Profilbild von Amelien

Amelien

Lesejury Profi
offline

Amelien ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Amelien über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.09.2024

Lang lebe die Schurkin?

Long Live Evil
0

„Als wir noch klein waren, haben wir einander Geschichten erzählt. Dann wurde ich krank und hatte Angst einzuschlafen, weil ich befürchtete nicht mehr aufzuwachen. Ich konnte nur schlafen, wenn ich mir ...

„Als wir noch klein waren, haben wir einander Geschichten erzählt. Dann wurde ich krank und hatte Angst einzuschlafen, weil ich befürchtete nicht mehr aufzuwachen. Ich konnte nur schlafen, wenn ich mir sagte, dass sie ihren Kindern im Fall meines Todes von mir erzählen würde. Dann wäre ich zwar nicht mehr als eine Geschichte, aber das war besser als nichts. Niemand lebte ewig, aber eine Geschichte kann überdauern. Nur dank der Geschichten habe ich überlebt. Wenn ich ums Weiterleben kämpfe, sage ich mir immer: Das wird eine tolle Geschichte, die ich meiner Schwester erzählen kann. Bestimmt wird es ihre Lieblingsgeschichte. Die beste Geschichte, die sie je gehört hat.“ (S. 258-259)

Wow. Bei diesem Buch weiß ich gar nicht wo ich anfangen soll. Es gibt soviel zu sagen, was den Umfang dieser Rezension allerdings sprengen würde, deshalb versuche ich meine Gedanken zu sortieren und die wichtigsten Punkte hervorzuheben ohne dabei genauer auf die Handlung einzugehen.

Die todkranke Rae bekommt die Möglichkeit in ihr Lieblingsfantasybuch zu reisen. Welcher begeisterte Leser hat solche Gedanken nicht schon einmal gehegt? Eintauchen in die Buchwelt, den Lieblingscharakteren begegnen, die einem so vertraut sind und seinen Buchschwarm leibhaftig gegenüberstehen? Für Rae wird dies alles Realität, als ihr eine seltsame Frau im Krankenhaus begegnet, welche ihr einen Pakt anbietet, sie wird leben, wenn sie die Blume von Leben und Tod rechtzeitig pflückt, sobald diese einmalig blüht.

Die Figuren sind ein absolutes Highlight der Geschichte, liebevoll ausgearbeitete Charaktere in einem epischem Fantasysetting. Mein persönlicher Favorit war der mörderische Palastwächter Key, dann gibt es unter anderem noch die verrückte Zofe Emer, die liebliche Lia, die Geschichtenliebende goldene Kobra, den selbstverliebten König und den kalten wortkargen Marius Valerius.
Eine spannende Mischung aus Schurken, zweifelhaften Helden und bissigen Dialogen macht das Buch zu etwas ganz Außergewöhnlichem. Besonders gefallen hat mir die originelle Idee, eine Mischung aus Metafiktion und Fantasy, verwobenen in einem besonders schönen, gehaltvollen und sehr gehobenen Schreibstil, der wohl angemerkt nicht für jeden etwas ist.

Als Leser ist es spannend zu sehen, wie sich das Gefüge der Buchwelt durch Raes Entscheidungen verändert. Die Figuren die eigentlich wie Marionetten reagieren sollten, entwickeln plötzlich ein Eigenleben und die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.
Ein besonderer Reiz beim Lesen entsteht durch die Prämisse, das Rae in die Rolle der Schurkin schlüpft und durch egoistisches Verhalten ihr eigenes Überleben sichern will.

Das Buch erhält aufgrund kleinerer Schwächen von mir einen halben Stern Abzug, da die Autorin sich zu sehr in den Nebenschauplätzen verliert, dadurch weist die Geschichte einige unnötige Längen auf und schafft mehr Verwirrung als Klarheit. (Teilweise wurde daraus eine Abschweifung von den Abschweifungen…XD)

Insgesamt gefiel mir das Buch aber richtig gut. Ich mochte den eloquenten Schreibstil, sowie die Schwärmerei und den Fokus auf die Charaktere und das forcieren der moralischen Grauzonen.

Ich würde dieses Buch älteren Lesern empfehlen, die eine originelle Idee schätzen, sowie komplexe Charaktere, unerwartete Wendungen und einem anspruchsvollen Schreibstil gegenüber nicht abgeneigt sind.

4,5⭐️

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.09.2024

Eine Familie im Schatten der Schuld

Even If I fall
0

„Jason war weg.
Meine Familie war zerbrochen.
Und Träume hatten keinen Platz mehr in diesem Albtraum, den wir lebten.“
(Seite 70)

Forbidden love

Ein Young Adult Roman der tief in die emotionalen und ...

