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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.10.2023

Ein rasantes Crossover

TARZAN IN PELLUCIDAR
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Im letzten Band ist Tanar zwar den Korsaren entkommen, aber David Innes, der Kaiser von Pellucidar, ist weiterhin in den Fängen der Piraten. Jason Gridley bricht von der Erdoberfläche zu einer einzigartigen ...

Im letzten Band ist Tanar zwar den Korsaren entkommen, aber David Innes, der Kaiser von Pellucidar, ist weiterhin in den Fängen der Piraten. Jason Gridley bricht von der Erdoberfläche zu einer einzigartigen Rettungsmission auf. Dafür hat er sich die beste Unterstützung gesichert, die er nur bekommen konnte: Tarzan, den Affenmenschen. Wenn sich einer mit undurchdringlichen Urwäldern und wilden Bestien auskennt, dann dieser. Selbst Tarzans Instinkte und Erfahrungen werden in der Urwelt Pellucidar an ihre Grenzen gefordert. Schon lange bevor die Rettungsmission ihr Ziel erreicht wird sie voneinander getrennt und das, was sie vermeiden wollten ist Realität: Bevor sie an David Innes auch nur denken können, müssen sie alleine die Gefahren Pellucidars überstehen.

Das, was ich im letzten Band vermisst habe, die Rettung von David Innes, ist endlich Thema dieses Buches. Zumindest zum Teil. Sie ist Anlass für ein neues Abenteuer in Pellucidar, aber in der Hauptsache dreht es sich darum wie die unterschiedlichen Völker dieser Urwelt leben, sich bekriegen und es doch nur ein wenig Umdenken von allen Seiten erfordert, um das Leben aller besser zu machen. Ich habe lange befürchtet, dass das Hauptthema des Buches das den Augen verloren wird. So spannend auch die Abenteuer sind und so interessant gerade auch Tarzans Rolle ist, an all den genretypischen Aneinanderreihungen von Abenteuern und dem irgendwann etwas nervtötenden Aneinander-Vorbeirennen der Charaktere, wollte ich doch irgendwann mal zum Punkt kommen. Da zeigte sich dann wie alles zusammenspielt und plötzlich ergaben die Einzelabenteuer einen Sinn. Es lohnt sich durchzuhalten! Der Schluss selbst ließ mich etwas zwiegespalten zurück. Einerseits gab es Gänsehautszenen andererseits war es dann doch etwas unspektakulär.

Gute 4 Sterne für dieses spannende Crossover-Abenteuer, das trotz aller genretypischen Schwächen bestens unterhält.

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Veröffentlicht am 01.10.2023

Ein sehr beeindruckender, zu Unrecht vergessener Klassiker

Jenny | Der große Frauen- und Emanzipationsroman von Fanny Lewald | Reclams Klassikerinnen
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Jenny ist die einzige Tochter einer wohlhabenden, jüdischen Kaufmannsfamilie. Außergewöhnlich hübsch, gebildet und sehr selbstbewusst ist sie gesellschaftlicher Mittelpunkt und geschätzte Freundin. Ihr ...

Jenny ist die einzige Tochter einer wohlhabenden, jüdischen Kaufmannsfamilie. Außergewöhnlich hübsch, gebildet und sehr selbstbewusst ist sie gesellschaftlicher Mittelpunkt und geschätzte Freundin. Ihr Herz gehört allerdings dem armen Pfarrer Gustav Reinhard. Für ihn ist sie bereit alles aufzugeben, doch der Übertritt zum Christentum und zu einer christlich geprägten Lebenswelt, in der Frauen einen ganz bestimmten Platz einnehmen, wird zu einer großen Prüfung für Jenny.

Ein zu Unrecht vergessener Emanzipationsroman aus dem Jahre 1843, in dem der Leser einen tiefen Einblick in die Welt des 19. Jahrhunderts bekommt. Hauptthema ist natürlich die Rolle der Frau, die an unterschiedlichsten Frauenfiguren durchgespielt wird, von der selbstbewussten Jenny bis zur demütigen Therese, ihre Möglichkeiten und ihre kulturellen Verankerungen sind dabei genauso Thema wie ihre Träume und Hoffnungen. Das zweite große Motiv, das eng mit der Frauenfrage verwebt wurde, ist der gesellschaftliche Antisemitismus. In seiner Absurdität, aber auch in der, trotz aller Aufgeklärtheit, davon bestimmten Realität für alle Menschen, ist ein wesentliches Element, das die Geschichte bestimmt. Da die Autorin selbst als jüdische Frau in dieser Zeit gelebt hat, spürt man in jeder Szene, dass hier aus dem Leben geschrieben wurde und nicht aus antisemitischer Überzeugung. Geschickt führt die Autorin Vorurteile ad absurdum, nicht immer offensichtlich, gerne in Handlungen und Entwicklungen versteckt. Es gibt viele Denkanstöße, auch für heutige Leser. So ist der Autorin nicht nur ein Roman gelungen, der für eine emanzipierte Frauenrolle steht, sondern auch für eine Emanzipation der Juden bzw. des Menschen selbst, der sich von tradierten Vorurteilen ohne Substanz lösen soll, um sich als Mensch im Leben entfalten und Glück finden zu können.

