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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.02.2026

vielschichtiges Auswanderer-Drama

Moosland
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Hamburg 1949. Die junge Elsa hat im Krieg ihre gesamte Familie verloren und steht buchstäblich vor dem Nichts. Mit einem Rucksack mit ihren wenigen Habseligkeiten besteigt sie das Dampfschiff nach Island. ...

Hamburg 1949. Die junge Elsa hat im Krieg ihre gesamte Familie verloren und steht buchstäblich vor dem Nichts. Mit einem Rucksack mit ihren wenigen Habseligkeiten besteigt sie das Dampfschiff nach Island. Einem nationalen Aufruf folgend, soll sie in einer einfachen isländischen Bauernfamilie als Hilfe in Haushalt und Hof beschäftigt werden. Dass ihr jegliche Erfahrung in diesem Bereich fehlt, hat die bei der Anmeldung wohlweislich verschwiegen.

Die Ankuft auf der Insel ist brutal. Es erwarten sie wilde Landschaft, unwirtliches Klima, erbarmungslose Natur und harte Knochenabeit. Auch die Bauernfamilie erlebt Elsa nicht gerade als freundlich und sympathisch. Dass sie zudem kein einziges Wort verstehen kann, wird zur grössten Barriere. Elsa verschliesst dich immer mehr und weigert sich strikt, Isländisch zu lernen. Ihre Anwesenheit in dem männerdominierten Haushalt bringt zudem auch auf anderer Ebene das Gefüge des Hofs in Aufruhr.

Der Roman lebt von der bildgewaltigen Beschreibung der wilden, urtümlichen Landschaft Islands und einer kriegstraumatisierten Protagonistin, die von Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit beinahe erschlagen wird. In ruhigem, unaufgeregtem, aber teilweise etwas schleppendem Narrativ formt die Autorin behutsam die tragische Figur der Elsa heraus. Das Kriegsgräuel, dass sie offenbar erlebt hat, wird nur leise angedeutet, beinahe ausgeklammert. Hier hätte ich mir einen eigenen Erzählstrang gewünscht. Trotzdem ein tolles Buch - ein kleines Juwel mit idealem Seitenumfang.

Veröffentlicht am 30.01.2026

Vielschichtige Familiensaga

Niemands Töchter
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Niemands Töchter ist ein spannender, generationenübergreifender Frauenroman mit liebevoll gezeichneten Protagonistinnen. Er beleuchtet die wohl komplexeste Beziehung, die wir Frauen führen - nämlich diejenige ...

Niemands Töchter ist ein spannender, generationenübergreifender Frauenroman mit liebevoll gezeichneten Protagonistinnen. Er beleuchtet die wohl komplexeste Beziehung, die wir Frauen führen - nämlich diejenige zur eigenen Mutter.

Beginnend im Westdeutschland anfangs der 19980-er Jahre lernen wir nach und nach zwei Mütter und zwei Töchter kennen. Eine wilde Zeit , gerade im urbanen Westberlin. Zuerst scheint jeweils nur ein Mutter-Kind Paar miteinander in Beziehung zu stehen. Durch das Fortführen des Narrativs über spannende Zeitabschnitte wie der Wende oder des Jahrtausendwechsels wird aber klar, dass alle vier Lebenswege eng miteinander verschlungen sind.

Das Buch liest sich im Nu. Die Figuren sind ausbalanciert und wecken sofort Sympathien. Ein essenzieller Roman, der wichtige Fragen aufwirft über Familie, Identität und Zugehörigkeit. Er führt uns vor Augen, dass es unsere Entscheidung ist, was wir uns selbst und der nächsten Generation weitergeben und welche Wunden wir auch retrograd heilen möchten. Ein Roman, der das Herz erwärmt und Mut macht für Vergebung und Neuanfänge.

Veröffentlicht am 29.01.2026

Sprache und was sie mit uns macht

Schleifen
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Wien in den 1930-er Jahren. Franziska wächst in einem Haushalt auf, in dem Intellektuelle aus Wissenschaft und Philosophie ein und aus gehen. Schon früh schnappt das Kind die hochstehenden Gespräche auf. ...

Wien in den 1930-er Jahren. Franziska wächst in einem Haushalt auf, in dem Intellektuelle aus Wissenschaft und Philosophie ein und aus gehen. Schon früh schnappt das Kind die hochstehenden Gespräche auf. Franziska leidet aber unter einer besonderen Störung: Mit ihrem hochempathischen Wesen genügt es, von einer Krankheit nur zu lesen oder zu hören, um direkt die entsprechenden Symptome zu entwickeln. Als überaus intelligentes, aber isoliertes Mädchen bringt sie sich selbst alte, tote Sprachen bei und kann mit deren Hilfe eine wundersame Desensibilisierung ihrer Störung herbeiführen. Endlich kann sie dem Leben teilnehmen.

