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Veröffentlicht am 23.02.2022

Zwischen Karlsbader Schnitte und „Schießbürger“ oder: Leutnant Falck und die wegge Leiche

Im Schatten der Wende
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Keiner erzählt so gut aus der DDR-Vergangenheit wie Frank Goldammer. Das hat er in seiner Max-Heller-Krimireihe eindrucksvoll bewiesen. Nun widmet er sich im ersten Buch einer neuen Reihe einer weiteren ...

Keiner erzählt so gut aus der DDR-Vergangenheit wie Frank Goldammer. Das hat er in seiner Max-Heller-Krimireihe eindrucksvoll bewiesen. Nun widmet er sich im ersten Buch einer neuen Reihe einer weiteren turbulenten Zeit: den Wendejahren. Und dieser neue Krimi ist nicht nur gut, sondern noch besser als die Heller-Krimis.

Warum? Ganz einfach, weil der Autor diesmal aus dem Vollen schöpfen kann – denn dieses Buch ist nicht einfach nur gut recherchiert, es ist erlebt! Der Autor hat diese Zeit selbst durchgemacht. Zwar nicht als Polizist wie seine Hauptfigur Tobias Falck, aber als junger Mensch, der quasi über Nacht von einem politischen System in ein anderes katapultiert wird. Und dieses eigene Erleben spürt man zwischen den Zeilen. Es macht sein Buch noch authentischer, noch greifbarer, noch ehrlicher.

Wir lernen den jungen Polizist Tobias Falck im Jahr 1988 kennen. Überzeugt vom DDR-System will er der Republik dienen und im besten Sinne den Menschen in seinem Land helfen als ihr „Freund und Helfer“. Schnell lernt er dabei, dass nicht alles Gold ist was glänzt und erlebt auch einige Schattenseiten seiner verehrten Republik.

Als die Stimmen gegen die DDR im Herbst 1989 lauter und lauter werden, wird Falck zu einem Einsatz gerufen und mit Kameraden nach Leipzig gefahren. Der Auftrag: den Demonstranten entgegentreten. Mit Schießbefehl? Oder doch nur mit dem Schlagstock? Keiner sagt was, keiner übernimmt die Verantwortung. Keiner der jungen Einsatzkräfte weiß, was ihn erwartet, sie sind völlig verängstigt und fühlen sich als „Kanonenfutter“ missbraucht. Tobias weiß nicht mehr, wie weit er für diesen Staat noch gehen würde…

Schließlich ist Tobias Ende 1989 im Dienst des Kriminaldauerdienstes – sie rücken als erste am Tatort an, sichern, nehmen Aussagen auf – und geben den Fall dann in der Regel an die zuständigen Kollegen ab. Doch nicht nur das Land, auch die Verbrechen ändern sich – und plötzlich steht eine Kriminalkommissarin aus Frankfurt am Main mit einem Präsentkorb voller Bananen, Obst und Jacobs Kaffee im Büro und übernimmt das Kommando.

Missverständnisse zwischen Ost und West sind an der Tagesordnung, die Kommunikation ist geprägt von Misstrauen und Unverständnis auf beiden Seiten. Keiner weiß so richtig, wie es jetzt weitergeht – auch persönlich. Kann man überhaupt weiterhin im Polizeidienst arbeiten, wenn man vorher der DDR gedient hat? Als dann noch Leichen vom Tatort verschwinden, ist das Chaos perfekt – und Tobias muss seine Überzeugungen und Ziele im Leben völlig neu definieren.

Zwischen Aufbruchsstimmung und Zukunftsangst war es in der Wendezeit nur ein sehr schmaler Grat. Frank Goldammer gelingt es, beides einzufangen und absolut überzeugend wiederzugeben. Und so ist sein Buch wieder einmal viel mehr als „nur“ Krimi-Unterhaltung. Es ist ein Zeitzeugnis aus einem Berufszweig, der wie kaum ein anderer gebeutelt war vom großen Umsturz der Wiedervereinigung Deutschlands. Ein Volltreffer – ich freu mich auf mehr!

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Veröffentlicht am 01.02.2022

Unterschätze niemals ein „unsichtbares“ Zimmermädchen

The Maid
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Molly Gray ist fast unsichtbar, wenn sie in ihrer Uniform durch die Zimmer des Regency Grand Hotels wuselt und jedes Staubkorn aufspürt. Für sie ist es eine Berufung, Zimmermädchen zu sein, und nach dem ...