Der Roman überzeugt mit einer wunderbaren gehobenen Sprache, einer starken Bildsprache, die der Geschichte eine weitere Dimension gibt, und einer Handlung, die den Leser mitnimmt, in eine Welt, die uns fremd und vertraut zugleich erscheint.
Ein beeindruckender Klassiker, der dem Vergessen entrissen wurde!

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Veröffentlicht am 01.10.2023

Eine traumhafte Klassikerausgabe

Frankenstein
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Es begann mit einem großen Traum: Frankenstein will Leben erschaffen und das Experiment gelingt. Das Ergebnis ist allerdings ein Albtraum, der ihn fast um den Verstand bringt. Entsetzt flieht er vor dem ...

Es begann mit einem großen Traum: Frankenstein will Leben erschaffen und das Experiment gelingt. Das Ergebnis ist allerdings ein Albtraum, der ihn fast um den Verstand bringt. Entsetzt flieht er vor dem Wesen, das er erschaffen hat und es dauert lange bis er es wagt zu hoffen, diesen Abschnitt seines Lebens hinter sich lassen zu können. Doch das Wesen, das er erschaffen hat lebt und holt seinen Schöpfer ein.

Frankenstein ist einer der Klassiker, die man zu kennen glaubt ohne ihn gelesen zu haben, und wenn man ihn dann liest, stellt man fest, dass man ihn nicht kennt. Und man stellt fest, dass eine Lektüre lange nicht genügt, um alle Facetten und Tiefen dieser Geschichte auszuloten. In einer Zeit, in der sich die Wissenschaft und Forschung schon lange kaum noch mit Fragen aufhält, ob sie auch wirklich alles tun sollte, was sie tun kann, ist dieser Roman wieder sehr aktuell. Ethische Fragen zur Wissenschaft, die Forderung Verantwortung für sein Tun zu übernehmen, die an jeden der Charaktere gestellt, einige stellvertretend für die Menschheit/ Gesellschaft selbst, und viele weitere Aspekte geben der vordergründigen Schauergeschichte eine Tiefe und Komplexität, die sie zu recht zu einem Klassiker der Weltliteratur macht.

Die Schmuckausgabe von Coppenrath präsentiert diesen Roman in einem einzigartigen Gewand, das ihn zu einem ganz besonderen Erlebnis macht. Ein aufwendig gestaltetes Cover, ein metallicblauer Farbschnitt und zahlreiche, großartige Illustrationen erwecken die Geschichte auf weiteren Ebenen zum Leben. Weitere Extras wie ein Brief, Filmplakate und Zeitungsausschnitte an exponierten Szenen des Buches verwöhnen den Leser mit einem geradezu dreidimensionalen Leseerlebnis.

Ein Anmerkungsteil, der für mich etwas umfangreicher hätte sein können, und ein Nachwort runden diese Klassikerausgabe ab.

Dieses Buch bietet mit seiner aufwendigen Gestaltung und den gut durchdachten Extras ein einmaliges Leseerlebnis. Ein würdiges neues Gewand für einen sehr beeindruckenden Klassiker. Die Coppenrath-Schmuckausgabe ist ihr Geld wert und nimmt nicht nur einen besonderen Platz im Bücherregal, sondern auch in jedem Leserherzen ein. In dieser Gestaltung bleibt der Klassiker noch einmal so unvergesslich.

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Veröffentlicht am 27.08.2023

Eine fesselnde queere Liebesgeschichte und viel mehr

Stolen Kisses
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Es sollte ein One-Night-Stand sein, doch weder Jannis noch Kai können diese Nacht vergessen – umso entsetzter sind sie als sie sich plötzlich als geschäftliche Rivalen wiederfinden, in einem Wettkampf ...

Es sollte ein One-Night-Stand sein, doch weder Jannis noch Kai können diese Nacht vergessen – umso entsetzter sind sie als sie sich plötzlich als geschäftliche Rivalen wiederfinden, in einem Wettkampf bei dem sowohl die private und berufliche Zukunft ihrer beider Familien auf dem Spiel stehen. Schon ihre persönliche Situation könnte nicht unterschiedlicher sein: Jannis, der mit seiner toleranten Hippiemutter und sehr guten Freunden fest in der queeren Gemeinschaft des bunten Berlins verankert ist und dann Kai, der von seinem Vater ständig beruflich und privat unter Druck gesetzt wird, seine homosexuellen Neigungen vor allen, sogar sich selbst immer wieder versteckt und unterdrückt bis ihm Panikattacken die Luft zum Atmen nehmen, ständig in der Angst alles zu verlieren, was ihm etwas bedeutet. Der Wettkampf fordert von allen Beteiligten den höchsten Einsatz, doch nicht jeder spielt fair.

