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Veröffentlicht am 15.09.2016

Gewaltig an Gewicht, Gedanken und Worten

Mörder und Marder
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Henry Hoff, von dem man annehmen könnte, dass er der Ich-Erzähler des ersten Matzbach-Abenteuers ist, hat wieder einmal eine Begegnung mit seinem fetten, reichen, scharfsinnigen Freund Matzbach. Und dabei ...

Henry Hoff, von dem man annehmen könnte, dass er der Ich-Erzähler des ersten Matzbach-Abenteuers ist, hat wieder einmal eine Begegnung mit seinem fetten, reichen, scharfsinnigen Freund Matzbach. Und dabei lädt er ihn ein: auf eine Hütte im Nirgendwo (oder auch Westerwald), im tiefsten Winter, abgeschieden von der Welt. Ein paar Ex-Kommilitonen treffen sich dort noch immer einmal jährlich, die zusammen die "brotlose Kunst" - Philosophie - studiert haben. Matzbach hat eh nichts Besseres zu tun und willigt ein, allein schon um sich mit den Leuten misszuverstehen und zu streiten. Dabei beobachtet er, wie die alten Freunde miteinander lachen, Schneemänner bauen, Tarotkarten legen, zu einander ins Bett hüpfen ... und plötzlich einen Toten unter sich haben. Nichts kommt dem Dickwanst gelegener, denn ein bisschen langweilig war ihm schon.

So steht er also vor der Aufgabe, diesen Mord zu klären, der einerseits durch den heftigen Schneefall begünstigt wurde, andererseits für den Mörder auch extrem hinderlich ist. Matzbach philosophiert sich mit Henry durch den Fall, unterstützt von Hexen, Mardern, nicht immer hilfreichen Freunden Henrys, Eiszapfen, Tarot und jeder Menge Alk und Essen. Klar, dass es wieder zu Wortgefechten zum Niederknien kommt, man als Leser nicht immer die Gedanken des Universaldilettanten verfolgen, sich aber immer amüsieren kann. Und was ein Mord mit Schneemännern zu tun hat, findet man irgendwann auch noch heraus.

Ja, ich finde die Reihe um Matzbach extrem cool, und dieses Buch ist wohl mein Lieblingsbuch, das ich mit einer klaren Empfehlung weiterreiche.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Kein Frieden in der Provence

Das Doppelgrab in der Provence
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Matzbach, der dickwanstige Universaldilettant, ist frustriert von seinem Fall (nachzulesen bei "Und oben sitzt ein Rabe") und lässt sich zu gern ablenken. Als sein Freund Bronner ihn anruft und um Hilfe ...

Matzbach, der dickwanstige Universaldilettant, ist frustriert von seinem Fall (nachzulesen bei "Und oben sitzt ein Rabe") und lässt sich zu gern ablenken. Als sein Freund Bronner ihn anruft und um Hilfe bittet, lässt er alles stehen und liegen (oder auch nicht alles, denn seine Freundin Ariane packt er schon in sein Ungetüm, das er Auto nennt) und lässt sich nach Frankreich kutschieren. Von eben jener erwähnten Ariane. Doch dort angekommen, muss er feststellen, dass Freund Bronner verschwunden ist, dass im hellen Licht der Provence finstere Gestalten herumschleichen und dass es nicht jeder gern sieht, wenn ein Privatdetektiv seine Nase in Sachen steckt, die ihn nichts angehen. Da ist ein Überfall mit anschließender Prügelei fast noch das kleinste Übel, das auf ihn zukommt, denn Mord ist Mord und Matzbach wäre nicht Matzbach, wenn ihm das nicht gewaltig stinken würde.

Dieser Fall zog sich ein wenig in meinen Augen und auch das gewohnte Feuerwerk an Sprücheklopfen und scharfsinnigen Dialogen war ein wenig zurückhaltender als sonst. Trotzdem ist natürlich ein Fall für Matzbach ein Vergnügen zu lesen, denn nur wenige Leute können mit Worten so spielen wie es Haefs in seinen Büchern tut. Unbeirrt lässt er Matzbach mitsamt seiner Freundin sich durch den französischen Sumpf des Verbrechens philosophieren und zum Schluss einen wahren Showdown hinlegen. Macht Spaß, hat aber nicht ganz den Thrill, den ich sonst gewohnt war.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Elfen? Gibt's doch gar nicht ...