Molly Gray ist fast unsichtbar, wenn sie in ihrer Uniform durch die Zimmer des Regency Grand Hotels wuselt und jedes Staubkorn aufspürt. Für sie ist es eine Berufung, Zimmermädchen zu sein, und nach dem Tod ihrer Großmutter (mit der sie zusammenlebte) sucht sie umso mehr Ablenkung in ihrem geliebten Beruf. Doch ihr sorgfältig strukturiertes Leben läuft völlig aus dem Ruder, als Molly in einer Suite einen Hotelgast findet – mausetot.

Obwohl sie sofort die Hotelleitung alarmiert und diese wiederum die Polizei – und sie damit nach ihrer Ansicht alles richtig macht, was sie aus Columbo-Filmen kennt - gerät Molly ins Visier der Ermittlungen. Denn zur Ehefrau des Hotelgastes pflegte Molly ein freundschaftliches Verhältnis, das über den Status Gast und Hotelangestellte hinausging. Und so findet sich Molly plötzlich unter Mordverdacht wieder – und muss beweisen, dass doch alles ganz anders war, als die Polizei glaubt…

Molly Gray ist eine Figur, die sehr unbedarft wirkt. Da das Buch aus der Ich-Perspektive erzählt ist, dringt man tief in die Gedankenwelt von Molly ein und lernt sie in ihrer besonderen Art besser kennen. Ich bin kein Spezialist auf dem Gebiet und möchte mich hier nicht in die Nesseln setzen, aber für mein Empfinden trägt Molly leicht autistische Züge. So nimmt sie z.B. Redensarten oft wörtlich, hat Schwierigkeiten Freundschaften zu schließen (zumindest wird das von der Autorin so vermittelt) und ist am glücklichsten, wenn sie ihre tägliche Routine leben kann. Das Putzen der Zimmer im Hotel ist für sie eine Lebensaufgabe, der sie mit größter Hingabe nachgeht. Wenn andere ihre hohen Hygienestandards nicht teilen, reagiert sie sehr ängstlich. Das machte sie für mich einerseits zu einer faszinierenden, aber auch zu einer mitunter schwierigen Protagonistin. Denn sie hat andere Denkstrukturen als ich und ich hatte anfangs etwas Mühe, mich in sie hineinzuversetzen. Dennoch war Molly für mich eine sehr liebenswerte Person.

Damit komme ich auch zu meinem Kritikpunkt an dem Roman: nachdem ich über 8 Stunden versucht hatte, mich in Molly als Charakter einzufühlen und den Eindruck hatte, es geschafft zu haben, kommt die Autorin am Ende mit einer Wendung daher, die – zumindest für mich – Mollys Wesen komplett in Frage stellt. Ich habe mich tatsächlich gefragt: würde ein Mensch, wie ihn die Autorin über die gesamte Länge des (Hör-)Buches charakterisiert hat, so reagieren? So etwas tun? Für mich selbst komme ich zu dem Ergebnis: nein. Ich nehme ihr das nicht ab. Und so war das Ende zwar für mich ein gelungener Plottwist, aber nicht besonders realistisch. Sorry, Molly. Sorry, Nita. Vielleicht belehrt ihr mich in einem zweiten Band eines Besseren…aber für diesen ersten Roman: 3,5 Sterne mit Tendenz zur 4 😊

Fazit:

Nita Prose hat mit Molly Gray eine unkonventionelle Figur erschaffen, die sowohl die Charaktere im Buch als auch die Leser höchstwahrscheinlich unterschätzen werden. Der Untertitel „Ein Zimmermädchen ermittelt“ ist aus meiner Sicht allerdings nicht ganz richtig – über weite Strecken hat man als Leser/Hörer das Gefühl, dass Molly selbst Getriebene der Entwicklungen ist. Das relativiert sich erst ganz am Ende des Buches, das noch einmal einige ganz unerwartete Wendungen bereithält. Anna Thalbach verleiht der mitunter etwas sonderbar anmutenden Molly Authentizität und eine glaubhafte Stimme.

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Veröffentlicht am 31.01.2022

Mit der Queen auf Mörderjagd

Die unhöfliche Tote
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Mit der Queen auf Mörderjagd - schon zum zweiten Mal habe ich Queen Elizabeth II. bei der Jagd nach einem Mörder begleitet - diesmal in der Kunstszene.

