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Veröffentlicht am 04.02.2026

Düsterer Überlebenskampf

To Cage a Wild Bird
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„To Cage a Wild Bird” ist der Debütroman der amerikanischen Autorin Brooke Fast und der erste Band ihrer dystopischen Reihe „Divided Fates”.

In der Welt von Dividium wird jedes Vergehen mit lebenslanger ...

„To Cage a Wild Bird” ist der Debütroman der amerikanischen Autorin Brooke Fast und der erste Band ihrer dystopischen Reihe „Divided Fates”.

In der Welt von Dividium wird jedes Vergehen mit lebenslanger Haft im Gefängnis Endlock bestraft, einem Ort, an dem die Reichen Gefangene zur Unterhaltung jagen. Als Ravens Bruder verhaftet wird, schleust sie sich als Gefangene in Endlock ein, um ihn zu befreien. Schon bald muss sie alles daransetzen, damit sie und ihr Bruder die brutalen Spiele im Gefängnis überleben. Die einzige Hilfe, die sie dabei erhält, kommt ausgerechnet von dem mysteriösen Wachmann Vale.

Protagonistin Raven ist eine starke und zugleich verletzliche Heldin. Sie ist eine Einzelkämpferin, die ihren Bruder um jeden Preis beschützen will. Im Gefängnis muss sie notgedrungen lernen, anderen zu vertrauen, und für das Richtige einzustehen. Dabei zeigt sie eine glaubwürdige Mischung aus Härte und Sensibilität.

Vale ist eine interessante und rätselhafte Figur, seine Motivation bleibt jedoch lange Zeit unklar, was die Anziehung zwischen ihm und Raven wenig glaubwürdig erscheinen lässt. Zudem wird die emotionale Bindung zu schnell erzählt. Auch die expliziten romantisch-sexuellen Szenen wirken an mehreren Stellen deplatziert, da sie den Ton der Geschichte unterbrechen. Anstatt die düstere Stimmung zu vertiefen, nehmen sie der Handlung spürbar an Intensität. Die durch das grausame System und Ravens verzweifelten Kampf um ihren Bruder aufgebaute Spannung wird abgeschwächt, wenn der Fokus plötzlich auf körperlicher Nähe liegt.

„To Cage a Wild Bird” erzählt eine düstere und brutale Geschichte, in der Überleben, Schuld und Loyalität zentrale Themen sind. Die Grundidee der Gesellschaft Dividium und des Gefängnisses Endlock ist eindringlich und bietet viel Potenzial für Spannung und moralische Konflikte, welches jedoch nicht voll ausgeschöpft wird. Dennoch sorgen die bedrohliche Atmosphäre und der ständige Überlebensdruck, geprägt von Angst und Hoffnungslosigkeit, für einen packenden Lesefluss.

Insgesamt ist ein spannender und emotionaler Roman mit starken Ansätzen, einem dramatischen Überlebenskampf und einer mutigen Protagonistin.

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Veröffentlicht am 04.02.2026

Opulentes Fantasy-Abenteuer

We hunt the Flame
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Zafira, die Jägerin, und Nasir, der Prinz des Todes, sind im Königreich Arawiya Legenden. Als sich ein Krieg zusammenbraut, der Arz immer näher rückt und das Land in Schatten hüllt, bricht Zafira zu einer ...

Zafira, die Jägerin, und Nasir, der Prinz des Todes, sind im Königreich Arawiya Legenden. Als sich ein Krieg zusammenbraut, der Arz immer näher rückt und das Land in Schatten hüllt, bricht Zafira zu einer gefährlichen Suche auf. Ein verlorenes Artefakt könnte den Fluch des Arz brechen. Auch Nasir wird auf eine Mission geschickt. Sein Auftrag lautet, das Artefakt zu finden – und Zafira zu töten.

„We Hunt the Flame” entführt die LeserInnen in eine märchenhafte, orientalische Welt voller Geheimnisse und Schatten. Faizal schreibt bildgewaltig und mitunter poetisch. Die Vielzahl arabischer Begriffe ist zunächst herausfordernd und hemmt den Lesefluss, doch sie verleihen der Geschichte Authentizität und Tiefe. Die fantastische Welt ist detailreich, atmosphärisch und originell. Doch auch hier benötigt man einige Seiten, um sich zurechtzufinden.

Die Geschichte folgt Zafira, einer Jägerin, die sich als Mann ausgibt, um ihr Volk zu beschützen. Sie ist eine starke Protagonistin, die ebenso mutig wie verletzlich ist und einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit hat. Nasir hingegen ist eine eher tragische Figur, zerrissen zwischen Pflicht und Gewissen. Als „Prinz des Todes” wird er gefürchtet, und als Sohn eines tyrannischen Herrschers darf er keine Schwäche oder gar Mitgefühl zeigen.

