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Veröffentlicht am 11.01.2023

Die Polarnacht bleibt leider still

In der Stille der Polarnacht
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Virginia Reeve, ihrerseits erfahren in der Führung von Ansiedlertrecks in der Sierra Nevada, wird beauftragt, eine 12 Frauen umfassende Expedition in die Arktis anzuführen. Zielsetzung ist, das Schicksal ...

Virginia Reeve, ihrerseits erfahren in der Führung von Ansiedlertrecks in der Sierra Nevada, wird beauftragt, eine 12 Frauen umfassende Expedition in die Arktis anzuführen. Zielsetzung ist, das Schicksal des verschollenen Polarforschers Sir John Franklin zu ergründen. Ein Unterfangen, an dem „normale“ (Männer-) Expeditionen bereits wiederholt gescheitert sind.
Nach Ablauf der notwendigen Vorbereitungen bricht die bunt zusammengewürfelte „Damenmannschaft“ ins Ungewisse auf.

Nur ein Teil der Frauen kehrt zurück. Die wohlhabenden, einflussreichen Eltern eines verunglückten Expeditionsmitglieds lassen Virginia verhaften und forcieren einen Gerichtsprozess, welcher zweifelsfrei den Tod Virginias zum Ziel haben soll. Hierzu wird von Bestechung, Meineiden und abstruser Stimmungsmache eifrig Gebrauch gemacht.

„In der Stille der Polarnacht“ schildert abwechselnd die Ereignisse vor und während der Expedition sowie des bizarren Gerichtsprozesses. Hierzu ist zu bedenken, zu welcher Zeit die Handlung spielt, welche Rolle einer Frau zugedacht wurde, welche Macht der Männer dem gegenüberstand, was sich gehörte und was nicht, welche Bedeutung Stand und Ansehen hatten usw. Insgesamt wird diesen Rahmenbedingungen seitens der Autorin weitgehend Rechnung getragen, liegen doch dem Plot und seinen Protagonisten ausführliche Recherchen zugrunde.

Der Klappentext des Buches hat in mir eine Vorstellung genährt, was mich zwischen den Buchdeckeln erwarten wird; die hautnahe Begleitung einer Expedition. „Natürlich“ erfolgen auch Schilderungen der Zeitspanne im unerbittlichen Eis der Arktis, für mich jedoch viel zu oberflächlich und nicht berührend. Viel detaillierter wird der Prozess ausgeführt, bis hin zu den Emotionen Virginias. Letztlich finde ich den Prozess interessanter als die Expedition.

Macallister zeichnet Virginias Lebensweg relativ genau nach, bis hin zu einem bislang sorgsam gehüteten Geheimnis. Auch die Biografien der Expeditionsteilnehmerinnen werden mehr oder weniger ausführlich offengelegt, trotzdem entwickle ich keine Beziehung zu einer der Damen. Die Geschichte wird m. E. dadurch überfrachtet, schweift ab und diese Exkurse sind dem Lesevergnügen und der Qualität des Buches nicht zuträglich. Hinzu kommt dann noch das sehr flüchtige Ansprechen diverser – ich nenne es mal so – Quoten-Themen, was m. E. völlig entbehrlich ist. Zudem ist es an mehreren Stellen zu Textverwirrungen und/oder Namensverwechslungen gekommen, zwei Textpassagen habe ich z. B. trotz mehrmaligem Lesen nicht verstanden. Auch das Agieren der Protagonisten fällt gelegentlich aus dem zugrunde liegenden historischen Rahmen.

Für wen ist das Buch geeignet? Vielleicht Leser*Innen, welche eine mittelschwere Kost mit etwas Dramatik vor historischer Kulisse bevorzugen. Wer gerne eine Frauen-Expedition in den Jahren um 1853 begleiten möchte, ist hier falsch.


Greer Macallister, In der Stille der Polarnacht, Roman, Taschenbuch, Insel Verlag, 16,00 €, 472 Seiten, Erscheinungstermin 21.11.2022

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Veröffentlicht am 27.12.2022

Autofiktion in den Achtziger Jahren

Falschgeld
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Der Autor erzählt aus seiner Kindheit in einer Neubausiedlung in Hessen während der Achtziger Jahre. In der unverwechselbaren Klangfarbe seiner ausgebildeten Stimme, die wechselnde Emotionen und Situationen ...

Der Autor erzählt aus seiner Kindheit in einer Neubausiedlung in Hessen während der Achtziger Jahre. In der unverwechselbaren Klangfarbe seiner ausgebildeten Stimme, die wechselnde Emotionen und Situationen unterstreicht, tauche ich ein in sein autofiktionales Leben. Das Gehörte glänzt zunächst durch die Art, wie der Junge mehr oder weniger alltägliche Dinge des Lebens hinterfragt oder als Tatsache begreift. Für mich ist das erste Drittel kurzweilig und unterhaltsam, zumal es gewisse Parallelen zu meiner eigenen Kindheit gibt.

Im zweiten Drittel ergeht Herr Matschke sich in mehreren Bereichen in unendlich ausschweifender Schilderung von Ereignissen, deren exponierte Darstellung sich mir nicht erschließt. Ich gehe langsam verloren.

Ich kenne und schätze Herrn Matschke als Schauspieler. Als nun die Möglichkeit bestand, seinen ersten Roman als Hörbuch zu erleben, war ich direkt neugierig. Daher finde ich es besonders schade, dass ich heute entschieden habe, das Buch nicht weiter zu hören. Matthias Matschke hat mich nicht erreichen können, der Fortgang des Romans interessiert mich nicht mehr.
Wäre es ein gebundenes Buch, würde ich es noch querlesen, um herauszufinden, ob am Ende noch etwas kommt, was mich mit dem Gesamtwerk versöhnt, wozu das Ganze denn nun gut ist.

„Falschgeld“ ist ein gutes Buch, auch wenn es eben nicht „mein“ Buch ist. Wahrscheinlich wäre ich mit dem geschriebenen Wort besser zurechtgekommen. Aus Respekt dem Autor gegenüber vergebe ich drei Sterne.


Matthias Matschke, Falschgeld, Roman, Hörbuch, Hoffmann und Campe Verlag, 23,99 €, 6 Std. 56 Minuten, 256 Seiten in der Print-Ausgabe, Erscheinungstermin 03.09.2022

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Veröffentlicht am 08.12.2022

Kulturübergreifende Zusammenarbeit

Der Mondmann - Blutiges Eis
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Jens Lerby wird aus disziplinarischen Gründen nach Grönland versetzt. Ausgerechnet! Ein Mann, der Kälte hasst und ohnehin völlig desillusioniert durch das Leben schreitet. Die grausamen Morde sind nur ...

Jens Lerby wird aus disziplinarischen Gründen nach Grönland versetzt. Ausgerechnet! Ein Mann, der Kälte hasst und ohnehin völlig desillusioniert durch das Leben schreitet. Die grausamen Morde sind nur eine Seite der unerwünschten Medaille. Dringt er doch gezwungenermaßen in den Lebensraum der Inuit ein, welche nicht nur mit dem Glauben an das Übernatürliche leben, sondern aufgrund ihrer Entwicklungsgeschichte mit Vorurteilen behaftet sind. Und so etwas wie „Fingerspitzengefühl“ ist Lerby völlig fremd.

Es ist interessant mitzuerleben, wie aus einem eher misanthropischen Menschen ein nahbarer Mitmensch wird. Der Kommissar muss sich dafür sehr bewegen, sich vor allem für das Übersinnliche öffnen, um mit Hilfe des örtlichen Schamanen sowie dessen Enkelin Pally die Morde aufzuklären, wodurch das große Ganze offenbar wird.

„Der Mondmann“ kommt als Grönland-Thriller daher. Der Plot ist gut, die Ausformulierung reicht für mich jedoch nicht an einen Thriller heran. Der Modus Operandi für die Morde ist außergewöhnlich und brutal. Die Brutalität ist dem Kontext angemessen und nicht „nur“ auf eine billige Effekthascherei ausgelegt. Spannung kommt nur selten und kurz auf. Viele Situationen sind vorhersehbar und der kriminalistischen Arbeit unterlaufen grobe Fehler.

Was mich hingegen sehr begeistert, ist die offensichtlich gut recherchierte und im Rahmen dieses Buches transportierte Situation des Volkes der Inuit. Ich begegne einer mir völlig fremden Kultur, sowohl das tägliche Leben betreffend als auch den Umgang mit Zukunft und Vergangenheit sowie den Glauben und die Angst aufgrund überlieferter Mythen. Ebenso wird „unsere“ Schuld, unser Versäumen und auch der allgegenwärtige Klimawandel thematisiert.

Dieses Buch, rein als Thriller gesehen, würde ich mit drei bis vier Sternen bewerten. Durch die Gesamtheit der ineinander verwobenen Handlungsebenen auf Basis von fundiertem Hintergrundwissen ist „Der Mondmann“ für mich ein richtig gutes Fünf-Sterne-Buch. Kein Thriller, vielleicht ein Krimi, aber unbedingt wirklich gut!


Fynn Haskin, Mondmann – Blutiges Eis, Thriller, eBook, Lübbe Verlag, 15,00 € als Paperback, 400 Seiten in der Print-Ausgabe, Erscheinungstermin 25.11.2022

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Veröffentlicht am 01.12.2022

Im Osten alles anders

EAST. Welt ohne Seele
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Der CIA-Agent Kazanski ist ein Schatten seiner Selbst. Vom Schicksal gezeichnet, inzwischen vom Dienst freigestellt, weiß er nicht viel mehr mit sich anzufangen, als sich gnadenlos zu betrinken. In dieser ...

