscher Schritt direkt ins Verderben führen kann.
Gerade das hat mir gefallen. Diese Antike wirkt nicht wie ein Museum mit Vitrinenlicht, sondern lebendig, hart, gefährlich und manchmal erschreckend nah an uns dran. Man merkt, dass Schulz weiß, wovon er spricht, ohne dabei ständig mit Fachbegriffen um sich zu werfen. Trotzdem muss man wach bleiben. Das ist kein Buch, das einem alles in mundgerechte Häppchen serviert. Manchmal musste mein Kopf kurz sagen: Moment, Kaffee nachfüllen, wir sind hier gerade historisch unterwegs.
Besonders stark fand ich den Blick hinter den Mythos. Odysseus wird nicht kleiner gemacht, sondern menschlicher. Und genau dadurch wird er spannender. Kein makelloser Held, sondern einer, der fällt, trickst, kämpft, zweifelt und trotzdem weitermacht.
Für mich ein kluges, dichtes und überraschend modernes Sachbuch über einen alten Stoff. Nicht immer leicht, aber lohnend. Wer Antike mag, bekommt hier kein trockenes Referat, sondern eine Reise mit Seegang, Abgründen und ziemlich viel Hirnfutter.