Silfur - Die Nacht der silbernen Augen
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Fabio und Tom sind zwei Brüder, die sich ähnlicher kaum sein könnten, obwohl sie keine Zwillinge sind. Und doch unterscheiden sie sich in fast jeder Hinsicht. Tom ist hochbegabt, sportlich, wächst wie ...

Fabio und Tom sind zwei Brüder, die sich ähnlicher kaum sein könnten, obwohl sie keine Zwillinge sind. Und doch unterscheiden sie sich in fast jeder Hinsicht. Tom ist hochbegabt, sportlich, wächst wie ein Riesenbambus und hat einen schnellen Draht zu allen anderen. Fabio hingegen, obwohl der Ältere von beiden, scheint gar nicht wachsen zu wollen, er hat Probleme in der Schule und hängt am liebsten vorm Rechner. Sie begleiten ihre Eltern nach Island, als ihr Vater dort Arbeit bekommt, und lernen sofort Elin kennen, die Tochter ihrer Vermieterin. Elin ist anders als alle anderen Mädchen, wild, ungestüm, mit verrückten Einfällen. Tom und sie sind fast sofort Freunde, während Fabio sich ausgegrenzt fühlt. Das wird auch nicht besser, als er anfängt, Kinder zu sehen, die kein anderer zu sehen vermag, und sich plötzlich die Katastrophen um ihn herum häufen. Er begreift, dass er elfensichtig ist und kommt einem ungeheuerlichen Geheimnis auf die Spur - doch um den Fluch, der mit diesem Geheimnis verbunden ist, zu lösen, braucht er die Hilfe seines Bruders, Elins und ja - auch der Elfen.

Ich weiß, dass einigen der Einstieg in das Buch zu langatmig war, dass mehr Action gefordert wurde oder zu wenig Elfiges auftauchte. Für mich war das Tempo genau richtig, denn so konnte ich ausgiebig die beiden Jungs, ihre Eltern, die Isländer inklusive Elin kennen- und nach einiger Zeit auch schätzenlernen. Blazon hat die Gabe, Leute zu zeichnen, die gleichzeitig menschlich fehlerhaft und doch extrem sympathisch sind, selbst die anfangs nur aggressiv wirkenden Elfen gehören dazu. Mit ihrer Originalität und verrückten Einfällen hat sich mich echt begeistern können - zum Beispiel mit der Elfencam oder dem geheimen Elfennetz. Richtig großartig war die Beziehung zwischen den Brüdern, das neidisch sein auf die Fähigkeiten des anderen, und doch die unverbrüchliche Freundschaft zwischen den beiden.

In diesem Buch gibt es kein Liebesgeschnulze (wäre auch ein bisschen arg zeitig), aber es geht um Vertrauen, das Überwinden von Vorurteilen, die Stärke von Freundschaft und dass es manchmal auch ein Happy End gibt. Starkes Kinderbuch, das problemlos auch Erwachsenen gefällt.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Wenn dein Land plötzlich nicht mehr dein ist

Ein endloser Albtraum (Doppelband: Morgen war Krieg / Die Toten der Nacht)
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Das ist mal ein Buch, das ich immer wieder lesen kann, obwohl es eigentlich ein Jugendbuch ist. Eigentlich deshalb, weil es zwar um eine Gruppe von Jugendlichen geht, diese aber von einem Tag auf den anderen ...

Das ist mal ein Buch, das ich immer wieder lesen kann, obwohl es eigentlich ein Jugendbuch ist. Eigentlich deshalb, weil es zwar um eine Gruppe von Jugendlichen geht, diese aber von einem Tag auf den anderen erwachsen werden müssen.

