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Veröffentlicht am 15.03.2026

Wenn niemand hinsieht und es keinen Schutz gibt

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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Eine Geschichte, die mir zwischen Pendlern, Kopfhörern und Rascheljacken fast das Herz zerbrochen hätte.

Ich saß in der Bahn und hatte plötzlich Angst, dass ich gleich in Tränen ausbreche. Oder dass ...

Eine Geschichte, die mir zwischen Pendlern, Kopfhörern und Rascheljacken fast das Herz zerbrochen hätte.

Ich saß in der Bahn und hatte plötzlich Angst, dass ich gleich in Tränen ausbreche. Oder dass die Menschen neben mir hören können, wie mein Herz gerade ziemlich deutlich Autsch sagt.

Worum es im Kern geht:
Lales Kindheit beginnt nicht mit Stabilität, sondern mit Bruchstellen. Ihre Mutter ist drogenabhängig und irgendwann landet Lale im Kinderheim. Dann kommt sie zu ihrem Vater und seinen Kumpels nach Berlin. Sie leben in einer Männerkommune der 80er: ein Ort voller Partys, politischer Ideen, Alkohol und Drogen. Ein Ort, an dem ständig Menschen kommen und gehen. Vor allem Frauen. Wenn sie unbequem werden, werden sie ersetzt, wie Möbelstücke, die nicht mehr passen.
Für ein Kind wirkt diese Welt vielleicht zuerst nach Freiheit: lange wach bleiben, Süßigkeiten essen, fernsehen, solange man will. Aber hinter dieser scheinbaren Freiheit fehlt etwas Entscheidendes: Jemand, der hinsieht. Jemand, der schützt.
Denn während die Erwachsenen feiern und ihre eigenen Kämpfe führen, werden Lales Grenzen immer wieder überschritten. Sexueller Missbrauch passiert und wird in dieser Welt viel zu oft übersehen.

So wächst Lale auf diesem schmalen Grat zwischen vermeintlicher Freiheit und tiefer Vernachlässigung auf. Und Jahre später findet sie einen Weg, all das zu halten indem sie beginnt, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Meine tiefste Leserille:
Der Missbrauch an Lale. Beim Lesen hat mich das auf vielen Ebenen getroffen. Mein Mama-Herz beim Lesen.
Es gibt Szenen, bei denen man einfach nur denkt: Ein Kind/Mensch sollte so etwas niemals erleben müssen.

Ganz ehrlich:
Ohne diese Einblicke in ihr späteres Leben hätte ich das Buch vielleicht irgendwann zugeklappt. Nicht, weil es schlecht ist. Sondern weil es weh tut. Diese kurzen Momente Hoffnung waren wie ein leiser Satz zwischen den Seiten: Es gibt ein Danach.

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Veröffentlicht am 24.02.2026

Bauch, Beine, Poesie und damit 15 Autor:innen in Bewegung

Bauch, Beine, Poesie
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Okayyyy. Ich liebe ja Kurzgeschichten… ab und zu. Und noch mehr die Buchcover des Kanon-Verlages.

In Bauch, Beine, Poesie dreht sich alles um unseren Körper und um das, was er leistet, was wir ihm ...



Okayyyy. Ich liebe ja Kurzgeschichten… ab und zu. Und noch mehr die Buchcover des Kanon-Verlages.

In Bauch, Beine, Poesie dreht sich alles um unseren Körper und um das, was er leistet, was wir ihm abverlangen und wie eng er mit unseren Gedanken verwoben ist. Die Geschichten erzählen von Selbstoptimierung und Selbstzweifeln, von Stärke und Verletzlichkeit, von Bewegung und das im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Mal geht es um sportliche Disziplin, mal um das leise Unbehagen im eigenen Körper, mal um humorvolle Beobachtungen über gesellschaftliche Erwartungen. Manche Texte sind zerbrechlich und tastend, andere klar und pointiert.
Jede Geschichte ist wie ein kurzer Puls-Moment: ein Gedanke, der nachfühlt. Ein Gefühl, das kurz aufblitzt. Ein Blick in ein anderes Leben, das für ein paar Seiten ganz nah rückt. Es ist dieses literarische “Muskelzittern” nicht laut, nicht dramatisch, sondern fein und spürbar zwischen den Zeilen. ✨
Meine Lesegfalten: Dieses Schlüsselloch-Gefühl bei Kurzgeschichten. Dieses „Ich darf kurz in ein anderes Leben huschen“-Ding. Das ist schon besonders.
Und trotzdem, ich sag’s wie ich es empfunden habe: Mit „Sommersprossen“ vom Kanon Verlag hatte ich mehr dieses Oh wow, das bin ich-Gefühl. Da war ich emotional schneller drin, mehr connected, mehr Herzklopfen.
Bei Bauch, Beine, Poesie war ich stellenweise eher stille Beobachterin am Rand des literarischen Fitnessstudios. 🏋🏻‍♀️ Das wiederum könnte das Problem sein… da war ich schon länger nicht mehr :).
Aber: Es ist ein richtig guter Read für zwischendurch. Für U-Bahn-Fahrten. Für „Ich-les-nur-noch-eine“-Abende. Für dieses kleine literarische Snack-Gefühl. 🍪📖
Nicht jede Story trifft mitten ins Herz, aber das muss es auch nicht und ein paar bleiben. Und manchmal merkt man erst später, dass sie doch was bewegt haben. Wie Muskelkater am nächsten Tag.

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Veröffentlicht am 26.01.2026

Es ist eine Geschichte, die weh tut, weil sie so wahr ist.

Half His Age
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Okay wow – diese Geschichte ist nicht neu, true. Aber erstmal zum Buch:

Waldo ist 17, scharfzüngig, krass klug und absolut nicht die, die sich mit Highschool-Drama aufhält. In Half His Age erzählt Jennette ...

Okay wow – diese Geschichte ist nicht neu, true. Aber erstmal zum Buch:

Waldo ist 17, scharfzüngig, krass klug und absolut nicht die, die sich mit Highschool-Drama aufhält. In Half His Age erzählt Jennette McCurdy eine Geschichte, die sich nicht um Küsse im Regen oder erste Liebe dreht, sondern um das, was passiert, wenn emotionale Leere auf charismatische Macht trifft. Waldo ist ein Teenager auf dem Papier, aber das Leben hat ihr keinen Spielraum für Leichtigkeit gelassen. Viel zu früh musste sie erwachsen werden, weil ihre Mutter emotional alles von ihr forderte. Während andere in Mathe versagen oder ihre Crushes auf Insta stalken, fragt Waldo sich, ob heute Wasser aus dem Hahn kommt oder ob ihre Mutter gerade an der nächsten Trennung zerbricht. Sie jobbt, zahlt ihre Rechnungen selbst, wirkt nach außen unabhängig. Und doch ist da diese Leere, die sie mit Warenkörben voller Fast Fashion zu stopfen versucht, als würde ein neues Top all das reparieren, was ihr fehlt
Dann verliebt sie sich in ihren Lehrer Mr. Korgy oder vielleicht einfach in die Idee, gesehen zu werden. Was folgt, ist keine süße Romanze, sondern eine verstörende, messerscharfe Analyse einer Beziehung, die nie auf Augenhöhe stattfinden kann. Es geht um Klassenunterschiede, emotionale Parentifizierung, Konsum als Coping und das ständige Ringen um Selbstbild und -wert. Alles verpackt in Waldos Stimme, die dich gleichzeitig umarmt und wachrüttelt.

