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Veröffentlicht am 30.06.2018

Zwei Schnüffler

Blutrote Provence
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Leclerc ist Kriminalbeamter im Ruhestand - nicht freiwillig! Zum Abschied schenkten ihm die Kollegen einen Mops namens Tyson, damit er wenigstens Spaziergänge unternimmt. doch er fühlt sich noch lange ...

Leclerc ist Kriminalbeamter im Ruhestand - nicht freiwillig! Zum Abschied schenkten ihm die Kollegen einen Mops namens Tyson, damit er wenigstens Spaziergänge unternimmt. doch er fühlt sich noch lange nicht bereit, aufs Abstellgleis geschoben zu werden. So kommt ihm ein Dreifachmord in der Nähe geradezu gelegen und ohne zu zögern, eilt er an den Tatort. Als er die Auffindesituation überfliegt, kommt ihm ein alter Fall in den Sinn, doch natürlich liegt die Lösung nicht gleich auf der Hand. Sein Mops und er beginnen zu schnüffeln, unterstützt von einer ehemaligen Kriminalpolizistin, die jetzt Streife geht. Mit dem Dreifachmord ist es in der Provence noch lange nicht getan - doch Leclerc und Tyson sind zwei zähe Hunde, die nicht so schnell aufgeben.

Manchmal, muss ich ganz ehrlich gestehen, ist mir der pensionierte Kriminaler schon ganz schön auf den Geist gegangen, und ich hatte gehofft, dass die Polizisten ihn ab und zu mal ernsthaft zurechtweisen, zumal er seinen Hund gern mal über Tatorte laufen lässt und sich einen Sch... um die Beweislage kümmert. Aber im Großen und Ganzen war es eine spannende Lektüre mit einem Seitenstrang die Polizistin betreffend, der auch nicht uninteressant war. Die typischen Beschreibungen der Provence waren vorhanden, und auch wenn mir der Täter ein wenig zu weit hergeholt vorkam (wie zum Teufel hat er einen Elitesoldaten überraschen können?), wurde ich gut unterhalten und bin nicht abgeneigt, weitere Abenteuer des Pensionärs zu lesen.

Veröffentlicht am 29.06.2018

Leichen im Keller

Der Kreidemann
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1986: Der zwölfjährige Eddie Adams und seine Freunde finden mitten im Wald ein totes Mädchen - erschlagen und zerstückelt. Ein Täter wird gesucht und schnell auch jemand beschuldigt - Mister Halloran, ...

1986: Der zwölfjährige Eddie Adams und seine Freunde finden mitten im Wald ein totes Mädchen - erschlagen und zerstückelt. Ein Täter wird gesucht und schnell auch jemand beschuldigt - Mister Halloran, der seltsame Albino. Bleich, dürr, nicht aus der Gegend stammend und Lehrer an Eddies Schule. Natürlich musste er es gewesen sein, hatte er doch ein heimliches Verhältnis mit dem toten Mädchen. Seiner Festnahme entzieht er sich durch Selbstmord, das reicht den Behörden. Doch Eddie kann nicht aufhören, an die gemalten Kreidezeichnungen zu denken, die ihn und seine Freunde zu dem toten Mädchen geführt haben.
2016: Der erwachsene Eddie erhält Besuch von ausgerechnet dem einen Freund aus Kindertagen, den er am wenigsten leiden kann. Doch der erklärt, er wüsste, wer das Mädchen damals wirklich umgebracht hat - bevor er jedoch Eddie mehr erzählen kann, stirbt er unter seltsamen Umständen. Eddie wird den Verdacht nicht los, dass das Verbrechen von damals noch immer sorgfältig von jemandem gehütet wird ...

Ich hatte mich richtig gefreut, diesen Krimi gelesen, weil ich die Leseprobe schon sehr gut fand. Ich mag es, wenn Kinder aus den Achtzigern in Sachen verwickelt werden, da ist alles noch irgendwie entschleunigt, keiner hat ein Handy, die machen Zeug zusammen, auf die wir heute kaum kämen. Und eigentlich hat mir sowohl das Geschehen in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart gefallen, obwohl ich mit der Lösung am Ende nicht ganz glücklich bin. Ja, bestimmt ist das möglich, aber sehr wahrscheinlich ist das nicht. Das Buch hätte auch ganz großes Kino sein können, wenn manche Sachen nicht ganz so oft wiederholt oder einiges gestrafft worden wäre. Mir zum Beispiel waren die luziden Träume von Eddie zu viel - es nimmt mir die Spannung und den beabsichtigten Grusel, wenn ich weiß, dass jemand träumt. Und dass so viele Leute sprichwörtlich Leichen im Keller haben ... muss man mögen.
Hervorheben muss ich auf jeden Fall die Leistung des Sprechers Devid Striesow, der die Geschichte mit großem Geschick und Talent gestemmt und sogar in meinen Augen aufgewertet hat.