„Jason war weg.
Meine Familie war zerbrochen.
Und Träume hatten keinen Platz mehr in diesem Albtraum, den wir lebten.“
(Seite 70)

Forbidden love

Ein Young Adult Roman der tief in die emotionalen und sozialen Herausforderungen einer Familie eintaucht, welche mit den Folgen eines Mordes leben muss. Die Geschichte wird aus der Perspektive der siebzehnjährigen Brooke erzählt, deren Bruder Jason für den Mord an seinem besten Freund verurteilt wurde. Seitdem lastet ein dunkler Schatten auf ihrer Familie und verändert ihr Leben dramatisch. Ihr einziger Trost das Eiskunstlaufen, bis sie Heath kennenlernt, den jüngeren Bruder des Opfers, es entwickelt sich eine verbotene Liebe.

Brooke kämpft mit der Ausgrenzung und Verachtung der Gemeinschaft, dadurch wird eine bedrückende Atmosphäre geschaffen, die den Leser auf emotionaler Ebene abholen soll. Auch das zentrale Element des Romans mit der verbotenen Liebe schafft eine spannende Prämisse. Jedoch bleibt stets der Hauptfokus auf der Aufklärung des Mordes sowie dem Umgang und der Verarbeitung mit diesem schrecklichen Geschehen. Dadurch gerät die Liebesgeschichte in den Hintergrund und erfährt eine weniger intensive Erzählung.

„Ich schaue aus dem Fenster. Die wenigen Bäume, an denen wir vorbeifahren, sind zwar keine Steineichen, trotzdem muss ich an den Jungen denken, der vielleicht an einer auf mich wartet, und an den Jungen, dessen Leben ausgelöscht wurde.“
(Seite 85)

Ein weiterer Punkt der in diesem Buch gut dargestellt wird, ist die Auswirkung die Jasons Tat auf alle Beteiligten hat. Einfühlsam schildert die Autorin wie tiefgreifend ein solches Ereignis das Leben aller Familienmitglieder beeinflussen kann und zeigt so die Zerbrechlichkeit und den inneren Kampf der Charaktere.

Die Geschichte ist randvoll mit emotionalen Themen, aber aufgrund der begrenzten Seitenzahl (379 Seiten) werden diese weniger vertieft. Genau wie die Auflösung des Mordes, welche mich irgendwie enttäuscht hat, da die Spannung des Romans auf diesem aufbaute.

Fazit:
Insgesamt ist „Even if i fall“ ein solides Buch, welches mich nicht komplett überzeugen konnte, da es viel Potenzial verschenkt, welches es aufgrund der emotionalen Themen haben könnte. Die Darstellung war mir persönlich insgesamt zu wenig und die Geschichte hat mich nicht wirklich emotional ergriffen und abgeholt. Positiv dagegen war die authentische Beleuchtung von Trauer, Schuld und Vergebung wie auch die spannende Liebesgeschichte durch den Trope „forbidden love“.

⭐️⭐️⭐️

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.08.2024

Der Rätseljäger auf der Suche nach der eigenen Wahrheit

Das größte Rätsel aller Zeiten
0

„Letztlich bedauern wir nur die Chancen die wir nicht ergriffen haben.“ (Seite 64)

Clayton Stumpers Geschichte beginnt damit, als er als Findelkind auf den Stufen der Rätselmacher-Gemeinschaft verpackt ...

„Letztlich bedauern wir nur die Chancen die wir nicht ergriffen haben.“ (Seite 64)

Clayton Stumpers Geschichte beginnt damit, als er als Findelkind auf den Stufen der Rätselmacher-Gemeinschaft verpackt in einer Hutschachtel abgelegt wird. Dort entdeckt ihn Pippa Allsbrook, Gründerin der Rätselgemeinschaft. Clayton wächst unter besonderen Menschen und Rätseln auf, damit erlernt er das entschlüsseln von Botschaften und das Lösen von Puzzeln. Dennoch ein Rätsel bleibt, wer ist er eigentlich und wo kommt er her?

Als Pippa stirbt hinterlässt sie Clayton ein letztes Rätsel -sein eigenes.
Clayton verlässt sein behütetes Nest Creighton Hill und begibt sich in die reale Welt, wo er eher ein Sonderling ist, da er in einer alternden Gesellschaft großgeworden ist. Für Clayton nicht nur eine Suche nach seinen Wurzeln, sondern auch eine Selbstfindungsphase.