„We Hunt the Flame” ist ein Fantasy-Abenteuer mit slow-burn-Romance, wobei Faizal den Fokus nicht auf die Suche nach dem Artefakt, sondern auf die Charakterentwicklung und die Dynamik der Figuren untereinander legt. Dadurch schreitet die Handlung mitunter recht langsam voran, aber die unterhaltsamen Dialoge trösten größtenteils darüber hinweg.

Alles in allem ist „We Hunt the Flame” ein unterhaltsames Fantasy-Debüt voller Emotionen, Abenteuer und Atmosphäre. Trotz gelegentlicher Längen und einer anfangs etwas dichten Weltbeschreibung begeistert die Geschichte mit einer originellen Welt, vielschichtigen Figuren und einer zarten Romanze.

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Veröffentlicht am 29.09.2025

Ein schonungsloser Blick auf den Körperwahn

Gym
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Eine Frau Mitte 30 bewirbt sich als Tresenkraft im Mega-Gym. Da sie äußerlich nicht den Erwartungen entspricht und zudem recht unsportlich ist, greift sie zu einer Notlüge: Sie erklärt ihre Unzulänglichkeiten ...

Eine Frau Mitte 30 bewirbt sich als Tresenkraft im Mega-Gym. Da sie äußerlich nicht den Erwartungen entspricht und zudem recht unsportlich ist, greift sie zu einer Notlüge: Sie erklärt ihre Unzulänglichkeiten damit, gerade entbunden zu haben.

„Gym” ist eine eindringliche Geschichte über Selbstoptimierung und Leistungsdruck. Im Zentrum der Handlung steht eine namenlose Ich-Erzählerin, die aufgrund einer Notlüge und ihrer eigenen Ambitionen zunehmend unter Druck gerät. Kessler schildert präzise und von Sinneseindrücken durchzogen den Alltag im Fitnessstudio. Diese Detailfülle verwandelt das Mega Gym in eine Hochglanzbühne, auf der Selbstdarstellung, Leistungsdenken und Schönheitswahn den Ton angeben. Die Protagonistin reflektiert in einer Mischung aus lakonischem Witz und nüchterner Genauigkeit. Anfangs noch unsicher, gewöhnt sie sich schnell ein und beginnt selbst zu trainieren. Angetrieben vom Wunsch, dazuzugehören, wird das Training schnell zur Obsession. Sie geht an ihre Grenzen, versucht krampfhaft, ihre Lüge aufrechtzuerhalten, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und verliert sich zunehmend im Selbstoptimierungswahn.

„Gym” ist ein psychologisches Kammerspiel, dessen dramaturgische Dreiteilung für Spannung sorgt. Auf die Phase der Eingewöhnung folgt eine Phase der wachsenden Identifikation, an deren Ende die Protagonistin Gefahr läuft, sich in einem Strudel aus Anpassung, Leistungsdruck und Selbstoptimierung zu verlieren.

Gegen Ende hin verschärft sich das Geschehen jedoch so drastisch, dass die Erzählung an Glaubwürdigkeit verliert. Auch manche Nebenfigur wirkt eher skizziert als lebendig.

Dennoch ist „Gym” ein kraftvoller, kluger und mitunter verstörender Roman, der die Schattenseiten von Körperkult und Selbstoptimierung aufzeigt. Provokant, unterhaltsam und lesenswert.

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Veröffentlicht am 02.09.2025

Ein rätselhafter Mord im alten Wien

Frag Philomena Freud
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Das Waisenmädchen Philomena verdient sich ihren Lebensunterhalt als Schuhputzerin vor der Praxis von Sigmund Freud. Als eine junge Patientin des Mordes an ihrer Tante beschuldigt wird, ist Philomena von ...

Das Waisenmädchen Philomena verdient sich ihren Lebensunterhalt als Schuhputzerin vor der Praxis von Sigmund Freud. Als eine junge Patientin des Mordes an ihrer Tante beschuldigt wird, ist Philomena von ihrer Unschuld überzeugt und begibt sich auf die Suche nach dem wahren Täter.