Meine Lesefalten:

Wir kennen das Motiv: junges Mädchen, älterer Mann, Machtgefälle, Grenzen, die nicht nur verschwimmen, sondern förmlich weggebrüllt werden.
ABER: Ich bin trotzdem hängen geblieben. Nicht, weil ich schockiert war, sondern weil ich mit Waldo durchgedreht bin. Ihre Gedanken sind manchmal wie schmutzige kleine Funken, die einem auf der Zunge brennen. Ihre Direktheit ist roh, unbequem, ehrlich. Kein Filter, keine Schnörkel. Und das tut weh. Und auch ab und zu ein bisschen ihhh (aber vielleicht bin ich einfach zu alt für manche bildlichen Darstellungen 🙈).
Ich hab das Buch in einem Wochenende weggefuttert. Es war wie ein Binge in einem zu kleinen Zimmer mit Neonlicht und zu vielen Gedanken.
Es ist eine Geschichte, die weh tut, weil sie so wahr ist. Weil wir wissen, dass Waldo nicht allein ist. Dass das passiert, jeden verdammten Tag. Und McCurdy benennt es. Ohne Drama, aber mit Wucht.

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Veröffentlicht am 26.01.2026

Wer darf entscheiden, was Wissenschaft darf?

Real Americans
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Drei Erzählstimmen, drei Zeiten, drei Leben und alle miteinander verwoben wie ein alter, kostbarer Quilt mit Flicken aus Vergangenheit, Wissenschaft, Mutterschaft und ganz viel unausgesprochener Liebe.

🌆 ...

Drei Erzählstimmen, drei Zeiten, drei Leben und alle miteinander verwoben wie ein alter, kostbarer Quilt mit Flicken aus Vergangenheit, Wissenschaft, Mutterschaft und ganz viel unausgesprochener Liebe.

🌆 1999, New York: Lily, Kunsthistorikerin mit mehr Träumen als Geld, lebt von unbezahlten Praktika und Kaffee aus der Thermoskanne. Ihre Mutter Mei Ling ist kontrolliert, emotional verschlossen und hält nichts von Lilys Berufsweg. Mei hat sich als Einwanderin aus China in den 60ern neu erfunden: Nur noch Englisch, nur noch Wissenschaft, keine Rückschau. Als Lily den charismatischen, reichen Matthew kennenlernt, knistert’s aber nicht nur zwischen den beiden, sondern auch zwischen den Welten, die sie verkörpern. Zwischen Herkunft und Hochglanz, Wurzeln und Wolkenkratzern.

🏝️ 2020, eine kleine Insel vor Seattle: Nick, Lilys Sohn, wächst in einer Art analogem Biotop auf: kein WLAN, keine Screens, kein Fahrunterricht. Nur Bücher, Gespräche mit seiner schrulligen Mutter – und Timothy, sein bester Freund. Als sich plötzlich die Tür zu einem bisher verschwiegenen Teil seiner Identität öffnet (Stichwort: Vater?), beginnt ein innerer Roadtrip, der alles in Frage stellt: Wer bin ich, wem ähnele ich, und warum ist meine Familie so… schweigsam? Und irgendwie ist er anders, anders als erwartet.

🌾 Zurück in die 1960er, ins ländliche China: Die junge Mai träumt von der Wissenschaft und nicht von Arbeit auf dem Feld. Doch Mao kommt, die Kulturrevolution rollt heran wie ein Sturm. Forschung wird verdächtig, Intellektuelle verfolgt. In einem Akt von Mut (oder Verzweiflung?) flieht sie mit einem Kollegen in die USA. Dort wird aus Mai Mei Ling, die spätere Mutter von Lily, und ihre Geschichte beginnt sich einzufrieren in einem Mantel aus Schweigen.

🧬 Und über allem schweben Themen wie Nebel: Genforschung, Ethik, Rassismus, Sprache, Liebe, Zugehörigkeit. Alles schwer greifbar, aber immer spürbar. Jede Entscheidung dieser Frauen schwingt nach, in den Genen, in den Beziehungen, in der Frage: Was bleibt unausgesprochen, aber trotzdem da?

Oh my bookmarks – Teil 1 & 3 haben mich gecatcht, dass ich Klebezettel wie Konfetti verteilt hab. Lily? Mei Ling? Give me more! Ihre inneren Monologe, die leisen Zweifel, die stillen Konflikte wie literarisches Soul Food.