Positiv gefiel mir an dem Roman, die Welt der Rätsel verwoben mit Claytons Selbstfindung. Die Kapitel wechseln zwischen Gegenwart, dort folgt Clayton Pippas Spuren und Rückblicken, wie die Rätselgemeinschaft entstanden ist. Dadurch wird dem Roman eine Puzzlestruktur verliehen, welche der geneigte Leser nach und nach zusammensetzen kann.

Die Charaktere sind liebevoll ausgearbeitet und sehr eigen und skurril, was sie aber insgesamt sehr charmant macht. Die alten Rätselmeister haben so ihre besonderen Eigenarten und kompensieren ihre Einsamkeit mit Rätseln und Puzzeln.

Schwächen die in diesem Roman deutlich werden, sind die stellenweisen Längen aber auch, dass das Buch hinter seinen Erwartungen zurückbleibt. Das größte Rätsel, der maßgebliche Titel des Romans, ist letztlich eher eine persönliche Geschichte, die nicht die suggerierten epischen Ausmaße annimmt, die der Klappentext vermuten lässt.

Fazit: Eine charmante und humorvoller Geschichte, trotz melancholischer Themen, welche durch Rätsel und liebevoll gezeichnete Charaktere besticht. Kleine Reminder wie die Identitätssuche und der Wert einer Gemeinschaft blitzen zwischen den Zeilen durch.
Für Clayton ist es die Suche nach seinem größten Rätsel -seine Herkunft, für den Leser ist es eine einfühlsame Erzählung gespickt mit netten Rätseln.

⭐️⭐️⭐️⭐️

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.08.2024

Match oder nicht? Laurens unendliches Ehemann-Swipen…

Ehemänner
0

„Du weißt schon, dass du immer mit der Antwort beginnen solltest, die du hören willst, oder?“
„Wie bitte?“
Er deutet mit dem Kopf auf ihre Hände und den leeren Stiel.
„Keine Garantie, aber normalerweise ...

„Du weißt schon, dass du immer mit der Antwort beginnen solltest, die du hören willst, oder?“
„Wie bitte?“
Er deutet mit dem Kopf auf ihre Hände und den leeren Stiel.
„Keine Garantie, aber normalerweise haben Blumen eine ungerade Anzahl von Blütenblättern. Deshalb fängst du mit Er liebt mich an, richtig? Womit auch immer du beginnst, das ist wahrscheinlich die Antwort, die du am Ende bekommst.“
(Seite 168)

Tinder lässt grüßen. Ein Wisch und ein besserer Mann könnte kommen. Nur das es in diesem Fall ein Dachboden betrifft, der ständig neue Ehemänner produziert, wenn er Lauren nicht gefällt.

Das Buch könnte man als humorvolle Satire unserer heutigen Dating-Wegwerf-Gesellschaft auffassen. Eine Generation voller Bindungsängste und dem Gedanken es gibt so viele Optionen, welche ist die beste für mich. Immer ein Fuß in der Hintertür, weil man sich nicht festlegen kann oder möchte.

Die Hauptprotagonistin Lauren steht eines Nachts vor genau so einem „surrealen“ Problem, ihr Dachboden scheint eine unerschöpfliche Menge an potentiellen Ehemännern aus dem Nichts zu produzieren. Mit jedem Ehemann verändert sich auch ihr Leben, die Wohnung und das soziale Umfeld. Es suggeriert dem Leser auf einer Ebene, dass egal wie wir uns Entscheiden unsere Leben einen anderen Verlauf nimmt. Es gibt unzählige Möglichkeiten und diese Ehemänner führen zu neuen Möglichkeiten. Lauren kann sich nicht entscheiden, immer stört sie etwas und daraufhin wechselt sie den Ehemann. Sie lässt sich nicht auf die Männer ein und entscheidet sehr oberflächlich, wen sie aussortiert.

Anfangs ist die Idee auch sehr spannend und man fiebert neugierig auf die Auflösung hin.
Aber während des Lesens beschlich mich der Verdacht, hier sind sehr viele Belanglosigkeiten aneinandergereiht und Laurens Wahlen sind nicht immer nachvollziehbar, da sie mir sehr wahllos und undurchdacht erschienen. Bei über 200 Ehemännern verliert man zudem wohl leicht den Überblick.

