Profilbild von Buchkomet

Buchkomet

Lesejury Profi
offline

Buchkomet ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Buchkomet über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.05.2026

Absolut lesenswert

Die weite Welt
0

„Die weite Welt“ von Lutz van Dijk beginnt mit einem jungen Mann, der mit 18 in New York steht. Fremd, arbeitslos, schwul und nur 50 Dollar. Das könnte der Anfang einer wilden Aussteiger-Geschichte sein. ...

„Die weite Welt“ von Lutz van Dijk beginnt mit einem jungen Mann, der mit 18 in New York steht. Fremd, arbeitslos, schwul und nur 50 Dollar. Das könnte der Anfang einer wilden Aussteiger-Geschichte sein. Ist es aber nicht. Zum Glück. Denn Lutz van Dijk erzählt nicht davon, wie jemand „die große weite Welt erobert“. Er erzählt davon, wie ein Mensch in dieser Welt seinen Platz sucht. Und wie andere Menschen ihm dabei begegnen.

Und genau diese Begegnungen sind für mich das Herz des Buches. Eine Putzfrau in Manhattan. Ein Flüchtling aus Haiti. Menschen, die helfen, obwohl sie selbst kaum etwas haben. Menschen, die verletzen. Menschen, die einfach bleiben. Menschen, die sterben. Menschen, die einem zeigen, dass ein Leben nicht groß wird, weil man viel herumkommt, sondern weil man sich berühren lässt.

Mich hat sehr beeindruckt, wie unaufgeregt Lutz van Dijk erzählt. Er hat unfassbar viel erlebt. Er stellt sich dabei aber nicht selbst ins Licht, sondern schaut auf die Menschen um ihn herum. Auf ihre Würde. Ihre Verletzlichkeit. Ihre Stärke. Und das macht dieses Buch so besonders.

Dabei geht es um queeres Leben, um Aids, Ausgrenzung, Rassismus, Armut, Apartheid, Erinnerung und Verantwortung. Große Themen, ja. Aber sie fühlen sich hier nie wie Schlagworte an, weil sie immer an konkrete Menschen gebunden sind. An Gesichter. An Geschichten und auch an Abschiede.

Besonders die Passagen über Südafrika haben mich sehr bewegt. Das Kinderhaus, das Leben mit Perry und den Kindern, die Aids-Krise, das Township-Leben: Man spürt auf jeder Seite: Hier schreibt jemand, der nicht nur gesehen hat, sondern wirklich hingesehen hat.

„Die weite Welt“ ist kein Buch mit klassischem Spannungsbogen. Es ist episodisch, manchmal ruhig, manchmal politisch und manchmal schmerzhaft. Aber für mich passt genau das. Weil das Leben selbst eben auch nicht sauber konstruiert ist.


„Die weite Welt“ von Lutz van Dijk ist eine außergewöhnlich starke, berührende und wichtige Lebenserinnerung über Fremdsein, Zugehörigkeit, queeres Leben, politische Verantwortung und die Kraft echter Begegnungen. Ein Buch, das zeigt, wie weit die Welt sein kann, wenn man bereit ist, anderen Menschen wirklich nahezukommen. Für mich ein tief beeindruckendes Leseerlebnis und eines dieser Bücher, bei denen man am Ende dankbar ist, dass jemand dieses Leben mit uns geteilt hat. Vielen Dank Lutz van Dijk!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.05.2026

Starker Politthriller

Die Praktikantin
0

In "Die Praktikantin" von Horst Eckert, neginnt erstmal alles ganz gediegen: Carla Bergmann startet ihr Praktikum bei der Düsseldorfer Morgenpost und landet erstmal bei den Polizeimeldungen. Doch eine ...

In "Die Praktikantin" von Horst Eckert, neginnt erstmal alles ganz gediegen: Carla Bergmann startet ihr Praktikum bei der Düsseldorfer Morgenpost und landet erstmal bei den Polizeimeldungen. Doch eine scheinbar kleine Geschichte rund um einen Einbruch bei regimekritischen Exilrussen entwickelt sich schnell zu etwas viel Größerem. Geheimdienste, politische Verstrickungen, technologische Kriegsführung, wirtschaftliche Interessen und die Frage, wer eigentlich von Krisen und Kriegen profitiert.

Und Horst Eckert liefert richtig ab: Nichts davon wirkt komplett überzogen oder konstruiert. Vieles fühlt sich erschreckend plausibel und vor allem real an. Gerade in Zeiten von Ukrainekrieg, Desinformation und wachsendem Misstrauen gegenüber Medien entwickelt „Die Praktikantin“ eine enorme Sogwirkung.

Besonders spannend fand ich die Verbindung aus investigativem Journalismus und Politthriller. Eckert zeigt sehr eindrucksvoll, wie sehr Medienhäuser heute unter Druck stehen: Stellenabbau, Klickzahlen, Fusionen und gleichzeitig die Frage, ob echter Journalismus überhaupt noch möglich ist.

Carla funktioniert als Hauptfigur richtig gut. Sie ist ehrgeizig, neugierig und glaubt noch daran, dass Journalismus etwas verändern kann. Gleichzeitig macht sie Fehler, überschätzt Situationen und gerät an ihre Grenzen. Dazu kommt Jan Koller, ein ehemaliger Star des Investigativjournalismus, der sich längst in seiner komfortablen Medienrolle eingerichtet hat. Die Dynamik zwischen den beiden war für mich tatsächlich eines der Highlights des Buches.

Auch stilistisch hat mich der Roman komplett abgeholt. Kurze Kapitel, hohes Tempo, klare Sprache und keine unnötigen Ausschweifungen. Man nimmt sich ständig vor, „nur noch ein Kapitel“ zu lesen und plötzlich sind wieder fünfzig Seiten vorbei.

Natürlich ist nicht alles perfekt. Gerade im Mittelteil wirft Eckert sehr viele Themen gleichzeitig in den Ring: Geheimdienste, KI, Rüstungskonzerne, Medienkrise, Ukrainekrieg. Das funktioniert größtenteils gut, manchmal hätte ich mir aber gewünscht, dass einzelne Aspekte noch etwas mehr Tiefe bekommen.

Trotzdem bleibt am Ende ein hochaktueller Politthriller, der nicht nur spannend unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt. Vor allem darüber, wie nah Fiktion und Realität inzwischen manchmal beieinander liegen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.04.2026

Tolle Kurzgeschichten

Der König der Spinnen
0

Wer bei Horror nur an massig Blut und schnöde Monster oder überdrehte Eskalation denkt, bekommt in „König der Spinnen“ von Bodo Staudacher eher die stillere, psychologischere Variante serviert und die ...

Wer bei Horror nur an massig Blut und schnöde Monster oder überdrehte Eskalation denkt, bekommt in „König der Spinnen“ von Bodo Staudacher eher die stillere, psychologischere Variante serviert und die kann mitunter deutlich fieser nachwirken.

Besonders spannend fand ich, wie unterschiedlich die fünf Geschichten angelegt sind. Mal schräg, mal verstörend und dann fast schon trügerisch ruhig. Trotzdem hält die Sammlung ein gemeinsames Motiv zusammen: der Moment, in dem Menschen wanken, die Kontrolle verlieren oder schlicht vom Wahnsinn verschluckt werden.

Am stärksten ist das Buch immer dann, wenn es nah an den Figuren bleibt und das Unbehagen ganz langsam aufbaut. Gerade dadurch entstehen Szenen, die nicht einfach nur gruselig sind, sondern schon länger im Kopf bleiben.

Hervorzuheben ist die gelungene Atmosphäre. Egal ob klaustrophobisch, düster, gruselig oder seltsam, Bodo Staudacher schafft es, in jeder Geschichte eine ganz eigene Stimmung zu erzeugen. Seine Ausführungen sind dabei ziemlich detailreich. Das sorgt dafür, dass man schnell in die jeweilige Kurzgeschichte hineingezogen wird. Gleichzeitig muss man sich darauf einstellen, dass hier nicht jede Geschichte leicht zugänglich ist. Nicht immer ist alles eindeutig, nicht alles will sofort verstanden werden. Das passt am Ende aber eben auch wieder gut zum Gesamtbild.

Unterm Strich ist „Der König der Spinnen“ eine abwechslungsreiche Sammlung für alle, die Horror mögen, aber nicht immer das Gleiche suchen. Das Buch arbeitet viel mit Stimmung und unterschwelliger Bedrohung. Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.04.2026

Tolle Thematik

EDEN - Wenn das Sterben beginnt
0

Marc Elsberg ist für mich jemand, der über große, brennende Themen schreiben kann wie kaum ein anderer. Auch mit Eden setzt er genau so ein Szenario auf: Es geht um Umwelt, Macht, Kapital, politische Trägheit ...

Marc Elsberg ist für mich jemand, der über große, brennende Themen schreiben kann wie kaum ein anderer. Auch mit Eden setzt er genau so ein Szenario auf: Es geht um Umwelt, Macht, Kapital, politische Trägheit und technologische Warnsysteme. Mit all diesen Zutaten kredenziert uns Elsberg also einen überaus ambitionierten Roman, der doch erschreckend nah in der Zukunft liegen könnte.

Eden ist dann am besten, wenn Marc Elsberg zeigt, wie eng ökologische Krisen, wirtschaftliche Interessen und politische Entscheidungen miteinander verflochten sind. Das ist klug und hervorragend recherchiert, brandaktuell und über weite Strecken auch wirklich interessant. Gerade die Mischung aus Wissenschaft, Politik, Thriller und auch Gesellschaftsanalyse hat mir enorm gefallen.

Die Figuren konnten mich ebenfalls überzeugen. Sie machen dieses riesige, globale Szenario definitiv greifbarer und sorgen dafür, dass der Roman nicht nur bei Daten, Prognosen und Katastrophenbildern stehenbleibt. Vor allem zu Beginn entsteht dadurch ein Lesesog, dem man nur schwerlich entkommen kann.

Jetzt kommt aber auch ein Aber: Eden will irgendwann zu viel auf einmal. Es gibt zu viele Perspektiven, zu viele Schauplätze und zu viele Zuspitzungen in kurzer Zeit. Klar, Tempo ist drin, aber das nimmt der Geschichte hin und wieder auch etwas Tiefe. Man springt oft so schnell weiter, dass einzelne Momente kaum nachwirken konnten. Statt sich stärker in die wirklich spannenden Fragen zu verbeißen, setzt der Thriller später stärker auf Eskalation und Action. Das liest sich wahrlich nicht schlecht, aber es wirkt stellenweise doch etwas überladen.

Nicht falsch verstehen, Eden ist einfach Peak, was Unterhaltung angeht. Aber gerade weil das Grundgerüst so stark ist, hätte ich mir an manchen Stellen tatsächlich mehr Tiefe gewünscht. Eden bleibt ein spannender und hochaktueller Thriller mit einem richtig guten Setting, der mich inhaltlich absolut abgeholt hat, erzählerisch aber etwas zu vollgepackt und zu hektisch rüberkommt und sich leider so die Höchstwertung vermiest.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.04.2026

Enorm spannend

Mächte und Throne
0

Dan Jones zeigt mit „Mächte und Throne“ sehr eindrucksvoll, dass das Mittelalter weit mehr war als Burgen, Ritter und ein paar bekannte Namen aus dem Schulunterricht. Es erzählt eine ganze Epoche aus Macht, ...

Dan Jones zeigt mit „Mächte und Throne“ sehr eindrucksvoll, dass das Mittelalter weit mehr war als Burgen, Ritter und ein paar bekannte Namen aus dem Schulunterricht. Es erzählt eine ganze Epoche aus Macht, Religion, Krieg, Handel, Migration, Klima, Krankheit und gesellschaftlichem Wandel.

Mit knapp 800 Seiten ist dieses Sachbuch auch definitiv ein Schwergewicht. Wer hier ein lockeres Häppchen für zwei Abende sucht, wird sich schnell wundern.

Besonders stark fand ich, dass Jones Geschichte nicht wie etwas Vergangenes behandelt, das mit uns heute nichts mehr zu tun hat. Beim Lesen wird schnell klar, wie viele Entwicklungen des Mittelalters bis in die Gegenwart reichen. Herrschaft, Propaganda, religiöse Macht, Krisen, Seuchen, Vertreibung, politische Neuordnungen: vieles davon wirkt erschreckend aktuell.

Inhaltlich setzt Jones auf thematische Schwerpunkte statt auf ein rein chronologisches Nacherzählen. Genau das ist einer der größten Pluspunkte des Buches, weil dadurch Zusammenhänge sichtbar werden, die sonst schnell verloren gehen. Religion beeinflusst Politik, Handel verändert Gesellschaft, Kriege verschieben Machtverhältnisse, Technischer Fortschritt wirkt sich auf Entdeckungen und Herrschaft aus. Das Mittelalter erscheint hier nicht als dunkler, starrer Block, sondern als dynamische und überraschend vielschichtige Epoche.

Klar, diese Struktur hat auch ihren Preis: Manche Ereignisse oder Personen tauchen mehrfach auf. Mich hat das aber nicht groß gestört, weil es inhaltlich meist sinnvoll bleibt. Viel wichtiger ist ohnehin der Stil. Dan Jones schreibt klar und anschaulich und mit einer Dynamik, die man eher aus Romanen kennt. Genau das macht dieses Buch trotz seines Umfangs so gut lesbar und vor allem auch zugänglich.

Für mich ist „Mächte und Throne“ deshalb nicht nur ein starkes Sachbuch, sondern auch eine echte Fundgrube für alle, die historische Romane lieben oder das Mittelalter besser verstehen wollen

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere