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Veröffentlicht am 12.09.2018

Wettlauf, nicht nur gegen die Zeit

Vier Tage in Kabul
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Amanda Lund, Kriminalkommissarin und Unterhändlerin der schwedischen Polizei, bildet derzeit Sicherheitskräfte in Afghanistan aus. Zwei schwedische Diplomaten werden vermisst, sie wurden mutmaßlich entführt, ...

Amanda Lund, Kriminalkommissarin und Unterhändlerin der schwedischen Polizei, bildet derzeit Sicherheitskräfte in Afghanistan aus. Zwei schwedische Diplomaten werden vermisst, sie wurden mutmaßlich entführt, so dass Lund von ihrem derzeitigen Einsatz abgezogen und nach Kabul beordert wird, um zwischen den Parteien zu vermitteln.
Parallel wird in einem Park in Stockholm ein ermordeter Regierungsmitarbeiter aufgefunden. Amandas Koordinator Bill Ekman ermittelt in diesem Fall.

Je tiefer die jeweiligen Ermittlungen greifen, umso undurchsichtiger scheinen die Hintergründe zu sein und auch die Ausmaße der Entführung einerseits, des Mordes andererseits werden unübersichtlich und lassen eine Beteiligung aus höheren Kreisen vermuten. Auch ein Zusammenhang beider Ereignisse lässt sich nicht verleugnen. Amanda tritt in einen Wettstreit gegen die Zeit und einen unsichtbaren, mächtigen Gegner, da ihr oberstes Ziel die Befreiung der lebenden Geiseln darstellt. Was in einer politisch brisanten Atmosphäre Afghanistans und als Frau Flexibilität und Ideenreichtum erfordert.

Anna Tell schmeißt den Leser unmittelbar in eine Kampfhandlung mitten in Afghanistan und setzt die Messlatte für Spannung in diesem Thriller somit direkt sehr hoch an. „Vier Tage in Kabul“ habe ich in drei Lese-Abschnitten durchgelesen. Das Buch hat mich die ganze Zeit gut unterhalten. Der Plot wurde m. E. gut mit Leben gefüllt und auch die Protagonisten habe ich gerne begleitet und kennengelernt. Die Kampfhandlungen kommen ohne überbordende Gewalt aus und die Autorin verfolgt konsequent die Storyline. Ich erfahre auch Privates über die Darsteller, was jedoch angenehm kurz und angemessen stattfindet. Die Hochspannung der Eingangssequenz hat sich jedoch im Laufe des Weiterlesens für mich nicht in dieser Weise wiederholt, was mein Lesevergnügen keinesfalls geschmälert hat.

„Vier Tage in Kabul“ ist für mich ein solider Thriller. Anna Tell gelingt es, mich an das Buch zu fesseln. Mehr muss ein Thriller für mich nicht „können“…


Anna Tell, Vier Tage in Kabul, broschiert, Thriller, rowohlt Polaris Verlag, 14,99 €, 368 Seiten, Erscheinungstermin 21.08.2018

Veröffentlicht am 02.09.2018

Wenn es persönlich wird...

Rache der Orphans
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Orphan X, Evan Smoke, ist ein exzellent ausgebildetes Mitglied einer ehemaligen Spezialeinheit, die unter äußerster Geheimhaltung unter den Augen des Verteidigungsministeriums tätig war. Nach dem grausam ...

Orphan X, Evan Smoke, ist ein exzellent ausgebildetes Mitglied einer ehemaligen Spezialeinheit, die unter äußerster Geheimhaltung unter den Augen des Verteidigungsministeriums tätig war. Nach dem grausam inszenierten Tod seines Mentors und Ausbilders Jack Johns sinnt er auf Rache.

Aber dieses Mal läuft „sein Auftrag“ gar nicht so wie geplant, Evan muss von seinen 10 Geboten abweichen. Zum einen hat Jack ihm einen letzten Auftrag erteilt, zum anderen wendet sich jemand hilfesuchend an den Nowhere Man, Evan’s Identität für seine pro bono Tätigkeit. Aber bei allem, was Evan unternimmt, behält er sein Ziel, die gnadenlose Rache an den Mördern von Jack, stets im Blick.

Von Anfang an nimmt mich das Buch in Beschlag. Bevor ich mich orientieren kann, bin ich schon mittendrin in einer Verfolgungsjagd sowie einer Schleife der Gewalt und Gegengewalt. Gregg Hurwitz gelingt es, mich in der an- und abschwellenden Spannung der teilweise rasanten Handlung an das Buch zu binden. Aber die Handlung hat auch ihre leisen Töne, Erholungsphasen wo die Protagonisten und auch ich zur Ruhe kommen können. Und unerwarteter Weise gibt es auch tiefe Zuneigung, Verletzlichkeit und einen Hauch von Liebe.

Obwohl dieses Buch „natürlich“ ein Action-Knaller ist, handelt es sich keinesfalls um eine Aneinanderreihung langweiliger Standard-Action, die ich schon x-mal gelesen habe. Die Handlung ist teilweise sehr brutal, was jedoch zur Storyline passt und nicht „konstruiert“ wirkt. Der Plot ist gut angelegt und m. E. hervorragend ausgeschöpft und umgesetzt. Es handelt sich hier um den dritten Band einer Buchreihe mit Evan Smoke. Die ersten beiden Bände sind mir bislang nicht bekannt, was jedoch auf den Lesegenuss und das Erfassen diverser Zusammenhänge keinerlei negative Auswirkungen gehabt hat.

Bei „Rache der Orphans“ handelt es sich um einen soliden Thriller der Sparte „Action“ für Freunde intelligenter Gefechte mit und ohne Waffen.


Gregg Hurwitz, Rache der Orphans, broschiert, Thriller, HarperCollins Verlag, 14,99 €, 464 Seiten, Erscheinungstermin 01.08.2018

Veröffentlicht am 14.08.2018

Was bleibt

Der Duft des Lebens
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Aviv wird im Zuge seiner Geburt unmittelbar zum Waisenkind, so dass die Hebamme Selma ihn an Kindes statt annimmt. Behütet wächst er auf, lernt von seiner liebevollen, fürsorglichen Mutter, seine Umwelt ...

Aviv wird im Zuge seiner Geburt unmittelbar zum Waisenkind, so dass die Hebamme Selma ihn an Kindes statt annimmt. Behütet wächst er auf, lernt von seiner liebevollen, fürsorglichen Mutter, seine Umwelt bewusst und feinfühlig wahrzunehmen. Aviv verkörpert in allem das Gute, obwohl auch er nicht frei von Fehlern ist. Er ist wissbegierig und möchte alles um sich herum verstehen. Einen guten Freund findet er in dem Bettler Filip, von dem er sehr viel lernen kann.
Sein Gegenpol in dieser Parabel ist Dr. Kaminski. Ein Mensch, der die Welt um sich herum durch seine bloße Anwesenheit zu einem dunklen, kalten Ort macht. Das personifizierte Böse. Ein Mensch ohne Seele, der jedoch nichts mehr begehrt, als endlich auch einmal „Mensch“ sein zu können; er möchte das haben, was er schon so manches Mal in den Augen eines Gegenübers hat erahnen konnte und was man wohl braucht, um geliebt werden zu können.

„Der Duft des Lebens“ habe ich sehr gerne gelesen. Oft geht es um den Kampf von Gut gegen Böse in Büchern; hier ist dieses Kräftemessen vielleicht letztlich mehr mental, als in der Grausamkeit von Kaminski zu finden. Aviv wächst mit der Zeit zu einem ebenbürtigen Gegner, muss jedoch nicht in die Dunkelheit hinabsteigen, um das Böse zu besiegen. Aber er muss jedoch auch durch ein Tal der Tränen, um sich vollends entwickeln zu können.

Der Grundgedanke, dass eine Menschenseele einen Duft bei ihrem Entweichen und Aufbruch in die Weltenseele entfaltet, finde ich sehr schön. Ist die Seele doch für mich etwas Unfassbares. Dass dunkle Seelen einfach nur verkümmern könnten, statt posthum Schlechtes zu bewirken, finde ich tröstlich.

Die Idee, etwas vom Menschen einzufangen, um etwas Großes, Mächtiges zu erschaffen, ist nicht neu. Aber neu umgesetzt und damit letztlich einzigartig.

Schon anhand der Leseprobe war mir bewusst, dass ich in ein ganz besonderes Kleinod hineinlesen darf. Clara Maria Bagus bedient sich einer ganz besonderen, selten zu findenden Sprachform und erzeugt damit eine wunderbare Stimmung. Das Cover, schlicht aber doch anziehend gestaltet, passt m. E. hervorragend zum Inhalt.


Clara Maria Bagus, Der Duft des Lebens, gebundene Ausgabe, Literatur, Ullstein leben Verlag, 16,00 €, 352 Seiten, Erscheinungstermin 10.08.2018

Veröffentlicht am 30.07.2018

Wer ist Oskar Johansson?

Der Sprengmeister
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Mit diesem Buch halte ich die erste große Veröffentlichung von Henning Mankell in Händen. Mankell, der für mich seine Berühmtheit durch die Reihe um seinen „Kommissar Wallander“ erlangt hat und dessen ...

Mit diesem Buch halte ich die erste große Veröffentlichung von Henning Mankell in Händen. Mankell, der für mich seine Berühmtheit durch die Reihe um seinen „Kommissar Wallander“ erlangt hat und dessen Afrika-Romane ich gerne gelesen habe. Aber es gab ihn, den Schriftsteller davor, der ganz anders auftritt als für mich gewohnt. Und obwohl ich ein eher kleines Buch betrachte, ist es doch sperrig, etwas unbequem, gibt seinen Inhalt nicht widerstandslos preis.

Ich habe es mit einer Biographie zu tun, verwoben mit der Zeitgeschichte Schwedens. Der Erzähler besucht Oskar Johansson regelmäßig auf der Schäreninsel, mal nur auf einen Kaffee oder ein kurzes „Hallo“, er geht mit ihm fischen und hilft ihm bei handwerklichen Erfordernissen. Dabei versucht er, die Lebensgeschichte des alten Sprengmeisters ans Licht zu heben. Oskar Johansson ist jedoch ein Mensch, der sich selbst, seine Geschichte und alles Drumherum, was ihn betrifft, nicht als wichtig oder besonders erachtet. Dementsprechend antwortet er mal gar nicht, einsilbig oder verweist einfach darauf, dass alles „normal“, „nichts Besonderes“ war. Ganz selten erzählt er von selbst.

Das Buch hält sich jedoch nicht stur an die zeitgeschichtliche Reihenfolge. Obwohl schon eine gewisse Chronologie den roten Faden bildet, springt die Handlung vor und zurück. Auch wechselt vereinzelt die Ich-Perspektive vom Erzähler auf Oskar. Es wird nichts beschönigt, aber auch kein Voyeurismus betrieben, es geht eher sachlich zu, in einem auch politischen Buch. Und letztlich könnte ich beinahe denken, Oskar Johansson sei ein ganz normaler Bürger seines Landes gewesen und habe zufrieden, in sich ruhend von seiner Hütte aus auf sein Leben zurückblicken können.

Für mich ist dieses Buch in sich stimmig. Das wunderschöne, stimmungsvolle Cover, die ungewohnte Erzählform, die Sprache, der Mut zur Lücke und zum schonungslosen Detail, das Schweigen – das alles transportiert in mir genau die Vorstellung, die ich von Oskar Johansson jetzt habe. Dessen Geschichte – hätte er je existiert – es wert gewesen wäre, erzählt worden zu sein.


Henning Mankell, Der Sprengmeister, gebundene Ausgabe, Literatur, Zsolnay Verlag, 21,00 €, 192 Seiten, Erscheinungstermin 23.07.2018

Veröffentlicht am 04.07.2018

Schwierige Zeiten in Paris

Die Toten von Paris
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1944 – Paris ist befreit; die Zeiten bleiben schwierig. Man weiß nicht, wem man nun trauen kann. Nicht alle, die mit den Nazis gerne verbunden waren, sind identifiziert. So wird Jean Ricolet, ein junger ...

1944 – Paris ist befreit; die Zeiten bleiben schwierig. Man weiß nicht, wem man nun trauen kann. Nicht alle, die mit den Nazis gerne verbunden waren, sind identifiziert. So wird Jean Ricolet, ein junger Inspektor aus dem Süden, nach Paris beordert, um dort die Polizeiarbeit zu unterstützen. Die Kunststudentin Pauline Drucat, Spionin der Résistance, musste als Expertin für die Nazis arbeiten. Aufgrund eines Mordes, welcher in Verbindung mit der Kunstszene zu stehen scheint, treffen Jean und Pauline aufeinander und begeben sich sowohl gemeinsam, als auch getrennt auf Spurensuche.

Im Rahmen dieses Kriminalromans lerne ich zunächst die Gegebenheiten in Paris zu jener Zeit und nach und nach die Biographien der Haupt-Protagonisten näher kennen. Die historischen Umstände erscheinen mir gut recherchiert; hinsichtlich der Kunstgeschichte wurde hier offensichtlich künstlerische Freiheit angewendet. Sprachlich ist der Text gut zu verfolgen. Michelle Cordier möchte scheinbar etwas französisches Flair einbinden, indem ab und an entsprechendes Vokabular zum Einsatz kommt, was mir zu bemüht erscheint und auch nicht konsequent stattfindet.

Im Grunde ist dieses Buch schon ein Kriminalroman, wobei es mehrere Handlungsstränge und Nebenschauplätze gibt, die an der einen oder anderen Stelle einem alternativen Genre Gewicht verleihen. Für mich kommt auch nicht wirklich Spannung auf, was natürlich auch daran liegen könnte, dass ich dieses Buch im Rahmen einer Leserunde (Lesejury Bastei-Lübbe-Verlag) in mehreren Abschnitten gelesen habe. Im Finale kommt irgendwie alles holterdiepolter zusammen, unerwartete Wendungen überschlagen sich und ein logischer Ausgang wird mir verwehrt. Für mich war das in dieser Ansammlung zu viel und erweckte den Eindruck, das Buch sollte nun endlich fertig sein.

Grundsätzlich hätte dieser Plot ein Potential für einen grundsoliden, historischen, richtig guten Kriminalroman geboten; eine Möglichkeit die m. E. verschenkt worden ist. Dadurch verliert dieses in den ersten zwei Dritteln doch gute Buch sehr. Vielleicht wollte die Autorin zu viel auf einmal; weniger hätte ich begrüßt.

Ein unterhaltsamer, mittelmäßiger Kriminalroman der – sofern man nicht in die Tiefe geht – eine angenehme Lektüre für zwischendurch darstellt.


Michelle Cordier, Die Toten von Paris, Taschenbuch, Kriminalroman, Bastei Lübbe Verlag, 9,99 €, 336 Seiten, Erscheinungstermin 25.05.2018

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