Wie auch beim ersten Band war die Queen ...

Mit der Queen auf Mörderjagd - schon zum zweiten Mal habe ich Queen Elizabeth II. bei der Jagd nach einem Mörder begleitet - diesmal in der Kunstszene.

Wie auch beim ersten Band war die Queen in ihrer zurückhaltenden, planvollen und äußerst diskreten Art wieder sehr gut getroffen. Da das Hofleben aber voller Intrigen steckt und äußerst komplexen Regeln folgt, war es mitunter nicht ganz leicht, beim Lesen den Überblick zu behalten.

Der heimliche Star des Buches ist auch diesmal wieder Prinz Philipp, der mit seinen trockenen Kommentaren Akzente setzt.

Empfehlen würde ich das Buch für Leute, die die Fernsehserie "The Crown" mögen und sich für das englische Königshaus interessieren. Es ist nicht zwingend notwendig, auch den ersten Teil ("Das Windsor-Komplott") gelesen zu haben, um diesen Roman zu verstehen. Aber es schadet natürlich auch nichts :)

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Veröffentlicht am 30.01.2022

Mehr Krimi als historischer Frauenroman

Die Uhrmacherin – Im Sturm der Zeit
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Wer Claudia Dahindens Reihenauftakt der historischen „Uhrmacherinnen-Saga“ wegen des Titels oder des Klappentextes kauft, wird vielleicht – so wie ich - ein wenig enttäuscht sein. Denn anders als dort ...

Wer Claudia Dahindens Reihenauftakt der historischen „Uhrmacherinnen-Saga“ wegen des Titels oder des Klappentextes kauft, wird vielleicht – so wie ich - ein wenig enttäuscht sein. Denn anders als dort suggeriert, hat dieser erste Band sehr wenig Bezug zum Uhrmacherhandwerk und es gibt nur wenige Szenen, in denen es um die Kunst der Uhrmacherei geht. Deshalb gleich zuerst der Hinweis: in diesem Fall bitte nicht zu sehr vom Titel oder von der Inhaltsangabe leiten lassen!

Im Mittelpunkt des Romans steht vielmehr ein Kriminalfall, in den die junge Hauslehrerin Sarah Siegwart hineingerät, als sie ihre neue Stelle bei der Familie Schneider in Grenchen/Schweiz antritt. Kurz nach ihrer Ankunft dort wird ein Dienstmädchen der Schneiders tot aufgefunden. Es stellt sich die Frage ob die junge Frau ihrem Leben selbst ein Ende bereitet hat, ob es ein Unfall war oder doch… Mord?
Sarah, die selbst noch dabei ist, den Unfalltod ihres Verlobten zu verarbeiten, spürt in sich den Wunsch, der jungen Frau Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und beginnt, im Umkreis der Toten nachzuforschen. Dabei kommt sie mehrfach dem offiziellen Ermittler, Korporal Gideon Ringgenberg, in die Quere. Der spröde Kommissar des Landjägerkorps ist davon zunächst wenig begeistert, lernt aber mit der Zeit die Entschlossenheit Sarahs zu schätzen.

Auch die Liebe kommt im Roman nicht zu kurz – doch es ist nicht Gideon, zu dem Sarah zarte Bande knüpft. Sie lernt den Sohn ihrer Arbeitgeber, Paul Schneider, kennen und fühlt zum ersten Mal nach dem Tod ihres Verlobten wieder ein Interesse an einem Mann in ihr wachsen.

Für mich war diese Entwicklung der Figuren eher unerwartet – denn der interessantere Charakter ist für mich definitiv Gideon. Daher hätte ich persönlich es reizvoller gefunden, wenn sich zwischen ihnen eine Liebesgeschichte angebahnt hätte. Aber wer weiß – vielleicht entdeckt Gideon im zweiten Band mehr als nur Respekt für Sarah? Das wäre dann eine interessante Dreiecksgeschichte, die mich wieder mehr für die Reihe einnehmen würde.

Wie gesagt, die Uhrmacherei spielt in diesem Roman (noch) kaum eine Rolle, dafür werden die Religionskonflikte in der Schweiz des 19. Jahrhunderts zum Thema. Ich muss zugeben, dass ich diese Problematik nur unzureichend durchdrungen habe… nach meinem Verständnis hat sich innerhalb der Katholiken eine Spaltung vollzogen und die verschiedenen Lager fochten einen regelrechten Kampf miteinander aus. Man wurde verschmäht, wenn man den „falschen“ Gottesdienst besuchte und zwischen Familien und ganzen Ortschaften gab es religiöse Grabenkämpfe. Ein wirklich komplexes Thema, dessen sich die Autorin hier angenommen hat.

Insgesamt bin ich der Meinung, dass es dem Buch gutgetan hätte, als historischer Kriminalroman vermarktet zu werden – denn das kommt seinem tatsächlichen Inhalt am nächsten und als solcher ist der Roman auch wirklich gut! Ich hatte mich allerdings auf eine Geschichte rund um die Kunst der Uhrmacherei gefreut und war doch ziemlich enttäuscht wie winzig die Rolle des titelgebenden Handwerks in dem Roman war. Daher wurden meine Erwartungen an das Buch leider nicht erfüllt und ich vergebe 3,5 Sterne.

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Veröffentlicht am 18.01.2022

„Aloha“ ist ein Lebensgefühl

Aloha im Herzen
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Der bekannte hawaiianische Gruß „Aloha“ ist mehr als nur ein Wort – es ist ein Lebensgefühl. Das vermittelt Sabine Lay in diesem Wohlfühlroman einmal mehr. Nach „Hibiskustage“ ist es meines Wissens ihr ...

Der bekannte hawaiianische Gruß „Aloha“ ist mehr als nur ein Wort – es ist ein Lebensgefühl. Das vermittelt Sabine Lay in diesem Wohlfühlroman einmal mehr. Nach „Hibiskustage“ ist es meines Wissens ihr zweiter Hawaii-Roman bei penguin und wieder fängt sie die Leichtigkeit und den Spirit des hawaiianischen Lebens perfekt ein.

Ihre Landschaftsbeschreibungen und die Darstellung typischer kulinarischer Köstlichkeiten zeugen davon, dass sie aus Erfahrung spricht und sich nicht nur Wissen über Hawaii angelesen hat. Diese Beschreibungen wirken authentisch und überzeugend. Am liebsten würde man direkt die Koffer packen und den nächsten Flug nach Oahu nehmen 😉 Da das zur Zeit nicht so einfach geht, habe ich mir mit mehreren Fernsehdokumentationen beholfen, um parallel zum Buch einen noch besseren Eindruck von den Inseln zu bekommen (kann ich immer empfehlen – den Schauplatz oder das Thema von Büchern googeln und Dokus darüber anschauen!)

Im Gegensatz dazu konnte mich allerdings die Story dieses Buches nicht überzeugen. Ausgangspunkt ist Laura, die auf einer Urlaubsreise auf Hawaii eine Ausstellung besucht und dort ein Foto entdeckt, auf dem eine Frau ihr unglaublich ähnlich sieht. Dies lässt sie nicht mehr los und sie kommt nach dem Tod ihres Mannes zurück nach Hawaii, um zu recherchieren, was sie mit der Frau auf dem Foto verbindet. Mich konnte diese Storyline nicht überzeugen, weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass a) man auf einem 100 Jahre alten Foto eine Ähnlichkeit erkennt, die einen ernsthaft annehmen lässt, mit demjenigen verwandt zu sein, b) man tatsächlich jemandem nach 4 oder 5 Generationen zum Verwechseln ähnlich sehen soll (und das noch trotz der damals ganz anderen Mode und üblichen Frisuren) und c) man deshalb mehrmals um die halbe Welt fliegt, um das aufzuklären.

Auch das, was im Verlauf der (Familien-)geschichte weiter passiert, wirkte auf mich eher konstruiert. So viele „Zufälle“ kann ich mir nicht vorstellen. Es war leider einfach keine Geschichte, bei der ich mich berieseln lassen konnte – mir drängten sich immer wieder Fragen auf und auch einige Logikfehler meine ich erkannt zu haben.




Fazit:
Gemessen daran, dass das Buch einfach unterhalten soll, kann man es gut als Wohlfühllektüre zur Hand nehmen, um dem deutschen Schmuddel-Winter zu entfliehen und sich für ein paar Stunden wegzuträumen. Die Beschreibung der hawaiianischen Inseln und des Lebensgefühls sind dazu hervorragend geeignet. Man sollte die Geschichte allerdings nicht zu sehr hinterfragen.

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