"Natürlich gewann ich nichts. Ich war kein Mensch, der Glück hatte. Ich hatte nie den Wahrscheinlichkeiten getrotzt. Schon als chinesische Frau geboren zu werden, war das wahrscheinlichste, was einem Menschen passieren konnte"

Ich mein – hello?! Das brennt sich ein.
Der zweite Teil? Hatte so ein bisschen "Roadtrip mit Nebenhandlungen, die keiner bestellt hat"-Vibes. Sehr YA, ein bisschen lost, aber okay: Nick hat was, Timothy auch, und diese Freundschaft ist zart und schön. Trotzdem: Da wäre weniger mehr gewesen.

Was bleibt? Eine Mischung aus:
✨ Familiengeheimnisse (ja bitte!)
✨ Forschungsethik und Krebsheilung (interessant, aber fast zu viel)
✨ Was macht mich aus? Herkunft oder Haltung?
✨ Wer darf entscheiden, was Wissenschaft darf?
✨ Und wie viel Vergangenheit steckt in jedem von uns, auch wenn niemand drüber spricht?

Ein Roman wie ein Familienstammbaum mit doppeltem Boden. Tiefgründig, melancholisch, stellenweise überfrachtet – aber so klug, so durchdacht, so menschlich. Lily und Mei Ling haben mein Leserherz gestohlen.
Der perfekte Roman für alle, die gerne in Generationen denken und keine Angst vor schweren Fragen in leichten Sätzen haben.

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Veröffentlicht am 25.11.2025

Veränderung aber realitätsnah

Glimmer
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Dieses Buch ist wie ein warmer Kakao fürs Nervensystem. In Glimmer geht es um die kleinen, fast unsichtbaren Lichtpunkte in unserem Alltag – Glimmer-Momente –, die unser Körper als sicher wahrnimmt. Bernhard ...

Dieses Buch ist wie ein warmer Kakao fürs Nervensystem. In Glimmer geht es um die kleinen, fast unsichtbaren Lichtpunkte in unserem Alltag – Glimmer-Momente –, die unser Körper als sicher wahrnimmt. Bernhard Tewes, Hypnosetherapeut und Coach, erklärt verständlich und in wohltuend ruhigem Ton, wie wir Trigger erkennen und Stück für Stück loslassen können. Stattdessen lernen wir, was uns wirklich gut tut. Ganz ohne Druck, sondern in liebevollen Mini-Schritten. Die Theorie ist eingebettet in persönliche Erfahrungen des Autors und klug gewählte fiktive Erzählungen, die zeigen: Veränderung ist möglich und zwar ganz realitätsnah.

Meine Lesefalten:

Altbekannte psychologische Konzepte treffen hier auf neue Perspektiven und genau das hat es für mich so spannend gemacht. Ich mochte, wie persönlich das Buch geschrieben ist. Bernhard Tewes erzählt ehrlich von seiner eigenen Geschichte, was sofort Nähe schafft. Kein typisches „Ich zeig dir, wie’s geht“-Sachbuch, sondern eher: „Ich hab’s selbst erlebt und teile, was geholfen hat.“

Die kleinen Beispiele aus dem Alltag der fiktiven Personen waren wie Anker: Ich konnte mich wiederfinden, mitfühlen, mitdenken. Und: Ich habe beim Lesen immer wieder innerlich genickt. Besonders hilfreich war die ganz praktische Anleitung, wie man Schritt für Schritt seine Trigger erkennt und wie wir mit Glimmer-Momenten dagegenarbeiten können. Also: nicht nur lesen, sondern machen!

Ein achtsames, modernes Sachbuch, das nicht belehrt, sondern begleitet. Für alle, die mehr über sich selbst, ihre Muster und ihre Möglichkeiten erfahren möchten, ganz ohne in Selbstoptimierungsstress zu verfallen.

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