Andreas Suchanek schafft es eine warmherzige queere Liebesgeschichte zu erzählen, die einen so warm und sicher umfängt, dass man fast überrascht ist, dass er auch die problematischen Seiten, von persönlichen Ängsten bis zu gesellschaftlicher Intoleranz, Homophobie und Gewalt nicht ausspart. Die Charaktere sind vielfältig und jeder einzigartig gezeichnet. Man kann mit jeder Figur mitfühlen und besonders natürlich Kai und Jannis, in ihrer ganzen Gegensätzlichkeit und ihren überwältigenden Gefühlen zueinander. Besonders gefiel mir, dass auf ausführliche Bettszenen verzichtet und dafür viel Wert auf die Entwicklung von Charakteren und Story gelegt wurde.

Ich liebe die Art wie Andreas Suchanek Geschichten erzählt, gewandt, humorvoll, spannend und immer für eine Überraschung gut – und das findet sich auch alles in diesem Buch. Mit leichter Hand lässt er den dramatischen Höhepunkt der Geschichte in einem Feuerwerk, das Gänsehaut garantiert, münden und der Leser bleibt mit klopfendem Herzen und Tränen in den Augen zurück, von tiefstem Bedauern erfüllt, dass das Buch zu Ende ist. Eine Wohlfühllektüre, die ich nur empfehlen kann!

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Veröffentlicht am 27.08.2023

Brillante und unterhaltsame Aufarbeitung Karl-May-Debatte

Karl May im Kreuzfeuer
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Im Sommer 2022 war es mal wieder soweit: Bis dahin bereits auf eine Fan-Gemeinde und Forschungsprojekte beschränkt, wurde Karl May wieder ins Licht der Öffentlichkeit geholt, nach so vielen Jahren des ...

Im Sommer 2022 war es mal wieder soweit: Bis dahin bereits auf eine Fan-Gemeinde und Forschungsprojekte beschränkt, wurde Karl May wieder ins Licht der Öffentlichkeit geholt, nach so vielen Jahren des Vergessens, hatte plötzlich jeder eine Meinung zu ihm – und selten eine gute. Fachleute kamen zu Wort, die die Vorwürfe von Rassismus und Antisemitismus untermauern sollten. Vorwürfe, die so alt sind wie der Streit um Karl May selbst, der mit den Prozessen gegen ihn begann.

Thomas Kramer legt mit diesem Buch eine fundierte Auseinandersetzung mit der hitzigen Debatte vor und geht einem Vorwurf nach dem anderen detailliert und erfreulich unaufgeregt nach. Das Ergebnis ist eine sachliche, informative und dabei äußerst unterhaltsame Lektüre, die Fans und Gegnern des Autors einen tiefen Einblick in Werk, Text-, Forschungs- und nicht zuletzt Zeitgeschichte gibt.

Dieses Buch ist die perfekte Antwort, auf den gellenden Aufschrei, der 2022 die Medien durchzitterte. Besonders gefiel mir, dass Thomas Kramer den aggressiven Ton aus der Debatte nimmt, sachlich bleibt und jedes Argument ernsthaft auf Stichhaltigkeit untersucht. Man merkt mit jeder Zeile, dass er weiß, wovon er spricht und dass er sich mit Textforschung auskennt – so stützt er sich als seriöser Forscher zum Beispiel auf die historisch-kritische Ausgabe von Karl Mays Werk, wenn es um Belege aus dem Primärtext geht und nicht auf die die gängigen Populär-Publikationen, die unterschiedliche Stadien der Bearbeitung aufweisen (können).

Bei seiner Analyse beschränkt sich Thomas Kramer nicht nur darauf, im Primärtext die Vorwürfe im Einzelnen zu belegen oder zu widerlegen, sondern er zieht den gesamten zeitlichen Kontext heran - von Karl May bis zum 3. Reich. Zeitgenossen, Politik und Kultur werden genau beleuchtet und die Ergebnisse lassen den Leser in vielerlei Hinsicht staunen. Sehr detailliert setzt sich Thomas Kramer mit dem Interview Jürgen Zimmerers auseinander und kommt dabei zu bemerkenswerten Schlüssen.

Nicht zuletzt der humorvolle Ton, der die perfekte Antwort auf die aggressive Pauschalität der Debatte ist, macht dieses Buch zu einem köstlichen Leseerlebnis, das dazu anregt wieder mal zu einem Original-Werk Karl Mays zu greifen und auch einen Blick auf weitere Fachliteratur zu Autor und Werk zu werfen.

Dieses Buch ist für Fans und Gegner des Autors gleichermaßen informativ und unterhaltsam. Wer wissen will, was an den erhobenen Vorwürfen wirklich dran ist, sollte unbedingt zu diesem Buch greifen.

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