Der CIA-Agent Kazanski ist ein Schatten seiner Selbst. Vom Schicksal gezeichnet, inzwischen vom Dienst freigestellt, weiß er nicht viel mehr mit sich anzufangen, als sich gnadenlos zu betrinken. In dieser Situation kommt die CIA auf ihn zu, um ihm eine Aufgabe in Krakau anzutragen. Quasi als letzte Chance, um nicht rausgeworfen zu werden. In Krakau überschlagen sich die Ereignisse, Kazanski wird unerwartet zum Ziel.

Anstatt ihn einzuschüchtern, führt dies dazu, dass den Agenten die Wut packt und er unbedingt seine Mission erfüllen und herausfinden will, wer ihm nach dem Leben trachtet.

„East“ ist ein sehr politisches Buch. Die Situation nach Ende des kalten Krieges, die Neuordnung und Destabilisierung des Ostens insgesamt sowie insbesondere auch in den Geheimdiensten scheint mir sehr gut recherchiert. Mir als Laie werden sehr viele Informationen vermittelt, welche mir im Rahmen eines Thrillers zu viel erscheinen.

Es kommt auch hin und wieder zu spannenden Sequenzen, die für mich jedoch leider einen zu kleinen Teil ausmachen, als dass es für mich ein Thriller sein könnte. An einigen Stellen gibt es zudem für mich eher Verwirrung statt nützlicher Informationen, so dass ich an mehreren Stellen etwas verloren gehe.

Nach der Leseprobe hatte ich gewisse Zweifel, ob dieses Buch meine Erwartungen erfüllen könnte. Aus der Feder des Autors kannte ich bislang lediglich „Oxen – Das erste Opfer“, so dass ich davon ausgegangen bin, hier erneut einen spannenden Thriller präsentiert zu bekommen.

Gutes Buch, aber leider nicht „meins“.


Jens Henrik Jensen, East – Welt ohne Seele, Thriller, eBook, dtv Verlag, 13,95 € als Taschenbuch, 384 Seiten in der Print-Ausgabe, Erscheinungstermin 16.11.2022

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Veröffentlicht am 25.11.2022

Foto-Ausstellung der besonderen Art

Fühlst du, wie sie leiden?
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Kriminalkommissar Marc Wittmann erhält via Hauspost eine Postkarte mit einer seltsamen Einladung zu einer Foto-Ausstellung. Die Journalistin Meike Mausner bekommt zeitgleich ein Foto einer verstört dreinblickenden ...

Kriminalkommissar Marc Wittmann erhält via Hauspost eine Postkarte mit einer seltsamen Einladung zu einer Foto-Ausstellung. Die Journalistin Meike Mausner bekommt zeitgleich ein Foto einer verstört dreinblickenden Frau zugespielt, auf dessen Rückseite eine Art Grafik gezeichnet wurde. Während Wittmann der Karte keinerlei Bedeutung beimisst, wendet sich die Journalistin an Dr. Frieda Rubens, Psychologin, um deren Einschätzung zum Bild und insbesondere der Grafik zu erfragen.

Am darauffolgenden Tag wird eine weibliche Leiche gefunden; es handelt sich bei dem Opfer um die Frau auf der Fotografie. Nachdem Meike den Kommissar mit dem Foto konfrontiert hat, widmet dieser sich genauer der rätselhaften Postkarte. Während das Ermittlerteam seiner Arbeit nachgeht, taucht ein weiteres Foto von einer anderen Frau auf. Kann das Team um Marc diese Frau schnell genug identifizieren und so ihr Leben retten? Kann Frieda die Polizei erneut hilfreich unterstützen?

Gunnar Schwarz hat hier erneut einen soliden Thriller verfasst mit ausgefallenem Plot, welcher sich positiv von „gängigen“ Thrillern abgrenzt. Das Tempo des Buches beginnt gemäßigt, zieht zügig immer weiter an, genau wie die Spannung. Es gibt Nebenschauplätze, welche mir die Protagonisten näherbringen, die sich homogen in den Hauptstrang einbinden. Motivation und Modus Operandi sind m. E. „besonders“, hier liegt sicherlich eine ausführliche Recherche zugrunde. Und obwohl ich mir so sicher war, den Täter „längst“ identifiziert zu haben, fliegt mir meine Fehleinschätzung im Herzschlagfinale um die Ohren.

Kürzlich durfte ich „Schmerzmädchen“ von Herrn Schwarz lesen. Dies erschwert die Bewertung von „Fühlst du, wie sie leiden?“. So gibt es hier 4,5 Sterne.

Absolute Lese-Empfehlung für Fans raffinierter Thriller!


Gunnar Schwarz, Fühlst du, wie sie leiden? Thriller, eBook, FeuerWerke Verlag, 13,90 € als Paperback, 274 Seiten in der Print-Ausgabe, Erscheinungstermin 24.11.2022

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