Die Polarnacht bleibt leider still
In der Stille der PolarnachtVirginia Reeve, ihrerseits erfahren in der Führung von Ansiedlertrecks in der Sierra Nevada, wird beauftragt, eine 12 Frauen umfassende Expedition in die Arktis anzuführen. Zielsetzung ist, das Schicksal ...
Virginia Reeve, ihrerseits erfahren in der Führung von Ansiedlertrecks in der Sierra Nevada, wird beauftragt, eine 12 Frauen umfassende Expedition in die Arktis anzuführen. Zielsetzung ist, das Schicksal des verschollenen Polarforschers Sir John Franklin zu ergründen. Ein Unterfangen, an dem „normale“ (Männer-) Expeditionen bereits wiederholt gescheitert sind.
Nach Ablauf der notwendigen Vorbereitungen bricht die bunt zusammengewürfelte „Damenmannschaft“ ins Ungewisse auf.
Nur ein Teil der Frauen kehrt zurück. Die wohlhabenden, einflussreichen Eltern eines verunglückten Expeditionsmitglieds lassen Virginia verhaften und forcieren einen Gerichtsprozess, welcher zweifelsfrei den Tod Virginias zum Ziel haben soll. Hierzu wird von Bestechung, Meineiden und abstruser Stimmungsmache eifrig Gebrauch gemacht.
„In der Stille der Polarnacht“ schildert abwechselnd die Ereignisse vor und während der Expedition sowie des bizarren Gerichtsprozesses. Hierzu ist zu bedenken, zu welcher Zeit die Handlung spielt, welche Rolle einer Frau zugedacht wurde, welche Macht der Männer dem gegenüberstand, was sich gehörte und was nicht, welche Bedeutung Stand und Ansehen hatten usw. Insgesamt wird diesen Rahmenbedingungen seitens der Autorin weitgehend Rechnung getragen, liegen doch dem Plot und seinen Protagonisten ausführliche Recherchen zugrunde.
Der Klappentext des Buches hat in mir eine Vorstellung genährt, was mich zwischen den Buchdeckeln erwarten wird; die hautnahe Begleitung einer Expedition. „Natürlich“ erfolgen auch Schilderungen der Zeitspanne im unerbittlichen Eis der Arktis, für mich jedoch viel zu oberflächlich und nicht berührend. Viel detaillierter wird der Prozess ausgeführt, bis hin zu den Emotionen Virginias. Letztlich finde ich den Prozess interessanter als die Expedition.
Macallister zeichnet Virginias Lebensweg relativ genau nach, bis hin zu einem bislang sorgsam gehüteten Geheimnis. Auch die Biografien der Expeditionsteilnehmerinnen werden mehr oder weniger ausführlich offengelegt, trotzdem entwickle ich keine Beziehung zu einer der Damen. Die Geschichte wird m. E. dadurch überfrachtet, schweift ab und diese Exkurse sind dem Lesevergnügen und der Qualität des Buches nicht zuträglich. Hinzu kommt dann noch das sehr flüchtige Ansprechen diverser – ich nenne es mal so – Quoten-Themen, was m. E. völlig entbehrlich ist. Zudem ist es an mehreren Stellen zu Textverwirrungen und/oder Namensverwechslungen gekommen, zwei Textpassagen habe ich z. B. trotz mehrmaligem Lesen nicht verstanden. Auch das Agieren der Protagonisten fällt gelegentlich aus dem zugrunde liegenden historischen Rahmen.
Für wen ist das Buch geeignet? Vielleicht Leser*Innen, welche eine mittelschwere Kost mit etwas Dramatik vor historischer Kulisse bevorzugen. Wer gerne eine Frauen-Expedition in den Jahren um 1853 begleiten möchte, ist hier falsch.
Greer Macallister, In der Stille der Polarnacht, Roman, Taschenbuch, Insel Verlag, 16,00 €, 472 Seiten, Erscheinungstermin 21.11.2022