Veröffentlicht am 27.06.2018

Die Prinzessin und die Kriegerin

Children of Blood and Bone
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Zelie hat ein hartes Leben. Als sie noch klein war, ist ihre Mutter ermordet worden, weil sie eine Magierin war und der Herrscher ihres Landes sich vor ihnen fürchtet. Mittlerweile ist die Magie gänzlich ...

Zelie hat ein hartes Leben. Als sie noch klein war, ist ihre Mutter ermordet worden, weil sie eine Magierin war und der Herrscher ihres Landes sich vor ihnen fürchtet. Mittlerweile ist die Magie gänzlich verschwunden. Jetzt ist sie siebzehn und auf der Flucht vor den Häschern des Königs, als ihr ausgerechnet dessen Tochter Amari vor die Füße läuft, die ebenfalls geflohen ist. In ihrem Besitz befindet sich einer von drei Artefakten, welche in der Lage ist, die Magie zurückzubringen. Ständig gejagt, ausgerechnet von Inan, dem Bruder Amaris und auf der Suche nach den anderen drei Artefakten, befinden sich Zelie, die Prinzessin und Zelies Bruder in einer grausamen Welt, in welcher jeder Schritt ihr letzter sein könnte.

Wow, welch Potenzial dieses Buch hat. Und doppelt Wow, wieviel Potzenzial hier verschenkt wurde. Richtig gut ist, dass man hier keine 08/15 Welt vorfindet, wie sie in jedem zweiten Jugendfantasybuch beschrieben wird. Hier ist westafrikanische Folklore in Action, das zumindest auf uns Europäer exotisch wirken dürfte. Auch die Message des Buches ist wichtig: Rassismus und Unterdrückung ist nicht hinnehmbar und man muss sich dagegen wehren. Doch gegen die Botschaft und die Exotik fallen sowohl Geschichte als auch Protagonisten ab. Natürlich ist klar, dass jemand wie Zelie nicht unbeschadet aus ihren Erlebnissen hervorgeht, doch die Frau hat mich einfach nur genervt. Die baut permanent Mist und wundert sich hinterher, warum ihr Bruder, der sich ständig für sie in Lebensgefahr begibt, sauer auf sie ist. Inan, der Prinz, lässt sich alle fünf Minuten was anderes einreden. Erst ist er der große Gegner, dann verliebt er sich in der Zeitspanne, in der ich kurz geblinzelt habe, dann wiederum ist er wieder der große Gegner. Die Prinzessin ist abwechselnd mega unnütz und mega tough. Richtig cool ist eigentlich nur Tzain, Zelies Bruder, und das reicht einfach nicht, um das Buch zu tragen, zumal es einige Logiklücken gibt, die unerklärlich sind. Zum Beispiel, dass mitten in einer Wüste, die so wenig Wasser hat, dass man ein Vermögen für einen Becher mit Wasser ausgeben muss, eine ganze Arena täglich (!!!) mit so viel Wasser fluten kann, dass sich da dreißig Schiffe drauf tummeln. Und in der Arena sitzen ringsherum Adlige, die zuschauen, wie sich die Schiffe gegenseitig mit Kanonen in Grund und Boden ballern, ohne dass diesen Adligen dabei was passiert. Aha. Nein. Echt nicht. Solche Patzer sind schon fragwürdig und unnötig. Leider ist das nicht das einzige Mal, dass die Logik zu wünschen übrig ließ um der Dramatik willen. Aus Sympathie für Botschaft und Idee gibt's 3,5/5 Punkten; die Story müsste sich jedoch in den Folgebänden um einiges steigern.