Elli, die Ich-Erzählerin, und ihre Freunde leben im australischen Outback. Für diese Jugendlichen ist Traktor fahren oder Wurzeln sprengen so normal wie für unsere Großstadtkids das Skaten. In den Ferien beschließen sie, weit in die Berge zu fahren und dort zu campen. Zuerst ist alles so, wie es sich gehört. Lagerfeuer, Romantik, Spiele, Abenteuer. Doch dann hört Elli eines Nachts Flugzeuge über sie hinwegdröhnen, und als sie morgens aufwachen, ist das nicht mehr ihr Land. Eine fremde Nation (die nie genauer beschrieben wird, was ich sehr cool finde, denn eigentlich ist es doch egal, wer einen anderen überfällt) ist gewaltsam und kriegerisch in Australien eingedrungen und hat das Land übernommen. Sie töten, sie rauben, sie sperren die Menschen in Konzentrationslager. Für Elli und ihre Freunde beginnt ein gnadenloser Kampf ums reine Überleben, und sie haben nur einen Vorteil auf ihrer Seite: Sie kennen sich hier aus und sie wissen, dass man aus den einfachsten Dingen die mörderischsten Waffen bauen kann.

Der Schreibstil ist einfach nur klasse. Marsden, der ja ein Mann ist, bringt die Figur der Elli so überzeugend rüber, dass man keine Sekunde an ihr zweifelt. Ihre Freunde sind - ohne Klischees zu übermäßig zu bedienen - die üblichen Jugendlichen von nebenan. Der Coole, die Schüchterne, die Frau, die nicht mal in den Busch ohne ihr Make-up gehen kann. Trotzdem sind sie so lebendig, als würden sie tatsächlich irgendwo um die Ecke wohnen. Der Krieg ist grausam, und das wird auch so beschrieben. Die Acht sind keine Superheldentruppe, sie töten, sie werden verletzt, sie bluten, sind dreckig. Die Beschreibungen sind so eindringlich, dass man selbst die Fliegen summen hören kann, wenn wieder einmal Tote gefunden werden.

Ich finde, dieses Buch sollte Schullektüre werden. Erstens hätte dann mal einer Spaß dabei, zweitens lernt man auch was. Krieg hat nichts mit Helden zu tun - es geht immer um wirtschaftliche Interessen, und es gibt niemals Sieger, nur Verlierer.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Ein Bier! Ein Bier! Ein Königreich für ein Bier!

Maria und das Ding mit dem Reinheitsgebot
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Die Erhellung ist nicht nur irgendein Bier. Es ist DAS Bier der Allgäuer Riederer und ohne ihm geht gar nichts. Da fällt es eher ungünstig aus, dass genau zu der Zeit, als der Landesvater Meerburger eine ...

Die Erhellung ist nicht nur irgendein Bier. Es ist DAS Bier der Allgäuer Riederer und ohne ihm geht gar nichts. Da fällt es eher ungünstig aus, dass genau zu der Zeit, als der Landesvater Meerburger eine Riesen-PR-Aktion mit den Riederern abziehen will, der Aloisius alles hinwirft. Denn er hat die Schnauze voll. Frau weg, Tochter weg, Sohn weg, Motivation weg. Und das Finanzamt auf dem Hals. Nun, die Allgäuer wären nicht die Allgäuer, wenn sie keinen Plan hätten. Die Landfrauen (welche sowieso die heimliche Regierung der Riederer bilden) fahren nach Hamburg und holen Maria, Aloisius' Tochter, zurück. Der geht es ein bisschen wie ihrem Vater. Sohn und Tochter aus dem Haus, Mann mehr oder weniger weg, keinen Plan, was zu tun ist. Doch kaum schnuppert sie Heimatluft, besinnt sie sich ihrer Stärken. Und die sind auch extrem notwendig, wenn sie nicht nur die Brauerei, sondern auch das Riesenfest für die Riederer retten will.

Herb spielt in diesem Buch bewusst mit all den Klischees, die man so von den Bayern oder auch den Nordlichtern aus Hamburg hat. Er überspitzt gern, doch natürlich ergeben sich genau daraus die Situationen, die dafür sorgen, dass es nicht langweilig wird und man meistens mit einem Grinsen beim Lesen dasitzt. Ab und zu stichelt er auch ein wenig in Richtung Machenschaften der Landesregierung (wem bei Meer + Burg im Namen des Landesvaters ein Licht aufgeht, bekommt Holzpunkte geschenkt) und dass er alles Tatkräftige in die Hände von Frauen legt, ist eine schöne Zukunftsvision, die vielleicht irgendwann einmal umgesetzt wird. Verkehrt wäre es sicherlich nicht. Dieser Roman ist kein Shakespeare, aber er macht zwei Sachen: Spaß und Durst.