Franziska lernt den begabten Mathematiker Otto kennen. Die Beziehung ist nicht nur von romantischen Gefühlen geprägt, sondern vor allem von gegenseitigem tiefen Verständnis und Respekt. In den beiden reift eine mutige Vision: Sie möchten die Welt mit einer neuen Sprache einen. Dieses Ziel verfolgen sie mit immer mehr Besessenheit, die sogar in der Gründung eines eigenen Kleinstaates und einem aberwitzigen Konklave gipfelt.

Erstmals in meiner zugegebenermassen noch jungen Laufbahn als Vorableserin, hat ein Autor es geschafft, mich an meine Grenzen zu bringen. Elias Hirschl nimmt den Leser mit, weit weg aus der Komfortzone, auf einen wilden und witzigen, kafkaesken, grotesken Ritt durch Raum und Zeit. Ja wirklich, er hebt sogar die Regeln der Zeitmessung aus den Angeln! Roter Faden bleibt die tiefe Faszination über Herkunft, Veränderung, Missbrauch und Zukunft der menschlichen Sprache.

Ich habe dieses Husarenstück geliebt. Das wird wohl auch das Schicksal dieses Buchs sein: Entweder man wird es total lieben oder kann far nichts damit anfangen.

Veröffentlicht am 28.01.2026

Die Welt auf einen kulinarischen Nenner gebracht

Liefern
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Berlin, Tel Aviv, Delhi, Istanbul, Buenos Aires. Was diese Millionenmetropolen eint, ist, dass deren Bewohner ständig Hunger haben. Dieser Hunger lässt sich weltweit am besten stillen mittels Essenslieferdiensten. ...

Berlin, Tel Aviv, Delhi, Istanbul, Buenos Aires. Was diese Millionenmetropolen eint, ist, dass deren Bewohner ständig Hunger haben. Dieser Hunger lässt sich weltweit am besten stillen mittels Essenslieferdiensten. Unter dieser Prämisse erschafft der Autor eine weltumspannende Erzählung, die Einblick in das multikulturelle Universum der Lieferdienste gewährt. Konkurrenzdruck, Ausbeutung, Heimweh, Familiennachzug und teilweise mafiöse Strukturen prägen global die Welt des schnellen Hungerstillens. Die Welt ist ein Dorf und so verwebt der Autor die portraitierten Einzelschicksale zu einem Netz, in dem jeder auf gewisse Weise mit anderen verbunden ist. Kulturschocks jeglicher Art sind dabei vorprogrammiert und erwünscht. Hinzu kommt eine wahnwitzige Beschreibung eines Haartransplantations-Trips nach Istanbul, welcher der Leser so garaniert noch nicht kennt.

Ein humorvoller, aber auch nachdenklich stimmender Roman. Leider waren für mich die Themen-, Personen- und Schauplatzwechsel etwas gar wild und hektisch konstruiert. Ab einen gewissen Punkt hatte ich Mühe, mit dem Geschehen noch Schritt zu halten. Insgesamt aber ein sehr unterhaltsamer Roman in einem tollen Setting.

Veröffentlicht am 19.01.2026

Essenz eines gelebten Lebens

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
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Der 89-jährige Bo lebt mit seinem geliebten Hund und mit Hilfe täglicher Betreuung durch einen Pflegedienst (noch) daheim in einem Dorf in Schweden. Seine Frau ist schwer pflegebedürftig und wohnt schon ...

Der 89-jährige Bo lebt mit seinem geliebten Hund und mit Hilfe täglicher Betreuung durch einen Pflegedienst (noch) daheim in einem Dorf in Schweden. Seine Frau ist schwer pflegebedürftig und wohnt schon seit Jahren in einem Demenzwohnheim. Bo vermisst seine Ehefrau unendlich und redet jeden Tag in liebevoller Zwiesprache mit ihr.

Auch Sohn Hans kümmert sich um Bo, das Verhältnis ist allerdings schwierig. Bo fühlt sich zunehmend entmündigt und bevormundet von seinem Sohn. Mit immer gebrechlicherem Körper, jedoch klarem Verstand blickt Bo auf sein langes Leben zurück. Er hat sich fest vorgenommen, vor seinem Ableben das verfahrene Verhältnis zum Sohn zu kitten. Ein schwieriges Unterfangen, besonders als Hans seinem Vater damit droht, den geliebten Hund wegzunehmen.

Ein leiser, aber trotzdem kraftvoller Roman über das Älterwerden und Sterben. Er zeigt auf, was es bedeutet, im Alter Autonomie und Würde zu verlieren und in einem Körper eingesperrt zu sein, der sich mehr und mehr im Verfall befindet. Gleichzeitig wirft das Buch die Frage auf, was am Ende unseres Lebens als Bodensatz all unserer gemachten Erfahrungen zurückbleibt. So viele wichtige Erkenntnisse lernen wir erst im Alter wirklich zu begreifen.

Ein zutiefst essenzielles Buch, das einen sehr intimen und gleichzeitig würdevollen Einblick gewährt in die Gedankenwelt eines sterbenden, hochbetagten Menschen. Mich hat dieses grandiose Debüt tief berührt.