Veröffentlicht am 23.06.2018

Leni Landei

Das Haus der Mädchen
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Leni Irgendwas kommt nach Hamburg, um in einem Verlag zu arbeiten und Erfahrungen im Verlagsgeschäft zu sammeln. Zum Glück hat sie eine preiswerte Unterkunft gefunden, in einer großen Wohnung, in welcher ...

Leni Irgendwas kommt nach Hamburg, um in einem Verlag zu arbeiten und Erfahrungen im Verlagsgeschäft zu sammeln. Zum Glück hat sie eine preiswerte Unterkunft gefunden, in einer großen Wohnung, in welcher WG-artig verschiedene Menschen leben. Gleich am ersten Tag lernt sie Vivien kennen, die das Gegenteil von ihr ist. Freizügig, großspurig, auf der Jagd nach einem Millionär. Doch dann verschwindet Vivien spurlos, was ihr seltsam vorkommt. Zur selben Zeit beobachtet der ehemalige Geschäftsmann und jetzige Obdachlose Freddy einen Mord, wird aber vom Mörder gesehen und muss fliehen. Beide auf der Suche treffen sie aufeinander - aber auch auf Serienkiller.

Was mir gut gefallen hat: Wie Hamburg und seine vielen Kanäle und miteinander verbundenen Flussarme beschrieben wurden. Da kam Atmosphäre auf.
Was mir nicht gefallen hat: Die Charakterzeichnungen. Klischee, wohin das Auge schaut. Leni vom Lande (das schreit ja der Name schon), die superaufgeschlossene Vivien (mondän bis zum Abwinken), der smarte Bootseigner, der verfettete Bulle mit spektakulärer Vergangenheit, der auf der Straße gelandete Geschäftsmann, der geile Verleger mit seinen Herrenwitzen.
Auch die Logik ließ gern mal zu wünschen übrig. Mal ehrlich, wer fürchtet sich mehr davor, von seinen Schuldnern gefunden zu werden als von einem Mörder? Und warum flieht so einer nicht aus der Stadt? Und warum muss die meganaive Landei-Leni wirklich so abgrundtief verängstigt sein, nur weil sie jetzt in einer großen Stadt ist? Das Motiv war mir zum Schluss auch enttäuschend schwachbrüstig, geradezu asthmatisch. Alles in allem hätte das Buch ein bisschen mehr Tiefe vertragen können. 2,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 19.06.2018

Der Justus und der Nichtraucher und alle anderen

Das fliegende Klassenzimmer
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Die Geschichte selbst ist ein Klassiker und schnell erzählt. In einer Kleinstadt gibt es zwei verfeindete Schulen. Die Jungen aus der Obertertia des Internats und die Tertianer aus der Realschule bekämpfen ...

Die Geschichte selbst ist ein Klassiker und schnell erzählt. In einer Kleinstadt gibt es zwei verfeindete Schulen. Die Jungen aus der Obertertia des Internats und die Tertianer aus der Realschule bekämpfen sich, wann immer sie sich unterwegs treffen. Dazu kommt, dass auch im Internat einige Schüler der Oberstufe nicht gerade mit Samthandschuhen re(a)gieren. Doch es gibt auch richtig gute Freunde wie den kleinen Uli und den großen, starken Matthias, von Johnny Trotz und seinem Wunsch, Schriftsteller zu werden und Martin, der aus einer armen Familie stammt. Und dann sind da natürlich auch noch der Justus und der Nichtraucher, die trotz dessen, dass sie Erwachsene sind, richtig coole Leute sind. Und natürlich gibt es Prügeleien und Mutproben und manchmal traurige Sachen, am Ende verpackt in eine Weihnachtsgeschichte.

Ein Flohmarktfund, aber was für einer! Klar, ich kannte diese Geschichte irgendwie schon immer, gibt ja auch mehrere Filme davon. Aber sie zu lesen, war noch mal was ganz anderes. Weil der Kästner es einfach drauf hat, Kindergeschichten zu erzählen, die nicht kindlich und doch kindgerecht sind, die - obwohl in einer längst vergangenen Zeit spielen - keinen Punkt ihrer Aktualität verloren haben und weil es einfach alles enthält. Abenteuer, Freundschaft, Zusammenhalt, und eine unterschwellige Melancholie, die durch tollen Humor gedämpft wird und immer wieder Hoffnung gibt. Ich fand's extrem genial - so funktionieren Kinderbücher, auch für Erwachsene!