„Frag Philomena Freud” ist ein unterhaltsamer Jugendkrimi, der im Wien der 1920er Jahre spielt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht das Waisenmädchen Philomena, eine charmante Hauptfigur mit Herz und Verstand. Sie ist mutig, klug und hilfsbereit. Ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, die Angst, zurück ins Waisenhaus zu müssen und ihre Verbundenheit zu anderen Straßenkindern und besonders zu ihrem treuen tierischen Begleiter Kaiser Franz, machen sie zu einer glaubwürdigen und nahbaren Figur. Während die Nebenfiguren im Vergleich etwas blass bleiben, treibt Philomena mit ihrer ausgeprägten Beobachtungsgabe und ihrem unerschütterlichen Willen, die Wahrheit ans Licht zu bringen, die Handlung voran. Die Ermittlungen sind spannend aufgebaut, laden zum Miträtseln ein und überraschen mit der einen oder anderen Wendung. Gerade zum Ende hin zieht das Tempo merklich an und mündet in einem dramatischen Finale.

Freud und die Psychoanalyse werden, anders als der Klappentext vermuten lässt, leider nur am Rande erwähnt. Auch das Leben im Waisenhaus spielt nur eine untergeordnete Rolle, weckt aber die Neugier, in den Folgebänden mehr über Philomenas Vergangenheit zu erfahren. Nichtsdestotrotz besticht die Geschichte durch die lebendige Darstellung der damaligen Zeit – von der vornehmen Gesellschaft bis hin zum ärmlichen Alltag eines Straßenmädchens.

"Frag Philomena Freud" ist ein historischer Jugendkrimi mit Herz, Humor und Wiener Charme, der mit einer sympathischen Hauptfigur, spannenden Ermittlungen und clever platzierten Hinweisen für unterhaltsame Lesestunden sorgt und die Neugierde auf weitere Bände weckt.

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Veröffentlicht am 29.07.2025

Lebensnahe und recht spannende Charakterstudie

Happiness Forever
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Sylvie hat einen Job als Tierarzthelferin, die Gesellschaft ihres Telefon-Freunds Conrad und ihr lädiertes Hündchen Curtains, doch ihr Lebensmittelpunkt ist ihre Therapie, denn Sylvie ist in ihre Therapeutin ...

Sylvie hat einen Job als Tierarzthelferin, die Gesellschaft ihres Telefon-Freunds Conrad und ihr lädiertes Hündchen Curtains, doch ihr Lebensmittelpunkt ist ihre Therapie, denn Sylvie ist in ihre Therapeutin verliebt. Sie will sie küssen, sich mit ihr auf dem Boden wälzen. Sie denkt jede Sekunde an sie. Als ihre Therapeutin Sylvie eine niederschmetternde Nachricht überbringt, muss Sylvie neue Lösungen finden, in der Welt zurechtzukommen.

„Happiness Forever” ist eine Geschichte, die entweder einen Nerv trifft oder eben nicht. Die Grundprämisse einer Gesprächstherapie – jeden Gedanken auszusprechen, der einen beschäftigt, egal wie unklar oder kurios er ist – macht den Kern der Geschichte aus. Durch die Therapiesitzungen, ihre Fixierung auf die Therapeutin sowie ihre alltäglichen Gedanken und Erfahrungen lernt man Sylvie als LeserIn langsam kennen. Ihre Gedanken reichen von bizarr bis geistreich, drehen sich oft im Kreis und sind sehr symbolträchtig. Sylvie ist eine sympathische Figur, die sehr introvertiert und wenig selbstreflektiert erscheint. Sie neigt dazu, Probleme zu bagatellisieren, und oftmals hat man beim Lesen das Gefühl, dass sie den Elefanten im Raum bewusst ignoriert und sich lieber auf die Therapeutin fokussiert. Bei manchen geschilderten Erlebnissen kann man ihr das jedoch nur schwerlich verübeln. Dennoch lernt sie, sich zu öffnen und behutsam Raum zu verschaffen.

Es ist eine Geschichte, die völlig unaufgeregt daherkommt und von einer behutsamen Spannung getragen wird. Man möchte verstehen, was Sylvies Charakter ausmacht und was hinter ihrer Obsession für die Therapeutin steckt.

Adelaide Faith zeigt anschaulich, wie Gedanken unser Handeln und unsere Gefühle beeinflussen. Gespickt mit tiefgreifenden Gedanken und mitunter schreiender Symbolik erzählt sie die Geschichte einer Frau, die trotz ihrer Verletzlichkeit versucht, sich dem Leben zu öffnen und ihren eigenen Weg zu finden – authentisch, einfühlsam, offenherzig und mitunter schrecklich banal. Empfehlenswert für LeserInnen, die an Sylvies Therapieerfahrung anknüpfen können. Wer eine spannende Geschichte einer Obsession oder eine großartige Charaktentwicklung erwartet, wird vom Verlauf der Handlung wahrscheinlich gelangweilt sein. Heilung braucht Zeit und verläuft in kleinen Schritten, die oftmals recht unspektakulär erscheinen.

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