Für mich konnte das Buch die anfängliche Begeisterung der Ausgangsidee nicht wirklich tragen. Das Anfangsszenario welches zu Beginn erfrischend neu und originell ist, wiederholt sich schnell und die Handlung beginnt zu stagnieren. Die immer gleichen Abläufe und Laurens zögerliche, eher passive Art und ihre oberflächlichen Entscheidungen wirkten auf mich sehr ermüdend. Zudem ist Lauren mehr ein Platzhalter ihrer eigenen Geschichte, da sie selber sehr blass wirkt und kaum eine nennenswerte Entwicklung durchmacht.
Gramazios Versuch eine gesellschaftskritische Note in die Geschichte zu verflechten, gelingt nur bedingt. Ihre Kritik an der heutigen Wegwerfmentalität, gerade im Hinblick auf das Thema Dating wird deutlich und dringt beim Leser durch, aber sie bleibt dabei nur an der Oberfläche und dadurch wird die Geschichte eher zu einem flachen surrealen-Tinder-Abklatsch.

Mein Fazit: Sehr unterhaltsam, aber noch sehr ausbaufähig.
„Ehemänner“ ist eine leichte und unterhaltsame Lektüre für zwischendurch. Gerade zu Beginn und die originelle Idee bereiten Lesevergnügen. Doch mit der Zeit verliert die Geschichte an Schwung und die doch so gelobte Originalität nutzt sich ab.
Leser die eine humorvolle Geschichte ohne Tiefgang suchen, kommen hier sicherlich auf ihre Kosten.

3,5 ⭐️ da mich das Buch nicht komplett überzeugen konnte.

⭐️⭐️⭐️

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.07.2024

Tauchgang durch die Jahrhunderte

Das Echo der Gezeiten
0

Das Echo der Gezeiten ist ein bemerkenswertes Buch mit einer faszinierenden Geschichte. In dem Roman werden zwei Frauenleben über die Jahrhunderte hinweg miteinander verwoben.

Tilla ist eine junge Frau ...

Das Echo der Gezeiten ist ein bemerkenswertes Buch mit einer faszinierenden Geschichte. In dem Roman werden zwei Frauenleben über die Jahrhunderte hinweg miteinander verwoben.

Tilla ist eine junge Frau in den 1950er Jahren und träumt von einem Leben unter Wasser, inspiriert von ihrem Vorbild Lotte Hass. Dabei geht sie mutig und entschlossen vor und dies gegen jedwede gesellschaftliche Erwartung. Ihr Durchsetzungsvermögen ist beeindruckend, was sie für mich zu einem unglaublich spannenden Charakter machte.
Die Beschreibung der Tauchgänge war außerordentlich lebendig und mitreißend, genauso wie ihre Herausforderungen in einer männerdominierenden Welt der Archäologie. Besonders hat es mir die Entdeckung des legendenumwobenen Schiffswracks angetan – Geschichtszeugnisse welche einen an die Verwirklichung von Träumen glauben lassen, wenn man nur entschieden daran glaubt und bereit ist dafür zu kämpfen.

Der zweite Zeitstrang handelt von Nes Dorn im Jahre 1633. Diese flieht mit ihrer Mutter auf die Nordseeinsel und dort werden sie in die Gemeinschaft der Beginen aufgenommen. Jedoch erfahren sie auch dort Misstrauen und Vorurteile. Nes war für mich auch ein interessanter Charakter, ihre Entschlossenheit die Familie zu verteidigen und das Schicksal der verschwundenen Kinder aufzuklären haben mich unglaublich gefesselt.
Die Erzählung ihrer Geschichte ist unglaublich dramatisch und packend, insbesondere als sie ihre eigene Familiengeschichte entdeckt und die zunehmende Bedrohung durch die Inselbewohner sich immer mehr zuspitzt.

Rebekka Frank schildert dabei bildhaft die Naturgewalten des Meeres, sowie die ruhige und stürmische Seite der Nordsee. Die Wechsel zwischen den beiden Zeitebenen sind dabei fließend und erzeugen eine konstante Spannung. Der Autorin gelingt es meisterhaft die Ängste und Hoffnungen der beiden Protagonistinnen rüberzubringen und so fiebert man als Leser durchgängig mit.

Mir ist besonders die detaillierte und sehr liebevolle Ausarbeitung der Nebencharaktere in Erinnerung geblieben. Gerade Tillas Oma Frieda mit ihrem wachen Verstand und ihrer mütterlichen Art hat mir sehr gefallen.

Der Roman besticht durch seine lebendigen Charaktere und beeindruckenden Beschreibungen. Hier wird auf besondere Weise das Meer als Element zwischen den Zeiten gewählt und seine besondere Verbindung zu den Menschen. Kleines Manko waren für mich die teilweise spannungsarmen Längen, aber dennoch ein gutes Buch über zwei starke Frauen und die wilde Schönheit der Nordseeküste.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere