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Veröffentlicht am 02.04.2026

Vom Gehen oder Bleiben

Der letzte Leuchtturm
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Muckle Flugga: nördlichste bewohnte Insel Grossbritanniens. Sturmumtost trotzt die Insel der Shetlands den Fluten der Nordsee. Als letzte Bastion der Menschheit wacht ein Leuchtturm und lotst die Schiffe ...

Muckle Flugga: nördlichste bewohnte Insel Grossbritanniens. Sturmumtost trotzt die Insel der Shetlands den Fluten der Nordsee. Als letzte Bastion der Menschheit wacht ein Leuchtturm und lotst die Schiffe durch diese schwierige Passage. Einzige verbliebene Bewohner sind der jähzornige, verwitwete Leuchturmwärter und dessen 19-jähriger Sohn Ouse. Beide vermissen die verstorbene Mutter des jungen Mannes auf ihre Weise: Ouse mit tiefer Liebe und Empathie im Herzen; sein Vater mit Brutalität und Verbitterung. Es scheint besiegelt, dass Ouse ebenfalls Leuchtturmwärter werden soll. Er hat kaum menschliche Kontakte. Seine Familie sind Krabben, Robben, Möwen und Papageientaucher. Er kennt jeden Winkel des Eilands und bei Langeweile spricht er mit dem Geist von Robert Louis Stevenson. Der imaginierte Freund steht ihm auch bei, wenn der Vater wieder zugeschlagen hat.

Die Dynamik ändert sich, als ein Hausgast eintrifft. Firth, ein lebensmüder, erfolgloser Schriftsteller möchte auf der Insel seine allerletzte Lebensaufgabe vollbringen. Er erkennt als Einziger das kreative, künstlerische Talent in Ouse und ermutigt ihn, dieses zu fördern. Dazu müsste er jedoch die geliebte Insel verlassen. Ouse muss sich entscheiden.

Der Roman lebt von der poetischen Sprache, die sich so tänzerisch emporschwingt, dass einem manchmal schwindlig wird. Scheinbar mühelos webt der Autor den Mikrokosmos dieser Insel um den Leser herum. In lebendigen Bildern beschreibt er die ungezähmte Natur, die Definition von Heimat und das breite Feld der Emotionen der Protagonisten. Hoffentlich nicht der letzte Roman des Lyrikers. Meine Empfehlung für Leser, denen "Öffnet sich der Himmel" von Sean Hewitt gefallen hat.

Veröffentlicht am 26.03.2026

Ode an alles Lebendige

Das Jahr der Schmetterlinge
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Mitten im dänischen Winter hat die Journalistin, Ehefrau und Mutter eine Vision: Sie möchte in einem Kalenderjahr sämtliche dänischen Tagfalter sehen. Lea hat keine Ahnung, wieviele das sind, wo diese ...

Mitten im dänischen Winter hat die Journalistin, Ehefrau und Mutter eine Vision: Sie möchte in einem Kalenderjahr sämtliche dänischen Tagfalter sehen. Lea hat keine Ahnung, wieviele das sind, wo diese leben und ob dieser Plan neben ihrem dicht getakteten Berufs- und Familienalltag realisierbar ist. Zitat ihres Mannes: "Du bist nicht ganz dicht." Doch Lea spürt, dass sie diesem Ruf folgen muss.

Mit viel Literatur, Kartenstudium, Kontakt zu Hobby-Entomologen im Internet und Treffen mit Fachpersonen bereitet sie sich systematisch vor. Sie weiss, der grösste Feind wird die Zeit sein. Viele Arten sind an einzelne Futterpflanzen gebunden und auch die Lebenserwartung ist unterschiedlich. Manche Falter fliegen nur in einem Zeitfenster von 3 bis 4 Wochen.

Auf ihrer Suche quer durch die wildesten Landschaften Dänemarks wird dem Lesenden eine Fülle von wissenschaftlichen Fakten über den faszinierenden Kosmos der Schmetterlinge vermittelt: ihr Leben, die Fortpflanzung, die Metamorphose und der innere Kompass, der die Insekten führt. Daneben überraschen auch geschichtliche Hintergründe, Themen aus Philosophie, Kunst und Psychologie im Zusammenhang mit diesen Kreaturen. Besonders berührend ist die Thematik rund um den Artenschwund. Dieser verleiht die Autorin eine besonders persönliche Note, indem sie das Verschwinden einiger Arten mit ihrem Geburtsjahr und der Zeitachse ihres eigenen Lebens abgleicht, und erschrickt.

Schön, dass die Autorin dem inneren Ruf gefolgt ist. Sie hat die Schmetterlinge dabei nie gefangen und aufgespiesst, sondern fotografiert und gemalt - jeden entdeckten Falter. Diese Illustrationen sind ein wunderschöner Bonus. Nach diesem Buch wirst Du Schmetterlinge noch mehr bewundern!

Veröffentlicht am 19.03.2026

Über die Definition von Norm

Sie wollen uns erzählen
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Der 9-jährige Oz ist ein besonderes Kind. Aufmüpfig, ungeduldig, mag keine Regeln, spielt nicht wie andere Kids, kann sich schlecht konzentrieren, hat Mühe sich zu regulieren und wild tanzende Gedanken ...

Der 9-jährige Oz ist ein besonderes Kind. Aufmüpfig, ungeduldig, mag keine Regeln, spielt nicht wie andere Kids, kann sich schlecht konzentrieren, hat Mühe sich zu regulieren und wild tanzende Gedanken in Situationen, wo er sich beherrschen sollte. Im Regelschulsystem fällt er früh auf, wird abgeklärt und beurteilt - wieder und wieder.

Es ist die Geschichte eines neurodivergenten Jungen und seiner Familie, die an ihre Grenzen stossen. Wir begleiten die zermürbende und oft verzweifelte Suche nach einer richtigen Diagnose, geeigneten Therapien, Behandlungen, Medikamenten, alternativen Schulen. Die Mutter ist selbst sehr impulsiv, labil und hangelt sich beruflich von einer Befristung zur nächsten. Sie und ihr Mann haben sich längst gegenseitig aufgerieben im schwierigen Alltag. Alles an ihr ist müde. Doch unermüdlich bleibt sie im Kampf für ihren Sohn. Denn auch das ist ihr Kind: sehr empathisch, freundlich zugewandt, fantasievoll, mit überdurchschnittlicher Beobachtungs- und Auffassungsgabe, ein Schnelldenker. Sieht denn keiner sein Potenzial? Als nun seine schräge Oma Zäzilia aus dem Krankenhaus verschwindet, spitzt sich die Lage vollends zu...

Die Autorin lässt ein lebendiges Setting entstehen und direkt ab der ersten Seite bist du mittendrin in dieser Familienkonstellation. Die komplexe Thematik über Kinder ausserhalb der Norm hat auch mich als Nichtmutter zutiefst berührt und ins Reflektieren gebracht. Frau Birnbacher ist eine äusserst einfühlsame Betrachterin. Sie gibt die Gedankenwelt der Protagonisten ehrlich und als reinste Essenz wieder und hält der Familie damit durchgehend den Raum.

Veröffentlicht am 06.03.2026

Mord in der Karwoche

Commissario Gaetano und das letzte Abendmahl
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Ausgerechnet in der Settimana Santa - der hochheiligen Karwoche - geschieht in Neapel ein Mord. Der komplizierte und nicht besonders umgängliche Commissario Gaetano und die hartnäckige Nachwuchsermittlerin ...

Ausgerechnet in der Settimana Santa - der hochheiligen Karwoche - geschieht in Neapel ein Mord. Der komplizierte und nicht besonders umgängliche Commissario Gaetano und die hartnäckige Nachwuchsermittlerin Beppa werden auf den Fall angesetzt. So richtig Lust auf Arbeit hat keiner in der Karwoche...

Der Autor erschafft ein tolles Setting mit viel Lokalkolorit. Hauptdarstellerin ist ohne Zweifel die Stadt Neapel - der lärmige, schmutzige, stinkende, nimmermüde Moloch, der gleichzeitig malerische Ecken und atemberaubende Kulissen liefert. Hier prallen Gegensätze und Welten aufeinander, z.B. die rustikalen Fischer und die Gäste der Luxusrestaurants.

Der Autor vermag ein authentisches Bild zu vermitteln, erschafft kuriose Protagonisten und zeichnet die stimmige Atmosphäre von Italien während der allerheiligsten Woche des Jahres. Für mich war der Roman ein Spürchen zu lange und einige Details im Plot wirken etwas zu sehr konstruiert, bzw. unglaubwürdig. Trotzdem ein spannender, unterhaltsamer und stimmiger Italien-Krimi.

Veröffentlicht am 04.03.2026

ungezähmte Frauen

Die Riesinnen
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"Riesinnen" werden sie genannt, und Riesinnen sind sie, so gross, dass sie jeden in dem kleinen Ort im Schwarzwald überragen. Dies ist die Geschichte von Grossmutter Liese, Mutter Cora und Tochter Eva, ...

"Riesinnen" werden sie genannt, und Riesinnen sind sie, so gross, dass sie jeden in dem kleinen Ort im Schwarzwald überragen. Dies ist die Geschichte von Grossmutter Liese, Mutter Cora und Tochter Eva, die dort auf ihre eigene, unabhängige Art leben. Das macht sie zu Sonderlingen, denn im Dorf ist die höchste richterliche Instanz das Gerede der Leute. Es macht sie auch einsam, doch es genügt ihnen, dass sie einander haben.

Von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart begleiten wir die Familie, deren Leben von harter Arbeit und Schicksalsschlägen geprägt ist. So unterschiedlich die Wesen der drei Frauen sind, sie alle teilen die tiefe Liebe zur Heimat, die Verbundenheit zum Wald und den Wunsch nach Selbstbestimmung.

Der Roman lebt und atmet von der einmaligen Erzählsprache. Rustikal, archaisch und bisweilen derb ist sie, jedoch gleichzeitig von einer unglaublichen Feinheit. Die Protagonistinnen werden so präzise gezeichnet, dass sie jederzeit authentisch rüberkommen. Die Autorin schafft scheinbar mühelos den Spagat zwischen Heimatroman, feministischem Werk und packender Familiensaga.

Wer die Romane von Marie Brunntaler mag, wird "Die Riesinnen" lieben.